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Was haben Hühner und nackte Perchten mit Heimat zu tun?

Dieser Frage ging :dieRAUM bei ihrer letzten Veranstaltung zum Thema Heimat am 14.12. 2011 in Laufen/ Obb. auf den Grund.

(Bericht und Fotos: Rochus Gratzfeld, Salzburg)

Simone Niehaus aus Laufen präsentierte ihre wunderbar schrillen Cartoons, deren Sexismus sich nur eine Künstlerin erlauben darf. Aber gerade die Sexualisierung des Federviehs macht dieses zu sympathischen ZeitgenossInnen, weitentfernt vom Rohmaterial für menschliche Nahrungsbedürfnisse.

Darauf ging auch Dr. Karl Traintinger aus Lamprechtshausen in seinem Vortrag zum „Steirischen Gickerlsalat“, seinem Plädoyer für einen humanen Umgang mit Tieren, für ein bewusstes Konsumverhalten, ein. Traintinger zeigte die Perversitäten auf, die heute mit dem massenhaften Bedarf an tierischer Nahrung verbunden sind: Tierhaltung, Tierernährung, Tierschlachtung. Aber er machte auch deutlich, dass es Alternativen gibt. Alternativen, die ein Umdenken im Umgang mit dem „Nahrungsmittel Tier“ notwendig machen.

Einem ganz anderen „Tier“ widmete sich der Salzburger H.Rogra. Der freischaffende Multi-Media-Künstler präsentierte Fotografien der „Nackten Frau Percht“. „Warum nackt?“, wurde er häufig von BesucherInnen gefragt. Die Antwort viel ihm leicht: “Weil längst vergessen wurde, dass dieses pelzige Ungeheuer eine Frau ist. So sieht es jede(r)“. Die Fotografien entstanden übrigens in einem norditalienischen Bergdorf, die Maske stammt aus Hohenwerfen.

Ergänzt wurden die Fotoarbeiten von H.Rogra durch einen emotionalen Vortrag von Sonja Schiff. Sie malte verbal das Bild der Frau Percht. Einer gütigen und Glück bringenden mythischen Figur, die aber immer dann zur fürchterlichen Rächerin wird, wenn Kindern oder Frauen Gewalt angetan wird. Die ohne Mitleid Säufer, Schläger, Vergewaltiger, Mörder verfolgt und bestraft.

So endete also der Zyklus Heimat in :dieRaum, begleitet vom Blechbläserensemble der Stadt Laufen.


Rochus Gratzfeld | Sexarbeiterinnen GELD.HEIMAT

Sexarbeiterinnen GELD.HEIMAT

HEIMAT.
Oder. Was hat Schuld mit Heimat zu tun?
HEIMAT Oder Unschuld?
Und kann Heimat schuldig sein?
Oder unschuldig?
Und was ist überhaupt Heimat?
Und warum haben diese Nutten ihre Heimat verlassen?
Wollen doch nur ans große Geld!
Spreizen die Beine für Kohle. Scheißen auf Heimat!

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Heimat. Ruhrpottheimat.
Meine Gedanken schweifen 40 Jahre zurück.
Die Polen waren schon lange da.

Grabowski. Podulski. Namen meiner Schulkameraden.
Schimanski wurde dann ein Held. Als Kunstfigur.

Dann kamen die Spaghettifresser, wie wir sie in jugendbandlichen Heimatkämpfen nannten.

Und die Türken.
Alles Männer, die die Scheißjobs machten, die meine Elterngeneration nicht mehr machen wollte.
Und die Kohle zusammenhielten, um sie am Monatsende in wahreHEIMAT zu schicken.
Später kamen die Frauen der Männer nach. Familien.
UNheimat wurde zuHEIMAT.

SCHNITT
1989 Schluss ist mit Kommunismus.
Ein ungarischer Oberarzt verdient umgerechnet 150 EURO im Monat.
Seine Tochter ist 24 und studiert. Und ist bildhübsch.
Sie bietetSEX und verdient umgerechnet 150 EURO die Nacht.

SCHNITT
2011 Noch immer ist das Gefälle zwischen Ost und West gewaltig.
Verlassen Polinnen, Russinnen, Rumäninnen, Ungarinnen temporär ihre Heimat, um als 24Stunden-Pflegerinnen zu arbeiten.
Hier bei uns.

