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Der fliegende Holländer – Treu bis in den Tod

Schemenhaft zeichnet sich das Schiff vor dem schwarzen Meer ab, leuchtend erhellt der Mond die Planken, die Seeleute schauen bangend auf die See hinaus. “Hallo, Hallo”, schallt es dem Publikum entgegen, das sich durch diese Ansprache gleichsam in die Haut der Geisterbesatzung des “Fliegenden Holländers” versetzt fühlen darf.

Und diese Besatzung hat wahrlich kein leichtes Los: Der Holländer ist dazu verdammt, auf ewig übers Meer zu reisen, den Kampf gegen das übermächtige Wasser zu führen. Nur die Liebe und – in dieser Inszenierung noch wichtiger – ewige Treue einer Frau kann ihn erretten. Gelegenheit, sich auf dem Brautmarkt umzusehen, hat der Holländer alle sieben Jahre. Ein Glück, dass er dieses Mal genau dort landet, wo auch der Seemann Daland (Bjarni Thor Kristinsson) gestrandet ist. Dieser lässt sich von den Schätzen des Geisterkapitäns blenden und tauscht die Treue seiner Tochter Senta (Julie Makerov) mir nichts, dir nichts gegen glänzendes Geschmeide ein.

Wenn da nur nicht Erik (Jeffrey Lloyd-Roberts) wär, ein Jäger, der Senta schon lange als seine Braut betrachtet. Dieser ist wild entschlossen, die Angebetete an den Treueeid zu binden, den sie ihm scheinbar geschworen habe. Und so entscheidet sich der Holländer (Marcus Jupither) doch noch um, wendet sich in letzter Minute von Senta ab, obwohl diese sich ihm ganz aufopfern will. Aus Gram und Schmerz folgt Senta ihm, läuft den Steg entlang und nimmt sich mit einem beherzten Sprung von den Planken das Leben. Treue bis in den Tod, so die Moral von der Geschicht, dauert manchmal gar nicht so lange.

Sie ist gelungen, die Inszenierung der Richard Wagner-Oper, die das Salzburger Landestheater in Kooperation mit der Salzburger Kulturvereinigung auf die Bühne des Großen Festspielhauses gebracht hat. Vor allem das Bühnenbild (Jürgen Kirner) fesselt und begeistert. Es ist nicht einfach, den Ozean, zwei Schiffe, ein Haus und den Steg, von dem sich Senta letztendlich ins Wasser stürzen wird, auf die Bühne zu zaubern. Doch die großen, beweglichen Wellen überzeugen.

Auch stimmlich hat die Besatzung einiges zu bieten – und zwar die Besatzung im engeren Sinne. Der Chor der Seeleute überzeugt, rau und ungestüm, klanglich wunderbar auf’s Orchester abgestimmt. Diesen Männern nimmt man ab, dass es auf See nicht immer nur lustig zugeht.

Brilliant Bjarni Thor Kristinsson als Seemann Daland: Das Publikum versteht jedes Wort, kraftvoll und stark seine Stimme, und auch die schauspielerische Leistung stimmt. Man will es dem Mann gar etwas verübeln, dass er seine Tochter und “seinen ganzen Stolz”, wie er betont, so leichtfertig gegen etwas Schmuck eintauscht.

Doch Senta will es so – wenngleich Julie Makerov die verträumte, schwärmerische Tochter noch nicht einmal anklingen lässt, sondern eine trotzige Frau darstellt. Auch der Stimme fehlt der Engelston, die Leichtigkeit, die der Auserwählten von ihrem holländischen Freier zugeschrieben wird. Allzu schnell passiert die Wandlung von der aggressiven jungen Frau zum paralysierten Mädchen.

Der Holländer wirkt seltsam langweilig, in keiner Sekunde bedrohlich, nie verzweifelt, noch weniger verliebt. Marcus Jupither bringt eine solide Leistung, begeistern, einschüchtern, von den Stühlen reißen kann er nicht.

Dafür überzeugt das Mozarteumorchester, Chefdirigent Ivor Bolton katapultiert vor überschwänglicher Begeisterung gar seinen Dirigentenstab quer durch den Orchestergraben. Dort sitzen die Töne, zweieinhalb Stunden lang, ohne Pause, in einer Tour durch. Vor allem die Echos, die aus den unterschiedlichsten Ecken des Festspielhauses erklingen, sind schöne Opern-Spezialeffekte. Ein Opernbesuch lohnt sich durchaus, zu sehen gibt’s genug, das Bühnenbild bietet genug verborgene Winkel und Ecken für zwei Stunden. Ein Ozean, zwei Schiffe (von denen eines allerdings verborgen bleibt, weil es irgendwo im Zuschauerraum herumtreibt), ein Haus und ein todbringender Steg – umrahmt von einer feinen, romantischen Oper.

Der Fliegende Holländer. Romantische Oper von Richard Wagner / Premiere 14. Oktober 2010 / Großes Festspielhaus. Salzburger Landestheater / Eine Kooperation mit der Salzburger Kulturvereinigung im Rahmen der Salzburger Kulturtage / Musikalische Leitung: Ivor Bolton / Inszenierung: Aron Stiehl / Bühne: Jürgen Kirner / Kostüme: Nicole von Graevenitz / Dramaturgie: Bernd Feuchtner / Besetzung: Daland – Bjarni Thor Kristinsson, Senta – Julie Makerov, Erik – Jeffrey Lloyd Roberts, Steuermann – Franz Supper, Der Holländer – Marcus Jupither, Mary – Heike Grötzinger. Mozarteumorchester Salzburg / Alle Fotos: Christian Schneider



Goldkehlchen auf Reisen: Ein Erlebnisbericht von “Laufen klingt”

Ingrid Kreiter (Text+Fotos). Endlich ist der Sommer auch in Österreich eingekehrt: Es ist heiß, die Sonne strahlt von einem tiefblauen Himmel. Zwischen “Sich-gegenseitig-Luft-zufächern”, “Sich-den-Schweiß-von-der-Stirn-wischen” und “Nach-einem-schattigen-Plätzchen-suchen” ist es schwierig, sich auf den bevorstehenden Auftritt vorzubereiten.

Doch die hohen Temperaturen und der wolkenlose Himmel eignen sich ideal für die Veranstaltung “Laufen klingt”. Verschiedenste Chöre, Musikgruppen und Ensembles unterhalten ein gut gelauntes Publikum. Auch ich bin dabei – zusammen mit meinen Chorkolleginnen und -kollegen vom Chor “Musicantus” bin ich am späten Nachmittag mit der Lokalbahn nach Laufen gefahren. Dort ist erst mal Einsingen angesagt – immerhin bildet das Vivaldi-Gloria den Abschluss von “Laufen klingt”. Zusammen mit den Musikfreunden Laufen und dem Kammerorchester des Musikum Salzburg werden dieses berühmte Stück zum Besten geben. Eine ganz schöne Herausforderung, wenn man bedenkt, dass wir das Gloria nur einmal zusammen mit dem Orchester geprobt haben, aber weder mit einem zweiten Chor noch im Freien.

