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Pfingstrose

Pfingsten – Der 50. Tag nach Ostern

Das Wort Pfingsten leitet sich ab von griechisch pentēkostē hēméra „fünfzigster Tag“. Am 50. Tag nach Ostern überkam die Apostel und Jünger Jesu der Heilige Geist und sie begannen „in fremden Sprachen zu reden“, wie die Apostelgeschichte berichtet. Dieses Ereignis war der Beginn der christlichen Mission.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Die Bezeichnung pentēkostē hēméra wurde zum Namen des Festes, das jährlich in Erinnerung an das Ereignis, das auch als Pfingstwunder bekannt ist, stattfindet. Im Sprachgebrauch wurde pentēkostē hēméra „fünfzigster Tag“ zu pentēkostē „fünfzigster“ gekürzt. Kürzungen dieser Art sind auch heute in unserem Sprachgebrauch üblich. So sagen wir beispielsweise er feiert seinen Fünfzigsten oder Fünfziger und meinen „er feiert seinen fünfzigsten Geburtstag“. Oder wir sagen sie feiert ihr Zwanzigstes und meinen „sie feiert ihr zwanzigstes Dienstjubiläum“.

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Die griechische Bezeichnung für das Fest wurde bereits in althochdeutscher Zeit übernommen – jedoch mit einigen Änderungen. Der erste Wortteil pénte „fünf“ wurde mit althochdeutsch fimf „fünf“ übersetzt, der zweite Wortteil -kostē in die althochdeutsche Schreibung -chusti übertragen, wobei die Schreibung -ch- den Laut [k] symbolisiert. So entstand das althochdeutsche Wort fimfchusti. Im Mittelhochdeutschen wurde fimfchusti zu pfingsten umgewandelt. Der erste Wortteil fimf- wurde zu pfin- und -chusti wurde zu -gsten zusammengezogen. Daraus ergab sich dann unser heutiges Wort Pfingsten.

Pfingsten war und ist jedoch nicht nur ein kirchliches Fest, sondern auch ein weltliches. Ein beliebtes Volksfest ist das Pfingstbier. Veranstalter dieses Festes waren in den Städten die Zünfte und am Land die Gemeinden. Den Kirchenvertretern war das Pfingstbier häufig ein Dorn im Auge, da diese Feste gerne in Saufgelage endeten. So wird im Jahr 1590 berichtet, in Sachsen würden die Bauern ihre Kirchen als Bierkeller für das Pfingstbier missbrauchen, damit es kühl bleibe und es gleich dort mit Gotteslästerung und Fluchen saufen.

Zu Pfingsten wurden die Gemeindeweiden für das Vieh geöffnet. Daher hießen diese Weiden auch Pfingstweide oder Pfingstanger. Geschmückte Kühe, Pferde und mancherorts sogar Hunde und Gänse wurden in feierlicher Prozession auf die Weiden geführt. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem mit Kränzen und Girlanden geschmückten Ochsen. In einigen Gegenden trugen die Ochsen nicht nur Kränze und Girlanden, sondern auch Perücken, Tücher und Bänder. Dieser Ochse wurde Pfingstochse genannt. Am Ende der Prozession wurde der Pfingstochse geschlachtet, gebraten und bei einem gemeinsamen Fest verspeist. Dieser Brauch geht zurück auf alte Opferrituale zu den Frühjahrsfeiern.

Der Pfingstochse begegnet uns auch in den Redewendungen aufgeputzt wie ein Pfingstochse, aufgedonnert wie ein Pfingstochse für „übermäßig und geschmacklos geschmückt“. Diese Redewendung wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem auf Frauen angewendet. Den Pfingstumzügen ging eine junge Frau voran, die festlich geschmückt war und Pfingstbraut genannt wurde. Offenbar wurde bei der Schmückung der Pfingstbraut gelegentlich etwas übertrieben, wodurch die Redewendung aufgeputzt wie eine Pfingstbraut entstand. Im Sprachgebrauch wurde dann das Wort Pfingstbraut durch Pfingstochse ersetzt. Vermutlich weil der Pfingstochse noch auffälliger geschmückt war als die Pfingstbraut. So konnte im allgemeinen Sprachgebrauch gesagt werden sie sitzt aufgeputzt wie ein Pfingstochse da, wenn eine Frau auffällig, überladen und geschmacklos geschmückt und bekleidet war. Heute wird diese Redewendung nicht mehr für Frauen verwendet. Die Redewendung wurde abgewandelt in er stolziert daher wie ein Pfingstochse und wird für Männer verwendet, die übermäßig und geschmacklos herausgeputzt sind.


Schuhe

Schuh – Aufstand, Unterwerfung und Legitimation

Der Schuh diente in vergangener Zeit nicht nur als Fußbekleidung, sondern war auch ein Symbol für Revolten, Machtansprüche und Anerkennung unehelicher Kinder.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Mit dem Wort Schuh wurde ursprünglich ein nach der Form des Fußes geschnittenes Leder bezeichnet, das vorne zusammengeschnürt und mit Riemen um den Knöchel zusammengebunden wurde. Mit der Zeit wurde die Verarbeitung verfeinert. Die Schnüre und Riemen wurden durch Lederstreifen gezogen, die auf der Oberfläche des Schuhs angestickt waren. Dieser Schuh wurde im Mittelalter bundschůch „Bundschuh“ genannt und war typisch für die bäuerliche Tracht. Daher wurde er auch als baurenschůch „Bauernschuh“ bezeichnet.

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Während der deutschen Bauernkriege im 16. Jahrhundert machten die Aufständischen den Bundschuh zum Symbol ihrer Revolte. Sie steckten Bundschuhe auf Stangen und trugen diese als Heerzeichen voran. Dadurch erhielt das Wort Bundschuh eine neue Bedeutung. Der erste Wortteil Bund, der sich vom Binden der Schuhe ableitet, wurde umgedeutet in Bündnis, Verschwörung. Bundschuh wurde damit gleichbedeutend mit Bauernaufstand. Im weiteren Zeitverlauf wurde die Bedeutung von Bundschuh ausgeweitet und diente als synonyme Bezeichnung für Aufstand, Meuterei oder Revolte im Allgemeinen. Weiters diente Bundschuh während der Bauernkriege auch als kollektive Bezeichnung für die aufständischen Bauerngruppen – wohingegen der einzelne Aufständische als Bundschüher bezeichnet wurde. Auch diese Verwendung des Wortes Bundschuh wurde mit der Zeit zu „Aufständischer, Verschwörer“ ausgeweitet, so dass jegliche revoltierende Gruppe oder Aufständische als Bundschuh bezeichnet werden konnte.  So wurde beispielsweise noch im 19. Jahrhundert die Lehre Martin Luthers, der durch seine Kritik an der Katholischen Kirche die Reformation auslöste, Bundschuh genannt.

