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Cappucino

Ich möchte berichten von unserer Suche nach den Felsritzungen im Val Camonica >. Das Tal selbst ist etwas abgelegen, es ist touristisch nicht wirklich erschlossen, zumindest nicht für Ausländer. Italiener, die dort hinfahren, fahren wegen der Bäder hin, so auch in den Ort in dem wir waren, in Darfo Boario Terme.

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Von Wolfgang Ecker

In einem Nachbarort, vielleicht so 20 km entfernt, gibt es einen bekannten Fundplatz an einem Berghang, den man zu Fuß besichtigen kann. Und den wollten wir uns ansehen, allerdings war er nicht im Navi verzeichnet. Also müssen wir nach dem Weg fragen. Wir fahren also hin und halten Ausschau nach Schildern und Hinweisen, aber es war nichts passendes dabei.

Ein älterer Signore quert die Straße und diese Gelegenheit habe ich genützt und ihn nach dem Weg gefragt. Nun ist es so, wir sprechen ein bisschen Italienisch, nicht viel aber doch so, dass wir in Restaurants nicht verhungern und auch nach dem Weg fragen können.

Ich frage ihn also in meinem gebrochenen Italienisch nach dem Weg. Und da hat der nette Signore gewusst: seine Stunde ist gekommen, jene Stunde, auf die er sein Leben lang gewartet hat, dass ihn nämlich Touristen nach dem Weg fragen und er ihnen von der Schönheit seiner Heimat erzählen kann, von der Freundlichkeit der Menschen, ihnen weiterhelfen kann und so sein Teil beitragen kann zu dem, was man gemeinhin als italienisches Lebensgefühl beschreibt.

Jedenfalls ist er zur Höchstform aufgelaufen. “Hier die Straße hinunter, dann links, 300 Meter bis zum Kreisverkehr, erste Ausfahrt rechts, dann zum Fluss, über die Brücke, den Berg drüben hinauf…” mit weit ausholenden Gesten schildert er mir den Straßenverlauf, den ich auch wenn ich es nicht verstanden hätte allein auf Grund seiner Gesten gefunden hätte. Dann, er hebt den Zeigefinger der linken Hand, seine Stimme wird schicksalsschwer, dann kommt eine Engstelle, er legt die Arme dicht an seinen Körper und dreht sich seitlich zu mir um mir zu zeigen, dass es dort eng ist… Dann weiter den Berg hinauf, am Friedhof vorbei…

Ich bin schon ganz schwindelig, der Friedhof hat mir den Rest gegeben, was er noch sagt, das geht im Wortschwall unter. Friedhof, immer wieder Friedhof, ob das ein Omen ist? “Danke, Ursula, danke für alles, es war schön mit dir…”

Doch da, halt!, “Pizzeria da Marco” verstehe ich, das ist die Rettung. Ich schalte das Navi ein, suche Pizzeria da Marco und tatsächlich, das Navi kennt sie. Die Felsgravuren kennt das Navi nicht, aber die Pizzeria schon. Naja, ist halt so heutzutage. Aber jetzt habe ich einen Anhaltspunkt, der Rest ist Kinderkram, die paar Meter schaffe ich auch noch, wir sind gerettet.

Der Signore ist glücklich, wir sind glücklich, das Navi ist glücklich, das Val Camonica > ist es auch. Hinter den Wolken blinzelt die Sonne hervor, wahrscheinlich ist sie auch glücklich.

Zum Abschied schütteln wir einander die Hände, er umarmt mich, küssen will er mich auch noch, was ich aber dankend ablehne. Wir fahren los und im Rückspiegel sehe ich noch wie er uns nachwinkt bis wir um die erste Häuserecke verschwunden sind.

Hach ja, Italien, ich liebe es, ich liebe es heiß.


Der Lago d’Iseo

Es ist ein Tal in Norditalien, das westliche Paralleltal zum Gardasee und nicht so von Touristen überrannt wie sein berühmter Nachbar. Nach Süden hin endet es im Lago d’Iseo.

Ecker_Wolfgang

Von Wolfgang Ecker

Nun
könnte man meinen, na ja, noch ein Tal halt neben den vielen, die sich vom
Alpenhauptkamm in südlicher Richtung erstrecken und es wäre dort nichts
Ungewöhnliches.

Das
Valcamonica ist aber ein UNESCO Weltkulturerbe, sogar das älteste (!)
Weltkulturerbe Italiens. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:
Italien, Rom, das Kolosseum, Pompeji, die Arena von Verona, Aquileia, etc etc,
ein Land, das vollgestopft ist mit Sehenswürdigkeiten und ausgerechnet dort
wird ein eher abgelegenes Tal zum ersten Weltkulturerbe?