In Laufen ist jedenfalls mal Warmsingen und Probe angesagt. Wir massieren den Kehlkopf, klopfen die Wangen weich und trällern, tirillieren, seufzen, gähnen, strecken uns, lassen die Hände zum Boden baumeln. Immerhin sind beim Singen viel mehr als nur die Stimmbänder gefordert – mitmachen müssen auch das Zwerchfell, die Lunge und der restliche Körper.

Nachdem der Chor gesummt, gebrummt, gequitscht, gekrächzt hat, gibt unser Chorleiter Ralf den Einsatz: Die Jugendlichen des Kammerorchesters spielen auf ihren Instrumenten ein virtuoses Vorspiel. Zwei, drei, vier Takte… “Gloria, Gloria”, tönt es aus rund 60 Kehlen. Eine Durchlaufprobe ist vorgesehen, das heißt: alle Stücke des Vivaldi Glorias werden ohne Unterbrechung durchgesungen. Das soll einerseits auf die Aufführung einstimmen, andererseits die Stimme noch etwas mehr ölen. Und zum Dritten können wir auch das lautlose Umblättern üben. Das Jugendorchester schlägt sich hervorragend, die Violinistinnen, die Oboen spielen trotz der zügigen Tempi mühelos und federnd leicht.

Als das letzte “Amen” verklungen ist, geht erst mal ein tiefes Seufzen durch den Raum. Verschwitzt stehen wir da, ziehen Wasserflaschen aus unseren Taschen und versuchen wieder abzukühlen. Bei diesen Temperaturen kann auf ein “Warm-Singen” im wahrsten Sinne des Wortes verzichtet werden.

Dann ist es soweit: Unser Auftritt steht kurz bevor. Zusammen machen wir uns auf den Weg, durch kleine Gässchen geht es auf Umwegen zm Rupertusplatz. Beim Weltladen machen wir Halt, die Blaskapelle zelebriert noch ihren Auftritt. Wir genießen die Stimmung, die Wärme, das wunderschöne, fast schon südländisch anmutende Stadtbild Laufens. In kleinen Grüppchen stehen Sängerinnen und Sänger beieinander, lachen und reden leise. Nach und nach wird es eng auf dem kleinen Platz unter der Treppe zur Bühne. Immerhin singen gleich vier Chöre zusammen mit der Blaskapelle Vangelis “Conquest of Paradise” – ein einmaliges, und vor allem in dieser Formation nie geprobtes Erlebnis. Plötzlich kommt Bewegung in die wartenden Männer. Im Gänsemarsch bewegen sie sich die Treppe hinauf – und ich registriere: Ich gehöre auch in diese Reihe! Selten, aber doch gibt es sie: die Tenörinnen (über die weibliche Form dieser Bezeichung lässt sich streiten: Chorintern werde ich als Tenöse bezeichnet.). Bei “Musicantus” unterstützen zwischen zwei und fünf Tenor-Sängerinnen die Männer. Denn wer schon einmal in der Gruppe gesungen hat, weiß: Männerstimmen – und vor allem hohe Männerstimmen – sind meist unterbesetzt.

Beim Vivaldi-Gloria bin ich allerdings die einzige Frau im Tenor. Und so marschiere ich zwischen den Tenor- und den Bassmännern auf die Bühne. Die füllt sich schnell. Auf drei Tribünen stehen die Mitglieder von vier Chören eng aneinandergedrängt. Da gibt der Kapellmeister auch schon den Einsatz: die Blechbläser stimmen Vangelis “Conquest of Paradise” an und wir stimmen nach ein paar Takten lauthals ein: “I nomine per fide, i nomine por lar…”. Die Fantasiesprache kann man sich unmöglich merken – umso besser, dass mein geschätzter Tenorkollege uns “Männern” den Text kopiert hat. Und so schielen wir verstohlen hinunter in unsere Mappen, summen, singen und genießen die Harmonien.

Während des ausgiebigen Beifalls formatieren wir uns dann neu: Die Blaskapelle baut die Pulte ab, die zwei verbliebenen Chöre formatieren sich neu. Denn er steht unmittelbar bevor – unser großer Auftritt. Und schon geht es los: “Gloria, Gloria…”. Die Töne steigen hinauf zu den Dächern, schweben über dem Rupertiplatz und alles klingt wunderbar. Für solche Momente probt man, trifft sich Woche für Woche, übt immer wieder die gleichen Tonfolgen. Mir bescheren die Harmonien Gänsehaut. Und das Gloria fliegt nur so vorbei, das “Et in Terra”, die Fuge. Der ein oder andere Patzer schleicht sich ein, den wir beim anschließenden Bier auf die “Freiluft-Akustik” schieben werden. Immerhin kann man unter freiem Himmel einfach nicht so gut aufeinander hören wie in einem abgeschlossenen Proberaum. Jedenfalls ist es plötzlich vorbei und das Publikum applaudiert ausdauernd. Unser Beitrag zu “Laufen klingt” scheint gefallen zu haben.

Das wird natürlich gefeiert: Kuchen, Würstchen und Salat gibt es auf dem Rupertusplatz, dazu natürlich auch Flüssiges, um unsere strapazierten Kehlen zu besänftigen. Wir diskutieren den Auftritt und darüber, ob wir “Musicantus” nicht lieber durch “Die Salzburger Goldkehlchen” ersetzen sollen. Ein schöner, lustiger Abend, der – wie sollte es anders sein – im gemeinsamen Singen endet. Mit Gitarre und Geige spielen die Laufener auf, und gemeinsam interpretieren wir alte Ohrwürmer neu: “Du, entschuldige, i kenn di. Bist du net die Klane, die i schon als Bua gern ghobt hob?” tönt es durch die bayrische Stadt – und das sicher sechsstimmig.
Doch irgendwann heißt es Abschied nehmen – die Lokalbahn fährt leider nur bis 23.15 Uhr. Gut gelaunt marschieren wir zurück zum Bahnhof, singend und summend, bis schließlich jemand das Fenster aufreißt und uns daran erinnert, dass es bereits Schlafenszeit ist.So geht ein Chortag zu Ende – doch der nächste gemeinsame, musikalische Ausflug folgt bestimmt.

P.S. Auch Tenösen möchten irgendwann wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückkehren und den Alt verstärken. Deshalb nehmen wir stimmkräftige Männer mit offenen Armen auf (naütrlich auch im Bass!). Willkommen ist Jede und Jeder (ja, auch die Frauenstimmen freuen sich über neue Gesichter und frische Kehlen), die / der Spaß beim Singen hat.


“Die Passion des Jonathan Wade” – Musikalische Geschichtsstunde im Landestheater

Ingrid Kreiter. Das wirklich Spannende an der “Passion des Jonathan Wade” ist, dass fast niemand (wenigstens im guten alten Europa) die Oper kennt. Diese Unkenntnis ermöglicht es auch, völlig unvoreingenommen zu zu hören, zu schauen und zu genießen. Am Sonntag feierte die moderne Oper von Carlisle Floyd im Salzburger Landestheater ihre Europapremiere.

