dorfzeitung _quer
wecker_konstantin

… Du einem Zwanzigjährigen begeistert von Konstantin Wecker erzählst und der Dich fragt: „Wer soll das sein?“

sonjaschiff

Von Sonja Schiff

Gestern gab Konstantin Wecker im österreichischen Fernsehen ein großartiges Interview zum Thema Flüchtlinge, Asylwerber und die aktuelle Stimmung in Österreich und Deutschland, die hetzerische Stimmung in unseren Ländern und der visionslosen Politik.

Ich war von dem Interview total begeistert. Konstantin Wecker begleitet mich als Musiker schon mein halbes Leben und ich mag es, dass er immer wieder ein Mahner ist, dass er nicht aufhört den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen. .

Also musste ich heute bei einem intergenerationellen Frühstück mit einem Freund und dessen jugendliche Kinder von Wecker uns seinem tollen Interview erzählen. Und dann die Antwort: „Wer soll das sein…?“

Was habe ich mich in diesem Moment alt gefühlt! Wieder wurde mir bewusst, dass die Zeit vergeht, die nachfolgenden Generationen vorrücken, mit ihren Idolen, ihren Begleiterinnen durchs Leben……und alles Alte irgendwann vergessen sein wird…….

Hier nun für alle, die Konstantin Wecker auch kennen und mögen, das Interview und ein wenig Musik. Viel Freude damit!

Konstantin Wecker in der Dofzeitung

Konstantin Wecker bei den Salzachfestspielen 2015 in Laufen
Konstantin Wecker im Cafe Mozart in Salzburg
Konstantin Wecker in Laufen in Obb. 2008

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=DF869SdU4s4[/embedyt]

<br>

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=K5nhg22t-IQ[/embedyt]


Heute darf ich im Projekt „VielLeben“, in dem ich in unregelmäßigen Abständen, auf immer die gleiche Weise, Portraits von Menschen jenseits der 50 vorstelle, das erste Portrait eines Mannes in dieser Reihe veröffentlichen.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Geboren 1956 in Oberhausen/ Deutschland, lebt Rochus Gratzfeld heute in Salzburg/ Österreich und Sarród/ Ungarn. Angekommen nach schier endlosen Reisen in einer endlichen Welt.

Eine spontane Geschichte aus Ihrer Kindheit…..

Ich wurde in Sterkrade-Königshardt eingeschult. Mitten im Ruhrgebiet. In einem Umfeld, welches durch harte Arbeit im Kohlebergbau und der Stahlverarbeitung geprägt war. Eine Prägung, die einen bestimmten Menschenschlag geschaffen hatte. ArbeiterInnen eben. Und deren Kinder.

Meine neureichen Eltern setzten dem einen weißen Palast entgegen. Der musste täglich von Staub und Asche gereinigt werden. Ein Fremdkörper. Na jedenfalls wurde ich zur Einschulung präpariert. Sie steckten mich in eine kurze Trachtenlederhose, die entsprechenden Wollsocken, Bundschuhe, verpassten mir einen Janker über einem schneeweißen Hemd mit Hirschhornmanschettenknöpfen und setzten mir einen Sepplhut auf. Zur Begrüßung bekam ich dann von einem meiner zukünftigen Mitschüler auf dem Schulhof gleich eine schallende Ohrfeige begleitet von hämischem Lachen und lautem Gejohle der übrigen Kinder. Ich habe mich durchgesetzt. Mein einziges verbliebenes Trauma sind Wollsocken. Ja, und Trachten trage ich seit fast 50 Jahren auch keine mehr. Das hat aber heute eher politische Gründe.

Wenn Sie an Ihre Jugendzeit denken, mit welchen 5 Begriffen würden Sie diese skizzieren?

Widerstand. Rebellion. Sex, Alkohol & Rockmusik.

[vsw id=”gWubhw8SoBE” source=”youtube” width=”600″ height=”450″ autoplay=”no”]

Stellen Sie sich ihr Leben als Reise vor. Was waren die wichtigsten Stationen auf Ihrer bisherigen Reise?

Geburt. Kindheit mit allen Höhen und Tiefen. Studienjahre. Erste Ehe. Geburt und Heranwachsen meiner Kinder. Berufliche Entwicklung. Krankheit. Neugeburt. Zweite Ehe.

Und das Leben darin und dazwischen.

„da & dort
zwischen hier & jetzt
leiden schafft begierde
hin & her
blutrote rose
teuflische lust
gerissen vom dorn
hier & jetzt
glücklich”

Wenn Sie so Ihr Leben betrachten: Was trägt Sie im Leben? Was macht sie aus?