Blick auf den alten Teil von Darfo Boario Terme

Felswand direkt hinter dem Dorf

Alte Rundbogenbrücke über den Fluss Oglio

Nachgebaute Pfahlbauhäuser

Der Grund sind die Felsritzungen

140’000 hat die UNO damals geschätzt als es Weltkulturerbe geworden ist, neuere Schätzungen gehen aber von mehr als 300’000 aus. Es sind Zeugen aus der Morgendämmerung Europas gleich nach dem Ende der Eiszeit vor 10’000 Jahren bis herauf ins Mittelalter und sogar die Neuzeit. Nirgends auf der Welt gibt es Vergleichbares in vergleichbarer Anzahl

Auf der Suche nach Felsritzungen

Die
Felsritzungen, die übrigens keine Ritzungen sind sondern die in einer Art
Schlagtechnik hergestellt worden sind, zeigen Menschen, Tiere, Kampf- und Jagdszenen,
Häuser, ja sogar so was wie Lagepläne mit eingezeichneten Feldern und Äckern.
Das ganze Tal ist ein reiches Betätigungsfeld für Urgeschichtler,
Kunsthistoriker und Religionswissenschaftler. Manche der Abbildungen sind klar
und deutlich erkennbar, andere sind so verwittert, dass sie nur noch zu ahnen
sind.

Wer
sich für Geschichte interessiert ist dort gut aufgehoben und frei nach Karl
Farkas möchte ich sagen: „Schau’n Sie sich das an!“

Themen die zu finden sind: Figuren von Tieren, ein „Sonnenrad“, Kampfszenen, Pfahlbauhauser, eine Jagdszene mit erhobenem Speer und Schild, Jagdzene mit Bumerangs

Touristischer
Hinweis: Fahren Sie über die Autostrada Verona und Brescia, der Pass im Norden
des Tals ist uns von Einheimischen nicht empfohlen worden. Fünfstern Hotels
wird man vergeblich suchen. Die Preise sind moderat, die Menschen sind
herzlich, das Essen ausgezeichnet.


Wolfgang Ecker. Beine. Endlos lange Beine.

Dicht an der Donau, in dem kleinen Cafè, hab ich sie gesehen. Gelesen hat sie und einen Kaffee getrunken. Ich hab von der Zeitung aufgeblickt und sie ist dagesessen. Ich hab sie gar nicht reinkommen gesehen. Aber jetzt sitzt sie da und es fährt mir durch und durch: lange Beine, lange Haare, schlank, süßes Gesicht und der Busen, der ist auch nicht von schlechten Eltern.

Ich blinzle zu ihr hinüber und sie wirft den Kopf in den Nacken, dass die Haare fliegen. Sie lächelt, ich lächle auch. Jetzt, jetzt sollte mir was Vernünftiges einfallen, was, wo es sie umhaut, wenn ich sie anspreche. Zum Beispiel: „schönes Wetter heute, nicht wahr?“ Mann, wenn ich mit so einem Schwachsinn daherkomme, dann ist schon alles aus, noch bevor es angefangen hat. Wenn ich nur nicht immer so gehemmt wäre am Anfang. Vielleicht ein: „kennen wir einander? Waren Sie nicht auch bei der Eröffnung der Ausstellung?“ Oh Gott, ich hasse Eröffnungen von Ausstellungen und ich war mein Leben lang noch bei keiner. Nein, das ist kein guter Anfang, da kommt sie mir im dritten Satz dahinter, dass ich nichts mehr hasse als Eröffnungen.

Wie das nur die anderen Männer immer machen? Ich zermarter mir mein Gehirn, wie war das nur in dem Film da dieser Tage, da hat doch der Hauptdarsteller auch eine abgeschleppt, was hat der nur zu ihr gesagt, dass das so geflutscht hat?

Tja, wenn sie mein schönes neues Coupe sehen würde, das draußen vor der Tür parkt: blaumetallic, glänzende Leichtmetallfelgen, die feine Lederausstattung, das würd’ sie schon umhauen, da bin ich mir sicher. Ich schätzte sie nämlich höchstens auf irgend so eine Gurke ein, einen Polo vielleicht, einen Twingo – höchstens. Vielleicht sollte ich den Autoschlüssel auf den Tisch vor mich legen, das Handy daneben, die Sonnenbrillen, ob das wohl Eindruck macht?

Irgendwo habe ich gelesen, dass es die Frauen nicht gar so haben mit den Autos. Scheiß Weiber, für nichts Interesse, nur Klamotten. Einparken können sie auch nicht. Schon gar nicht rückwärts. Es ist zum Aus-der-haut-fahren, ihre Beine sind nämlich endlos lang. Ich würd’ sie trotzdem nehmen, auch wenn sie nicht rückwärts einparken kann.