Zurück bleiben Familien inHEIMAT, zurück bleiben Männer mit Identitätskrisen, Kinder ohne Mütter.
Fallen junge Frauen auf Versprechungen herein. Oder sind einfach nur dumm.

Am Ende wird Gegenwart zur Hölle. Und die Erinnerung an Heimat zur einzigen Hoffnung. Mamas lenken das Geschäft mit afrikanischen Sexarbeiterinnen. Woodoo stellt sicher, dass sich die Mädchen und Frauen fügen. Denn wenn sie sich nicht hier ficken lassen, dann sollen die in derHEIMAT dafür bitter büßen.

Und der Messebesucher im Trachtenoutfit freut sich auf braunes Vergnügen ohne Gummi. Heimat. Schuld?


pecha kucha night salzburg vol.10 SPECIAL

präsenterInnen
* gisela heindl
* christiane sauer
* otmar pregetter
* alois halbmayr
* rochus gratzfeld
* alexander dill
* sophia shivarova
* tobias plettenbacher
* mark salzburg

gestern fand die pecha kucha night vol10 special edition unter leitung von bernhard jenny and team, musikalisch begleitet vom JOHN BRUNO QUARTETT, im rahmen des OPEN MIND FESTIVALS der arge kultur, salzburg, statt. der saal konnte tatsächlich fast gefüllt werden. dieses mal stand die night unter einem thema: FREI VON SCHULDEN. also, keine überraschung, dass die mehrheit der präsenterInnen sich dem thema geld widmete. und einheitlich zu dem schluss kam: es ist schluss mit lustig.

das system der bereicherung weniger auf dem weg der verschuldung vieler ist am ende. neo-liberaler kapitalismus ist ein bereits abgelaufenes modell. es besteht dringender handlungsbedarf, wollen wir die welt nicht ins mittelalter zurückbeamen, in eine zeit superreicher feudalherscher und einem bitterarmen volk. in ein neues mittelalter, in dem geld die funktion von religion übernommen hat.

 

magistra sophia shivarova widmete sich in ihrem vortrag ebenso wie der künstler und autor rochus gratzfeld, eindrucksvoll begleitet von der performerin vakinore – sie unterlegte die präsentierten fotos aus dem publikum heraus mit gesang -, dem thema sexarbeiterinnen. auch hier spielt geld eine rolle, ebenso wie die gesetze des kapitalismus. rochus gratzfeld und vakinore setzten die problematik in den zusammenhang mit heimat. mit heimat verlassen, heimat verlieren, heimat aufgeben.

Donnerstag, 17. November um 20:00
ARGEkultur Salzburg


Bericht + Foto: Rochus Gratzfeld

 


Heimat. Ein Veranstaltungszyklus von :dieRAUM Laufen/ Obb. Vol 2

Am 06.11. 2011 fand in :dieRAUM, Laufen, Rottmayrstrasse 7, der zweite Teil des Zyklusses Heimat, konzipiert von Veronika Konrad und Rochus Gratzfeld, statt. In Form einer bestens besuchten Matinée.

Dieses Mal wurden zwei Projekte vorgestellt, für die Veronika Konrad und Thomas Schlesier verantwortlich zeichnen.

Beide Projekte eint der (temporäre) Verlust von Heimat respektive die (zwangsläufige) Transformation von Heimat in eine zumindest zeitweilig andere Heimatwelt: Hier alte Menschen aus dem AWO Seniorenzentrum Laufen. Sie haben Gegenstände zusammengetragen, die für Sie in ihrer bis zum Lebensende neuen Welt Heimat repräsentieren.

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Veronika Konrad hat die alten Menschen besucht, sie interviewt und Fotos gemacht. Unterstützt wurde sie von Susanne Reuber, Sozialdienstleiterin des Seniorenzentrums. Im Rahmen der Matinée wurden Sprachaufzeichnungen der Interviews wiedergegeben, die Fotos ausgestellt.

Susanne Reuber äußerte ihre persönliche Sicht, die akademische Gerontologin Sonja Schiff gab professionell aber sehr emotional einen ergänzenden Kommentar ab.