Der Schuh diente jedoch nicht nur während der Bauernkriege als Symbol. Schon in alter Zeit wurde der Schuh als Symbol der Unterwerfung und Legitimation verwendet. Mächtigere Könige sandten Fürsten ihre Schuhe, die diese zum Zeichen der Unterwerfung tragen mussten. Eigene Schuhe waren somit auch ein Zeichen der Unabhängigkeit. Bis heute hat sich mit der Redewendung er steht in seinen eigenen Schuhen für „er ist selbständig, unabhängig“ eine sprachliche Erinnerung daran erhalten.

Im altnordischen Recht wurde der Schuh als Symbol für Legitimation und Adoption verwendet. Wenn ein Vater sein uneheliches Kind legitimierten wollte, ließ er für ein Festmahl einen Ochsen schlachten, aus dessen Haut er einen Schuh fertigen ließ. Diesen Schuh zog zuerst er an und danach das Kind, das er legitimieren wollte, und dann die Erben und Freunde. Dieser Vorgang wurde mit jemandem in den Schuh steigen genannt. Das gleiche Ritual wurde bei Adoptionen durchgeführt, wodurch die Adoptierten in die Familie aufgenommen wurden.

Im deutschen Sprachraum hatte der Schuh auch bei Verlobungen eine symbolische Funktion. Der Bräutigam gab der Braut seinen rechten Schuh, den die Braut anzog. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Braut als dem Bräutigam zugehörig und unterworfen betrachtet. In späterer Zeit brachten die jungen Männer ihren Bräuten neue Schuhe, die sie ihnen auch selbst anzogen. Dieses Motiv wurde im Märchen Aschenputtel verarbeitet, in dem der Prinz auf der Suche nach seinem Aschenputtel den jungen Frauen einen goldenen Schuh anprobierte und nur diejenige heiraten wollte, der dieser Schuh passte.

Aus diesen alten Sitten und Gebräuchen entwickelten sich Redewendungen, die bis heute in unserem Sprachgebrauch mit gewandelten Bedeutungen lebendig sind, wie beispielsweise jemand steht in den Schuhen eines anderen für „jemand hat das Amt, die Stelle eines anderen übernommen“,  ich möchte nicht in deinen Schuhen stecken für „ich möchte nicht in deiner Situation sein“ oder den Schuh zieh ich mir nicht an  für „die Kritik, die Vorwürfe gegen mich lasse ich nicht gelten“.


Hund – Haustier, Redewendung und Fast Food

Das Wort Hund begegnet uns nicht nur als Bezeichnung für den geliebten Vierbeiner, sondern findet sich in unserem Sprachgebrauch auch in Redewendungen und Wortfügungen.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In germanischer Zeit wurden Hofhunde, Hirtenhunde und Jagdhunde gehalten. Die althochdeutsche Bezeichnung für den Hofhund lautete hovawart „Hofwart, Hofwächter“ und bezog sich auf die Funktion des Hundes – nicht auf seine Rasse. Die Hunderasse Hovawart wurde erst später gezüchtet.  Der Hofhund war tagsüber angebunden und wurde nachts losgelassen, um das Gehöft zu bewachen. Sein Platz war bei Misthaufen und Düngergruben, die in der Nähe der Viehpferche angelegt waren. Daher wurde der Hund im Mittelalter auch mistbëlle „Mistbeller“ genannt. Unser heutiges Schimpfwort Misthund ist ein später Nachklang dieser Bezeichnung.

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Die Aufgabe der Hirtenhunde war das Hüten von Schafen und Schweinen. Diese Hunde wurden im Mittelalter Schafhund oder Schafrüde, Schweinhund oder Sauhund genannt. Schwein- oder Sauhund waren jedoch nicht nur Bezeichnungen für Hirtenhunde, sondern auch für Jagdhunde, die für die Wildschweinjagd eingesetzt wurden.

Die Jagdhunde hatten ein hohes Ansehen. Auf ihre Aufzucht wurde große Sorgfalt gelegt und sie wurden früh nach Stärke, Schnelligkeit und Abrichtung unterschieden. Schon in althochdeutscher Zeit begegnet der spurihunt „Spürhund“, der der Fährte des Wildes nachspürt, der trībhunt „Treibhund“, der an der Spitze der Meute vorausläuft oder der fogalhunt „Vogelhund“, der für die Jagd auf Vögel abgerichtet wurde. Auf die Jagdhunde geht vermutlich auch der Ausdruck vor die Hunde gehen „zugrunde gehen, untergehen“ zurück, da geschwächtes Wild vor den Jagdhunden nicht flüchten konnte und eine leichte Beute war.

Aus der Zeit als Landsknechte durch die Lande zogen, und versuchten bei den Bauern Lebensmittel zu stehlen, stammt die Redewendung man soll nicht schlafende Hunde wecken. Wer sich an Häuser und Höfe heranschlich, war tunlichst bemüht, die Hunde nicht zu wecken und von ihnen unbemerkt zu bleiben.

Vermutlich auf die streunenden Hunde in Stadt und Land gehen die Redensarten zurück, die sich auf ein schlechtes Leben der Hunde beziehen. Wenn jemand lebt wie ein Hund, dann lebt er sehr ärmlich. Ein anderer Ausdruck für ein elendes Leben ist ein Hundeleben führen. Ebenso gehört die Redewendung sich hundeelend fühlen „sich sehr schlecht, elend fühlen“ in diesen Kontext.

Unklar ist der Ursprung der Redewendung da liegt der Hund begraben für „das ist der Kern der Sache, das ist die Ursache des Problems“. Der Ausdruck taucht erstmals im 17. Jahrhundert auf. Eine mögliche Erklärung wird in den Volkssagen gesucht, in denen Hunde Hüter von unterirdischen Schätzen sind. Das ist eine denkbare Erklärung, aber letztendlich unbefriedigend, da keine plausible Begründung gegeben werden kann, warum der Hund als Synonym für einen Schatz verwendet werden sollte.

Auch im Wort hunzen steckt der Hund. Das Wort hunzen, ursprünglich hundzen, begegnet erstmals im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „jemanden wie einen Hund behandeln“. Daraus entwickelte sich die allgemeine Bedeutung „jemanden misshandeln, verächtlich behandeln, plagen“ oder auch „sich plagen, sich mühen“. Das Wort verhunzen „verderben, verunstalten“ begegnet erst ab dem 18. Jahrhundert und bis Ende des 19. Jahrhunderts war auch das Wort aushunzen „ausschimpfen“ noch in Gebrauch.

Und schließlich haben wir noch den heißen Hund – den Hot Dog. Der Hot Dog ist kein Hund, sondern ein heißes Würstchen, das mit verschiedenen Zutaten in ein aufgeschnittenes Brötchen gelegt wird und Mitte des 19. Jahrhunderts in New York erfunden wurde. Da zu dieser Zeit immer wieder Gerüchte kursierten, in den Würsten würde Hundefleisch verarbeitet werden, erhielt diese Speise den Namen Hot Dog.


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Von Caesar zu Kaiser – Ein Name wird Herrschertitel

Die Spuren von Gaius Iulius Caesar finden sich nicht nur in der Weltgeschichte, sondern auch in den Sprachen. Sein Name wurde zu einem Herrschertitel, zu einem Synonym für Despotismus und zu einem sprachlichen Merkmal von Außergewöhnlichem.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Kaiser geht zurück auf den römischen Feldherrn und Staatsmann Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Chr.). Nach dessen Ermordung durch römische Senatoren entschied sein Großneffe und Nachfolger Octavian (63 v. Chr.-14 n. Chr.), im Andenken an seinen Onkel, den Namen Caesar als Titel zu führen. In die Geschichte ist Octavian mit seinem Ehrentitel Augustus „der Erhabene, Ehrwürdige“ eingegangen. Die nachfolgenden römischen Kaiser übernahmen beide Titel, sodass der offizielle Titel des Herrschers im römischen Reich nun Caesar Augustus war. Unter Hadrian (76-138 n. Chr.) wurde Caesar Augustus der Titel des regierenden Kaisers und Caesar der Titel des Thronfolgers. Seit Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. war Caesar die Amtsbezeichnung der beiden Unterkaiser. ___STEADY_PAYWALL___

Schon sehr früh wurde der Titel Caesar in die germanischen Sprachen entlehnt. Über das Gotische fand der Titel seinen Weg ins Russische, wo er zu Zar verkürzt wurde. Im weiteren Zeitverlauf hat sich Kaiser nur im deutschsprachigen Raum als Titel des obersten Herrschers einer Monarchie erhalten. In den romanischen Sprachen und im Englischen wurde der lateinische Titel imperator „oberster Befehlshaber, Herrscher“ mit der Bedeutung „Kaiser“ weiterverwendet. So wurde aus lateinisch imperator im Französischen empereur, im Italienischen imperatore, im Spanischen emperador und im Englischen emperor.

Die machtpolitischen Bestrebungen Caesars und das Missfallen seiner Zeitgenossen daran, machte seinen Namen auch zu einem Synonym für Despotismus. So stehen die Worte Cäsarismus bis heute für „despotische Staatsgewalt“ und Cäsarenherrschaft und Cäsarentum für „diktatorische Herrschaft“.

Während der Habsburgermonarchie wurde das Wort Kaiser in Zusammensetzungen zu einer beliebten Markierung von Außergewöhnlichem, Besonderem, des Besten oder Größten, wie beispielsweise Kaiserwetter, Kaiseradler, Kaisersemmel, Kaiserfleisch oder Kaiserschmarrn. In Salzburg erinnerte 225 Jahre lang die Kaiserbuche an Kaiser Joseph II. (1741-1790), die 1779 anlässlich seines Besuches gepflanzt wurde und 2004 einem Sturm zum Opfer fiel.

Eine andere Geschichte liegt dem Wort Kaiserschnitt zugrunde. Dieses Wort geht zurück auf eine Etymologie des römischen Gelehrten Plinius d. Ä. (ca. 24-79 n. Chr.), der schrieb, der Name Caesar würde sich von lateinisch caedere „(heraus)hauen, aufschneiden“ ableiten, weil der erste Träger dieses Namens aus dem Mutterleib herausgeschnitten worden wäre. Aufgrund dieser Etymologie wurde diese Operation sectio caesarea „cäsarischer Schnitt“ genannt, woraus in der deutschen Übersetzung Kaiserschnitt wurde. Im Mittelalter bezeichnete sectio caesarea eine operative Entbindung, bei der den Frauen, die vor oder während der Geburt starben, das Kind aus dem Leib geschnitten wurde, um es zu retten oder beide getrennt begraben zu können. Als Entbindungsoperation im heutigen Sinne wurde der Kaiserschnitt erstmals um 1500 durchgeführt.

Im Französischen und Italienischen blieb Caesar ein Eigenname, wurde jedoch zu einem männlichen Vornamen umgewandelt – im Französischen zu César und im Italienischen zu Cesare. In Verbindung mit dem Familiennamen Borgia erhielt der Name Cesare wieder eine machtpolitische Färbung. Cesare Borgia (1475-1507), Sohn von Papst Alexander VI. (1431-1503), war ein skrupelloser Renaissancefürst. Er war das Vorbild von Niccolò Machiavelli’s (1469-1527) Werk Il Principe: der ehrgeizige, skrupel- und gewissenlose Fürst, der sich jeden Mittels – auch dem des Verbrechens – bedient, um seine Ziele zu verwirklichen. Mit Il Principe machte sich Machiavelli einen Namen als Staatstheoretiker. Im heutigen Sprachgebrauch begegnet er uns im Wort Machiavellismus, das eine politische Praxis bezeichnet, bei der Machtpolitik mit allen Mitteln – ohne Rücksicht auf moralische Werte – praktiziert wird.