Warum eigentlich immer wir Männer den ersten Schritt machen müssen, das finde ich ungerecht. Soll doch sie was sagen zu mir. Zum Beispiel: „Haben Sie schon den neuen Alfa Romeo gesehen?“ Aber sowas wird man von einer Frau in hundert Jahren nicht hören, diese Ignorantinnen. Die fragt mich höchstens, wie mir das kleine Schwarze im neuen Otto Katalog gefällt, das auf Seite drei, das ist doch soooo entzückend!

Ich zünde mir eine Zigarette an, blase Kringel in die Luft, meine Augen blitzen, mit dunkler Stimme sage ich zu ihr, während ich mich ein bisschen aufrichte und meine Muskeln spielen lasse: „Sagen Sie, haben Sie schon den neuen Otto Katalog durchgesehen? Traumhaft, nicht wahr?“

„Oh“, flötet sie engelsgleich, „Ihnen gefällt Mode? Das ist aber interessant, ich schreibe nämlich gerade an einer Untersuchung: Männer und ihre Interessen. Und da kommt heraus, dass sich Männer nur für Fußball und Autos interessieren. Wissen Sie, ich arbeite für ein großes Autohaus und wir wollen herausfinden, wie wir neue Zielgruppen erschließen können. Bitte nicht böse sein, wenn ich Sie frage: sind Sie schwul?“

Man soll Untersuchungen nicht widersprechen. Beim Hinausgehen wackle ich ein bisschen mit den Hüften.


Völlig überraschend ist auch dieses Jahr Weihnachten über uns hereingebrochen. Es herrscht Chaos. Die Straßen sind verstopft, nicht einmal mehr Rettungskräfte kommen voran. Unser Dorfpolizist steht inmitten des Aufruhrs und rauft sich die Haare.

Von Wolfgang Ecker

Touristenbusse zwischen den Einkaufswütigen, sie versuchen zur Stille Nacht Kapelle vorzudringen, allerdings ein hoffnungsloses Unterfangen heute, es gibt keine Parkplätze mehr. Also werden die Busse im Ortszentrum abgestellt und der Reiseführer versucht seine Schützlinge entlang der Salzach zur Stille Nacht Kapelle zu bringen. Durch die Stadt geht nichts mehr, alles verstopft. Schrill ertönen seine Pfiffe, um seine Schützlinge zusammenzuhalten, wild schwenkt er sein Fähnchen, damit ihn alle sehen in dem Wirbel.

Beim Supermarkt ist der Parkplatz brechend voll, mit Mühe ergattere ich doch noch einen. Dort, wo normalerweise die Einkaufswägen stehen, herrscht gähnende Leere, es ist keiner mehr verfügbar. Also gehe ich ohne einen Wagen hinein, egal, ich hätte sowieso keinen gebraucht, die Regale sind halb leer. Hunger droht. Den Filialleiter höre ich seine Angestellten fragen:” Haben wir noch Reserven?” Müdes Kopfschütteln ist die Antwort, nein, keine Reserven mehr, auch noch die letzte Verkäuferin wurde in die Schlacht geworfen, es sieht nicht gut aus. Mit fahrigen Fingern und wirrem Blick angesichts der Hoffnungslosigkeit kramt der Filialleiter die Notrufnummer der Konzernzentrale heraus, aber von dort kommt längst keine Hilfe mehr, entmutigt lässt er die Arme sinken, setzt sich auf einen Stapel Getränke, nicht einmal mehr fliehen will er.

Bei der Bank stehen die Kunden bis zum Eingang. Ha, so gescheit bin ich auch, auch ich will mich noch mit ein paar Scheinen wappnen, niemand weiß, wie das noch weitergeht, da ist es immer gut noch Reserven zu haben. Zwei freundliche junge Männer vom Roten Kreuz eilen herbei mit einer Jacke in den Händen. Was die wohl wollen? Dann höre ich es: spitze Schreie und wirres Lachen dringt vom Innenraum an meine Ohren. Oh weh, der nächste Nervenzusammenbruch. “Arme Sau”, denk ich mir, wie die zwei jungen Männer die Schalterbeamtin abholen.

Allerdings kann ich auf Nervenzusammenbrüche keine Rücksicht nehmen. Unter Einsatz meiner Ellenbogen verschaffe ich mir Zutritt. Gut, wenn man durchtrainiert ist, hier zeigt sich meine langjährige Erfahrung in Einkaufstempeln: “Geld her!”, schreie ich den Schalterbeamten an, packe ihn an der Krawatte, ziehe sein Gesicht zu meinem heran: “Hör zu, du Kretin, her mit meinem Geld, bei mir ist es ein Notfall!” Gemütlich schlendere ich noch zu einem weiteren Geschäft, um Zigaretten zu kaufen. Dort ist es ruhiger. Ich plaudere mit der Verkäuferin, die kennt mich, weiß, welch ruhiger und ausgeglichener Mensch ich bin und dass mich nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann.