Zu Gast waren auch die Damen und Herren des Seniorenheims, die an dem Projekt teilgenommen haben, krankheitsbedingt mit einer Ausnahme.

:dieRAUM öffnete auch die privaten Räumlichkeiten. Zu Erdäpfelsalat und Schnitzeln versammelten sich die Galeristin und ihre betagten Gäste.

Später stieß auch Hermann Meyer zur Tafel hinzu, der die gesamte Veranstaltung stimmungsvoll auf der Mundharmonika begleitete. Ein norddeutsches Unikum, der seine Heimat in Bayern gefunden hat.

Andreas Wagner hatte für Veronika Konrad und Thomas Schlesier die Türen zur JVA Laufen-Lebenau geöffnet. Den beiden Einblicke gewährt. Die Zusammenarbeit mit jungen Häftlingen ermöglicht. Thomas Schlesier erläuterte das Konzept und die Vorgehensweise.

Stahlschubladen haben sie gefüllt, die jungen Gefangenen. Mit ihren Heimatgefühlen.

Berührend, wie auch Andreas Wagner in seiner Eigenschaft als Leiter der JVA Laufen-Lebenau in seiner Rede bemerkte.

Die gefangenen Männer konnten nicht an der Matinée teilnehmen. Dies liegt in der Natur des Freiheitsentzugs. Aber mit ihren Arbeiten waren sie dennoch spürbar in :dieRAUM gegenwärtig.

Herr Wagner hat erläutert, dass sich hier rund 130 Mitarbeiter um die Insassen kümmern. Und noch einmal 35 Externe. Betreute und Betreuer im quantitativen Fastgleichstand. Hat natürlich die Frage aufgeworfen, die immer wieder gestellt wird: „Lohnt sich das?“ Hat sie so beantwortet, wie es auch das Kunstprojekt beantwortet: „Ja!“.

Zwei immer noch tabuisierte Bereiche hat :dieRAUM mit Vol2 in diesem Zyklus aufgegriffen: Das Thema Alter mit dem großen Abschied von HEIMATgestern. Mit dem Loslassen von lieb und teuer. Mit dem Aufzeigen des Schicksals, welches das Schicksal vieler von uns ist und noch vieler mehr sein wird. Und das Thema des temporären Freiheits- und damit Heimatentzuges, wenngleich, wer weiß, wie Herr Wagner bemerkte, eine JVA vielleicht für manche die erste Heimat auf Zeit werden kann? Die erste Heimat in einem bis dahin desaströsen Leben.


“Nightfever” in den Kammerspielen

Sie haben noch nichts gehört von Peter Quittes neuestem dramatischen Meisterwerk? Das liegt daran, dass die passionierte Handwerkertruppe in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ bei der Hochzeit von Theseus und Hippolyta ihr grenzgeniales Theaterstück „Die sehr traurige Komödie und der grausame Tod von Pyramus und Thisbe“ nur in einer Kurzversion zeigen durfte.

Peter Quitte, Nick Hinterteil, Schnuckelig, Franzi Flöte, Toni Schnauze und Robin Hungerhaken – tagsüber allesamt ehrenwerte Handwerker – spielen nämlich nicht nur Theater, sie sind auch sehr sangesfreudig und in der Szene längst ein Geheimtipp. Denn eine wilde Mischung der größten Hits der 70er von Disco bis Schlager ist ihr Spezialgebiet. Wenn sie ihre Arbeitskluft gegen Schlaghosen, viel zu enge Hemden und Plateauschuhe tauschen, wird die „Klägliche Komödie“ in den Kammerspielen endlich zum „Musical“. Denn eines steht fest: Nachts lebt diese Blaumann-Brigade ihre Träume! (Salzburger Landestheater – Kammerspiele)