Kurz umrissen: South Carolina nach Ende des Bürgerkrieges. Der rechtschaffene Colonel Jonathan Wade (sehr überzeugend verkörpert von Hubert Wild) zieht mit seinen Soldaten von der Nordstaaten-Armee in die Stadt Columbia ein. Er stehe für Frieden und Wiederaufbau, betont er und ergattert sich mit dieser Aussage eine Einladung ins Haus des städtischen Richters Gibbes Townsend (Marcell Bakonyi). Dessen Tochter Celia (Julianne Borg), die ihre Mutter und ihren Geliebten im Krieg verloren hat, ist da weniger leicht zu erobern. Doch auch sie kann Wades nicht lange widerstehen und es kommt, wie es kommen muss: Die zwei verlieben sich.

Doch die Kluft zwischen Besatzern und Unterworfenen wird immer tiefer, bis es auf einer Party des Richters schließlich zum Eklat kommt. Grund für die Auseinandersetzungen sind die neuen Rechte der Schwarzen. “Es ist nicht leicht, etwas aufzugeben, an das man von jeher gewöhnt ist,” bringt es der Bösewicht Lucas Wardlaw (gespielt von Eric Fennell, der sich wegen einer Mandelentzündung leider nicht gegen den Klang des Orchesters behaupten kann) auf den Punkt. Genau deshalb wolle er seinen “Nigger” auch zurück.

Weil Richter Townsend den Treueeid verweigert, wird er des Amtes enthoben. Dass ein schwarzer Richter seine Nachfolge antreten soll, kann Townsend nicht akzeptieren – er stellt Celia vor die Wahl. Diese entscheidet sich für ihren Geliebten Jonathan Wade. Die wunderschöne Hochzeitsszene ist vor allem Jeniece Golbournes Verdienst, die mit ihrer vollen Altstimme als schwarze Haushälterin Nicey Bridges Gänsehaut zaubert. Doch es kommt, wie es kommen muss: Das frischvermählte Paar kann nicht glücklich werden, solange die Gräben zwischen Nord- und Südstaaten so tief sind.

Eine Flucht – und damit die Desertion aus der Armee – scheinen die letzte Möglichkeit zu sein, die junge Liebe zu retten. Als sie das Haus verlassen, wird Jonathan erschossen und stirbt in Celias Armen. Während die Südstaatler den korrupten und machtgierigen Nordstaaten-Soldaten die Schuld an Wades Tod geben, schuldigen die Soldaten die örtlichen konservativen Kräfte des Mordes an. Schuld seien alle, schreit Celia schließlich – und alle seien sie Mörder.

Eine unglückliche Liebesgeschichte, Auseinandersetzungen und Mord – das ist der Stoff, aus dem viele Opern gemacht sind. Doch “Die Passion des Jonathan Wade” ist anders. 1962 wird sie in New York uraufgeführt, nur wenige Wochen nach schweren Rassenunruhen in Mississippi. Höchst aktuell ist die Handlung von Jonathan Wade in den 60er Jahren: Martin Luther King hält seine berühmte Rede in Washington, Schwarze werden von weißen Mobs gelyncht und erst 1967 wird vom Obersten Gerichtshof das in 16 Bundesstaaten der USA noch immer bestehende Verbot von Eheschließungen zwischen Farbigen und Weißen für verfassungswidrig erklärt.
Heute noch ist der Stoff höchst aktuell – auch in Österreich, wo Muslime, Schwarze oder kroatische Einwanderer der 2. Generation als Wahlkampfthemen missbraucht werden.

Die Inszenierung der “Passion des Jonathan Wade” ist eine lobens- und sehenswert. Schön, dass im kulturell oftmals verstaubten Salzburg Operngenuss auf höchstem Niveau dargeboten wird – und das abseits von Zauberflöten, Entführungen und Hochzeiten.

DIE PASSION DES JONATHAN WADE / Musikdrama in drei Akten von Carlisle Floyd / Premiere: 16. Mai 2010 im Salzburger Landestheater / Musikalische Leitung: Adrian Kelly / Inszenierung: Arila Siegert / Bühnenbild: Hans Dieter Schaal / Kostüme: Marie-Luise Strandt / Mozarteumorchester Salzburg / Kostüme: Marie-Luise Strandt / Choreinstudierung: Karl Kamper, Thomas Huber / Dramaturgie: Bernd Feuchtner / Mit: (Young Girl) Beth Jones, (Richter Townsend) Marcell Bakonyi, (Joby) Philipp Schausberger, (Leutnant Patrick) Juan Carlos Navarro, (Oberst Jonathan Wade) Hubert Wild, (Vier schwarze Jungs – Valentin Seissler, Marton Hajdu, Jakob Karas, Raphael Pouget) Philipp Schausberger, Alexander Hüttner, Pablo Diaz Aller, Immanouil Marinakis, (Verwundeter Soldat der Konföderierten) Rudolf Pscheidl, (Nicey Bridges) Jeniece Golbourne, (Celia Townsend) Julianne Borg, (J. Tertius Riddle) Simon Schnorr, (Lucas Wardlaw) Eric Fennell, (Enoch Pratt) John Zuckerman, (Sprecher der Unions Liga) Franz Supper, (Pfarrer) William Shaw Hackett, (Sergeant Branch) Ekrem Cellikol, (Jonathans toter Bruder) Marco Stabel / Chor, Extrachor und Statisterie des Salzburger Landestheater, Mozarteumorchester Salzburg / Alle Fotos: Christian Schneider



Wake up world! Kinder zwischen den Fronten

Ingrid Kreiter. Große Kinderaugen, spröde Lippen, dürre Ärmchen – der englische Regisseur Carlo Nero weiß genau, welche Register er ziehen muss, um beim Publikum Emotionen zu wecken. Mit dem 30minütigen Dokufilm “Wake Up World” hat Nero in Zusammenarbeit mit seiner berühmten Mutter Vanessa Redgrave eine Hommage an die Unicef geschaffen. Zum 60-jährigen Bestehen des Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen im Jahr 1996 wurde der Film uraufgeführt, 2010 feiert er in Österreich Premiere.

“Wake Up World” ist der Eröffnungsfilm der Filmtage im Emailwerk Seekirchen. Die Kulturvereinigung Arge Wallersee bringt am 6. und 7. Mai Filme zum Thema “Kinder zwischen den Fronten” auf die Leinwand. Die Veranstaltung hat durchaus gesellschaftspolitischen Anspruch, wie die Filmemacherin Gabriele Neudecker von der Drehbuchwerkstatt Salzburg betont. Es ginge nicht nur darum, Filme zu zeigen. Vor allem wolle man Kinder und Jugendliche an schwierige Themen heranführen, sie sensibilisieren für Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen.

