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Kulturland_Mordskapital

Wie beiläufig erreichen uns die Nachrichten, dass nun die 12-Stunden-Woche legalisiert und damit die angeblich zeitgemäße Arbeitszeitflexibilisierung vollzogen werde. Ungläubig öffne ich die Fenster, um den Aufschrei zu hören, der sich doch aus allen Häusern und aus jeder Ecke des Landes erheben müsste.

Peter ReuttererVon Peter Reutterer, Autor und Kulturvermittler

Aber nur ein Flüstern höre ich, ein wenig gewerkschaftlicher Widerstand findet statt (ja, die Gewerkschafter sind leise geworden in den beiden letzten Jahrzehnten und haben wohl nur noch untrainierte Stimmen) und eine Erklärung der Bischöfe, die Österreichs Bevölkerung überhaupt darauf aufmerksam macht, dass mit dem neuen Arbeitszeitgesetz auch die Verbindlichkeit einer Sonntagsruhe abgesetzt ist.

Aber was hier geschieht, ist ein Umbruch, der mich befürchten lässt, dass nun der ungeschminkte Kapitalismus, der naturgemäß über Leichen geht, sein Mordshandwerk auszuüben droht. Denn natürlich ist es eben diesem Kapitalismus egal, wenn das Unfallrisiko um ein Drittel steigt, keine Rolle spielt es für diesen, wenn ein Berufstätiger seine Familie nicht mehr zu Gesicht bekommt, wenn nur die Gewinnrechnung für den Unternehmer, zumeist einen Konzern, stimmt.

Was zerstört wird, ist einfach zu benennen: Die Abstumpfung menschlicher Wahrnehmung und Kreativität soll nun finalisiert werden. Ein Mensch, der mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, kann nicht mehr auf eine humane Weise wahrnehmen, fühlen und denken. Dafür ist kein Spielraum mehr.

Aber diese Veränderung ist keine Überraschung, die kapitalen Mechanismen zielen auf Quantitäten, nicht Qualitäten ab. Fühlend Wesen sind nicht mehr vonnöten. Nur so ist es auch erklärbar, dass kaum jemand den aktuellen Umbruch in einen uns offensichtlich zerstörenden Kapitalismus wahrnimmt. Viele spüren nichts mehr, wenn sie nach einem stressvollen Arbeitstag nach Hause kommen. Ist halt ökonomisch notwendig und sichert die Wettbewerbsfähigkeit, lautet die banale wie brutale Argumentation der Wirtschaftsliberalen.

Mir fuhr bereits damals der Schreck in die Knochen, als man in der Schule Inhalte durch Kompetenzen ersetzte. Funktionieren ist das neue Bildungsziel. Es ist nur logisch, dass die Entmenschlichung weiter vorangetrieben wird. Und offenbar sind unsere demokratiepolitischen Instrumente bereits so ausgehöhlt, dass man vor ein paar Jahren noch Undenkbares einfach verordnen kann, man nennte es euphemistisch Initiativantrag.

Als nachgeordnete Fußnote erscheint es, jetzt noch darauf hinzuweisen, dass ein enthumanisiertes Arbeitstier nichts Schönes mehr wahrnehmen kann. Somit werden die Künste in einem Kulturland wie Österreich absterben, aus dem Schulbetrieb werden sie bereits seit Jahren zurückgedrängt.

Um zum Schluss zu kommen: Wer noch Wert auf Beziehungen legt, wer den Wind in den Wäldern und die Tonfolgen Mozarts auch noch in den kommenden Jahrzehnten empfinden will, der muss nun seine Stimme erheben.

Und in aller Brutalität hochgerechnet: In absehbarer Zeit werden wir andernfalls vom System Ausgespuckte nicht mehr nur an den Grenzzäunen Europas vorfinden. Enthemmter Kapitalismus mordet eben, erst Sinne und Sinn, dann auch den ganzen Menschen.


**Nobelpreisverdächtig Foto: KTraintinger

Endlich ist wieder ein Roman von Peter Handke erschienen. „Die Obstdiebin“ nimmt den Leser mit großer Selbstverständlichkeit hinein in das Wandern des Dichters. Dieser Roman, dessen Plot kaum zu erzählen ist, nimmt einen hinein in eine zweite poetische Wirklichkeit, die nur Meister der Literatur vermitteln können.

Peter ReuttererVon Peter Reutterer

Symbolfigur ist eben die Obstdiebin, die -ohne zu stehlen- Früchte an sich nimmt und dabei die Welt entdeckt. Und das mit großer Gewalt gegen all das, was dem geschäftstüchtigen Zeitgeist so bedeutsam ist. Der neue Roman kommt gleichsam zum 75.Geburtstag von Handke auf den Markt. Ich wünsche dem Jubilar für 2018 den Nobelpreis.

Noch mehr wünsche ich den Nobelpreis Haruki Murakami, der Weltliteratur im besten Sinne betreibt. Seit „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, und das ist schon 4 Jahre her, ist kein neuer Roman mehr erschienen. Umso größer ist die Sehnsucht nach einem neuen Roman Murakamis, der einen von den ersten Zeilen an kompromisslos umarmt. Und wie bei allen großen Künstlern bleibt es ein Geheimnis, woher der Schaffende diese Magie des Zugriffes bezieht. Der richtige Ausruf zu diesen Erfahrungen des Poetischen ist wohl weniger „Wunder der Fantasie“ als vielmehr „Wunder der Wirklichkeit“. Ja, große Künstler trösten uns mit einer größeren Wirklichkeit über die Armseligkeit aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Etwas vom Armseligsten unter den aktuellen Neuerungen ist der Umgang mit Literatur im Gymnasium. Die Bildungspolitik hat es geschafft, den Schulen weiter Ressourcen zu entziehen. In Deutsch werden -und das ist ein ganz konkretes Beispiel- 33 Schüler in einem kleinen Raum mit Literatur behelligt. Wie sollen da die magischen Worte von Handke oder Murakami zu Gehör kommen geschweige denn zu Herzen gehen. Aber leider glauben die Bildungsexperten in Österreich – und das ist eine Ausgeburt des kapitalistischen Wahnsinns – dass Bildung mit dem Ausfüllen von Tabellen gleichzusetzen ist.

Aber Gott sei Dank gibt einige Standhafte, die für die Magie des Schönen und berührender Wirklichkeiten Augen und Ohr öffnen. Sie warten auf die Übersetzung eines neuen Murakami-Romans und freuen sich über „Die Obstdiebin“.

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Peter Reutterer: Literatur in Sicht
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Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena