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Kleiner Fuchs, Aglais urticate

Vor etwas mehr als 7 Monaten bekam ich eine überraschende Diagnose, einen Monat später war die Operation, danach viele Tage in Dunkelheit und dann eine erlösende Nachricht. Mittlerweile erscheint mir das alles weit weg. Im Alltag vergesse ich das Erlebte meistens.

Von Sonja Schiff

Nur manchmal werde ich daran erinnert. Wie heute, bei einer Veranstaltung, da traf ich auf mehrere Frauen, die mich mit besorgtem Blick fragten, wie es mir jetzt ginge und was ich aus der Zeit der Krankheit mitgenommen habe. Ich schildere dann meistens meine größte Erkenntnis aus dieser Lebensphase und ernte dafür häufig Betroffenheit. Daher ist es mir ein Anliegen Euch heute davon zu erzählen und gleichzeitig ein wenig meine Gedanken und Gefühle zu sortieren.

Die Tage zwischen 22. Dezember und 15. Jänner habe ich als die schwierigste Zeit meines bisherigen Lebens erlebt. Ich wartete nach der überraschenden Diagnose Ovarialtumor auf den Operationstermin, versuchte die Diagnose zu verarbeiten, Hoffnung zu schöpfen, zurück zur Zuversicht zu finden. Von Beginn an habe ich alle Gedanken zugelassen und drei Szenarien durchgespielt in meinem Kopf und meinem Herz. Variante eins, ich sterbe bald. Variante zwei, ich werde rasch wieder gesund. Variante drei, ich muss kämpfen, um meine Gesundheit ringen, finde sie aber dann wieder.

Meine größte Erkenntnis aus dieser Phase nahm ich mit durch die Auseinandersetzung mit der Variante eins. Zu meiner Überraschung stellte ich nämlich fest: „Würde ich jetzt sterben müssen, es wäre okay.“

Es war genau diese Erfahrung, die mich befreite von der Angst, die mich rettete aus dem Dunkel. Nachdem ich tief in mir drin diese Erkenntnis gewonnen hatte, konnte ich mein Schicksal… hmmm wie sag ich es am besten….einer höheren Macht anvertrauen. Ich weiß noch, dass mir der Gedanke „Jetzt darf alles passieren“ durch den Kopf ging und ich meinte damit wirklich ALLES. Im Nachhinein sehe ich diese Erkenntnis als meine größte Kraftquelle in dieser Zeit. Und ein wenig glaube ich sogar, dass es diese Erkenntnis war, die den Weg zurück ins Glück, ins Leben geebnet hat. So als würde der Tod sich denken: Na wenn du eh bereit bist zu sterben, dann kannst du ja noch ein wenig leben.

Klingt verrückt, oder?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass alles ganz anders kam, dass ich weiterleben darf, gesund bin und wieder voller Kraft. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen wegen dieser Gedanken, denke mir, hoffentlich werde ich nicht bestraft dafür, sie sind ja fast blasphemisch. Trotz dieser Erkenntnis habe ich nach der Operation – als es hieß, ich hätte Krebs – am ganzen Körper gezittert, verschlang mich die pure Angst. Den Tod zu akzeptieren, anzunehmen, hieß also nicht, keine Angst vor ihm zu haben. Im Gegenteil, da war große Angst. Aber trotz aller Angst, war der Gedanke „Es wäre okay“ immer dabei. Ja, das klingt eindeutig verrückt…..

Diese Erfahrung beschäftigt mich immer noch, ich denke sehr viel darüber nach. Über mein Leben. Wie ich es gelebt habe. Es war eine wirklich große Erkenntnis für mich. Ich habe so viel Zufriedenheit gespürt. Dankbarkeit. Es gab keine Sekunde das Gefühl, etwas zu bereuen oder den Gedanken etwas versäumt zu haben. Keinen Moment. Es gab keine offene Bucket-List an Dingen, die ich unbedingt noch erleben wollte. Ich war einfach nur mit meinem Leben zufrieden. Es war ein buntes, inhaltsreiches, spannendes Leben und ich habe es genützt, so mein Fazit.

Jetzt gehe ich alle drei Monate zur onkologischen Nachkontrolle. Ich hoffe inständig, dass der Tumor nicht mehr wiederkommt. Ich will leben. Mehr noch, ich hab mir vorgenommen alt zu werden. So richtig alt.

Und wer weiß, vielleicht gelingt mir das ja genau wegen dieser wichtigen Erkenntnis.

Originaltext: Vielfalten.com | Sonja Schiff >


Sonja Schiff. Foto: Rochus Gratzfeld

Es ist der 16. Februar 2018, fünf Uhr abends und vor genau einem Monat hat sich mein Leben auf das Existentielle zugespitzt. Am 16. Jänner 2018 um fünf Uhr abends bin ich nach 8 Stunden aus der Narkose erwacht, bekam die Nachricht, mein Tumor wäre bösartig gewesen und schlotterte daraufhin, im Krankenbett liegend, vor Angst. Die diensthabende Krankenschwester des Aufwachraums trug diesem traumatischen Ereignis Rechnung, sie trug in die Pflegedokumentation ein: „Die Patientin ist ein wenig aufgeregt.“

Von Sonja Schiff

Vor diesem dramatischen Abend lagen 5 Monate mit dauerhaften und wandernden Schmerzen in Muskeln, Gewebe und Haut, eine erfolglose Untersuchung nach der anderen auf der Suche nach den Ursachen, unzählige gute Empfehlungen zum Heilpraktiker oder Ganzheitsmediziner zu gehen und der ein oder andere Hinweis darauf, meine Schmerzen wären sicher „psychisch“. Am Ende war es ein Ovarialtumor, der zum Ovarialkarzinom wurde, sich letztlich aber dann als gutartiger Borderline-Tumor mit Krebszellen-Einsprenkelungen entpuppte.

Was für ein Glück! Was für anstrengende, zehrende, emotionale, existenzbedrohende sechs Monate mit Happy End. Zeit noch einmal zurück zu blicken und mich zu fragen, was habe ich eigentlich auch dieser Zeit mitgenommen? Aus Krisen wächst man bekanntlich, Krisen entwickeln uns weiter, sie verändern uns und unser Leben- Krisen stellen oft, rückblickend betrachtet, Meilensteine im Leben dar.

Was also nehme ich mit aus den vergangenen 6 Monaten? Was hat sich verändert? Wo wird es Veränderungen in meinem Leben geben? Oder bleibt alles wie es war?

Anders als in früheren Lebenskrisen (ja, da gab es bereits drei davon!) kam es dieses Mal zu keinen großen Umbrüchen. Die Lebenskrisen vorher, etwa meine Scheidung, haben mich radikal verändert, teilweise haben sie zu großen Lebensveränderungen geführt. Dieses Mal kam es eher zu Bestätigung und zu einer Art „Feintuning“.

Bestätigt wurde ich darin, dass das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen soll, sondern das Leben selbst gelebt werden will. Ich habe in den letzten Jahren schon begonnen konsequent Projekte abzugeben, die zwar Geld bringen, mich aber nicht mehr wirklich interessieren. Das bedeutete auf der einen Seite finanzielle Einbußen und durchaus auch existentielle Ängste ( ich bin selbständig!), auf der anderen Seite gewann ich aber Freiheit und mehr Zeit für mich und die Dinge, die mir wichtig sind. Der Tumor und die Zeit der Schmerzen hat mich darin bestätigt diesen Weg weiter zu gehen. Weniger Projekte, mehr Zeit fürs Leben. Projekte ausschließlich mit Menschen, die ich mag und zu Themen, die mir wichtig sind. Alles andere lass ich bleiben.

Perfektionismus ade! So könnte die größte Erkenntnis aus den vergangenen 6 Monaten zitiert werden. Ich gehörte bis zum Sommer letzten Jahres zu den verbissenen Perfektionistinnen. Ob Job, ob Haushalt, ob Gartenarbeit, ich konnte mich in Kleinigkeiten verbeißen und ich beendet niemals meine Arbeit, bevor sie nicht perfekt war. Das habe ich nie als belastend erlebt, auch wenn mein Mann mich da oft versuchte rauszuholen oder meinte „Jetzt bitte entspann dich doch einmal!“ Nein belastend war es nicht, aber im Nachhinein sehe ich schon, dass enorm viel Energie verpufft ist in Unwichtigkeiten. Der Kies vom Kiesweg lag in der Wiese, weil die Hunde mal wieder ganze Arbeit geleistet hatten. Sonja Schiff kniete tagsdrauf in der Wiese und klaubte schimpfend und verbissen den Kies aus der Wiese. Haltbarkeitsdatum: 2 Tage. Nur ein Beispiel von vielen. Dieser Wahnsinn hat ein Ende. Okay, fast ein Ende, ganz werde ich es wohl nicht lassen können. Aber ich stelle fest, es tut gar nicht weh, wenn der Kies in der Wiese rumliegt! Die Blumen blühen trotzdem, die Vögel zwitschern trotzdem und ich kann viel mehr Zeit damit verbringen Sonne und Garten zu genießen. Das gilt übrigens auch für den Beruf. Ich muss nicht 130% erbringen. 100% sind auch genug und manchmal reichen sogar 80%. Also Perfektionismus ade. Schritt für Schritt. Da werde ich mich in den nächsten Wochen und Monaten darin üben. Versprochen.

Was habe ich noch gelernt? Dass ich das Leben nicht planen kann, ist eine weitere Erkenntnis. Klar, wusste ich vorher auch schon. Das lehrt dich jede Lebenskrise. Aber dieses Mal war diese erteilte Lehre eindrücklicher, weil existentiell bedrohlich. Ich hatte kürzlich erst begonnen darüber nachzudenken, wie ich meinen Übergang in den Ruhestand gestalten möchte. Es sind noch 7 Jahre hin, aber man kann ja nicht früh genug zu planen beginnen. Doch plötzlich waren all diese Planungen obsolet. Plötzlich wusste ich nicht mehr, ob und wieviel Zeit mir noch zum Leben bleibt. Das führte jede Planung ad absurdum. Ich habe mir vorgenommen private Planungen in Zukunft weitgehend fallen zu lassen, dazu gehören auch alle Zukunftsängste oder Sorgen. Die Zukunft kommt, das ist gewiss, auch von alleine. Jetzt leben ist angesagt. Im Moment leben. Heute. Basta.

Überhaupt, die Frage, wieviel Zeit mir noch bleibt! Für das Leben und für die Menschen in meinem Leben. Wieviel Zeit habe ich noch mit meinem Partner? Mit meinen Eltern? Niemand weiß das! Mein Partner war DIE tragende Säule in den letzten 6 Monaten. Wie kostbar doch der Mensch an meiner Seite und die Zeit mit ihm ist! Zeit mit meinen Eltern, Zeit mit Freunden! Hier wurde meine Wahrnehmung geschärft und ich bin mir sicher, da haben sich Prioritäten deutlich neu geordnet.

Außerdem, ich habe davon schon an anderer Stelle berichtet: Mit der Diagnose Ovarialtumor und meiner existentiellen Angst, saß ich plötzlich im gleichen Boot mit Mohammed, meinem afghanischen Sohn, einem Asylwerber, der mit großer Angst auf seinen zweiten Bescheid wartet. Seine Existenzangst und meine Existenzangst, ebenbürtig, das wurde mir schlagartig bewusst. Mit dem großen Unterschied, für mich wäre selbstverständlich jede Hilfe aktiviert worden, von Operation bis teurer Chemotherapie. Um mein Leben hätte viele Menschen gekämpft. Mohammed aber gilt mit seinem Wunsch nach Überleben als „Schmarotzer“, er wird in unserer Gesellschaft abgewertet, verhöhnt, ihm droht die Abschiebung. Ich hab mir geschworen, dass ich alles dafür tun werde, damit Mohammed bleiben kann. Weil jedes Leben gleich viel wert ist und jeder Mensch ein Recht auf Leben hat.

Mit diesem Bericht über mein Lernen in der Lebenskrise, beende ich den Blick zurück auf die letzten 6 Monate. Ich nehme mit, dass ich enorme Kräfte aufbringen kann, wenn es um mein Leben geht. Ich habe die Fähigkeiten den Weg aus der Verzweiflung zurück in die Zuversicht zu finden. Ich kann Schmerz aushalten, Tiefpunkte überwinden und selbst in schweren Zeiten, Momente der Freude finden.

Jetzt aber richte ich wieder meinen Blick ins Jetzt und in die Zukunft. Voll Demut und Dankbarkeit.

Dieser Beitrag wurde erstmals auf vielfalten.com publiziert.


Lieblingslandschaft von Sonja Schiff im burgenländischen Seewinkel

Meine Lebenskrise „Plötzlich Krebspatientin“ ist seit vorgestern überraschend und wunderbarer Weise Vergangenheit, wie hier nachzulesen ist, trotzdem kann ich die letzten zwei Monate nicht einfach abschütteln und im Leben wie gehabt voranschreiten. Ich brauche noch einige Zeit, um diese prägende Lebensphase nachzubearbeiten. Es gab viel zu spüren, zu erleben, zu erfahren, zu lernen und dem möchte ich auch hier am Blog noch etwas nachgehen.

Von Sonja Schiff

Es mag für einige Menschen vielleicht abwegig erscheinen, wenn ich sage, man erlebt mit einer Krebsdiagnose nicht nur angsterregende Momente, sondern hat auch ganz wunderbare Erlebnisse. Das gilt sicher nicht für jeden von Krebs betroffenen Menschen, keine Frage, aber ich wurde einige Male sehr berührt, von Hilfeangeboten etwa, von Gesprächen und von Begegnungen. Den heutigen Blogpost widme ich deshalb jenen Momenten und Menschen, die mich in dieser Zeit positiv überrascht, tief berührt oder bereichert haben. Sie bitte ich heute vor den Vorhang.

Der wichtigste Mensch für mich in dieser Zeit war mein Mann. Er hat jede mögliche menschliche Regung an mir kennengelernt und ausgehalten, von Kraft und Stärke bis zu wimmerndem Elend, von bissigem Humor über meinen möglichen Tod bis detaillierte Planungen wie ich mit einer Chemotherapie umgehen werde, von hysterischem Lachen bis Weinkrämpfen- alles war dabei und mit all dem ist er wertschätzend und einfühlsam umgegangen. Er hat mich aufgefangen, gehalten, ermutigt, getröstet, mit mir gelacht und geweint, mich umsorgt, mich von Ballast und Aufgaben befreit und mir Zuversicht geschenkt. Es war einfach wunderbar zu erfahren, wie sehr ich mich auf meinen Mann verlassen kann, wie sehr er an meiner Seite ist und zu mir steht. Waren wir uns vorher schon sehr nah, war unsere Beziehung vorher schon sehr tief, ist es rückblickend als hätten wir beide eine weitere „Schale Schutz“ von uns gestreift und dem Anderen noch ein Stück mehr das wahre Ich gezeigt. Ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrung und für die zusätzliche Qualität in unserem Miteinander.

Danke an dieser Stelle auch an jene Menschen, die meinen Mann begleitet haben während ich im Krankenhaus war, die ihm ein offenes Ohr gegeben haben und die nicht nur daran interessiert waren, wie es mir geht, sondern die auch nachgefragt haben, wie es ihm geht. Zu wissen, dass mein Mann nicht alleine ist, hat mich sehr entlastet.

Überraschend vertieft hat sich durch diese Krise die, eigentlich eher schwierige, Beziehung zu meinen Eltern. Zu sehen wie diese beiden Menschen um mein Leben, das Leben ihrer erstgeborenen Tochter bangen, ging mir sehr nahe. Ich war besonders angetan von der Kraft und Zuversicht meiner Mutter. Die Begründung ihrer Zuversicht mit dem Satz „Du wirst wieder gesund, weil wer sonst soll uns mal pflegen?“ mag skurril anmuten, auch ich habe darüber gelacht. Aber der Satz hat mich auch tief bewegt und er hat in mir enorme Kräfte freigemacht. Irgendwann war da plötzlich der Moment, wo meine innere Stimme meinte: „Ich will mich auch einmal um euch beide kümmern.“ Diese Erkenntnis und die Liebe, die ich in dem Moment gespürt habe, hat viel verändert. Es kann gut sein, dass wir im Alltag jetzt wieder in unser altes Eltern-Kind-Muster zurückfallen, aber ich bin mir sicher, da bleibt viel Positives und eine größere Sensibilität füreinander.

Verändert hat sich auch meine Beziehung zu einigen Familienmitgliedern, die ich jetzt nicht näher angeben möchte. Menschen, die ich bisher eher als rational erlebte, als distanziert, von denen ich mir keine allzu große Empathie erwartet habe, zeigten ihre Betroffenheit und erwiesen sich als unterstützend, stärkend und berührten mich tief mit ihrer Sorge um mich.

Ein mich besonders bewegendes Erlebnis hatte ich mit einer Frau aus meinem Bekanntenkreis. Sie ist keine Freundin, eher eine sehr gute Kollegin, die ich überaus schätze. Sie ist wie ich beruflich selbständig und im Bereich Altenpflege tätig. Von dieser Frau bekam ich eines Tages eine Mail, die sich auf meine Selbständigkeit bezog, darauf dass ich Gefahr laufe Kunden zu verlieren, durch die Krankheit kein Einkommen haben werde und existenzielle Sorgen mich drücken. Diese Kollegin bot mir an, für mich Aufträge abzuarbeiten und so meine Kunden „an der Stange zu halten“, sie wollte Seminare für mich durchführen, Vorträge für mich halten. Das alles kostenfrei. Dieses Angebot hat mich fast umgehauen! Ich habe geweint vor Freude. Nicht weil ich das Angebot so dringend gebraucht hätte (zum Glück habe ich vor Jahren eine Betriebsausfallversicherung abgeschlossen!), sondern ich hab geweint vor Rührung. Was für eine tolle Frau! Was für ein großzügiges Angebot! Was für ein Geschenk!

Einen ähnlichen Gedanken hatte eine liebe Freundin. Sie bot mir an ihre angesparten Rücklagen zur Verfügung zu stellen, sollte ich in Geldnot kommen. Auch diese gereichte Hand hat mich tief bewegt. Was für eine Freundin!

An dieser Stelle muss ich auch meinen KundInnen und Vertragspartnern eine Danke sagen. Sie alle zeigten Betroffenheit, beruhigten mich, meinten es würden sich Lösungen finden, meine Gesundheit würde jetzt im Mittelpunkt stehen und verhielten sich abwartend. Auch diese Erfahrung hat mich berührt!

Ja und dann trug mich eine Welle von sich sorgenden Menschen, mich bestärkenden Menschen, reale wie auch virtuelle FreundInnen und LeserInnen dieses Blogs. Immer wieder wird in unserer Gesellschaft die Qualität virtueller Freundschaften diskutiert. Klar gibt’s da einen Unterschied, ob dich jemand wirklich in den Arm nehmen kann zum Trösten oder nur virtuell. Aber ich habe erlebt, dass Distanz manchmal auch hilfreich sein kann, dass fernere Menschen besser die richtigen Worte finden oder klarer heikle Themen ansprechen können. Ich habe von virtuellen Freundinnen, viele davon Menschen mit Krebserfahrung, wertvolle Unterstützung erfahren, mich von ihnen verstanden gefühlt und wichtige Impulse erhalten. Auch die Betroffenheit und der Zuspruch vieler LeserInnen meines Blogs haben mir enorm gut getan, es war als würde ich von einer Energiewelle getragen werden. Natürlich gehts da viel um Projektionen, auch um ein Stück Voyeurismus, natürlich ist man als Bloggerin Spiegel und ist manche Betroffenheit auch Ausdruck der Erleichterung, der Hoffnung, selbst von so einem Schicksal verschont zu bleiben. Aber ist das in der realen Welt wirklich so viel anders? Hat Mitfühlen, Mitfiebern, Anteilnahme am Schicksal eines anderen, nicht immer auch mit den eigenen Ängsten zu tun? Ob real oder virtuell, die Energiewelle war tröstlich und tragend. Danke dafür!

Nicht nur einmal musste ich mir übrigens anhören, dass meine Blogbeiträge zu intim wären, zu privat für die Öffentlichkeit. Es verstört viele Menschen immer noch, wenn jemand Angst und Leid nicht mit sich alleine im stillen Kämmerlein verarbeitet, sondern sich damit vor den Vorhang begibt. Warum ich mich freiwillig so verletzbar mache, wurde ich gefragt, so angreifbar.

Auf diese Frage möchte ich an dieser Stelle abschließend ebenfalls Antwort geben. Ich antworte mit einem Gedicht, meinem Lieblingsgedicht von Jörn Pfennig. Es begleitet mich seit vielen Jahren, spiegelt meine bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Krisen wider und ist ein Stück weit zu meiner Lebensmaxime geworden.

An ein gebranntes Kind

Ich bitte dich
mach dich nicht hart
um Verletzungen zu widerstehn.
Sicher, die kleinen Brocken
werden an dir abprallen
doch die großen
könnten dich
zum Einsturz bringen.
Ich bitte dich
mach dich weich
um Verletzungen zu widerstehn.
Sicher, die kleinen Brocken
werden in dich eindringen
und die großen um so tiefer.
Doch sie werden aus dir zurückfedern
nachdem sie dich bereichert haben.
Ich bitte dich
mach dich verletzbar
und du wirst es
irgendwann
nicht mehr sein.

(Jörn Pfennig)

Info:
Dieser Artikel wurde erstmals auf Vielfalten.com veröffentlicht.
Herzlichen Dank an Jörn Pfennig für die Erlaubnis, das Gedicht zu veröffentlichen. Es ist aus dem Buch: ‘Keine Angst dich zu verlieren’


weggabelung

Meine Lieben,
das histologische Ergebnis ist da und es ist unfassbar was es alles gibt im Leben. Meine emotionale Achterbahn hat mich gerade in die höchste Kurve getragen. Jetzt ist mir auch klar, warum das histologische Ergebnis so lange auf sich warten ließ. Es wurde wohl mehrmals überprüft und gegengecheckt.

Erinnert Ihr Euch noch an das gemalte Bild von meinem Tumor, wie er sich als bunt und gar nicht so gefährlich zeigte? Nun genau das ist jetzt passiert. Mein Mann meinte im Scherz, nachdem wir das Ergebnis erfahren hatten: „Eh klar, dass Du unangepasstes Weib keinen normalen Tumor hast“.

Mein Eierstocktumor war ein eher seltener Borderline-Tumor. Das ist ein Tumor, der zwischen gutartig und bösartig liegt, er ist im Kern gutartig, tut aber als wäre er bösartig oder, wie mein Arzt meinte, kann sich ewig lang nicht entscheiden, ob er bösartig oder gutartig sein will. Ist die Natur nicht unglaublich??

Mein Borderline-Tumor hatte viel gutartiges Tumorgewebe, aber auch kleine krebsartige Einsprengungen. Daher ging auch die histologische Ersteinschätzung während der Operation in Richtung „bösartig“, was die große Operation mit Entfernung von Gebärmutter, Eierstöcken, Bauchnetz, Teile des Bauchfells, Lymphknoten und Blinddarm zur Folge hatte. In der Detail-Histologie zeigte sich aber, es war ein Borderline-Tumor. Der Tumor war außerdem nur im befallenen Eierstock, in allen anderen entnommenen Organen oder Gewebeteilen gab es keine Tumore. Es schaut also sehr gut aus für mich!

mein tumor

Das interdisziplinäre Tumorboard hat daher heute entschieden, dass ich keine Chemotherapie brauche, sondern jetzt einmal alle 3 Monate zur onkologischen Nachsorge gehen muss. Es geht darum zu schauen, ob der Tumor wieder kommt oder ob der chirurgische Eingriff ihn zur Gänze beseitigt hat. Sollte der Tumor irgendwie wieder kommen, was passieren kann (aber keinesfalls muss!), dann wiederholt sich das Procedere: Operation, Histologie, Entscheidung.

Fürs Erste gelte ich als wieder gesunde Frau mit Kontrollbedarf. Ist das nicht groooooßartig!!!! I werd naaaaarrrrisch!!! Ich bin sooooooo unglaublich dankbar und glücklich! Heute zünde ich hundert Kerzerl an!!!! Danke Schicksal! Danke, danke, danke!

Eine stürmische Umarmung für Euch alle!

Eure überaus glückliche
Sonja

Weiterführende Info:
Der Artikel wurde von Sonja Schiff erstmals auf Vielfalten.com publiziert.
Sonja Schiff in der Dorfzeitung >


Krebse

Es ist für mich irgendwie immer noch irreal. Ich habe jetzt tatsächlich Krebs. Kurz vor Weihnachten wurde bei mir ein Ovarialtumor diagnostiziert und selbstverständlich war von Beginn an klar, der Tumor kann gutartig wie auch bösartig sein.

Von Sonja Schiff

Ich habe mich drei unendlich lange Wochen intensiv mit allen in Betracht kommenden Perspektiven auseinandergesetzt und bin den Weg vom Schockzustand zur Zuversicht gegangen. Am 16. Jänner trat ich mit positiven Gedanken die Reise in die Narkose an, war davon überzeugt, nach kurzer Operation aufzuwachen und danach mein bisheriges Leben wieder aufzunehmen. Als ich beim Aufwachen aber nach der Uhrzeit fragte und realisierte, dass ich über 7 Stunden im OP-Saal gelegen war, als ich auf meinem Bauch die gefürchtete lange Naht vom Nabel bis zum Schambein vorfand, da ging, trotz all meiner Vorbereitung, eine Welt unter. Mein Körper hat plötzlich unkontrollierbar geschlottert und ich bin gefallen, gefallen, gefallen.

Diese Operation ist jetzt 8 Tage her. Ich bin eine psychische Achterbahnfahrt durchlaufen, bin gestrauchelt, gestürzt, hab mich mit viel Kraft wieder aufgerichtet und ich schätze, so wird es noch einige Zeit weitergehen. In den nächsten Tagen werde ich erfahren, ob das Ovarialkarzinom gestreut hat und davon hängt ab, wie lange und welche Chemotherapie ich erhalten werde.

Mein Kopf plant eine Zukunft mit Chemotherapie, legt Strategien fest, formuliert Ziele. Aber mein Innerstes ist immer noch fassungslos und hofft auf ein Wunder. Ich, die ich strotze vor Kraft, die ich die Welt ständig mit Ideen und Projekten niederreiße, der alles immer zu langsam geht, die Nichtstun kaum erträgt, ich habe wirklich Krebs? Es wird wohl noch einige Zeit dauern, einige Abstürze und Aufbrüche benötigen, bis diese neue Lebensrealität auch mein Inneres erreicht hat.

Neben Fragen rund um die Chemotherapie, ums eigene Überleben, um meine Familie und meine FreudInnen und um meine wirtschaftliche Situation als Selbständige in dieser Zeit, beschäftigt mich natürlich auch die Frage, ob ich weiter bloggen soll. Kochrezepte, Wanderberichte und Jubelreportagen über das glückliche Älterwerden sind im Moment nicht mein Thema. Also kann ich auch mit Blogberichten darüber für längere Zeit nicht dienen. Soll ich den Blog also beenden und stilllegen bis diese Lebenskrise überwunden? Oder soll ich weiterschreiben, einfach weil „VielFalten- fortgeschritten Leben jenseits der 50“, das Motto meines Blogs, auch Krisen und deren Überwindung beinhaltet? Das Leben ist keine einzige Jubelreise. Krisen gehören einfach dazu und rückblickend betrachtet, bringen Krisen uns enorm weiter. Nehme ich mein eigenes Blogmotto ernst, müsste ich also weiterbloggen. Aber interessiert das meine Leserinnen oder laufen sie mir, schreiend oder auch ganz still, davon, fliehen vor dem Schrecken Krebs und meinen Berichten?

Bei diesen Überlegungen erinnere ich mich an ein länger zurückliegendes Erlebnis auf einer kleinen Tagung. Rund 50 Personen standen in einem Raum und plauderten. Plötzlich betrat Susanne, die alle Anwesenden kannten, den Saal. Sie trug Glatze und jede TeilnehmerIn wusste sofort Bescheid. Die Menschen waren geschockt, sie traten zur Seite, es wurde für einige Sekunden still. Doch dann drehten sich alle wieder ihren Gesprächspartnerinnen zu. Susanne stand da, alleine, hilflos. Sie blickte um sich, versuchte irgendwo zu ankern. Als ich, die ich sie eigentlich kaum kannte, ihr zuwinkte, lief sie pfeilgerade und sichtlich erleichtert auf mich zu. Sie umarmte mich, als wäre ich die beste Freundin.

Krebs ist ein Tabu. Sterben und Krankheit an sich, sind ein Tabu. Tabus bin ich aber noch nie in meinem Leben gefolgt. Tabus habe ich immer schon niedergerannt. Auch jetzt als Krebspatientin und Bloggerin ruft es in mir: „Ich werde mich den Menschen zumuten! Ich werde nicht in die Unsichtbarkeit gehen. Ich werde nicht schweigen. Ich bleibe mitten im Leben und unter Euch!“

Bleiben einige offene Frage: Schaffe ich in dieser schwierigen Zeit so viel Öffentlichkeit? Bringt mir die Öffentlichkeit Kraft oder zieht sie mir Energie ab? Werden meine Leserinnen um meine Dünnhäutigkeit wissen und deshalb sorgsam und empathisch mit mir umgehen?


Geminiden neben der Milchstrasse. Foto: Hermann Hermeter

In Lebenskrisen trennt sich die Spreu vom Weizen, heißt es, und man erkennt seine wahren FreundInnen. Seit ich die Diagnose Ovarialtumor bekommen habe, erfahre auch ich viel über mein Umfeld. Dabei mache ich wunderbare wie auch sehr schmerzvolle Erfahrungen. Außerdem denke ich nach über die Frage, wieviel Hilflosigkeit beim Gegenüber ich verzeihen muss.

Sonja SchiffVon Sonja Schiff

Wer kennt nicht Situationen, in denen sie/ er sich unsagbar hilflos gefühlt hat und vor der sie/ er davon gelaufen ist? Ich kann mich an zwei solcher Situationen in meinem Leben erinnern. Für beide habe ich mich von Beginn an geschämt, konnte trotzdem nicht anders, und schäme mich bis heute.

In der ersten Situation war ich eine junge Pflegedirektorin. Eine Mitarbeiterin, Mutter von drei kleinen Kindern, erkrankte an Krebs. Es hätte sich in meiner Funktion gehört, diese kranke Mitarbeiterin zu besuchen. Ganz klar. Ich habe einen Besuch damals aber nicht geschafft, war irgendwie wie gelähmt. Hilflos. Die Mitarbeiterin ist dann auch noch verstorben, als ich gerade auf Urlaub war. Also war ich auch nicht auf ihrem Begräbnis und ehrlich gesagt,  war ich heimlich froh über diesen Zufall. Bis heute schäme ich mich zutiefst für mein Verhalten und in meiner derzeitigen Betroffenheit denke ich sehr, sehr viel an diese Kollegin, die ich damals im Stich gelassen habe.

Die zweite Situation betrifft meine Großmutter. Ich war eine frisch diplomierte Krankenschwester als ich erfuhr, dass meine über alles geliebte Oma dement geworden war. Mehrere Monate lang war ich unfähig sie zu besuchen, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie sich womöglich nicht an mich erinnern könnte. War hilflos. Auch für dieses Verhalten schäme ich mich bis heute. Meinen Verwandten gegenüber, meiner mittlerweile verstorbenen Oma gegenüber, aber vor allem vor mir selbst.

Heute stehe ich auf der anderen Seite. Ich habe einen Ovarialtumor, warte auf die Operation, auf den histologischen Befund, erlebe eine Lebenskrise voller Angst, rudere um Mut und Zuversicht. Die Menschen in meinem Umfeld zeigen unterschiedliches Verhalten, manches Verhalten überrascht mich positiv, anderes wieder enttäuscht mich,  das Verhalten einer bestimmten Person tut mir auch unendlich weh.

Besonders positiv berührt hat mich etwa unser ungarischer Nachbar, ein sehr einfacher, schüchterner Mann mit großem Herz, der mir gegenüber bis jetzt, aus Mann-Frau-Gründen, immer sehr distanziert war. Er hatte erfahren, dass ich einen Tumor habe und stand am Weihnachtstag vor der Haustüre. Als ich die Türe öffnete und, wie gewohnt, meinem Mann den Vortritt lassen wollte, einfach weil er leichter mit meinem Mann redet als mit mir, da drängte sich dieser schüchterne Nachbar an meinem Mann vorbei in meine Richtung und umarmte mich ganz zaghaft. Dann sah er mich mit Tränen in den Augen an und meinte auf ungarisch „Alles wird gut.“ Was für eine Geste! Hat mich so sehr berührt.

Eine ungarische Freundin wiederum feierte mit mir und meinem Mann bewusst Silvester, in dem Wissen, dass die Stimmung um Mitternacht vielleicht auch kippen kann, was dann kurzzeitig auch geschah. Ich bin unendlich dankbar für diesen Mut. Ohne sie hätten mein Mann und ich uns vielleicht in Angst verloren letzte Nacht. Großen Dank an dieser Stelle an diese Frau!

Hervorheben möchte ich meine Eltern und meinen Bruder, sowie viele FreundInnen, langjährige wie auch „junge“, die mit mir reden, telefonieren, schreiben oder mir mitteilen, dass ich mich jederzeit melden darf, wenn ich jemanden zum „reden, lachen oder auch weinen“ brauche. Ich danke Euch so sehr!

Selbstverständlich erlebe ich auch Menschen, die hilflos sind. Sie ziehen sich zurück, reagieren nicht, gehen mir aus dem Weg, sind quasi untergetaucht oder sie geben in der Begegnung distanziertes und oberflächliches Geplapper von sich. Je näher mir diese Menschen stehen, umso mehr schmerzt mich dieses Verhalten. Bei einem Menschen, den ich sehr liebe, hat mich dieses Verhalten in den letzten Tagen besonders getroffen. Es tat und tut unendlich weh. So weh, dass ich die Person gebeten habe, mich in Zukunft in Ruhe zu lassen. ich würde eine weitere Begegnung dieser Art nicht ertragen.

Dieses schmerzhafte Erlebnis führt mich zu meinem eigenen Fehlverhalten in früheren Jahren – zu meinem Fehlverhalten im Umgang mit der krebskranken Mitarbeiterin und meiner dementen Großmutter – und zu einer Frage: Wieviel Hilflosigkeit muss man als Mensch in einer Lebenskrise eigentlich verstehen und verzeihen?

Darf ich zornig sein auf dieses Fehlverhalten? Darf ich wütend sein auf so viel Hilflosigkeit? Darf ich mir erwarten, dass jemand der mir so nah steht, seinen Mut zusammen nimmt und mir entsprechend empathisch begegnet? Muss ich Verständnis zeigen für Angst? Muss ich dieses Verhalten verzeihen?

Wenn ich auf mein Fehlverhalten von damals zurück blicke, dann erinnere ich mich, dass ich jeden Moment gewusst habe, mir bewusst war, wie falsch ich mich verhalte. Ich habe mich auch jede Sekunde vor mir selbst geschämt. Hätte mich damals jemand mit meinem Verhalten konfrontiert, hätte ich mir dann erwartet, dass mich jemand versteht oder mir gar verzeiht? Nein. Mein Verhalten war falsch. Damals wie heute. Es war soziale und emotionale Inkompetenz. Es war purer Egoismus. Ich habe Menschen alleine gelassen, nur um mich selbst emotional in Sicherheit zu bringen. Das mag man verstehen. Zu entschuldigen ist mein Fehlverhalten von damals aber nicht.

Zurück zu meiner Situation heute: Darf ich zornig sein auf Menschen, die mir jetzt in meiner aktuellen Lebenskrise mit mangelnder Empathie begegnen? Darf ich mich vor solchen Menschen, selbst wenn sie lange nah waren, in Sicherheit bringen? Oder muss ich mich großzügig verhalten und Verhalten dieser Art als „menschlich“ verzeihen?

Ich weiß es einfach nicht. Habt Ihr da eine Antwort drauf?

Info:
Dieser Artikel wurde erstmals am 1. Jänner 2018 am Blog Vielfalten.com von Sonja Schiff publiziert.


Angst. Shame on you

In Österreich ist heute Peter Pilz, eine politische Ikone gefallen, weil er in zwei Fällen mit sexistischen oder sexuellen Übergriffen in Verbindung gebracht wird. Jetzt geht es rund im Netz und ich staune nur so über Kommentare und Positionen.

Sonja SchiffVon Sonja Schiff

Die eigentlichen Opfer werden als Rächerinnen dargestellt, als grüne Kampfemanzen und immer und überall taucht die Frage auf: „Warum haben sie nicht schon früher geredet“ Auch der „gefallene“ Politiker hat einen Abgang hingelegt mit den Worten, er würde ein Mann sein aus einer „anderen Zeit“ und er würde jetzt lernen müssen. Ein Mann aus einer anderen Zeit? Was er damit wohl meint? Dass „damals“ sexuelle Übergriffe noch sein durften, dass sexuelle Übergriffe und Sexismus damals noch halb so wild waren, dass Frauen sich damals noch nicht so angestellt haben?