Dieses Ziel verfolgt auch Nero mit seiner Arbeit: “Der Film ist nicht nur ein Tribut an die Unicef, sondern auch an die großen Herausforderungen, denen wir alle – und auch das Kinderhilfswerk – uns stellen müssen.” Dabei ginge es nicht nur um die großen Themen. Kindersoldaten und Malaria sind laut Nero nur die augenscheinlichsten Ausprägungen der Kämpfe, in denen Kinder jeden Tag und überall verwickelt seien. “2 von 5 Kindern in London werden in Armut geboren. Das ist eine erschreckende Statistik angesichts der Tatsache, dass Großbritannien als eines der reichsten Länder der Welt gilt.” Der Kampf der Kinder werde hier eben auf eine verschiedene Art ausgetragen – wie zur Zeit in Griechenland, wo verletzte und benachteiligte Jugendliche sich zu Wehr setzten.

Eben diesen Kampf vor Ort spricht Landeshauptfrau Gabi Burgstaller an, die bei der Eröffnung der Filmtage ebenfalls anwesend ist: “Kinder als Söldner in Afrika – das ist für uns unvorstellbar. Dabei stoßen wir in Europa immer wieder auf Vergehen gegen die Kinderrechte. Die größte Herausforderung für uns ist wohl der zur Zeit allgegenwärtige Kindesmissbrauch.”

Um so berührender sind da die kleinen Schritte, die Jede und Jeder gehen kann. Vanessa Redgrave selbst spricht so einen Lichtblick an. Zwar ist die Schauspielerin und Unicef-Botschafterin wegen des Todes ihrer Schwester vergangene Woche nicht persönlich anwesend. In einer berührenden Videobotschaft, die ihr Sohn Carlo aufgenommen und mit nach Seekirchen gebracht hat, erinnert sie an den besonders treffenden Schauplatz der Filmtage: “Dass ‘Wake Up World’ im Seekirchen aufgeführt wird, wo es auch ein SOS-Kinderdorf gibt, das Kinder Heimat gibt, ehrt mich sehr.”

Das Engagement seiner Mutter für Kinderschutz und Kinderrechte hat Carlo Nero sichtlich beeinflusst. Das Wichtigste für ein Kind sei es zu merken, dass sich jemand um es sorgt, betont er. Auf die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter angesprochen, schmunzelt Nero. Natürlich sehe er sie aus unmittelbarer Nähe, so wie eben ein Sohn seine Mutter sehe. Aber ja, stolz sei er. Nicht nur, weil sie eine offene, sensible und und starke Frau sei. Sondern auch, weil sie immer das gesagt habe, was ihr auf der Zunge gelegen ist. Viele ihrer Einstellungen seien unpopulär gewesen, als sie sie angesprochen habe. “Viele ihrer Aussagen sind dann ziemlich populär geworden. Sie war ihrer Zeit immer voraus. Und eine Inspiration für viele, auch für mich.”

Dass auch die Filmtage von Seekirchen eine Inspiration sein können, steht außer Frage. Dank des Engagements des Veranstalter Trios “Arge Wallersee Kultur” (Kulturverein KunstBox Seekirchen, DrehbuchWerkstatt Salzburg und Museum Fronfeste Neumarkt) sind am 7. Mai vier Filme zu sehen, die einen Bogen spannen zwischen desertierten Kindersoldaten in Uganda sozialen Ungleichheiten in Chile. Es bleibt zu wünschen, dass der Ruf des Eröffnungsfilms gehört und mit in den Alltag genommen wird, nämlich: Wach auf, Welt!


Arianna: Spritzig-barocke Opernfreuden

Ingrid Kreiter. Selten ist eine Oper so heiter inszeniert: Obwohl die Handlung von Benedetto Marcellos “Arianna” alles andere als komisch ist, kommen hier kein Gram, keine düstere Weltuntergangsstimmung auf. Als die in ihrer Ehre gekränkte Ariadne mit knallroten Boxhandschuhen auf den untreuen Theseus losgeht und ihm im Zeitlupentempo mehrere harte rechte Haken versetzt, sieht man im Publikum viele vergnügte Gesichter. Geschmunzelt wird auch, wenn Sileno seine Krawatte zur Peitsche umfunktioniert und die Festgesellschaft solange rudern lässt, bis alle Sängerinnen und Sänger zu Boden gegangen sind.

In der eindeutig besten Opern-Produktion dieser Saison brillieren nicht nur die Hauptrollen, sondern auch das Mozarteumorchester. Dass sich in vertraute Instrumentalklänge auch etwas exotischere Töne – wie etwa die der Theorbe, der Truhenorgel oder des Cembalos – mischen, macht diese Oper doppelt spannend.

In den weiblichen Hauptrollen glänzen Karolína Plicková als Ariadne und Linda Sommerhage – obwohl gesundheitlich angeschlagen – als Phädra. Die wichtigste Arie der Ariadne fesselt das Publikum – Plickovás Stimme harmoniert wunderbar mit den Querflöten. Zurück bleiben eine Gänsehaut und das Gefühl, dass Musik ohne jeden Zweifel das Herz wärmen kann. Auch die Rollen des Theseus (John Zuckerman), Bacchus (Marcell Baknoyi) und des Silenus (Hubert Wild) sind äußerst passend besetzt. Während Wild hauptsächlich mit schauspielerischer Leistung überzeugt (selten wurde ein Trunkenbold so treffend dargestellt) und Zuckerman viel Energie in die leidenschaftlichen und ausgiebigen Kussszenen mit seiner Phädra legt, präsentiert sich Bakonyis Gesang ausgewogen und klangvoll.

Das Bühnenbild ist schlicht und dennoch funktional. Das relativ große Sängerensemble fügt sich hier gut ein. Es kommt, wie es kommen muss: Bacchus erobert dank seiner göttlichen Fähigkeiten (und wohl auch dem Versprechen, der schönen Ariadne ein eigenes Sternbild zu widmen – welche Frau hört solche Schmeicheleien nicht gerne?) seine Angebetete, die befreit von Zorn und Schmerz ihrem ehemaligen Geliebten Theseus und ihrer Schwester Phädra den Segen gibt.

Wer sich eine konservative und barocke Inszenierung erwartet, wird von der Arianna im Salzburger Landestheater enttäuscht sein. Hier ist Oper spritzig und vereint barocke Klänge mit “modernem Zeugs”, wie es eine ältere Zuschauerin in Reihe 7 spitz formuliert. Gerade dieses Zeugs ist es, das die Arianna zu einer Opern-Inszenierung macht, die man so schnell nicht vergessen wird.

Arianna. Oper in zwei Akten von Benedetto Marcello / Musikalische Leitung: Matthew Halls / Inszenierung: Jim Lucassen / Ausstattung: Ben Baur / Choreinstudierung: Karl Kamper / Dramaturgie: Heiko Voss, Ton Boorsma / Mozarteumorchester Salzburg / Mit: Arianna – Karolina Plicková, Fedra – Linda Sommerhage, Teseo – John Zuckerman, Bacco – Marcell Bakonyi, Sileno – Hubert Wild


Tosca: Ein Opernkrimi auf höchstem Niveau

Ingrid Kreiter. Oper auf höchstem musikalischem Niveau konnte das Publikum bei der “Tosca”-Premiere am Samstag im Haus für Mozart genießen. Inzwischen scheint es fast schon müßig, erneut das Orchester zu loben. Schon bei der “Hochzeit des Figaro” und dem “Freischütz” erhielten die Musiker begeisterten Applaus, das ist bei der dritten Opernpremiere dieser Saison nicht anders. Dynamisch untermalt das Orchester unter der Leitung von Leo Hussain die Szenen auf der Bühne: Blecherne Fanfaren, ungestümes Schlagwerk, meditatives Tamtam. Dass in dieser Klangfülle die Stimmen der Hauptrollen nicht verloren gehen, ist dem Talent der internationalen Besetzung zu verdanken.