Was mich im Leben trägt? Trägt mich? Was? Macht mich aus? Glück. Ohne Zweifel. Optimismus. Die Erfülltheit einer gleichberechtigten Partnerschaft. Das Wissen darum, nichts verpasst zu haben und dennoch neugierig bleiben zu können. Die Fähigkeit, mich auf den Augenblick konzentrieren zu können. Das Auge und das Ohr für das Unscheinbare. Meine Kreativität. Meine unendliche Lust auf. Mein Drang nach Freiheit. Meine Intelligenz. Die mir auch erlaubt, Kind zu sein. Meine Nonkonformität, die mich sagen lässt: Leckt mich. Meine Ungeduld, die mit den Jahren immer mehr zu Geduld mutiert.

Wenn Sie mit Ihrer Erfahrung heute, Ihrem 20 jährigen ICH von damals, etwas vom Leben erzählen könnten, was würden Sie ihm mitteilen?

Mach, was du für richtig hältst. Scheiß auf den vermeintlich richtigen Weg. Aber mach das, was du für richtig hältst richtig. Glaube an dich und deine Fähigkeiten. Achte deine Mitmenschen und habe ein Herz für die Ärmsten der Armen.

Wo auf Ihrer Lebensreise befinden Sie sich gerade und wie geht die Reise weiter? Welche Pläne haben Sie? Was wollen Sie noch erleben/ tun/ erledigen?

Prolog

Ich habe noch nicht die Lebensphase erreicht, wo ich noch etwas erledigen möchte und meine aktuellen Bedürfnisse sind banal.

Also bitte, was ich noch erledigen will? Das Huhn ins Rohr schieben. Den Weinvorrat bei meinem Lieblingswinzer auffüllen. Mit meinen Hunden wandern, meine Frau im Pool schaukeln, den Abwasch machen. Was ich noch erleben möchte? Keinen Krieg in Europa. Dafür ein offenes Europa ohne neue Grenzen. Mehr Menschlichkeit. Keine Zeltstädte für Flüchtlinge. Sonnenauf- und Untergänge. Fauna und Flora. Das Heranwachsen meiner Enkel und glückliche Kinder. Viele Menschen treffen, mich austauschen, generationenübergreifend. Nicht nur morgendliche Erektionen. Kein Ende meines kreativen Schaffens. Viele Ausstellungen. Neue Bücher. Von meiner Frau und von mir. Reisen durch Osteuropa ohne Kanonendonner. Bären will ich noch sehen und Wölfe in der freien Natur. Na und Kochen. Kochen. Nicht Brei. Nicht vegetarisch und schon gar nicht vegan. Frugal. Die Finger ablecken. Und am Ende einen letzten Unicum. Egészségére!

Foto: Rochus Gratzfeld mit 58 Jahren

Epilog

gefühle – oder das schreien der möwen

habe ihnen zugeschaut. weit weg von ihrer heimat.
elegant – auch in ihrer gier.
schnell. gleiten im wind.
haben starke schnäbel.
haben meinen kopf getroffen. beim angriff aus dem nichts.
damals, in ihrer heimat.
als alles noch anders war.

habe ihnen zugeschaut. dem neger auch.
lachend und hüpfend wie ein kind.
toastbrotneger. auch weit weg von der heimat.
hatte dich dabei schon im kopf. nicht im bauch.

war kalt. dort. am bayrischen meer. nicht weit weg von dir.
wusste nicht, dass du eine der möwen warst.
welche von denen, weiss ich nicht.
hast dich auch mehr für den toastbrotneger interessiert.
klar, liebe geht durch den magen.
vielleicht die, die besonders laut schrie.
oder die ganz leise.
heute würde ich dich erkennen.

werde demnächst wieder halt machen am bayrischen meer.
auf meinem weg zu dir.
vielleicht holst du mich dort ab.
werde dich erkennen.
werde den neger wiedererkennen.
werde mich erinnern.
an damals, als alles noch anders war.

und schreien, vor glück.
über die möwe.
die vielleicht nur vorbeifliegt.
oder auf mich herabstürzt. im sturzflug.

stelle mir das gesicht des toastbrotnegers vor,
wenn ich auf die mauer steige und mich in die lüfte erhebe.
der möwe folge
mit ihr ein stück brot aus der hand des negers teile.
davonfliege.
wieder herabtauche, mit dem gefieder das wasser streifend.
abzustürzen drohe, nur um mich noch höher zu schwingen.

damals nicht vergessen.
als teil von heute für morgen begreifen.
über die gipfel der berge fliegen. bis ans meer.
ans andere meer. nicht das landmeer. nicht an das heimatmeer.
an das meer der sehnsüchte.

werde weiter fliegen, über das meer. nach afrika.
werde den toastbrotneger in der wüste suchen und finden.
werde zur oasenmöwe.
weiter.

weiter. bis die flügel lahm werden. das gefieder stumpf.
dann wird eine möwe aus dem himmel kommen und mich abholen.
werde ein letztes mal schreien, wie du.
und der toastbrotneger wird tränen in den augen haben.
wie ich.
aber die möwen werden weiterfliegen.


sonjaschiffWie Millionen andere Menschen auch, bin ich Fleischesserin. Seit 50 Jahren. Selbstverständlich weiß ich, dass es eine industrielle Fleischproduktion gibt und auf unserem Erdball milliardenfach täglich Tierleid produziert wird. Ist mir alles bekannt. Wie uns allen.

Von Sonja Schiff

Aber mein Schinkensemmerl mag ich halt. Und um von dem vielen Leid nicht zu viel mitzubekommen, klick ich all die Horrorvideos von leidenden Schweinen, Hühnern und Rindern einfach weg, wenn sie irgendwo hochpoppen in den Sozialen Medien. Sonst schmeckt mir am Ende mein Sonntagsschnitzel nicht mehr.

Gestern landete dann dieses Video von einem Kuh-Altersheim in meiner Facebook-Chronik. Das Bild dazu war ansprechend. Also klickte ich es an und konnte daraufhin zwei Minuten lang beobachten, wie Fiete, eine schwarz-weisser Stier, im Gras liegend, von einer Frau gekrault wird und dabei schnurrt. So etwas habe ich noch nie gesehen. Überhaupt, mit einem Rind gemeinsam im Gras liegen? Sind Rinder nicht diese gefährlichen Lebewesen, die jedes Jahr harmlose Wanderer verletzen?

Im Kuh-Altersheim Hof Butenland in Butjadingen an der Nordsee, schräg gegenüber von Bremerhafen, sind die Kühe scheinbar freundlicher, wie ich auf deren Homepage nachlesen kann. Kühe sind sehr soziale Wesen, lieben ihre Kinder, helfen einander bei der Kindererziehung, kennen solidarisches Verhalten und liebkosen sich. Mütter säugen ihre Kinder oft bis kurz vor der Pubertät. Wenn man sie säugen lässt.

Auf der Homepage des Hofes Butenland lächeln einem nur glückliche Kühe, aber auch Schweine, Hühner, Pferde, Katzen, Hunde entgegen. Keine Gräuelfotos. Jedes Tier wird vorgestellt, mit seiner Geschichte, seinem Leid und nur wer will, kann ein Foto anklicken, auf dem das heute lächelnde Tier gezeigt wird in jenem Zustand, in dem es übernommen wurde. Hab ich natürlich nicht getan. Will ja keine Gräuelfotos sehen. Es ist einfach schön zu sehen, dass es auch glückliche Kühe gibt.

Tja, und dann bin ich über Gisela gestolpert. Eine Kuh nach 18 Jahren Vergangenheit als Michkuh. Eine ehemalige 100.000 Liter-Milchkuh. In ihren Augen sieht man das vergangene Leid, sie ist ausgemergelt, nur noch Haut und Knochen, kann kaum ihr Gleichgewicht halten, weil sie es gar nicht kennt frei und ohne Stütze von Stallgitter zu stehen und ihr schlaffes Gesäuge hängt ihr bis zu den Knien. Was für ein Anblick.

Danach lese ich von Kühen, die als Fistulierkühe für die Forschung missbraucht werden, mit einer offenen Bauchecke leben müssen, damit man jederzeit ihren Mageninhalt überprüfen kann. Warum? Nun, damit die Züchtung optimiert werden kann. Ich lese von Kühen, die 15 Jahre an einem Platz stehend verbringen, sich maximal hinlegen können, aber keinen Schritt gehen, die ihr ganzes Leben lang kein Licht sehen und keine Wiese. Ich lese von Schweinen die…., von Bio-Hühner, die,…… und kann nicht mehr wegsehen.

Da ist es wieder dieses Wissen: „Es ist falsch und du machst mit. Es ist Wahnsinn und du schaust weg.“ Vor ein paar Monaten hab ich zufällig einen Film gesehen über Schweine kurz vor der Schlachtung. Daraufhin habe ich drei Wochen kein Fleisch gegessen. Dann schlug wieder der Trott zu. Mein schlechtes Gewissen verging jedoch nicht.