Von Rochus Gratzfeld

Lustig gings zu. Und am Ende: Lächeln in den Gesichtern der Besucherinnen und Besucher. Und überhaupt. Und der erfüllte Ruf nach Zugabe. Ein bunter Reigen von 2 Frauen und vier Männern aufgeführt. Sicher kein Blut- und Spermatheater, wie es im Text ein Darsteller einmal anklingen ließ. Auch kein stimmlicher Hochgenuss, dafür NO WOMAN, NO CRY. Und überhaupt irgendwie ein unverhinderter Sommernachtstraum im Salzburger Frühherbst. Revolution und Gegenrevolution. Meuterei und feminine Dominanz. Ein Retrolöwe und ein Möchtegernmacho. YMCA78. Na ja, die Boys damals waren etwas geiler als die Männer heute auf der Bühne der Kammerspiele. Egal. Eine Premiere, mit Bezügen zu Shakespeare, Theseus und Hippolyta, Pyramus und Thisbe. Mit einer Mischung aus den größten Hits der 70er. Eine Premiere, die einfach gut unterhalten hat.

Maren Zimmermann hat dieses Musical handgemacht. Die musikalische Leitung hat Johannes Pillinger, für die Inszenierung zeichnet Angela Hercules-Joseph verantwortlich, Manuela Weilguni hat für Bühne und Kostüme Sorge getragen. Die weitere Besetzung: Peter Quitte – Gero Nievelstein, Nick Hinterteil – Marco Dott, Franzi Flöte – Sebastian Fischer, Toni Schnauze – Claudia Carus, Schnuckelig – Axel Meinhardt, Robin Hungerhaken – Nicole Viola Hinz. Fotos: Veronika Canaval


der alteTISCHLER oder:
eine HEIMATfacette

Er lebte zusammen mit seiner Frau in der Nähe von Grödig. In seinem wunderbaren alten Haus. Im Angesicht des Untersbergs.

Von Rochus Gratzfeld

Auch nach seiner Pensionierung konnte er vom Holz nicht lassen. Schon früh am Morgen zog es ihn in seine Werkstatt, die er mit wenigen Unterbrechungen erst am Abend verließ. Tag für Tag. Seit seiner Pensionierung. Das Haus. Die Werkstatt. Der Garten. Seine Heimat.

Hier schuf der alteTISCHLER seine eigene Welt. Häuser für Vögel, die an Paläste aus Märchen erinnern. Und Bildtafeln. Voller Humor. Und Altäre, die seine Verwurzelung im christlichen Glauben wiederspiegeln. Dies alles zu schaffen brauchte mehr als tausend und einen Tag.

Sein handwerklich künstlerisches Schaffen gab seinem Leben nach der Pensionierung Sinn. Dem Eigenbrötler, der mit den Menschen nicht wirklich etwas am Hut haben wollte. Ja. Mit seiner Frau. Mit seiner Frau ja.

Als wir ihn fragten, ob wir einige Arbeiten im Rahmen des VeranstaltungszyklusHEIMAT ausstellen dürfen, verdüsterte sich die Miene des altenGRANDLERS. Doch seine Augen leuchteten. Da wussten wir. Er wollte. Und dann sagte erJA.

Gerne hätten wir ihm diese Ehre erwiesen. Als wir im September aus Italien zurückkehrten gab es ihn nicht mehr. Der alteTISCHLER ist tot. Aber wir sind sicher, dass er im Himmel schon wieder neue Häuser baut. Vielleicht kleine Paläste für Seelen. Wer weiß?


HEIMAT. Ein Veranstaltungszyklus von :dieRAUM, Laufen/ Obb.

HEIMAT. Ein Veranstaltungszyklus von :dieRAUM, Laufen

(Konzipiert von Veronika Konrad und Rochus Gratzfeld unter Mitwirkung von Thomas Schlesier und Sonja Schiff)

heimat.
mehr tümelei als echt.
mehr miasanmia als willkommen.
dralle dirndlbrüste und enge lederhosen.
lenken die touristInnen davon ab, dass sie ausgenommen werden.
so lange sie zahlen und wieder heimfahren songma griasdi.
(Bernhard Jenny)

Heimat. Für jeden Menschen etwas anderes und doch eine Klammer für viele Menschen. Ein Dach, unter dem es oft brodelt. Ein Konstrukt, für das viele Frauen und Männer ihre Leben gelassen haben. Ein Konstrukt, welches ebenso der Ein- wie der Ausgrenzung dient und schon immer gedient hat.

:dieRAUM setzt sich mit der Komplexität von Heimat in mehreren Veranstaltungszyklen auseinander. Präsentiert dabei unterschiedliche Sichtweisen, die das Ergebnis individueller Kulturen, Sozialisationen, Erfahrungen, Überzeugungen, Lebenssituationen sind. So wurde beispielsweise das Heimatempfinden alter Menschen, die im Seniorenzentrum Laufen leben ebenso einbezogen, wie das von Insassen der JVA Laufen Lebenau.

Die BesucherInnen der Auftaktveranstaltung am 22. September 2011 wurden von der Stadtkapelle Laufen empfangen, die im Innenhof des wunderbaren Gebäudekomplexes, in dem ;dieRAUM „beheimatet“ ist, aufspielte. Dann erzählte Chris Ploier in seiner einzigartigen Art ein Märchen, dessen Botschaft an die des Jedermann erinnerte. Im Galerieraum lasen danach Cristina Colombo, Cami Schmidt, Sonja Schiff, Bernhard Jenny und Rochus Gratzfeld ihre Texte zum Thema Heimat. Die Lesungen endeten mit einem Statement eines jungen Insassen der JVA Laufen Lebenau, welches Veronika Konrad stellvertretend vortrug.

Alles in allem ein gelungener, bunter, manchmal sehr fröhlicher, manchmal sehr nachdenklich machender Abend. In jedem Fall aber ein Abend, der Lust gemacht hat, auf die nächsten Veranstaltungen von :dieRAUM zum Thema.
(Rochus Gratzfeld)


Rochus Gratzfeld:
Himmel über Ronco

Ronco. Ein kleines Bergdorf in Oberitalien. Ein Nest. Zum Glück nicht gänzlich mit dem Auto erreichbar. Die letzten 10 Minuten wollen gegangen werden. Es ist und bleibt eine noch ein wenig archaische Lebensweise, hier, wenige Meter oberhalb des Lago Maggiores. Eingebettet in nicht enden wollende Kastanienwälder. Und Mischwald. Unter uns der lange See, hinter uns die Berge, die auf 2500 Meter heraufgehen. Manchmal nur sehr mäßig erwünschter Besuch von wilden Schweinen im Garten. Wir verbringen hier 3 Monate des Jahres. Immer 3 schöne Monate.

Faszinierend, manchmal ein wenig beängstigend, die Gewitter. Sie zaubern unglaubliche Bilder an den Himmel über Ronco. Sie donnern und dröhnen. Ein Stakkato der Töne des Himmels. So laut. So eindrucksvoll uns unsere eigentliche kleine Größe aufzeigend. Unsere Bedeutungslosigkeit. Die Vögel schweigen dann. Und der Regen prasselt oft über Tage monsunartig. Dann wieder Stille, die die Vögel schnell für die Neuaufnahme ihres eigenen Konzertes nutzen.


Rochus Gratzfeld: HEIMAT.ODER IM ANGESICHT JESU CHRISTI.

War gestern einmal wieder im Salzburger Freilichtmuseum. Zusammen mit Studentinnen aus meinem Kurs „Contemporary Austrian Culture“. Angeboten vom American Institute for foreign Study mit Sitz in Salzburg.

Wir sind von Gau zu Gau, von Hof zu Hof marschiert. Mir hatten es dieses Mal die Abbildungen des Gekreuzigten besonders angetan. Zu finden an Weggabelungen, an Bäumen, im Wald. Zu finden aber besonders in jeder Stube der wunderbaren alten Bauernhäuser.

In jedem Schlafgemach. Über den Betten. Den Ehebetten. Und in den Zimmern der Mägde und Knechte.

Gedacht habe ich mir: Wie muss damals der Glaube doch Kraft gegeben haben.

Wie muss der Glaube doch ein verbindendes Element gewesen sein.

Wie hat der Glaube doch den Alltag reguliert, strukturiert, mit Sinn versehen.

Heute haben die meisten von uns dieses Regulativ, diesen Halt verloren. Da hat der Islam der christlich abendländlichen Kultur im 21.Jahrhundert etwas voraus, was wir als vergangen abgehakt haben. Zumeist. In urbanen Regionen sicher. Und der Islam schöpft diese Kraft, vor der wir uns heute fürchten, die RechtspopulistInnen verdammen, als Bedrohung begreifen. Ohne freilich eine Gegenphilosophie zu haben.

Aber ich hab mir auch gedacht: Wieviele Zwänge hat das Kruzifix den Menschen auferlegt. Wieviel Angst hat es verbreitet.

Wieviele Schleier hat es über Frauen gelegt, wie heute der Islamismus in seinen radikalen Ausprägungen.

Und ich habe mir gedacht: Wie muss es gewesen sein, sexuelle Lust zu erleben, wenn ein sterbender Mann vom Kreuz herab zusieht.

Und ich habe mir gedacht, wie muss es diesem sterbenden Mann wohl ergangen sein, wenn der Bauer die Bäuerin gegen ihren Willen im Ehebett genommen hat.

Wie muss es ihm ergangen sein, wenn Bauer oder Knecht die Beine der Magd gegen deren Willen geöffnet haben.

Wenn in der guten Stube Alkohol und Gewalt regierten. Zorn. Streit.

Wenn Kinder geschlagen wurden.

Haustiere gequält.

Wie muss es dem sterbenden Mann ergangen sein?

Im Angesicht Jesu Christi. Heimat.

(Im zweiten Halbjahr des Jahres steht das Thema Heimat im Mittelpunkt der Ausstellungs- und Veranstaltungsaktivitäten von :dieRAUM im benachbarten Laufen.)


:dieRAUM präserntiert
Sepp Lingl

Am Donnerstag, den 09.06.2011, lud Veronika Konrad zu einem frühsommerlichen Come Together nach Laufen/ Obb. in :dieRAUM. Zur Einstimmung gaben die Gastgeberin und zwei ihrer Schülerinnen eine Kostprobe ihres trommlerischen Könnens.

Von Rochus Gratzfeld

Präsentiert wurden in :dieRAUM ausgewählte Grafiken von Sepp Lingl. Sepp Lingl lebt in Freilassing. Ein Künstler mit brillianten zeichnerischen und malerischen Fähigkeiten. Ein Repräsentant der alten Schule. Ein Mensch, bei dem das Leben deutliche Spuren hinterlassen hat. Darüber berichtete in Bildern auch ein mehrfach international ausgezeichneter Kurzfilm von Cami Schmidt, der die Aufmerksamkeit der BesucherInnen fand. Mehr, der die BesucherInnen fesselte.

Im „italienischen Innenhof“ durfte ich dann erotische Lyrik lesen, die ich so um die Jahrtausendwende verfasst habe. Begleitet wurde ich dabei musikalisch von Johannes Thanhofer. Alles in allem ein gelungener Abend. Ein Abend, mit lustvollen und nachdenklichen Momenten.

Ich freu mich jedenfalls schon auf das nächste Come Together in :dieRAUM. Jedenfalls laufen die Vorbereitungen für den Themenschwerpunkt Heimat auf Hochtouren. Wird eine ganz spannende Sache. Im zweiten Halbjahr des Jahres in :dieRAUM, Laufen.


Markus Lüpertz - Mozart

Salzburg. Im Schatten.

Nun. Die gute Nachricht zuerst: Der Gemeinderat der Stadt Salzburg hat dem Ansinnen der FPÖ, die Stiftungen der Salzburg Foundation aus dem Stadtbild zu entfernen, eine klare Absage erteilt. Und dennoch. Mir bleibt mehr als ein fader Beigeschmack.

Von Rochus Gratzfeld

Es fröstelt mich, wenn ich die Plakate der FPÖ sehe, in denen zeitgenössische Kunst an den Pranger gestellt wird. Wenn es auf diesen Plakaten heißt „Weg mit dem Krempel“. Wenn damit gemeint sind die Werke international anerkannter zeitgenössischer Künstler.

Nehmen wir Anselm Kiefer. Im Laufe der Jahre 1969-1992 befassen sich seine Werke mit dem „Deutschen“, dem „Germanischen“ – Resurrexit, 1973, To the unknown painter / Dem unbekannten Maler, 1982, Grab des unbekannten Malers, 1981, Athanor, 1983, Parsifal, 1973. Aber Kiefer beginnt auch eins seiner wichtigsten Themen einzuführen, die jüdische Religion, und genauer genommen, die Kabbala: Lilith-Serien, Emanation, 1984, Tsim Tsum, 1991, Sephirot, 1990 usw. Dazu kommen historische Sujets, die dem Alten Testament entnommen sind: Auszug aus Ägypten, 1984, Durchzug durch das Rote Meer, 1985, Aaron, 1985, Die Ordnung der Engel, 1985-87…

Weiss Herr Dr. Karl Schnell um diese Fakten? Oder sind es gerade diese Fakten, derentwegen Herr Dr. Karl Schnell den Pavillion verbannen möchte?

Mich fröstelt, wenn diese sogenannte „Heimatpartei“ – Daham statt Islam – unter lokaler Führung eines Herrn Dr. Karl Helikopter-Schnell Unterschriften sammelt gegen Kunst im öffentlichen Raum der Stadt.
Erinnerungen werden wach in mir an eine Zeit, die ich zum Glück als Zeuge nicht erleben musste. Sehr wohl aber als Erbe. Die mein Leben, mein Verständnis von Kultur und Unkultur, von Macht und Machtmissbrauch, von Toleranz und Intoleranz nachhaltig beeinflusst hat.

Im Schatten der Mozartkugel. So lautet der Titel eines sehr empfehlenswerten Reiseführers durch die „Braune Typografie“ Salzburgs. Susanne Rolinek, Gerald Lehner und Christian Strasser haben das Buch, welches im Czernin Verlag erschienen ist, verfasst. Auf Seite 19 findet sich das Kapitel: GEIST IM FEUER. “Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen” (Heinrich Heine). Auf dem Residenzplatz fand am 30. April 1938 eine große Bücherverbrennung statt. Die einzige in der damaligen Ostmark. Und gleich nebenan wurden wenig später Menschen von der SS gefoltert, Menschen, die anderer Meinung waren. Die nicht ins System passten. Nicht ins Gedanken(un)gut.

2011. Der Krempel muss weg. Gemeint ist Kunst, die dem Verständnis braunen Gedanken(un)gutes nicht entspricht. Heute wird diese Kunst als “Krempel” von sich perverserweise “Freiheitliche” nennenden bezeichnet.

Vielleicht schon bald wieder als “Entartete Kunst”?

Rochus Gratzfeld in der Dorfzeitung
My friend the Tree. Das Projekt. >
salzachJUGEND >

Hotel.Room.Nudes >

Literaturtipp:
Susanne Rolinek, Gerhard Lehner, Christian Strasser: Im Schatten der Mozartkugel >


Dorfzeitung.com


Rochus Gratzfeld: salzachJUGEND

Fast täglich zwischen Pioniersteg und Makartsteg.
Seit Juli 2009, nicht im August, da bin ich in Italien.
Und auch nicht von November bis April.
Da habe ich andere Prioritäten.
Ein Bild mir machen und Anderen zeigen.
Von salzburgAnders.
Jenseits von Vorurteilen.
Nicht richtig. Nicht falsch.
Schon gar nicht repräsentativ.
Subjektiv!

Ein „Project in Progress―.
Welches mir viel Spaß bereitet.

Fast alle junge Menschen, die ich um ein Foto bitte, machen mit.
Fast alle schwarzen jungen Menschen machen nicht mit. Fast.
Gibt mir zu denken.
Im Kontext von Abschiebungen und Ausländerfeindlichkeiten.

Ein Österreicher sagte mir: „Klar, das Gesindel will nicht erkannt werden.―

Ich denke, Österreich, Europa—Menschen haben Angst.

So verstehe ich mein FotoProjekt auch als kleinen Beitrag für mehr Toleranz in Salzburg.

Der Fotograf Rochus Gratzfeld

Geboren 1956 im Ruhrpott.
Fotografische Studien an der Folkwangschule für bildende Künste.
Lebe und arbeite seit sieben Jahren in Salzburg.
Honorardozent, freischaffender Künstler, Obmann WANDERgalerie
Zahlreiche Ausstellungen und Lesungen im In– und Ausland.

Fotografische Schwerpunkte:
Street Nudes Experimental
Sonstige Schwerpunkte
VideoArt Installations