Die Südafrikanerin Amanda Echalaz überzeugt als leidenschaftliche Diva. Nach einem etwas zögerlichen Einstieg gewinnt die Stimme der Sängerin stetig an Ausdruckskraft. Intensiv und gefühlvoll bringt Echalaz ihre Eifersucht zum Ausdruck, versichert ihrem Geliebten immer wieder ihre Liebe, reißt mit im Kampf gegen den lüsternen, gefühllosen Polizeichef Scarpia.

Diesem gönnt das Publikum dann auch den Tod: Jason Howard gibt einen äußerlich eleganten und gepflegten Scarpia, der in seinem Handeln völlig roh und sadistisch jegliche Sympathie verspielt. Die stimmliche Leistung ist grandios – Howard wechselt mühelos zwischen leise, lüstern, wild, intrigant, manipulativ und befehlend. So wird Scarpia mit Leichtigkeit als unsympathische Tyrann isnzeniert, der sich, als er dem Blutrausch der Tosca erliegt, kein Mitleid verdient.

Als dritter Solist brilliert Riccardo Massi: Der Italiener scheint wie geschaffen für die Rolle des jungen, begabten Cavaradossi. Als Geliebter Toscas erobert Massi die Herzen des Premierenpublikums im Sturm.
Das Bühnenbild kann vor allem im 2. Akt überzeugen: Eine Öffnung im Boden dient sowohl als Folterkammer für Cavaradossi, als auch als Sarg für Scarpia. Dass das Publikum dank einer verspiegelten Luke Einblicke in diese Abgründe gewinnen kann, ist mehr als raffiniert.

Die Bedeutung des großen, im 1. und 3. Akt verkehrt in den Bühnenboden gerammten Christus-Torsos ist offensichtlich – im Namen Gottes werden schreckliche Taten begangen, religiöse Heuchelei überspielt wahre Menschlichkeit. Worauf die Maskierung der Ministranten, die südländische bunte heidnische Masken tragen, verweisen soll, lässt sich hingegen kaum erahnen. Alles in allem ist es eine bunte, lebhafte Inszenierung, die allerdings Gefahr läuft, zuviel andeuten zu wollen.

Der musikalischen Qualität tut die Bilderflut keinen Abbruch – eine gelungene Premiere und ein Opernkrimi, den man nicht versäumen sollte.

Tosca von Giacomo Puccini / 06. März 2010 / Haus für Mozart / Musikalische Leitung: Leo Hussain / Inszenierung: André Heller-Lopes / Bühnenbild: Jürgen Kirner / Kostüm: Nicole von Graevenitz / Besetzung: Floria Tosca – Amanda Echalaz, Mario Cavaradossi – Riccardo Massi, Baron Scarpia – Jason Howard, Cesare Angelotti – Marcell Bakonyi, Der Mesner – Hubert Wild, Spoletta – Franz Supper, Sciarrone – Simon Schnorr, Ein Schließer – Rudolf Pscheidl, Ein Hirt – Solist des Kinderchors / Musikalische Leitung Leo Hussain | Adrian Kelly (19. März 2010) / Choreinstudierung Karl Kamper | Thomas Huber / Dramaturgie: Bernd Feuchtner. / Mozarteumorchester Salzburg, Chor, Extrachor, Kinderchor und Statisterie des Salzburger Landestheaters


Rebekka Bakken Konzert in Salzburg

Norwegisches Stimmwunder, in Österreich verliebt

Ingrid Kreiter. Voll und erotisch klingt sie, wenn sie in tiefen Lagen die Töne zu streicheln scheint. Mühelos schraubt sie sich dann nach oben. Ganze drei Oktaven umfasst die Stimme von Rebekka Bakken, dem norwegischen Stimmwunder, das soeben sein viertes Album, “Morning Hours”, herausgebracht hat.

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In der ARGE gestaltete die Sängerin vor wenigen Tagen einen Balladen-Abend, wie er im Buche steht. Mühelos brachte sie das Publikum im vollen Saal zum Schweigen, während der Gänsehaut-Lieder hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Und grandios umrahmten die vier Musiker, die Bakken auf ihrer Tour begleiten, die einzigartige Stimme der Norwegerin.

Doch nicht nur musikalisch, auch inhaltlich hat Rebekka Bakken einiges zu bieten: In “Powder Room Collaps” etwa beschreibt sie, was sie im Schminkraum so bewegt. Da denkt sie nach über Cellulite, die Ölkrise, ihre blond gelockten Haare, Armut und verflossene Liebschaften. Bei “Why do all the good guys get the dragons?” spielt sie neckisch mit den Musikern, setzt sich selbst und ihre intensive Stimme gekonnt in Szene. Und als ob es sich um eine andere Frau handeln würde, gibt sie völlig ernst und nachdenklich “No easy way” zum Besten.

Vielfältig ist wohl das Wort, das Rebekka Bakken am Besten beschreibt. Dass sich all diese Facetten auch in den Zwischenmoderationen niederschlagen, ist eine schöne Überraschung. Mit viel Selbstironie und Charme betont die Norwegerin immer wieder ihre Liebe zu Österreich, lobt den “Standard” und wundert sich auf Deutsch, warum es in Salzburg bloß so wenige “Hofer”-Filialen gibt. Völlig unbeeindruckt erzählt sie, wie sie in Wien wegen ihres “unperfekten Österreichischs” von den Kellnern schlechter bedient wurde. Ihre Lösung: Ein nasales, hochnäsiges und steifes Oxford-Englisch.

Diese Anekdoten bahnen der Sängerin einen direkten Weg in die Herzen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Alle lachen über die Art und Weise, wie Rebekka Bakken ihre persönlichen Erfahrungen mit dem “Eurovision Song Contest” zum Besten gibt. Und dass sie Österreich tatsächlich kennt und liebt, beweist sie, als sie mit viel Gefühl und viel norwegischem Akzent Ludwig Hirschs Ballade “Der Schnee draußen schmilzt” zum Besten gibt.

Das Konzert ist fast zu Ende, die Band schon lange abmarschiert und ein großer Teil des Publikums schon auf dem Weg zur Gardarobe, als Rebekka Bakken und ihre Band noch einmal auf die Bühne kommen. Und tatsächlich wird aus der Zugabe etwas berührendes, einmaliges: Cindy Laupers “Time after Time” sorgt nicht nur beim Publikum für Gänsehaut, sondern unübersehbar auch bei der Sängerin. Im Wechselspiel mit den verbliebenen Zuhörerinnen und Zuhörern gestaltet Bakken eine kleine Jamsession. “Time after Time”, klingt es wunderbarerweise perfekt gestimmt aus dem Publikum, während sich Bakken noch einmal durch alle Tonlagen schraubt. Und so bedankt sich zum Schluss nicht nur das Publikum, sondern auch die Sängerin für eine einmalige, “wunderbare und unglaublich berührende” Zugabe.

 


“Der Freischütz” im Salzburger Landestheater

Ingrid Kreiter. “Hihihihi”, kichern die Frauen des Dorfes hämisch, während die Männer sich mit in die Luft gestreckten Gewehren über den Jägerburschen Max lustig machen. Dessen Chancen, die Erbförsterei und seine geliebte Agathe erwerben, stehen schlecht – immerhin hat er seit Wochen nichts mehr getroffen.

Da scheint dem unglücklichen Bräutigam ein Pakt mit dem Bösen der letzte Ausweg zu sein. Mit Hilfe von sieben Teufelskugeln, die Max zusammen mit dem zwielichtigen Kaspar in der sagenumwobenen Wolfsschlucht gießt, will der zukünftige Erbförster Agathe für sich gewinnen.

Julianne Borg kann als Agathe überzeugen, noch besser gefällt allerdings Karolína Plicková: Das dunkle, kräftige Timbre ihrer Stimme kommt beim Ännchen gut zur Geltung, auch Plickovás schauspielerische Leistung ist wie immer ein Augenschmaus. Schade nur, dass der gesungene Text zur Gänze unverständlich bleibt. Auch die Dialogszenen könnten etwas mehr Klarheit in der Aussprache vertragen. Nichtsdestotrotz – die Sängerinnen sind ohne Zweifel ein Gewinn fürs Landestheater.

Gütige Autorität und stimmliche Reife bringt Stefan Cerny als fürstlicher Erbförster Bruno auf die Bühne. Von der Magen-Darm-Grippe, die ihn plagt (Intendant Carl Philip von Maldeghem macht vor Beginn der Veranstaltung auf die Details der akuten Erkrankung aufmerksam), merkt das Publikum nichts.
Daniel Kirch verkörpert glaubwürdig den Naturburschen Max, Marcell Bakonyi fehlt es als Kaspar trotz überzeugender gesanglicher Leistung an der Bosheit und Verschlagenheit des Charakters. Mit Franz Supper (böhmischer Fürst Ottokar), Cornelius Hauptmann (Eremit) und Simon Schnorr (Bauer Kilian) sind die männlichen Nebenrollen gut besetzt.

Herausragend ist auch bei dieser Premiere das Orchester unter der Leitung von Leo Hussain: Da tönen die Hörner, tirillieren die Querflöten, klagen die Fagotte, seufzen die Geigen. Die Klarinetten und Oboen untermalen den Gesang ganz wunderbar. Mit Elan, Schwung, Leidenschaft und Begeisterung bietet das Orchester dem Premierenpublikum musikalisches Vergnügen auf höchstem Niveau.

Das Bühnenbild (Simon Lima Holdsworth) ist eine Symbiose aus Wald und Schankraum des Hauses. Die dicken Stämme von Fichten bieten sich im ersten Akt als Klettergerüste an. Dass die Szene in der Wolfsschlucht im Haus spielt, wirkt anfänglich etwas verwirrend. Doch die Spezialeffekte, die man sonst nur aus Filmen kennt, machen die Verlegung der Szene in die Stube wieder wett. Da drehen sich die Zeiger der Wanduhr in atemberaubenden Tempo zurück, Feuerzungen schießen aus der Blechtonne, das Licht flackert, wie von selbst züngeln kleine Flammen aus dem Fußboden. Die Inszenierung des Unheimlichen ist unheimlich gelungen.

Fazit: Eine hörens- und sehenswerte Inszenierung, mit deren Handlung man sich aufgrund der Textunverständlichkeit unbedingt schon vor Besuch der Aufführung vertraut machen sollte.


Eine performative Audioinstallation, oder: Wie ich “unheim” überlebte

“Die ARGEkultur bietet einen Durchlauf der Audioinstallation “unheim” für interessierte (und mutige) Journalisten an! Der Besuch dieser Installation kann Reaktionen wie Irritation, Verunsicherung oder auch Angst hervorrufen.”

Ingrid KreiterVon Ingrid Kreiter

Ich weiß nicht, was mich erwartet, als ich nach einem arbeitsintensiven Tag in die ARGE radle. Die Einladung zur Installation, die im Rahmen des Festivals “Angst Macht dumm” von maximal vier Besucherinnen und Besuchern gleichzeitig begangen werden kann, scheint in den Tiefen meines Email-Posteingangs verschollen zu sein. Dunkel glaube ich mich aber daran zu erinnern, dass Minderjährige die schriftliche Befugnis durch eine erziehungsberechtigte Person benötigen, wenn sie “unheim” besuchen möchten. Sehr seltsam und irgendwie furchteinflößend.

Mir wird auch nicht wohler, als mich im ARGE-Eingangsbereich zwei in weiße Laborschutzanzüge gehüllte Menschen in Empfang nehmen. Die Antwort auf meine vorsichtige Frage, ob es denn wirklich sooo schlimm werde, ist ein gemurmeltes: “Naja, man sollte halt nicht psychisch labil sein.” Die Nervosität steigt. Einer meiner Leidensgenossen erkundigt sich, ob das Ganze auch ohne die bereitstehenden Gummistiefel bewältigt werden könne. Ein klares “Nein” spricht Bände.

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Kleinlaut schlüpfen wir in übergroße Schutzanzüge, stopfen die Hosenbeine in die Regenstiefel und verstecken unsere Haare unter einer Plastikhaube. Bevor wir riesige Kopfhörer aufsetzen und ein ARGE-Angestellter die damit verbundene Elektrode an unserem Zeigefinger befestigt, werden die Spielregeln verlesen. In den ersten sechs Punkten geht es um Sicherheitsfragen. Außerdem bekommen wir ein Notlicht, bei dessen Aktivierung die Installation sofort abgebrochen wird. Wir müssen ein Formular unterschreiben, in dem wir uns mit allem einverstanden erklären, was gleich passieren wird. Als ich Fragen nach meinem psychischen und physischen Gesundheitszustand beantworten soll, erwäge ich ernsthaft, das Experiment abzubrechen, bevor es überhaupt begonnen hat.

Und dann geht es los: Die Tür zur “Kammer des Schreckens” (wie ich den Veranstaltungsort in Gedanken getauft habe) öffnet sich. Ich, hineingeworfen in eine Installation, die es zu bewältigen, zu überleben gilt. Die Kontrolle über die Situation verliere ich schneller, als mir lieb ist, verkrampft warte ich darauf, dass Schreckliches passiert.