Stuhl – Gestell, Herrschersitz und Sitzmöbel

Mit dem Wort Stuhl bezeichnen wir im Allgemeinen ein Sitzmöbel, auf dem eine Person sitzen kann. Das Wort kann aber auch eine Bezeichnung für ein Gestell, ein Gericht oder eine Herrschaft sein.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Stuhl ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und hatte ursprünglich die Bedeutung „Gestell“. Diese alte Bedeutung hat sich bis heute in den Worten Dachstuhl und Glockenstuhl erhalten. Der Dachstuhl ist ein Gerüst, auf dem das Dach aufliegt. Der Glockenstuhl ist ein Aufbau, in dem die Glocke hängt. ___STEADY_PAYWALL___

In althochdeutscher Zeit bezeichnete das Wort stuol den Sitz eines Herrschers, Fürstens, Richters, kirchlichen Würdenträgers oder des Hausherrn. Der stuol war oft nicht nur für eine Person ausgelegt, sondern konnte auch eine Bank sein, auf der mehrere Personen gleichen Ranges sitzen konnten. Zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert gestalteten vor allem die fränkischen Könige den stuol zu einem Thron des Herrschers, der nur mehr für eine Person bestimmt war. Der Sitz erhielt eine Rücklehne, Armlehnen und Kissen. Dadurch verengte sich die Bedeutung des Wortes stuol zu „Sitz für einen Einzelnen“.

Mit der Zeit verlor sich auch die enge Bedeutung „Herrschersitz, Herrensitz, Thron“, so dass Stuhl zu einer allgemeinen Bezeichnung für einen Ein-Personen-Sitz wurde. Der Herrschersitz wird nun sprachlich in Zusammensetzungen hervorgehoben: Kaiserstuhl, Königsstuhl, Fürstenstuhl, Bischofsstuhl, usw. Seit dem 12. Jahrhundert wird auch der Sitz des Papstes als heiliger Stuhl, apostolischer Stuhl oder Stuhl Petri bezeichnet. Diese Ausdrücke beziehen sich jedoch nicht nur auf das Sitzmöbel, sondern werden auch als Bezeichnungen für die päpstliche Macht und Herrschaft verwendet.

Wie die Herrscher, so saßen auch die Richter auf erhöhten Stühlen, den Richterstühlen. Der Richter wurde daher in althochdeutscher Zeit auch stuolsâzo „Stuhlsasse“ genannt. Der Wortteil -sasse „Sitzender“ ist heute noch in den Worten Insasse „jemand, der sich in einem Fahrzeug oder Gebäude befindet“ und ansässig „wohnend, lebend“ erhalten. In manchen Regionen wurde der Vorsitzende eines Gerichtshofs Stuhlrichter genannt. Dadurch wurde das Wort Stuhl auch synonym für das Gericht oder eine Gerichtsstätte. So können Ortsbezeichnungen, wie beispielsweise Kaiserstuhl oder Königsstuhl, Nachklänge auf alte Gerichtsstätten sein. Bereits im Mittelalter gab es schon Gerichtsschreiber, die auch stuolschrîber „Stuhlschreiber“ genannt wurden. Im Alltagsleben konnten die stuolschrîber auch Lohnschreiber sein, die für Menschen, die des Schreibens nicht mächtig waren, Briefe und Schriftstücke verfassten.

Auch der einst erhöhte Sitz des Lehrers und im Besonderen des Hochschullehrers hat sich sprachlich im Wort Lehrstuhl niedergeschlagen. Heute bezeichnet Lehrstuhl jedoch nicht mehr einen Sitz des Lehrers, sondern eine planmäßige Stelle eines Professors an einer Universität.

Ab dem 14. Jahrhundert wurden die Handwerker, die Stühle herstellten, stuoler „Stuhler“ genannt. Diese Wortbildung ist vergleichbar mit der ebenfalls schon im Mittelalter belegten Bezeichnung Tischer oder Tischler „Handwerker, der Tische fertigt“.

Und schließlich haben sich die Stühle in unserem Sprachgebrauch auch in Redewendungen niedergeschlagen. Wenn jemand zwischen zwei Stühlen sitzt, dann befindet sich jemand zwischen zwei Möglichkeiten oder Parteien und hat es sich mit beiden Seiten verscherzt. Der Ausdruck einem den Stuhl vor die Tür setzen „jemanden aus dem Haus jagen, jemanden kündigen“ ist ein alter Rechtsterminus, der seit dem 16. Jahrhundert belegt ist und ursprünglich als symbolische Handlung für einen Rauswurf oder eine Kündigung ausgeführt worden sein dürfte.


Reinhard Sampl - Aquarell

Hexe – Vom unfreundlichen Geistwesen zur weisen Frau

Das Wort Hexe ist seit dem 10. Jahrhundert belegt und geht zurück auf das althochdeutsche Wort hagzussa, hâzussa mit dem ein weibliches Geistwesen bezeichnet wurde, dessen Wirkungskreis bis zum Hag, bis zur Einzäunung der Gehöfte reichte.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In den frühen Textbelegen wird die hagzussa mit den römischen Furien und den griechischen Erinnyen gleichgesetzt. Furien und Erinnyen waren weibliche Rachegeister, die ihren Wohnsitz in der Unterwelt hatten, dort die Verdammten quälten und zur Erde aufstiegen, um Verbrecher zu verfolgen. Für Furien und Erinnyen wurde jedoch nicht nur das Wort hagzussa verwendet, sondern auch die althochdeutschen Worte helliwinna, eine Zusammensetzung aus hella „Unterwelt“ und winnan „wüten, toben, rasen“, und unholde.

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Holde und Unholde waren Bezeichnungen für Geistwesen, die einen freundlichen (hold) oder unfreundlichen Charakter (unhold) hatten. Auf das althochdeutsche Wort hold „gewogen, geneigt, zugetan“ geht auch Holdâ zurück, eine freundliche, milde, gnädige Göttin. Ein später Nachklang dieser Göttin findet sich bis heute in der Märchenfigur Frau Holle. Das Wort Unhold wurde nicht nur für die Rachegeister verwendet, sondern diente auch als Bezeichnung für den Teufel und hat sich bis heute mit der Bedeutung „böser Geist, bösartiger Mensch“ erhalten. Aufgrund der sprachlichen Verknüpfung von Furien, Erinnyen helliwinna und unholde mit hagzussa, lässt sich hagzussa als ein Wort der religiösen Sphäre verorten, das in althochdeutscher Zeit unfreundliche weibliche Geistwesen der Oberwelt und der Unterwelt bezeichnete.

Im Mittelhochdeutschen wandelte sich die althochdeutsche Wortform hagzussa zu hecse. In der Zeit zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert finden sich zu hecse kaum Belege. Das Wort wurde nur vereinzelt verwendet und zeigte starke Tendenzen zu veralten. Dies änderte sich, als hecse von den Gelehrten mit dem lateinischen Wort striga gleichgesetzt wurde.

Die striga findet sich bei den römischen Dichtern seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. In deren Beschreibungen ist sie ein gieriger Vogel, der nachts fliegt, Kinder aus der Wiege raubt, sie mit dem Schnabel zerhackt und ihr Blut trinkt. Oder sie ist ein Wesen, das Männern die Eingeweide herausreißt. Bis ins 6. Jahrhundert entwickelten sich die Vorstellungen zur striga vom dämonischen Wesen hin zu real lebenden Menschen – und zwar sowohl Männern als auch Frauen. So schreibt Bischof Isidor von Sevilla (ca. 560-636 n. Chr.) in seiner Enzyklopädie, manche Menschen würden glauben, die Strigen seien Verbrecher, die ihre Gestalt durch magische Gesänge oder Kräutergifte in wilde Tiere verwandeln könnten.

Im Mittelalter verknüpften die Theologen und Gelehrten die Charakteristika der striga mit Elementen der Ketzerei. Daraus schnürten sie das Paket des Hexenmusters, das durch Schadenzauber, Teufelsanbetung, Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexensabbat und Hexenflug gekennzeichnet ist und in der Verschwörungstheorie der secta strigarum, der „Hexensekte“, gipfelte. Um die theologische und universitäre Diskussion, die über viele Jahrhunderte in Latein geführt wurde, unter das Volk zu bringen, benötigten die Theologen und Gelehrten für das lateinische Wort striga ein Wort aus der deutschen Sprache. Sie verwendeten dafür das Wort Hexe. Dadurch wurde das Wort wiederbelebt und findet sich ab Anfang des 15. Jahrhunderts in Schweizer Ratsprotokollen und Chroniken. Von der Schweiz aus breitete sich das Wort Hexe wieder über den gesamten deutschen Sprachraum aus, und zwar mit der Bedeutung, die uns aus den jahrhundertelangen Hexenverfolgungen bekannt ist.

Im 20. Jahrhundert wurde das Wort Hexe von der Frauenbewegung neu belebt, in „weise Frau“ umgedeutet und mit einer positiven Wertung versehen. Merkmale dieser Bewegung sind der Wicca-Kult und die Wiederbelebung vorchristlicher religiöser Elemente.


Federn

Federn – Schmuck, Füllmaterial und Schreibgeräte

Federn werden von Menschen als Schmuck getragen, als Schreibgerät genutzt und zur Füllung von Pölstern und Jacken verwendet. Diese vielseitigen Verwendungen spiegeln sich in unserem Sprachgebrauch wider.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Federn wurden von den Menschen seit je her als Schmuck getragen. Die Handwerker, die aus Vogelfedern Schmuckfedern fertigten, wurden Federschmücker oder Federputzer genannt. Die Federschmücker reinigten, schnitten und färbten die Federn, die danach als Schmuckfedern auf Hüten, Helmen, Perücken, Kleidern und Taschen getragen oder zu Fächern verarbeitet wurden.

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Auch als Füllmaterial für Pölster und Decken wurden und werden Federn verwendet. Daraus entwickelte sich im Sprachgebrauch eine synonyme Verwendung des Wortes Federn für Bett. Wir sagen er/sie liegt noch in den Federn, wenn jemand noch im Bett liegt. Oder wir sagen Raus aus den Federn!, wenn wir jemanden auffordern, aus dem Bett aufzustehen.

Das Wort Feder findet sich auch in den Ausdrücken ohne viel Federlesens oder nicht viel Federlesen machen. Diese Ausdrücke haben heute die Bedeutung „etwas ohne große Umstände machen, etwas ohne viel Aufhebens machen, kurzen Prozess machen“. Das Wort Federlesen geht zurück auf das Ablesen der Federn und Fusseln von Kleidern und ist bereits im Mittelalter belegt. Federlesen ist eine Zusammensetzung aus den Worten Feder und lesen. Das Wort lesen zeigt sich hier mit seiner ursprünglichen Bedeutung „sammeln“. Diese alte Bedeutung hat sich auch in den Worten auflesen „aufsammeln“ und Weinlese „Weinernte“ erhalten. Die heutige Verwendung von lesen „ein Buch, einen Text, usw. lesen“ entwickelte sich aus der Bedeutung „den Schriftzeichen folgen, die Schriftzeichen auflesen“. Das mittelhochdeutsche Wort vëderlesen hatte jedoch auch die abwertende Bedeutung „schmeicheln“. Wer um die Gunst von Höhergestellten warb, der entfernte beflissen kleine Flaumfedern, die sich auf deren Gewändern befanden. Ein solches Verhalten wurde als schmeichelnde Dienstleistung, als Schmeichelei angesehen. Im Mittelalter wurden Schmeichler daher auch verächtlich vëderstrîcher „Federstreicher“ genannt.

Die Kiele von Federn dienten früher zum Schreiben. Daher bezeichnet das Wort Feder auch ein Schreibgerät. Bereits im 8. Jahrhundert wird das althochdeutsche Wort fedara sowohl mit der Bedeutung „Vogelfeder“ als auch „Schreibfeder“ verwendet. Und im Mittelhochdeutschen begegnet uns dann das Wort schrîbvëder „Schreibfeder“. Im 19. Jahrhundert verdrängten Metallfedern nach und nach die Federkiele. Wie in vielen anderen Fällen, in denen sich Material und/oder Form von Gegenständen änderten, blieben auch hier die einmal eingeführte Bezeichnungen Feder, Schreibfeder weiterhin in Verwendung.

Sprachliche Nachklänge auf die jahrhundertelang verwendeten Federkiele als Schreibgeräte haben sich bis heute erhalten. Wenn jemand kritische und boshafte Texte schreibt, dann sagen wir jemand schreibt mit spitzer Feder. Vom Schreiben kommt auch die abwertende Bezeichnung Federfuchser eigentlich „der Schreiber, der andere durch seine Pedanterie ärgert“. Das Wort begegnet erstmals im 18. Jahrhundert und wird heute für Menschen verwendet, die pedantisch auf die Einhaltung von Vorschriften bestehen. Und auch der Federstrich hat sich bis heute sprachlich erhalten. Die eigentliche Bedeutung des Wortes Federstrich ist „ein Strich, der mit einer Feder gezogen wird“. Heute hat der Ausdruck etwas mit einem Federstrich machen die Bedeutung „etwas wurde schnell bewilligt, erledigt, vernichtet oder beendet“ angenommen.


Weichselbaumblüte

Ostern – Ein christliches Fest mit vorchristlichem Namen

Das Fest zur Auferstehung Christi trägt im Deutschen den Namen Ostern und im Englischen den Namen Easter. Dieser Name ist insofern auffällig, da er nur in diesen beiden Sprachen verwendet wird.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In vielen europäischen Sprachen wird das Fest zur Auferstehung Christi mit Namen bezeichnet, die sich von dem hebräischen Wort pésach ableiten. So zum Beispiel lateinisch pascha, italienisch Pasqua, französisch Pâques, schwedisch Påsk, norwegisch Påske, dänisch Påske. Da die Kreuzigung und Auferstehung Christi zur Zeit des jüdischen Pessah-Festes stattfand, haben die frühen Christen diese Bezeichnung für ihr eigenes Fest übernommen und im christlichen Sinne umgedeutet.

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Im Englischen und Deutschen hingegen trägt dieses Fest einen anderen Namen: Easter im Englischen und Ostern im Deutschen. Die Gründe, warum dieser Namen nur in diesen beiden Sprachen verwendet wird und nicht auch in anderen germanischen Sprachen, sind nicht endgültig geklärt. Von den verschiedenen Erklärungsversuchen erscheint jene Annahme am plausibelsten, die für den Namen Ostern eine Entlehnung aus dem Angelsächsischen annimmt.

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Der älteste Beleg findet sich in den Schriften des angelsächsischen Benediktinermönchs und Gelehrten Beda Venerabilis (ca. 672-735 n. Chr.). Nach Beda habe der Eosturmonath „Ostermonat“ seinen Namen von der Göttin Eostre, der zu Ehren im April Feste gefeiert wurden. Dieser alte Name sei beibehalten worden, auch wenn nun in diesem Monat das christliche Fest der Auferstehung gefeiert werde. Eostre könnte der Name einer angelsächsischen Frühlingsgöttin gewesen sein, aber auch eine Bezeichnung für den Tagesanbruch im Osten – altenglisch éast. Nach christlicher Lehre fand die Auferstehung Christi zur Zeit des Tagesanbruchs statt. Daher könnte die angelsächsische Benennung des Festes auch nach dem angenommenen Zeitpunkt der Auferstehung erfolgt sein. Aufgrund der Textstelle bei Beda wurde lange Zeit vermutet, es könnte als Entsprechung für die Göttin Eostre eine althochdeutsche Göttin Ostara gegeben haben. Da es jedoch für eine Göttin Ostara bis heute keine Belege gibt, ist diese Annahme sehr zweifelhaft.

Weite Teile des deutschen Sprachraums wurden im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. von angelsächsischen Mönchen und Priestern christianisiert. Mit dem Christentum gelangten viele neue Begriffe und Wörter in die Sprachen der missionierten Völker. Es ist daher denkbar, dass die zum Christentum Bekehrten von den angelsächsischen Missionaren, gemeinsam mit den vielen anderen neuen Wörtern des Christentums, auch die Bezeichnung für das Fest der Auferstehung übernommen haben. So wird bereits im ältesten Sprachdenkmal der deutschen Sprache, dem Abrogans aus dem 8. Jahrhundert, das lateinische Wort pascha „Ostern“ mit Ostarun übersetzt.

Auch am Hof und an der Hofschule Karls d. Großen (ca. 747-814 n. Chr.) hatten viele angelsächsische Gelehrte einflussreiche Positionen inne. Als Karl in seinem Reich die lateinischen Monatsnamen durch deutsche Namen ersetzte, wurde der lateinische Monatsname Aprilis in den althochdeutschen Namen Ostarmanoth „Ostermonat“ geändert, da das Osterfest meistens im April stattfindet. Auch bei dieser Benennung kann von einem Einfluss der angelsächsischen Gelehrten ausgegangen werden.

Fixer Bestandteil von Ostern sind die Ostereier. Mit dem Wort Osterei wurde zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert eine Naturalabgabe bezeichnet, die zu Ostern den Pfarrern, Küstern, Lehrmeistern oder auch Schulmeistern abzuliefern war. In manchen Teilen Deutschlands wurde diese Abgabe auch Gründonnerstagseier genannt, weil der Abgabetermin der Gründonnerstag war. Als Geschenk für die Kinder am Ostersonntag finden sich die Ostereier erst ab dem 17. Jahrhundert.

Neben Eiern mussten zu Ostern auch andere Naturalabgaben abgeliefert werden. Diese Abgaben wurden nach dem Termin, an dem sie fällig waren, benannt, wie zum Beispiel Osterkalb, Osterlamm, Osterhuhn, Osterkäse, Osterlaib oder Osterfladen. Und schließlich konnten zu Ostern auch Geldabgaben fällig sein, die Ostersteuer, Osterzehnt oder auch Ostergeld genannt wurden.


Weiderinder

Vieh – Nutztier, Zahlungsmittel und Schimpfwort

Mit dem Wort Vieh wurden ursprünglich Kleinvieh und Schafe bezeichnet und erst im weiteren Zeitverlauf auch größere Nutztiere. Das Vieh war jedoch nicht nur ein Nutztier, sondern auch ein wichtiges Tausch- und Zahlungsmittel.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In den ältesten Belegen aus dem 8. Jahrhundert wird das Wort Vieh überwiegend als kollektive Bezeichnung für zahme Nutztiere verwendet, die dem Menschen Nahrung und Material für Kleidung lieferten. Neben diesem kollektiven Gebrauch von Vieh konnte das Wort aber auch als Bezeichnung für ein einzelnes Tier verwendet werden. Schon früh wurde Vieh nicht mehr nur für Kleinvieh und Schafe verwendet, sondern auch für andere Nutztiere. Durch diese Ausweitung wurde das Wort Vieh zu allgemein und zu unspezifisch. Deshalb entstanden zur sprachlichen Unterscheidung der verschiedenen Tiere genauere Bezeichnungen, wie zum Beispiel Federvieh, Rindvieh oder Kuhvieh, Schafvieh, Rossvieh, Geißvieh, Schweinvieh oder Borstenvieh.

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Auch die unterschiedliche Nutzung der Tiere fand ihren sprachlichen Niederschlag. Das Mastvieh ist das Vieh, das gemästet wird, das Schlachtvieh ist das Vieh, das geschlachtet wird im Gegensatz zum Lebvieh, das aufgezogen wird, um es leben zu lassen.