Aber jetzt, der Anblick von Gisela. Das Glück von Fiete, dem schnurrenden Stier. Die Entscheidung ist gefallen. Heute zum Frühstück hab ich bereits auf mein Schinkensemmerl verzichtet, auf mein Ei und meine MIlch in den Tee. Jetzt fahr ich einkaufen: Sojamilch, Hummus, Tomaten, Margarine.

Ich schau nicht mehr weg. Geht nicht mehr.

Fotos Diashow: KTraintinger dorfbild.com


sonjaschiffSo eine Zugfahrt die ist lustig, so eine Zugfahrt die ist schön?

Zu Beginn eine Klarstellung:
Ich fahre viel und gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Einerseits aus ökologischen Gründen, andererseits aber auch, weil man aus meiner Sicht mit dem Zug viel entspannter sein Ziel erreicht als mit dem Auto.

Aber heute war selbst ich angefressen auf die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).
Und wie!!

Hier die Geschichte dazu:
Ich hatte in Oberalm beruflich zu tun und fuhr mit der S-Bahn dort hin. Die Verbindung war gut, der Zug fast pünktlich, alles sauber, ich kam zeitgerecht zu meinem Meeting. Einfach wunderbar.
Vor der Heimfahrt (Donnerstag, 11.49 Uhr) sah ich am Bahnhof eine ältere Dame um die 70 verzweifelt den Fahrscheinautomaten bearbeiten. Sie versuchte mit einem 20 Euro-Schein zu bezahlen und schob dafür immer und immer wieder in allen erdenklichen Varianten den Geldschein in den Automaten. Irgendwann kam ich ihr zu Hilfe. Wir probierten mit ihrem 20er zu bezahlen, wir probierten einen 20er von mir. Nix ging. Anderes Geld hatten wir beide nicht dabei. Der Zug kam. Sie fragte mich, ob ich ihr den “Zeugen mache”, da ich ja gesehen hätte, dass der Automat nicht funktionierte. Die Frau war verzweifelt und meinte “Wissen Sie, ich bin ja immer so korrekt! Was ist wenn mich jetzt jemand kontrolliert?” Nachdem ich ihr versicherte auch bis zum Bahnhof Salzburg zu fahren und ihr die “Zeugin zu machen” stieg die Dame ein.

Es passierte, wie es wohl passieren musste. Nach nur 2/3 Minuten stand ein Kontrollor vor uns. Die Dame ganz erleichtert, weil ich ja bei ihr war, beginnt zu erzählen wie sie versucht hatte mit dem 20er zu bezahlen. Darauf der Kontrollor: “Es ist ihre Pflicht als Fahrgast immer das passende Geld dabei zu haben. Es gibt so viele Möglichkeiten ein Ticket zu lösen, auch mit Bankomat- oder Kreditkarte und im Internet. Das kann ich Ihnen jetzt nicht durchgehen lassen. Aber Sie können bei mir ein Ticket zahlen und die Servicegebühr drauf” (Normalpreis wäre für die Dame gewesen 3,30 Euro, es kamen 3 Euro Strafgebühr dazu). Die Dame sagte sofort etwas zerknirscht zu, den Preis zu bezahlen, meinte aber, dass sie das eigentlich nicht einsehe, weil sie wollte ja ein Ticket lösen.
Darauf erklärte uns der Kontrollor, dass der Automat keine Scheine raus geben kann und der 20 Euro-Schein daher zu groß war. Obwohl ich seit viele Jahren Bahn fahre, schon Zigmal Tickets gelöst hatte, war mir dieses Problem noch nie begegnet. Sowohl die Frau, wie auch ich, bemerkten dann auch dazu, dass wir das noch nie gehört hätten. Darauf erklärte uns der Kontrollor, dass irgendwelche Lämpchen nicht aufleuchten würden, wenn ein Geldschein nicht genommen werden kann. Wir sahen uns ratlos an. Auch noch nie gehört.

Ich meinte dann irgendwann zu ihm: “Sie können ja nix dafür, aber die Automaten der ÖBB sind halt nicht wirklich schlüssig. Da müsste man die Bedienbarkeit dringend verbessern. Kann ja nicht sein, dass da Automaten stehen, die der Kunde nicht bedienen kann und dann dafür auch noch bestraft wird.”

Sooo, und jetzt kommen wir zum Höhepunkt des kleinen Erlebnisses mit der ÖBB heute, denn der Kontrollor meinte, schon sehr gereizt, zu mir: “Jetzt hörens sofort auf mit mir zu diskutieren, seins sofort ruhig, sonst kassier ich bei der Dame (die mir übrigens fremd war!) halt die normale Strafgebühr von 70 Euro”. Unfassbar, oder???

Und als Nachsatz zu mir: “Wenns nicht klar kommen mit dem Automaten, dann machens halt eine Automatenschulung für Senioren. Basta”.

Ich dachte mich trifft der Schlag! Will mich dieser Typ als 50 Jährige und absolut technikaffine Frau zur Automatenschulung schicken??? Was soll man dazu noch sagen?

Danke ÖBB für die Altersdiskriminierung!
Danke ÖBB für diese miesen Automaten!
Danke ÖBB für den tollen Umgang mit älteren Menschen!

Eine Schulung gefällig?

Der Beitrag wurde auf Vielfalten.com (VielFalten – Fortgeschritten leben jenseit der 50) publiziert.
Infos zu Sonja Schiff finden Sie HIER>


“Und, hattest eine Krise?” Das war die mir am häufigsten gestellte Frage der letzten 3 Tage.

Manchmal trug die FragenstellerIn dabei einen ängstlichen Gesichtsausdruck, der gleichzeitig fast um ein “Nein, keine Krise” flehte. Bei anderen war die Frage begleitet von einem spöttischen Gesichtsausdruck. Und manche sahen mich sorgenvoll an, als würden sie meine Krise erwarten. Ja, als müsste ich eine Krise haben, als gehörte sich das einfach für den 50. Geburtstag.

Hatte ich eine Krise?

Ich würde es nicht als Krise bezeichnen. Krise klingt nach Weltuntergangsstimmung, nach Drama und Verzweiflung, nach Schmerz und Angst. Nein, eine Krise hatte ich nicht.

ABER spurlos ging dieser Geburtstag nicht an mir vorüber. Der hat schon Gewicht! Ein halbes Jahrhundert lebe ich nun schon! Und die Hälfte ist mindestens vorbei. Das macht schon nachdenklich. Das wischt man nicht einfach vom Tisch.
In mir tauchten Bilder auf von den Händen meiner Oma. Wie sehr hab ich als Kind diese Hände mit den ausgeprägten Venen, die man so toll hin und her schieben konnte, geliebt. Es waren für mich die Hände einer alten Frau. Meine Oma war damals ungefähr so alt wie ich heute.
Ich erinnerte mich dieser Tage an eine Situation als ich 19 war. Ich ging in die Krankenpflegeschule und eine Kollegin wurde 25. Was war die Frau alt für mich. Damals dachte ich: “Wahnsinn, die hat schon ein Viertel Jahrhundert am Buckel!” Und irgendwie sah ich auch sofort viele Falten in ihrem Gesicht.

Solche Sachen gingen mir durch den Kopf. Brachten mich zum Lächeln. Und immer wieder landete ich bei mir und meinem halben Jahrhundert.

Doch, doch, der 50er macht schon nachdenklich.
Mir wurde wieder bewusst, dass die Zeit immer knapper wird und mein Aufenthalt hier auf diesem Planeten begrenzt ist. Dass es irgendwann ein Ende gibt. Wobei ich mir gar nicht vorstellen kann, wie eine Welt sich weiter drehen kann, der ich nicht mehr angehöre. Ich werde irgendwann einfach nicht mehr da sein. Seltsam unwirklich, diese Vorstellung. Genauso wenig in den Kopf zu bekommen wie die Vorstellung, der Weltraum wäre unendlich.

Das klingt vielleicht für manche nach Krise. Aber ich hab es nicht so erlebt.
Im Gegenteil, ich finde es gut, dass mich dieser runde Geburtstag etwas runter gebremst hat von meinen alltäglichen Wichtigkeiten.
Und dann gab es diese wichtige Aussage eines mir nahen Menschen: “Sei dankbar, dass du es bis hierher geschafft hast”. Ich musste zuerst schlucken. Dann tauchten Bilder auf von jenen Menschen in meinem Leben, die sich bereits verabschiedet haben.

Ja, ich bin dankbar dafür es bis hierher geschafft zu haben. Das auch noch bei Gesundheit und ohne existentiell bedrohlicher Lebenskrisen. Ich bin sehr, sehr dankbar.

Und ich freu mich auf die Zeit, die vor mir liegt. Denn neben der Frage nach der Krise, war es der Satz: “Es wird immer besser!”, der meine letzten drei Tage begleitet hat. Eine Aussage, die von Frauen kam zwischen 52 und 75.

Es wird immer besser!

Nachsatz von KTraintinger, Dorfzeitung:
Liebe Sonja, zuerst einmal herzliche Glückwünsche aus dem Dorf zu Deinem Geburtstag!

Es macht unheimlich viel Spaß, dieser Frau in der Blüte Ihres Daseins beim Leben zuzuschauen. 🙂
Sonja Schiff hat diesen runden Geburtstag zum Anlass genommen, um den Blog: VielFalten zu starten.


„…well sometimes I feel the world is to big for me, cause its hard to find out where my place is…“ singt die junge Salzburger Sängerin Nigrita in dem Track „Trust“ und offenbart damit ihre Suche nach Identität und dem Eigenem.

Von Sonja Schiff.

Keine Texte für AnhängerInnen leichter Unterhaltung und Hitparadenfans. Keine CD für Massentauglichkeit. Nein, hier lässt eine talentierte Frau die ZuhörerInnen Anteil nehmen an Ihrer Kritik an unserer Welt ( „…money is the strongest weapon in the world, it creates so much pain and kills so many bodies and soules…“ im Track „Money“) und an Ihren Werten und Hoffnungen („…until we free our minds, open hearts is what we need to find…“ in der Nummer „Hidden in Times“).

Ende Oktober haben NIGRITA & the Mellowbeats ihre erste CD vorgelegt. Keine CD für den schnellen Erfolg, fürs nebenher hören und keine CD um die Chefs großer Musiklabels zu beeindrucken. Im Gegenteil: Nigrita & the Mellowbeats fordern ihre ZuhörerInnen auf sich mit Musik und Texten auseinander zu setzen. Da gibt es keine eingängigen leichten Melodien, die sofort in Erinnerung bleiben. Keine Phrasen zum schnellen mitsingen. Dafür finden sich starke Texte, viel instrumentelle und stimmliche Experimentierfreude, sowie Melodien und Sounds, die man sich als ZuhörerIn erarbeiten muss. Wer sich die Zeit dafür nimmt, legt das gute Stück allerdings nicht mehr so schnell weg.

Ist es Reggae, ist es Soul oder Jazz? Egal. Es ist von allem Etwas! „Es ist Mellowbeat“, wie Nigrita erklärt. Die erste CD junger Salzburger MusikerInnen. Wenn sich so die Suche nach (musikalischer) Identität anhört, dann kann man sich auf die nächste CD nur freuen. Und bis dahin die vorliegende CD hören. Wieder und immer wieder.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=7wJYGNtO3CU[/youtube]

Die CD gibt’s zum Kaufen im Musikladen Salzburg oder online unter http://nigrita.bandcamp.com
Mehr über Nigrita & the Mellowbeats lesen Sie hier: http://nigrita.net


Schmähtandler

Mit Elisabeth Nelhiebel und Sigrid Gerlach-Waltenberger. Eine leere Bühne, zwei Frauen, ein Akkordeon und das Wienerlied. Das sind die einzigen Ingredienzien für einen perfekten schaurig- heiteren Abend.

Sonja Schiff

Von Sonja Schiff

Die Reise beginnt im berühmten Wiener Prater. Es begrüßt uns ein Ringlgschbüübsizza, der sich auf den abendlichen Weg macht, erneut seiner Vorliebe nachzugehen, junge Frauen zu erlegen. Die weitere Reise führt uns von Totschlag, Wasserleichen und sexuellen Obsessionen über einen zum Freund werdenden Stein, goldener Tinte und Engerl bis zum berühmten Ratz im Kanäu, dem Tod und Krüppeln am Zentralfriedhof.

Was nach klassischem Wienerlied-Abend mit morbidem Charme klang, entpuppte sich als lustvolle Erweiterung des Begriffs „Wienerlied“. Neben Klassikern wie „Ana hot imma des Bummal“ und einer beinah rockig anmutenden Version von „In da Kellagossn“ fand man sich plötzlich auch inmitten von Falcos „Jeanny“ und „Amadeus“ oder auch dem Wolferl Ambros -Song „Am Zentralfriedhof“. Erfrischend aktuell! Überraschend auch der Moment an dem Elisabeth Nelhiebel stimmgewaltig als Frau Texte singt, die von männlichen Obsessionen berichten. Da führt das Lied eines Mannes, der protzig seine Geilheit darstellen will und von Huren, Fut und Oasch singt zu geschlechtsübergreifender Erheiterung. Der wienerische Schmähtandler ist entlarvt.

Sigrid Gerlach-Waltenberger beeindruckt am Akkordeon mit Virtuosität, aber auch mit Zurückhaltung. Sie überlässt die Bühne voll und ganz der Schauspielerin und Sängerin Elisabeth Nelhiebel. Und die erobert sich diese leere Bühne mit Facettenreichtum und Stimme.
Prädikat: Sehr empfehlenswert.

Sigrid Gerlach-Waltenberger, geboren in Halle an der Saale, studierte an der Musikhochschule „Franz List“ in Weimar und am Orff-Institut des Mozarteums in Salzburg Musik. Für das Salzburger Landestheater und das Schauspielhaus Salzburg ist sie immer wieder als Bühnenmusikerin tätig und arbeitete mit dem Mozarteum-Orchester zusammen. Die Musikgruppen Libertango, das Salzburger Schrammelquartett, Corazon al Sur und das Lebeau-Trio, die Theatergruppen ARTISCHOCKEN, Theater Laetitia, Theater YBY und das Salzburger Figurentheater, sowie seit 2002 die Hernán Toledo Dance Company (Wien) gehören zu ihren Betätigungsfeldern.

Im Herbst 2007 lernte sie bei den Probenarbeiten zu Nestroys „Der Talisman“ die Schauspielerin Elisabeth Nelhiebel kennen, die in der Inszenierung von Beverly Blankenship die Salome Pockerl spielte und schon da zusammen mit der Akkordeonistin sängerische, schauspielerische und freundschaftliche Bande schmiedete.

Elisabeth Nelhiebel, gebürtige Wienerin, lebt seit 2004 in Salzburg. Sie war bis 2009 in mindestens 22 Produktionen am Salzburger Landestheater zu sehen, unter anderem als Viola in „Was Ihr wollt“, als Eve in „Der zerbrochne Krug“, als Schnitzlers „Fräulein Else“ und als Anne Frank. Jetzt ist sie freie Schauspielerin und spielt in Wilhelmshaven und in Salzburg,
Quelle: Event Information, Kleines Theater Salzburg. Foto: Kleines Theater


Dorfzeitung.com


Die nackte Frau Percht

Immer zur Vorweihnachtszeit begegnen wir in Salzburg und dem benachbartem Bayern der Tradition der Percht. Hunderte Menschen pilgern zu den beliebten Perchtenläufen, die immer mehr auch zu touristischen Fixpunkten mutieren.

Von Sonja Schiff

Die Percht ist dabei als dämonische Gestalt schlechthin bekannt, die die verdammten Seelen einfängt und gerecht bestraft. Der Unterschied zwischen Krampus und Percht ist dabei weitgehend unbekannt.

Eine starke Frau – Ursprung einer Tradition

Noch unbekannter ist die Herkunft der Figur PERCHT. Denn die heute männliche Figur, hat weibliche Wurzeln. Der Ursprung dieser Tradition ist weiblich. Sie hieß Freya, Frigga, Berechta oder Frau Percht. Sie war die Beschützerin der Frauen und Kinder.

___STEADY_PAYWALL___

Sie hielt Gericht über Mörder, Vergewaltiger, Schläger und Säufer. Sie brachte Glück in Haus und Hof, sie hatten den Kontakt zu den AhnInnen und half den verstorbenen Kindern den Weg zu den AhnInnen zu finden.

Foto: Wandergalerie/h.rogra
Foto: Wandergalerie/h.rogra

Sie wurde als verführerische Frau beschrieben, aber vor allem als uraltes Weib mit Runzeln, langem schneeweißem Haar oder als riesiges Weib mit Hörnern, langen Zähnen und in Fellmantel gehüllt.

Foto: Wandergalerie/h.rogra
Foto: Wandergalerie/h.rogra

Gezähmt und Maskulinisiert durch Kirche und Herrentum

Die katholische Kirche übergab die guten Anteile der percht der Figur „Maria“. Die bösen, strafenden Elemente der Figur wurden verleugnet. Später übernahm das Herrentum den Perchtenkult und maskulinisierte die Figur, machte einen Männermythos daraus.

Heute ist nicht nur die (!) Percht männlich, sondern auch die Tradition selbst eine Männerdomäne. Es laufen vor allem junge Männer als Perchten und es gibt fast nur männliche Maskenschnitzer. Perchtenmasken sind aus Holz geschnitzt und haben tierische Vorbilder (Wolf, Bär, Adler..) und sind ebenso wie der Krampus mit enormen Reiß- und Fangzähnen ausgestattet. Im Gegensatz zum Krampus haben sie allerdings mehrere Hornpaare um viele verdammte Seelen gleichzeitig aufzuspießen und danach ihrer Strafe zuführen zu können.

Tradition trifft Kunst- die nackte Frau Percht

Die WANDERgalerie- der 2009 gegründete Verein für Kunst an wechselnden Orten- hat unterschiedliche KünstlerInnen eingeladen die Figur der Percht zu interpretieren. Herausgekommen ist ein Spannungsfeld zwischen Tradition und Kunst.

Foto: Wandergalerie/h.rogra
Foto: Wandergalerie/h.rogra

Helmut Brandecker – traditionelle Perchtenmasken
aus Pfarrwerfen ist einer der bekanntesten traditionellen Schnitzer von Perchten- und Krampusmasken. Die Familie Brandecker hat sich dem Brauchtum des Perchten- und Krampuslaufes verschrieben, neben Masken wird von den Brandeckers alles von Hand hergestellt was eine richtige Percht so braucht: Fellanzüge, Glocken, Schellen, Kuhschwänze, Hörner, Handschuhe mit langen Krallen.

h.rogra – Aktphotografie
aus Salzburg, sieht seine fotografischen Arbeiten zum Thema „Percht“ nicht im Gegensatz, sondern im Einklang mit dem Brauchtum. Er geht mit seinen fotografischen Interpretationen weit zurück in die Welt der kraft– und lustvollen Hexen, er führt die Percht wieder ihrer Unsprungsfigur zu. Akte mit Perchtenmaske sollen weiblicher Körperlichkeit und Ausstrahlung besonderen Ausdruck verleihen. Die abgebildeten Frauen waren nicht (Photo)Objekt, sie wurden zur Frau Percht und setzten sich selbst als diese in Szene.
Die Arbeiten von h.rogra sind August 2009 in Ronco/ Italien entstanden, wo der Künstler jährlich einen Kreativmonat verbringt. Spannend in diesem Kontext ist auch die Wanderschaft der Perchtenmaske. Aus dem Salzburger Innergebirg in die Lombardei. Nicht minder kraftvoll, aber ganz und gar befreit von der maskulinen Dominanz der Tradition Pfarrwerfens, des Geburtsortes der Maske.

LUMPENPACK/ KNARF und MeerSAU – StreetArt

Ein ‘’GRAFFITI –Kollektiv” junger Salzburger StreetArt-Künstler. Jedes Mitglied hat ihr eigenes Ausdrucksmittel, von digitaler Gestaltungen über handwerkliche Materialien, Fotos bis hin zu Schablonen und Graffiti.

MeerSAU versucht sich seit 4 Jahren in das Bild der Stadt einzubringen. Seien es Aufkleber auf Stromkästen, Dachrinnen, auf der Rückseite von Straßenschildern, Poster auf ungenützten Werbeflächen, Installationen aus Steinen, Styropor, Karton. Der Grund für diese scheinbare sinnlose Art einiges an Geld und Zeit zu verschwenden? Der Wiedererkennungseffekt und das damit verbundene Grinsen im Gesicht, wenn man wieder was auf der Straße entdeckt hat.

Foto: Wandergalerie/h.rogra
Foto: Wandergalerie/h.rogra

KNARF wohnt in der Glockengasse im Zentrum von Salzburg und verbringt dort den Großteil seiner Freizeit. Die Fachschule für Bildhauerei in Hallein ist sein Zweit-Wohnsitz. Er schüttelte vor 4 Jahren das erste Mal gemeinsam mit der MeerSAU seine Dosen und liebt dieses ‘’Klack-Geräusch” bis heute.

Beide StreetArt-Künstler interpretieren die nackte Frau Percht mit ihren Mitteln, direkt an die Wand.

Annphie Fritz, Veronika Konrad, Sonja Schiff: Performance

3 Frauen unterschiedlichen Alters, eine Schauspielschülerin, eine PerformanceArt-Künstlerin und eine Neugierige – sie interpretieren die Frau Percht neu, schlüpfen unter die Maske, werden zur Frau Percht und erzählen als diese ihre Geschichte.

Perchtenpass Pfarrwerfen – traditioneller Perchtenlauf

zeigen den traditionellen männlichen Perchtenlauf und stellen damit das Pendant dar zur weiblichen Perchtenperformance.

Termin: 11. Dezember 2009 ab 17 Uhr in der Times Garage, Bergstrasse 2a, in Salzburg. Wandergalerie >