Schade eigentlich, dass ich mich im Formular auch dazu verpflichten musste, Stillschweigen zu bewahren. “Nichts von dem, was im Saal passiert, darf nach außen dringen.” Nur soviel: Als wir nach gefühlten 8 Minuten ganz plötzlich aus der Installation befreit werden, lebe ich noch. Die Anspannung fällt ab, meine Leidensgenossen schauen verlegen auf den Boden, lächeln, als wären sie soeben in ein seit langem gehütetes Geheimnis eingeweiht worden. Behutsam tauschen wir uns aus, geben Auskunft über unseren Gemütszustand und darüber, was dort drinnen mit uns passiert ist. Langsam tauen wir auf, verarbeiten das Erlebte im Gespräch. Als der Leidensgenosse nachfragt, wie lange das Ganze gedauert habe (unsere Uhren mussten wir vor Beginn des Experiments abgeben), lautet die Antwort: “25 Minuten.”

Der Verlust des Raum- und Zeitgefühls ist nur eine der seltsamen Nebenwirkungen der Installation. Auch dass Leidensgenossen im gleichen Raum das Gleiche mitmachen, und das auch noch fast zeitgleich, erscheint grotesk. “Unheim” gibt das Gefühl, abgeschnitten zu sein von der Welt und sogar vom eigenen Körper.

Beim Abschied drückt mir der ARGE-Angestellte einen “Befund” in die Hand. Meine Teilnahme wird darin als “sehr zufriedenstellend” bewertet (während meine Leidensgenossen nur ein lasches “zufriedenstellend” einheimsen). Da steht auch, dass ich im Feld “Vogelperspektive” die Höchstpunktezahl verliehen bekommen habe, während es bei “Sonar/Echo” nur für 3 von 10 Punkten reicht. Meine Gesamtleistung liegt bei 80,7 auf einer Skala von 10 bis 100. Warum und wobei ich so gut abschneide, bleibt ein Rätsel.

Es könnte aber damit zusammenhängen, dass ich weder an Agaraphobie (Angst davor, angefasst zu werden), Klaustrophopie (Angst vor engen Räumen), Achluophopie (Angst vor der Dunkelheit), Acousticophobie (Angst vor lauten Geräuschen), Anemophobie (Angst vor Luftzügen), Aquaphobie (Angst vor Wasser), Bathmophobie (Angst zu gehen), Cathisophobie (Angst vorm Sitzen), Cleisiophobie (Angst vor geschlossenen Räumen), Clithrophobie (Angst, eingesperrt zu sein), Isolophobie (Angst vorm alleine sein), Kathisophobie (Angst davor, sich hinzusetzen),Ligyrophobie (Angst vor lauten Geräuschen), Melanophobie (Angst vor der Farbe Schwarz), Photoaugliaphobie (Angst vor blendendem Licht) noch an Soteriophobie (Angst davor, von jemandem abhängig zu sein) leide.

Wer sich “unheim” ausliefern möchte, muss schnell handeln. Es sind nur mehr Restkarten erhältlich. Infos unter 0662-848784 beim ARGE-Büro.


justlife.kreiterweiblein

Salzburg an einem Wochenende im November. Es ist mild, die Sonne scheint, der Tag verlockt dazu, hinaus zu gehen. Die Straßen, die Parks, die Plätze Salzburgs zu erkunden, Leute zu belauschen, zu beobachten, das Leben einzufangen.

Ein Tag, der nicht nur mit Sonnen-, sondern auch mit Mondenschein beginnt, kann nur gut werden.

Foto 1

Im Volksgarten beobachte ich einen älteren Herrn beim Tai Chi. An sich nichts Ungewöhnliches – wäre da nicht der Hund, der seinem Herrchen voll Freude Gesellschaft leistet. Das Tier liegt auf dem Rücken und streckt alle vier Beine von sich, wenn sein Herrchen zwischen den einzelnen Bewegungen innehält. Sobald der Mann die Übungen weiter ausführt, rudert auch sein Hund mit allen vier Pfoten wild durch die Gegend. Manche haben einen Wachhund, andere einen Jagdhund und ganz selten hat jemand einen Tai-Chi-Hund…
Ein Spaziergang durch das raschelnde Herbstlaub wärmt die Seele. Von einer der Bänke am Salzach-Ufer aus beobachte ich die Passanten. “Ich lerne zur Zeit nur Skorpion-Männer kennen”, beklagt sich eine junge Frau bei ihren Freundinnen. Ein Mann bringt seine Freundin zum Lachen, als er ihr etwas ins Ohr raunt. Und die alte Dame nickt mir freundlich zu, eine Hand auf dem Rücken verschränkt, in der anderen den Gehstock.

Foto 2

Der Duft gebratener Maroni zieht durch die Straßen. Nur wenige können widerstehen – der Maroni-Mann auf dem heißen Markt hat jedenfalls alle Hände voll zu tun. Dabei sind die Säckchen klein und das Maroni-Essen immer auch ein Glücksspiel. Immerhin haben auch Würmer die Herbstfrucht “zum Fressen gern”…

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Prangerschützen gibt es in Salzburg bereits seit dem 12. Jahrhundert. Die Männer (und Frauen) in den altertümlichen Uniformen sind ein Augenschmaus – vor allem für Touristen mit Fotoapparaten. Als es dann schließlich ans Böllern geht, springt der junge Italiener neben mir erschrocken zwei Schritte zurück und mindestens einen in die Höhe: “Ma perché sparano?” (”Warum schießen die denn?”) Brauchtum ist für Nicht-Eingeweihte halt allzu oft unverständlich…

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Für manche ist sie unheimlich, viele benutzen sie als Aschenbecher, einige sind begeistert – dabei ist die Statue im Durchgang zwischen Kapitel- und Domplatz nicht mal ein Unikat. Genau die gleiche Skulptur steht auch in Prag (und mindestens drei anderen Städten). Doch der geheimnisvolle Kapuzenmann (oder die Kapuzenfrau) gehört ebenso zum Stadtbild wie Touristen, Pferdeäpfel und Mozartkugeln.

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Nicht nur für Stadt-Salzburger sind die Salzachseen ein beliebtes Naherholungsgebiet, sondern auch für Schwan-Herden (Gibt es sowas? Oder ist das eher ein Rudel? Eine Kolchose, ein Verbund, eine Gang?). Ob hier wohl Schwanensee komponiert wurde? Jedenfalls sind die schneeweißen Tiere im Gegenlicht wunderschön anzuschauen. Sobald sie zu fauchen beginnen, sollte man allerdings vorsichtig den Rückzug antreten…

Foto 6

Bei einem Spaziergang durch die eigene Stadt kann man vielem begegnen: begeisterten Touristen, grantigen Einheimischen, Männern auf goldenen Kugeln, geduldigen Pferden, alten Damen, die freundlich grüßen. Eines ist klar: Salzburg ist eine Stadt mit Herz.

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BLOG: justlife.kreiterweiblein
Alle Fotos: Ingrid Kreiter


Poesie zwischen Tequila und Respektlosigkeit

Ingrid Kreiter. “Hip-Hop ist eine Stilrichtung, zu der auch der Rap (Sprechgesang) gehört. Teure Autos, mit Brillanten besetzte Kettenanhänger, Gewalt und Drogen – das verbinden viele mit HipHop.” So erklärt ein Online-Lexikon Kindern die Musikrichtung. Ein weiteres Merkmal ist auch die Verwendung von Wörtern, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte.