Und auch in Bezug auf die Größe der Tiere wird sprachlich zwischen Großvieh und Kleinvieh unterschieden. Der Ausdruck Kleinvieh findet sich auch im allgemeinen Sprachgebrauch in der Redensart auch Kleinvieh macht Mist mit der Bedeutung „auch kleinere Erträge sind von Nutzen, weil sie sich zu größeren summieren“.

Das Nutzvieh diente jedoch nicht nur zur Produktion von Nahrungsmitteln und Materialien, wie Wolle oder Leder, sondern war auch ein wichtiges Tausch- und Zahlungsmittel. So waren jene, die einen großen Viehbestand besaßen, die Reichen und Vermögenden. Das lateinische Wort pecunia „Vermögen“ leitet sich daher von lateinisch pecus „Vieh, Kleinvieh“ ab. Als das Zahlungsmittel Vieh durch Geld und Münzen abgelöst wurde, erhielt pecunia die Bedeutung „Geld“. Das wohl bekannteste Zitat mit dem Wort pecunia ist ein Ausspruch des römischen Kaisers Vespasian (9-79 n. Chr.), der zur Erhöhung der Staatseinnahmen eine Latrinensteuer einführte. Als er von seinem Sohn dafür kritisiert wurde, antwortete er ihm pecunia non olet „Geld stinkt nicht“. Das Wort pecunia hat sich bis heute in unserem Wort pekuniär „das Geld betreffend; finanziell“ erhalten. Aber nicht nur die Römer zahlten einst mit Vieh. Auch im Englischen ist bis heute ein Nachklang dieser alten Zahlart in dem Wort fee „Gebühr, Honorar“ erhalten, das auf das altenglische Wort feoh „Vieh“ zurückgeht.

Da das Vieh lange mit Dummheit, Unvernunft und Rohheit gleichgesetzt wurde, entwickelte sich das Wort Vieh mit der Zeit auch zu einem Schimpfwort für Menschen mit der Bedeutung „roher, brutaler Mensch“. Aber auch in Zusammensetzungen finden sich Schimpfwörter, wie zum Beispiel Rindvieh „dummer Mensch“ oder Rabenvieh „schlechter Mensch, böse Frau“. Dieser abwertende Gebrauch von Vieh wirkte sich auch auf die Bezeichnung der Ärzte aus, die kranke Tiere behandeln. War ursprünglich die Bezeichnung Vieharzt üblich, wurde diese ab dem 18. Jahrhundert nach und nach durch Tierarzt ersetzt.


Kraut – Nutzpflanze, Arznei und Gewürz

Das Wort Kraut war ursprünglich eine allgemeine Bezeichnung für kleinere grüne Blätterpflanzen, die für Mensch und Vieh essbar sind. Im Gegensatz dazu wurden unbrauchbare grüne Blätterpflanzen als Unkraut bezeichnet.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Kraut ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und war in althochdeutscher Zeit eine allgemeine Bezeichnung für kleinere grüne Blätterpflanzen, die essbar sind. Mit dem althochdeutschen Wort krūt wurde Gemüse, im speziellen Gemüsekohl und Kopfsalat, Gras, Würz- und Heilkräuter bezeichnet. Das Wort krūt wurde jedoch nicht nur für die gesamte Pflanze verwendet, sondern konnte auch nur die grünen Blätter und Stängel von Nutzpflanzen bezeichnen. In mittelhochdeutscher Zeit hatte krût die Bedeutung „Gemüse, Kraut, Kräuter“. Das krûtbette war ein Gemüsebeet, der krûtgarte ein Gemüsegarten, der krûttisch der Gemüsestand am Markt.

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Unser heutiges Wort Gemüse begegnet erst im 15. Jahrhundert und ist eine Kollektivbildung zu Mus „Brei, zerkleinerte Nahrung“. Kollektivbildungen sind Sammelbezeichnungen für eine Gruppe von Elementen mit gleichen oder ähnlichen Merkmalen oder Eigenschaften, wie beispielsweise Gestüt zu Stute, Gebüsch zu Busch oder Gebirge zu Berg. Das Wort Mus hatte ursprünglich die Bedeutung „Speise, Essen“ im Allgemeinen. Diese allgemeine Bedeutung wurde mit der Zeit auf „Brei, zerkleinerte Nahrung“ eingeengt. Für das Wort Gemüse entwickelte sich daraus die heutige Bedeutung „pflanzliche Nahrung, essbare Pflanzen“.

Die Bedeutungsentwicklung des Wortes Gemüse bewirkte eine Änderung im Gebrauch des Wortes Kraut. Im heutigen Sprachgebrauch hat sich die alte Verwendung von Kraut bei den Bezeichnungen Weißkraut, Blaukraut und Rotkraut erhalten. Auch wird das verarbeitete Weißkraut, das Sauerkraut, häufig nur kurz Kraut genannt.

Mit Kraut wurden jedoch nicht nur essbare Nutzpflanzen bezeichnet, sondern auch Pflanzen, die zur Behandlung von Krankheiten geeignet waren. Diese alte Verwendung von Kraut hat sich bis heute erhalten, wird jedoch zumeist mit dem Wort Heilkraut oder Heilkräuter näher spezifiziert. Für diese Kräuter wurden früher in den katholischen Kirchen jedes Jahr am 15. August zu Mariä Himmelfahrt eigene Messen gehalten, in denen die Kräuter geweiht wurden. Diese Messen wurden Krautmesse genannt, die Weihe der Kräuter Krautweihe oder Wurzweihe.

Das Wort Kraut stand aber auch für Gewürz, wie zum Beispiel im Wort Küchenkräuter. Und auch bei Gartenkräutern handelt es sich heute nicht um Kohl oder Gemüse, sondern um Kräuter, die zum Würzen oder für Heilzwecke geeignet sind.

Rund um Kraut haben sich auch umgangssprachliche Redewendungen erhalten. Der Ausdruck etwas schießt ins Kraut „etwas nimmt rasch zu, etwas nimmt überhand“ bezog sich ursprünglich auf Pflanzen, wie zum Beispiel Kartoffeln, die zu viele Blätter austrieben und dadurch nur kleine Knollen oder Früchte hatten. Zum gekochten Kraut wurde früher Schmalz hinzugegeben, damit das Essen fetter wurde. Daraus entstand die Redewendung das macht das Kraut fett mit der Bedeutung „das hilft, das macht es besser“. Von diesem Ausdruck leitet sich die heutige Redewendung das macht das Kraut auch nicht fett ab mit der Bedeutung„das nützt auch nichts, das hilft nicht viel“.


Optik Frewein

Brille – Sehhilfe und Sitzplatz

Die Bezeichnung Brille für Augengläser ist seit dem 15. Jahrhundert belegt und leitet sich von dem Material ab, das für die Herstellung der ersten Sehhilfen verwendet wurde – den farblosen Beryllen. Brillen tragen wir jedoch nicht nur im Gesicht, sondern wir sitzen auch darauf. Nämlich dann, wenn es sich um Klobrillen handelt.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Der Beryll ist ein durchsichtiger Halbedelstein, der im
Mittelalter in Reliquiare und Monstranzen eingeschliffen wurde, damit der
Inhalt sichtbar blieb. Das mittelhochdeutsche Wort berille „Beryll“ findet sich ab dem 12. Jahrhundert und geht auf das
lateinische Wort beryllus zurück, das
die Römer aus dem Griechischen übernommen hatten. Die griechische Bezeichnung bḗryllos wiederum wurde zur Zeit des
Hellenismus aus der mittelindischen Literatursprache des Buddhismus, dem Pāli,
entlehnt.

Für die Herstellung der ersten Sehhilfen wurden Berylle geschliffen,
da zu dieser Zeit noch kein Glas hergestellt werden konnte, das den Anforderungen
für Augengläser entsprochen hätte. Diese Sehhilfen wurden nach dem Material benannt,
aus dem sie hergestellt waren – den Beryllen. Vergleichbar ist diese Benennung
mit dem Wort Glas, das wir sowohl als
Bezeichnung für das Material als auch als Bezeichnung für die Gegenstände
verwenden, die aus diesem Material hergestellt werden – die Gläser. Als für die
Herstellung der Brillen Glas verwendet werden konnte, wurde der einmal
eingeführte Name Brille beibehalten.

Brillen wurden lange Zeit – vor allem für Frauen – als unattraktiv
angesehen. Als abwertende Bezeichnung für brillentragende Frauen findet sich in
der Umgangssprache seit Anfang des 20. Jahrhunderts das Wort Brillenschlange. Geprägt wurde dieses
Wort zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Bezeichnung für eine Kobra, die auf der
Rückseite eine Zeichnung trägt, die an eine Brille erinnert.

Und schließlich darf in Zeiten des großen Begehrens nach
Klopapier beim Thema Brille die Klobrille nicht unerwähnt bleiben, die zwar nicht
die Sehkraft erhöht, aber wesentlich zum Sitzkomfort am stillen Örtchen
beiträgt.


Zimmerleute auf der Walz

Geselle – Vom Hausgenossen zum Handwerksburschen

Mit dem Wort Geselle wurde ursprünglich jemand bezeichnet, der mit anderen Menschen das gleiche Haus bewohnt. Daraus entwickelte sich die Bedeutung „Freund und Begleiter“, zu der im Mittelalter die Bedeutung „Handwerksbursch“ hinzukam.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Geselle
ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und geht zurück auf althochdeutsch sal „Saal“, das ursprünglich den
Innenraum eines Einraumhauses bezeichnete. Diese Häuser wurden von Mensch und
Vieh als Unterkunft und als Lagerort für Vorräte genutzt. Der Geselle war daher
jemand, der mit anderen die Unterkunft teilt, der Saalgenosse, der Hausgenosse.

Schon im 9. Jahrhundert hatte sich das Bedeutungsspektrum von althochdeutsch gisello zu „gleichgestellter Gefährte, Freund, Begleiter, Kollege“ geweitet. So war beispielsweise der herigisello der Heergeselle, der Kriegsgefährte. In mittelhochdeutscher Zeit wurde die Bedeutung auf „Geschäftspartner, Gehilfe bei der Arbeit, Teilhaber, Bundesgenosse“ erweitert. So wurden in nahezu allen Lebensbereichen Menschen, die gemeinsam etwas unternahmen, als Gesellen bezeichnet.

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Gemeinsam Reisende waren Reisegesellen oder Weggesellen. Hilfsgeistliche, Diakone und Kaplane wurden auch Pfarrgeselle oder Gesellpriester genannt. Menschen, die gemeinsam spielten waren Spielgesellen. Und bei Luther findet sich auch der Schachgeselle, der Freund, mit dem man Schach spielt.

Auch Amtskollegen und Menschen gleichen Standes wurden Gesellen genannt. Wenn es hieß der Fürst kam mit seinen Gesellen zusammen,
so war dies nicht ein Treffen des Fürsten mit seinen Untergebenen, sondern ein
Treffen von gleichrangigen Herrschern. Im Geschäftsleben wurden
Geschäftspartner ebenfalls als Gesellen bezeichnet.
So war beispielsweise der stumme Geselle
ein stiller Teilhaber.

Ab dem 14. Jahrhundert wird die Bezeichnung Geselle auch für die Gehilfen der
Handwerker verwendet. Im Verlauf der Zeit verfestigte sich diese Verwendung des
Wortes Geselle und wurde im
Sprachgebrauch auf die Bedeutung „Handwerksbursch“ eingeengt. Bei den
Handwerksburschen wurde zwischen Junggeselle
und Altgeselle unterschieden. Der
Junggeselle war derjenige Geselle, der als letzter in einem Handwerksbetrieb
aufgenommen worden war. Die Bedeutung „unverheirateter Mann“ für Junggeselle entwickelte sich erst im
allgemeinen Sprachgebrauch und ist bis heute gültig.

Eine andere Bedeutungsentwicklung nahm das Wort Spießgeselle. Spießgeselle war ursprünglich eine neutrale Bezeichnung für
Waffengefährten, die im Krieg einen Spieß trugen. Der Spieß war eine lange
Stangenwaffe mit einer eisernen Spitze, mit denen die Fußsoldaten und die
Landsknechte ausgerüstet waren. Die negative Bedeutung „Teilnehmer und Gehilfe
bei einer üblen Unternehmung“ entwickelte sich aus dem schlechten Ruf der
Landsknechte, die mordend und raubend durch das Land zogen.

Die alte Bedeutung des sich Zusammenfindens hat sich bis
heute in der Redewendung Gleich und
gleich gesellt sich gern
erhalten.