Ich staune über Kommentare von Frauen die süffisant posten „Bin ich jetzt Sexistin, wenn ich zu einem Mann Schatzi sage“ und damit den Opfern in den Rücken fallen. Ich bin sprachlos über Anmerkungen wie „Warum sind die #metoo Rufer zu 99% Frauen?“, die dann auch noch bestätigt werden mit dem Hinweis „Ist ja wirklich arg, dass die Übergriffe auf Männer nicht diskutiert werden“. Ich bin fassungslos über die Opfer-Täter-Umkehr, über die Abwertung jener Frauen, die grad aufstehen, #metoo rufen und ihre Geschichte erzählen. Stunde um Stunde bin ich aber nicht mehr nur fassungslos, sondern werde zornig, so richtig zornig.

Ich bin 52 Jahre alt und sexuelle Übergriffe waren selbstverständlicher Teil meines Lebens. Als Frau war es irgendwie etwas, wovon ich dachte es erdulden zu müssen, denn jede in meinem Umfeld erlebte diese Dinge. Uneingeschränkt jede.

Ich war 13 Jahre alt als mich in der Getreidegasse Salzburg abends vier Typen in einen Hauseingang drängten, meine Brüste begraptschten und mir zuraunten: „Mädel, Du wirst uns Männern noch viel Freude machen.“

Ich habe einen Lehrer in der Krankenpflegeschule erlebt, der bei Prüfungen übergriffig wurde und ich zählte mit meinem großen Busen zu den beliebten Opfern.

Ich wurde als psychiatrische Krankenpflegeschülerin von einem Pfleger ins Patientenbett gewuchtet, mit einem Gurt fixiert und ausgegriffen. Dabei haben drei männliche Kollegen lachend zugesehen und ein etwas irritierter Tunusarzt auch. Den flehte ich dann auch an mir zu helfen. Er tat es, aber erst nachdem ich ihn schreiend fragte, ob er wirklich so ein Schlappschwanz wäre, dass er nicht eingreifen könnte. Da öffnete er den Gurt. Nach rund 10 Minuten Zusehen.

Ich habe als Krankenschwester Ärzte und auch Patienten erlebt, die ihre Pfoten nicht unter Kontrolle hatten.

Ich habe Männer erlebt, die sich in U-Bahnen, Zügen, Bussen oder Konzerthallen grinsend an mir rieben.

Ich wurde am einsamen Strand in Griechenland aus meinem Mittagsschlaf gerissen, weil ein Mann über mir stand und beim Onanieren laut stöhnte.

Ich durfte als Kurzzeit-Politikerin zu Frauenthemen mein Foto in diversen Männer-Foren finden, mit Anmerkungen wie „Eh klar, so fett und hässlich wie die ist, da musste sie ja Feministin werden.“

Muss ich noch mehr erzählen? Könnte ich nämlich, so einige weitere Beispiele hätte ich noch auf Lager. Fragt jetzt vielleicht auch jemand, warum ich nie etwas gesagt habe??? Und meint irgendjemand, dass die Männer in den oben genannten Beispielen nur flirten wollten, die „Armen“ nicht wissen konnten, dass es ein Übergriff war? Ernsthaft??

Ruhe von Übergriffen dieser Art habe ich übrigens erst seit ich sichtbar eine ältere Frau bin und wohl auch deshalb erlebe ich das Alter als befreiend! Endlich Ruhe!

Fakt ist: Sexuelle Übergriffe auf Frauen sind bei uns System. Ich finde es deshalb SEHR gut und mehr als an der Zeit, dass dieses Gehabe von Männern endlich zur Sprache kommt. Und ja, da fallen auch Ikonen, ob das nun Politiker sind oder Schauspieler oder oder oder… und gut so!

Es kotzt mich unglaublich an, wie das Thema von manchen Männern und Frauen marginalisiert wird. Und ich bin so etwas von sauer auf jeden, aber vor allem auf Frauen, die jenen Frauen die jetzt reden in den Rücken fallen und damit das System der Übergriffe verteidigen.

Shame on you!! SHAME ON YOU!

Dieser Artikel wurde erstmals am Blog von Sonja Schiff Vielfalten.com > veröffentlicht.


Wie möchtest Du einmal sterben? Diese Frage wurde mir erst kürzlich auf einer Tagung, im Rahmen einer Podiumsdiskussion, gestellt. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken und meinte dann spontan: Alleine. Ich möchte alleine sterben. Die Reaktion war ein Raunen im Raum.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Wie möchtest Du einmal sterben? Was für eine Frage! Sterben möchte doch niemand. Wir wollen alle ewig leben! Oder doch nicht?

Als Altenpflegerin habe ich viele hochbetagte Menschen erlebt, die wollten sterben. Sie warteten darauf gehen zu dürfen und zwar nicht nur, weil sie alt und krank waren, manche davon waren auch nur etwas wackelig auf den Beinen. Trotzdem meinten sie, es wäre jetzt an der Zeit zu gehen. Eine alte Dame erklärte mir einmal, sie würde des Lebens langsam überdrüssig, weil sich ohnehin alles nur noch wiederholen würde. Es wäre alles gesagt und getan. Sie wäre jetzt bereit für die große Reise. Sie möchte jetzt endlich „geholt“ werden.

Wenn wir also doch irgendwann selbst sterben wollen, dann ist die Frage, wie wir einmal unser Sterben erleben wollen, gar nicht so seltsam oder überflüssig.

Ich möchte einmal alleine sterben. Ohne Begleitung. Ohne Händchenhalten. Ohne Worten wie „Du darfst jetzt loslassen“  oder einer anderen Art von  Betüdelung. Alleine. Einfach alleine. Ganz alleine, mit mir und meinem Sterben.

Wann immer ich diesen Wunsch irgendwo kundtue, ernte ich Unverständnis oder Kopfschütteln. Als wäre dieser Gedanken ungehörig. Auch meine MitdiskutantInnen bei der Tagung schauten mich irgendwie fassungslos an. Alleine? Ihre Antworten auf die Frage entsprachen da schon mehr den gesellschaftlichen Erwartungen. Sie antworteten: Umringt von der Familie. Im Kreise der Familie.
Wer bitte will schon alleine sterben? Und überhaupt, das kann man doch seiner Familie nicht antun? Selbst beim Sterben gilt es Erwartungen zu erfüllen. So viel Egoismus beim Sterben darf nicht sein. Oder doch?

Niemand von uns kann sich sein Ende wirklich aussuchen. Morgen kann mir ein Dachziegel auf den Kopf fallen und mich von einer Sekunde auf die andere aus dem Leben schmettern. In einem Monat kann mich auf der Autobahn ein Alkolenker abschießen und ich sterbe eingeklemmt in einem Autowrack. Wann, wo und wie unser Weg zu Ende gehen wird, das bleibt für uns bis zur letzten Sekunde offen, das bleibt ein letztes großes Überraschungspaket. Trotzdem mache ich mir Gedanken zu meinem Sterben. Ich will einfach gewappnet sein.

Als Krankenschwester habe ich erlebt, dass wir Menschen, so wir nicht akut und plötzlich aus dem Leben gerissen werden, unser Sterben sehr wohl bewusst gestalten können. Eine Freundin von mir lag in einem Hospizzentrum. Tagelang wechselte sich die Familie an ihrem Sterbebett ab, man wollte sie auf keinen Fall beim Sterben alleine lassen. Doch sie entschied sich dafür, ihren letzten Atemzug genau dann zu machen, als sie alleine war. Die Person, die sie gerade begleitete musste kurz auf die Toilette. In diesem Moment, in diesen fünf Minuten schloss meine Freundin für immer ihre Augen. Eine alte Dame, die ich vor vielen Jahren betreute erzählte mir oft, dass sie dem Tod einmal aufrecht, sowie lachend und singend entgegentreten möchte. Sie lebte in einem Seniorenheim. An ihrem Todestag wehrte sie sich strikt dagegen abends ins Bett gebracht zu werden. Stattdessen orderte sie einen Tee mit viel Rum, nach einer Stunde den nächsten und dann noch einen. Während des Teetrinkens saß sie aufrecht in ihrem Stuhl und summte leise vor sich hin. Je mehr Tee mit Rum sie intus hatte, desto mehr wurde das Summen zu einem Singen, desto mehr erhob sie ihre Stimme und schwoll ihr Gesang an. Bis er plötzlich abbrach.  Die alte Dame hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war singend und aufrecht sitzend gestorben.

Wenn ich es schaffen sollte diese Welt nicht plötzlich und akut zu verlassen, dann möchte ich mein Sterben bewusst erleben und möglichst so gestalten, wie es für mich passt. Ich möchte mich verabschieden von den Menschen, die mir wichtig sind. Ich möchte meine offenen Dinge erledigen, etwa noch Danke zu sagen, wem ich noch nicht gedankt habe, mich entschuldigen, dort wo es noch etwas zu entschuldigen gibt und den Menschen noch einmal sagen, wie wertvoll sie mir waren. Aber dann, wenn der letzte Augenblick gekommen ist, wenn ich mich entschieden habe zu gehen, möchte ich mit mir alleine sein.

Ich will nicht umringt sein von Menschen, möchte nicht, dass in diesem intimen Moment jemand bei mir ist, mir zusieht oder gar auf mich einredet. Ich will alleine sein, will da alleine durch, will meine Reise alleine antreten. Und ich will mich nicht davonschleichen müssen, wenn meine Lieben grad auf die Toilette hetzen. Ich will Zeit haben zu gehen. Zeit mit mir alleine.

Dann, wenn alles Leben aus mir gewichen ist, dann können meine Lieben wieder den Raum betreten. Dann können sie mir einen Dienst erweise: Bitte öffnet dann das Fenster für mich. Ganz weit. Denn meine Seele will ihre Flügel öffnen und hinausfliegen.

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Dieser Artikel wurde erstmals auf VielFalten.com veröffentlicht und uns dankenswerter Weise von Sonja Schiff zur Verfügung gestellt. Fotos: Sonja Schiff


Kurz bevor ich nach Ungarn fuhr, in mein Sommerdomizil, schenkte mir mein afghanischer Sohn Mohammed ein Buch, welches er am Flohmarkt erstanden hat. Er weiss, ich liebe Flohmärkte und Bücher. Und es ist ihm ein Bedürfnis mir sein Land näher zu bringen, sein Leben vor der Zeit in Österreich und unserer Begegnung.

sonjaschiff

Von Sonja Schiff

Drei Wochen bin ich jetzt um dieses Buch gekreist, habe überlegt ob ich es lesen will. Schon der Titel des Buches verheisst Schwere und es ist doch Sommer! Meine „heilige“ Zeit der Entspannung und Leichtigkeit. Vor ein paar Tagen habe ich es dann zur Hand genommen. Ich will Mohammed einfach verstehen können, möchte wissen wie er großgezogen wurde, was man in seinen Kopf geplanzt hat, wie er denkt und fühlt. Was ihn quält.

Seit drei Tagen kann ich nicht mehr schlafen. Was ich hier lese liegt mir schwer im Herzen. Nicht dass da Neues stehen würde, alles schon gehört im Fernsehen, alles schon gelesen in Zeitungen, alles schon erfahren. Und doch…..

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Autor: Siba Shakib
Titel: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen
Taschenbuch: 318 Seiten, 12,5 x 2,5 x 18,3 cm
Verlag: Goldmann (2003)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442455154
ISBN-13: 978-3442455157

Klappentext
Als die Dokumentarfilmerin Siba Shakib in einem afghanischen Flüchtlingslager Shirin-Gol zum ersten Mal begegnete, sah sie zunächst nur den blauen Ganzkörperschleier, hinter dem alle Frauen Afghanistans ihren Körper verbergen müssen. Aber als sie die weiche Stimme Shirin-Gols zum ersten Mal hörte, spürte sie eine Kraft, die sie seither nie mehr losgelassen hat: Sie erfuhr die Geschichte dieser Frau, die gleichzeitig die Geschichte Tausender afghanischer Frauen ist. Die Geschichte einer Welt unter den Bergen des Hindukusch, deren Elend für uns, die wir in Sicherheit und Wohlstand leben, unvorstellbar ist…

Handlung, Rezension
Als Shirin-Gol in einem abgelegenen Bergdorf Afghanistans geboren wird, ist die Welt in Afghanistan noch im Lot. Das Leben ist geprägt von jahrhundertealter islamisch geprägter Tradition. Shirin-Gol wächst auf in armen Verhältnissen, in Korangläubigkeit und in der Enge und Beschränkung eines islamischen Frauenbildes. Als die Russen in Afghanistan einmarschieren ziehen sich ihr Vater und ihre Brüder in die Berge zurück, um als Mudschaheddin Widerstand zu leisten. Die älteren Schwestern legen den Schleier ab, schminken sich die Lippen rot und verführen russische Soldaten, mit dem Ziel diese zu ermorden. Bald kommt der erste Bruder als Märtyrer nach Hause und wird begraben. Als die Flugzeuge mit den Bomben kommen, flieht der übrig gebliebene Teil der Familie nach Kabul. Hier kann Shirin-Gol plötzlich Kind sein, darf in die Schule gehen und entdeckt eine Freiheit aus der sie innere Stärke für das kommende Leben bezieht – für die Verheiratung mit einem Mann, dem sie als Ausgleich für Spielschulden zur Frau gegeben wird, für lebenslange Verfolgung, für Vergewaltigung, für Armut und Elend und für die Flucht vor dem Taliban-Regime.

Das Buch „Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen“ erschüttert in Mark und Bein, es nennt den Krieg beim Namen, es beschreibt dicht und bildgewaltig Kriegsgräuel, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Armut und Frauenverachtung als Normalität eines afghanischen Frauenlebens. Gleichzeitig ist die Sprache der Autorin immer wieder orientalisch blumig, vor allem wenn sie Shirin-Gols Gefühle, wie Hoffnung oder Mutterliebe, und Shirin-Gols Stärke und Würde beschrieben wird. Am Ende des Buches ist fernes Leid, welche täglich häppchenweise und wohlportioniert für die europäische Seele übers Fernsehen oder Internet serviert wird, unfassbar nah. Das Elend am Ende der Welt hat die Seele der LeserIn erreicht.

Ich jedenfalls habe geweint, fühlte tiefe Traurigkeit, Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Bis jetzt dachte ich in diesem Leben wäre ein Frauenleben nichts wert, aber nun musste ich erkennen, in diesem Land ist KEIN Leben etwas wert, kein Frauenleben, kein Kinderleben und auch kein Männerleben.

Durch das Buch wurde mir schlagartig klar, dass die Lebenssituation von Mohammeds Familie katastrophal ist und ihn die Armut seiner Familie quält. Für mich ein Anlass jetzt aktiv zu werden, Ich werde versuchen Mohammeds Familie zu unterstützen. Wer sich daran beteiligen möchte ist herzlich eingeladen.

Prädikat unvergesslich, prägend und sehr empfehlenswert.

Erstmals publiziert von Sonja Schiff auf VielFalten.com


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Wer einen Garten kennt, kennt das Problem: Plötzlich wird von einer Gemüsesorte alles gleichzeitig reif. Ich werde gerade überschwemmt von Gurken.

sonjaschiff

Von Sonja Schiff

Obwohl ich eh nur 3 Gurkenpflanzen gesetzt habe, ernte ich derzeit täglich 5-6 Gurken. In der Woche also an die 40 Gurken. So viele kann man gar nicht essen! Selbst dann nicht, wenn man täglich morgens., mittags und abends je eine Gurke verschlingt.

Also müssen die kleinen grünen Dinger konserviert werden. Am leichtesten geht das als Senfgurken. Senfgurken sind für viele Menschen an Kindheitserinnerungen geknüpft. Die einen kennen sie von Oma oder vom Sommerurlaub bei irgendeiner Tante. Die anderen wieder verbinden mit Senfgurken eine bestimmte Region – mein Mann verbindet damit seinen Geburtsort, das Ruhrgebiet. Ich verbinde Senfgurken mit Oberösterreich, wo ich geboren bin und als Kind gelebt habe.

Senfgurken kommen immer gut an, schauen im Glas schön aus und sie sind auch gern gesehene selbst gemachte Mitbringsel. Hier mein Rezept:

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Senfgurken

2,5 kg Feldgurken oder große Gewürzgurken
1 Liter Essig
1 Liter Wasser
3 EL Salz
3 EL Zucker
2 EL Pfefferkörner
4 EL Senfkörner
3 Lorbeerblätter

Die Gurken schälen und der Länge nach halbieren. Danach das Kerngehäuse der Gurken entfernen und in mundgerechte Stücke schneiden. Die Stücke salzen und in einer Schüssel, zugedeckt mit einem sauberen Geschirrtuch, über Nacht ziehen lassen.

Am nächten Tag die Gurken einmal abspülen, mit einem Küchenpapier abtupfen und in saubere Einmachgläser schlichten. Wer will kann auch geschnittene Zwiebelstücke dazu geben.

Dann das Wasser, den Essig, Salz, Zucker, Pfeffer und Lorbeerblätter in einen Topf geben, kurz aufkochen und etwas abkühlen lassen. Die Lorbeerblätter entfernen, die Gläser füllen und verschrauben. Die Gurken sollen von dem Sud komplett bedeckt sein.

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Abschließend die Gläser ins Backrohr stelllen (Achtung: dürfen sich nicht berühren!) und bei ca. 200 Grad rund 15 Minuten sterilisieren. Nach dem Herausnehmen auf ein Tuch stellen, mit einem Geschirrtuckh zudecken und so abkühlen lassen.

Haltbar mindestens 1 Jahr. Aber ich versprech Euch, so lange bleiben sie Euch nicht.

Senfgurken wurde erstmals auf Sonja Schiff´s Blog VielFalten publiziert.

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Sonja Schiff

Ich bin kinderlos. Lange Jahre hat mir das viel Schmerz bereitet. Doch irgendwann habe ich gelernt, ohne Kinder zu sein ist nicht nur ein Mangel, sondern auch die Chance auf andere Art und Weise im Leben zu wirken. Also habe ich meinen Schwerpunkt auf meine Arbeit gelegt und mich selbständig gemacht. Seit 15 Jahren begeistere ich Menschen in Seminaren für Altenpflege und sensibilisiere sie für alte Menschen.

sonjaschiffVon Sonja Schiff

Mit über 50 beschäftigt mich trotzdem immer wieder die Frage, was von mir einmal bleiben wird. Welche Spuren werde ich hinterlassen, wenn ich einmal sterbe? Wo habe auch ich an jüngere Menschen etwas weitergegeben? Wo habe ich etwas beigetragen für die nächste Generation. Über Fragen dieser Art denke ich seit rund 4 Jahren viel nach. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung, vor allem auf der kognitiven Ebene, war meine Masterthesis und mein EBook „Vom Älterwerden und generativen Verhalten kinderloser Frauen“.

Ich dachte das Thema Kinderlosigkeit gut abgeschlossen zu haben, war der Meinung, dass alle Fragen für mich geklärt sind, zumal mich ja die Tochter meines Mannes kürzlich zur „Stiefoma“ gemacht hat. Ein ganz wunderbares Erlebnis!

Doch dann traf ich Mohammed, 26 Jahre und aus Afghanistan. Wir kannten uns etwa zwei Monate als ich ihn zum Gitarrenunterricht begleitete, um sprachlich Hilfestellung zu geben. Der Gitarrenlehrer fragte mich, in welcher Beziehung wir zueinander stünden und ich bemerkte auf deutsch „Ich bin ein bisschen in einer Mutterrolle“. Einen Tag später schrieb mir Mohammed eine Facebooknachricht. Sie begann mit „Hallo Mama.“

Mein Herz machte einen Sprung. Es war eine Mischung zwischen Schmerz und Freude, die mir da in Mark und Bein fuhr. Vor Schreck schrieb ich „Sag bitte weiter Sonja zu mir. Ich bin nicht Deine Mutter, die ist in Afghanistan“. Danach saß ich heulend am PC. Ich schämte mich über das kurze Glücksgefühl, es kam mir vor als würde ich einer mir unbekannten Mutter in Afghanistan gerade ihr Kind wegnehmen.

Das Leben ist manchmal echt ein Mysterium. Da trifft dieser junge Mann, der in der Fremde gelandet ist und sich nach seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwister sehnt, auf mich, eine Frau über 50, die es, trotz aller gelungenen Auseinandersetzung, immer noch vermisst keine Kinder bekommen zu haben.  Sein Leben trifft auf mein Leben. Einfach so. Unvermittelt. Dieser junge Mann stolpert in mein Leben und wächst mir mehr und mehr ans Herz.

Heute hat er mich, nach einem gemeinsamen Nachmittag, gefragt, wie er mich nennen soll. Und wieder meinte ich: „Sonja“, worauf mir mein junger Freund erklärte, das wäre aus seiner Sicht nicht respektvoll und würde doch auch unsere Beziehung nicht erklären. Also fragte ich ihn, wie er mich nennen möchte und er antwortete: „Mama. Mama Sonja.“

Also bin ich seit heute „Mama Sonja“ und dabei denke ich die ganze Zeit an die eine Aussage im Buch Der Kleine Prinz, wo der Fuchs dem kleinen Prinz erklärt „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Weiterführende Infos:
BLOG: Vilefalten
BLOG: Carecamp


wecker_konstantin

… Du einem Zwanzigjährigen begeistert von Konstantin Wecker erzählst und der Dich fragt: „Wer soll das sein?“

sonjaschiff

Von Sonja Schiff

Gestern gab Konstantin Wecker im österreichischen Fernsehen ein großartiges Interview zum Thema Flüchtlinge, Asylwerber und die aktuelle Stimmung in Österreich und Deutschland, die hetzerische Stimmung in unseren Ländern und der visionslosen Politik.

Ich war von dem Interview total begeistert. Konstantin Wecker begleitet mich als Musiker schon mein halbes Leben und ich mag es, dass er immer wieder ein Mahner ist, dass er nicht aufhört den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen. .

Also musste ich heute bei einem intergenerationellen Frühstück mit einem Freund und dessen jugendliche Kinder von Wecker uns seinem tollen Interview erzählen. Und dann die Antwort: „Wer soll das sein…?“

Was habe ich mich in diesem Moment alt gefühlt! Wieder wurde mir bewusst, dass die Zeit vergeht, die nachfolgenden Generationen vorrücken, mit ihren Idolen, ihren Begleiterinnen durchs Leben……und alles Alte irgendwann vergessen sein wird…….

Hier nun für alle, die Konstantin Wecker auch kennen und mögen, das Interview und ein wenig Musik. Viel Freude damit!

Konstantin Wecker in der Dofzeitung

Konstantin Wecker bei den Salzachfestspielen 2015 in Laufen
Konstantin Wecker im Cafe Mozart in Salzburg
Konstantin Wecker in Laufen in Obb. 2008

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[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=K5nhg22t-IQ[/embedyt]