Und jetzt soll ich auf ein Konzert der Delinquent Habits gehen, einer Band aus den USA, die maßgeblich an der Entwicklung des sogenannten “lateinamerikanischen Hip-Hops” beteiligt waren. Ein bisschen Bedenken habe ich ja, immerhin warnen mich Freunde vor dem “exzessiven Drogenkonsum der Hip-Hop-Fuzzis”, außerdem seien die Texte vulgär und das Publikum im Durchschnitt sicher zehn Jahre jünger als ich. Doch die Neugier siegt, und siehe da – zwei meiner Freunde begleiten mich sogar ins Rockhouse.

Als “Lokal-Matadore” versucht eine Formation mit dem kaum zu merkenden Namen “Moving Shadows & Muckemcy, Talentfreie Zone feat. Amenofils” Stimmung zu machen. Dass von Stimmung nichts zu sehen/hören ist, liegt wohl nicht an den Salzburgern, sondern daran, dass alle bereits gespannt auf die Hauptband warten.

Umso überraschender ist es, dass letztendlich ein Schweizer das Haus zum rocken, ähm: hip-hoppen, bringt. Knackeboul ist offizieller Tourbegleiter der Delinquent Habits. Und tatsächlich schafft er es, das Salzburger Publikum zu fesseln. Dazu tragen neben selbstironischen Sprüchen (“Meistens heißt es nach meinem Auftritt, für einen Schweizer war das gar nicht sooo schlecht!”) vor allem auch Gudrun (ein wunderbares Gerät, das Töne aufnimmt und diese bei Bedarf auch wieder abspielt) und das Beatboxen bei. Dabei handelt es sich um die Kunst, Schlagzeug- und Percussion-Klänge mit Mund und Kehlkopf zu erzeugen. Knackeboul jedenfalls klingt wie ein ganzes Percussion-Ensemble. Als er dann auch noch zu rappen beginnt, verstehe ich langsam Sinn und Zweck des Hip-Hops. Eigentlich geht es um nichts anderes, als spontan Sätze zu reimen und diese schnell und rhythmisch aneinander zu fügen. Zur Überraschung aller ermahnt Knackeboul das junge Publikum (diese Vorhersage hat sich erfüllt. Tatsächlich sind die meisten Fans männlich, zwischen 16 und 20 und tragen weite Hosen und Baseballmützen), gar nicht erst mit dem Kiffen zu beginnen, weil “das nichts ist und ich heute sicher nicht auf der Bühne stehen könnte und das machen, was ich mache”. Ein sehr sympathischer Hip-Hopper, der mit Charme und Talent ganz schnell die Herzen des Publikums gewinnt.

Kurz nach 22 Uhr ist es schließlich so weit: Die Delinquent Habits stürmen die Bühne. Sie bestätigen alle gängigen Klischees, bedienen das Publikum mit hunderten Bechern gratis Tequila und vor allem mit sehr, sehr vielen Kraftausdrücken. (Näher kann ich auf diese Ausdrücke nicht eingehen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass man in Österreich zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wird, wenn man einen Mitmenschen so bezeichnet. Und außerdem finde ich es ziemlich respektlos, zahlende Fans zu beschimpfen.) Ins Bild passt auch das “Gangstermäßige” Aussehen der zwei Hip-Hopper. Dass es hinter der Bühne aber gesitteter zugehen dürfte als während des Konzerts, beweisen die Gangster, als im Publikum eine kleine Rangelei ausbricht: “Es gibt eine Regel: keine Schlägereien! Ihr dürft trinken, feiern, meinetwegen eure nackten Hinterteile herzeigen, aber nicht streiten!”

Zwar bin ich an diesem Abend nicht zum absoluten Hip-Hop-Fan geworden, etwas gelernt habe ich aber bestimmt: Hip-Hop besteht nicht nur aus Gewalt, Drogen und Vulgärsprache. Erfolgreich kann in diesem Geschäft nur sein, wer über einen riesigen Wortschatz und ein ausgeprägtes Gefühl für Sprache verfügt. Unterm Strich sind Hip-Hopper moderne Poeten: Goethe hätte zwar sicher nicht so oft auf Kraftausdrücke zurückgegriffen. Andererseits musste er den Faust aber auch nicht aus dem Stehgreif schreiben.



“Funky Time” in der ARGEkultur mit dem HPRC

 

“Ausverkauft” steht in dicken roten Buchstaben auf dem Schild, das an der ARGE-Eingangstür hängt. Und tatsächlich ist der Saal voll von Menschen, die gespannt darauf warten, dass das “Hot Pants Road Club”-Konzert beginnt.

Ingrid KreiterVon Ingrid Kreiter

Das Publikum besteht zu einem großen Teil aus eingefleischten Fans, die sich die besten Plätze zum Tanzen, Singen und Applaudieren ganz vorne vor der Bühne gesichert haben und gespannt auf die Stars des Abends warten.

Begeistert wird die 16-köpfige Formation empfangen. Das Grand Funk Orchestra nimmt die hinteren Plätze ein, während Frontman Andie Gabauer das Publikum begrüßt. Nach kurzer Eigenwerbung und dem Anpreisen der neuen CD geht’s endlich los: Trompeten schmettern, Posaunen vibrieren, Saxophone jaulen. Dass Keyboard, Gitarren und Schlagwerk im Zusammenspiel mit den 10 Blechbläsern nicht untergehen, ist der Virtuosität zu verdanken, mit der die Ensemblemitglieder ihre Instrumente beherrschen. Ein besonderer Ohrenschmaus sind die Soloeinlagen (hervorragend Martin Fuss an der Querflöte! Wer konnte ahnen, dass solche Tonfolgen in dem Instrument stecken?).

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Doch auch der Gesang kann überzeugen. Andie Gabauer gibt alles und fordert das begeisterte Publikum dazu auf, “funky” die Hüften zu schwingen. Das Publikum lässt sich nicht lange bitten und bald wippt der ganze Saal auf und ab, hin und her.

Doch nicht nur Gabauer sorgt für Stimmung, auch Christian „mc boogaloo“ Roitinger stellt Animateurs-Qualitäten unter Beweis. Wenn er “yeah, yeah, yeah” ins Mikrofon seufzt, dann wippt auch das Haarbüschel auf seinem Hinterkopf ungeniert im Takt.
Eine Überraschung wartet auf das Publikum, als Gitarrist Harry Ahamer das neue “Mothership” anstimmt: Der sinnliche Klang seiner Stimme in tieferen Lagen ist das perfekte Soul-Erlebnis.

Das über zwei Stunden dauernde Konzert ist ein atemberaubendes (und, wenn die gesamte Besetzung von Mikrofonen verstärkt in den Raum hineinposaunt, ziemlich ohrenbetäubendes) Erlebnis. Wer Blasmusik abseits von ausgetretenen Musikkapellen-Konzerten erleben möchte, ist bei einem funkigen Konzert des HPRC genau richtig. Ein guter Tipp: Ohropax nicht vergessen!