Schon gar nicht so was Lächerliches wie der letzte Tag vor Weihnachten.

Weitere Artikel in der Dorfzeitung zum Thema:
Honzi: Christbaum, wiederverwendbar
Spaziergänger: Der Weihnachtsmann hat das Christkind abgelöst
Big T. presents: Stille Nacht, heilige Nacht. Ein Autobusevent.


Wien. Ich kann nur sagen, ich war begeistert. Nach etlichen Jahren wieder einmal in unserer Hauptstadt, diesem Konglomerat aus Völkern, Nationen, Urviechern und – vor allem – dem goldenen Wienerherz.

Von Wolfgang Ecker

Man möge mir meinen Überschwang verzeihen, aber in aller Bescheidenheit darf ich doch sagen: Wien spielt schon in einer eigenen Liga. Millionen und Abermillionen an Touristen zusammengedrängt in einer einzigen Stadt, können nicht irren.

Florenz, Berlin, London, ich liebe sie alle. Aber irgendwas fehlt. Dieses fingerschnippende Grübeln: `zefix, was ist es nur, was Wien anders macht?

Die Sprache ist es.

Da Fiaker in da Ansapanier. „Ansa“ unschwer als „Einser“ zu erkennen und „Panier“ als die Panier des Wiener Schnitzels, das eigentlich aus Mailand kommt, die Panier als das Umhüllende und hier im übertragenen Sinn für Kleidung verwendet, die Einserkleidung, die Ausgehkleidung, jene Kleidung, die nur für besondere Anlässe angelegt (angezogen) wird. Wenn man halt am Kutschbock sitzt und Touristen herumfährt und denen mit der Geduld eines Droschkengauls wieder und wieder die Sehenswürdigkeiten erklärt. Ach ja, dass ich’s nicht vergessen möcht’: Goliath und Achill. Die zwei Ross. Ross ohne Plural. Ross hat keinen Plural. Zuminderst nicht im Wienerischen. Und schon gar nicht bei Fiakerpferden.

Sie wissen ja: Kutscher kann a jeder werden, aber fahren – ha! – fahren können’s nur in Wien. Und a Ansapanier haben sie auch nur in Wien. Und wenn mein Besuch aus Deutschland oben sitzt am Wagen, die Kamera läuft heiß weil sie so viel arbeiten muss, sie ganz ergriffen sitzt mit Tränen in den Augen, dann, ja dann, dann kann das nur in Wien sein.

Und bei mir als Linzer kommt noch was dazu: ich verstehe die Sprache (im Gegensatz etwa zu Salzburgern). Für mich ist es ein Heimkommen, nach Hause kommen, zurück zu den Wurzeln.

“A Eitrige, an Bugl und a 16er Blech!”

“Wie meinen?”

Eitrige, die Käsekrainer, die österreichische Antwort auf den Burger, ist eine gesottene Wurst, die auch Käse enthält. Durch das Sieden tritt der Käse aus der Wurst aus und es sieht tatsächlich so aus, als würde Eiter herausrinnen. Ich mein, ich habe noch nie Eiter konsumiert, ich weiß nicht wie der schmeckt, die Käsekrainer hingegen schmeckt. Aber garantiert!

Der Bugl, der Scherz des Brotes, ist das Brotende, dessen rundliche Form an einen Buckel, Rücken, erinnert.

Na und das 16er Blech ist einfach. Blech, Blechdose, gefüllt mit Ottakringer Bier aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk. Ein 16er Blech eben.

So viel gäbe es noch zu erzählen über die Wienersprach’, dieser Singsang, der mir so vertraut ist, den ich so liebe, weil er mir Heimat ist. “Mordsgaudi” etwa von tschechisch “moc”, groß, viel, und “Gaudi” aus dem Lateinischen “Spaß, Vergnügen”. Vom Prater wäre zu erzählen (Prato, italienisch “Wiese”), von “Haberern” aus dem Hebräischen für “Freunde”. Von „fechten“, betteln, aus dem Rotwelschen, der Sprache der Vaganten, von Kieberern wäre zu erzählen, von der Polente, von der He!, von den „Mistelbachern und den Pflasterhirschen (alles Bezeichnungen für Polizisten). Die Sprache ist voll von Wörtern all jener Völker, die zu uns gekommen sind und sie alle haben Fußabdrücke hinterlassen.

Joschi Holaubek fällt mir noch ein, der legendäre Wiener Polizeipräsident, der bei einem Einsatz gegen einen Bankräuber inmitten des Großaufgebots an Polizei schnurstracks zum Haus gegangen ist in dem sich der Räuber verschanzt hatte, dort anklopft und den mit den Worten: „ Kumm aussa, i bin’s, dei Präsident“ zur Aufgabe überredet hat. Na, den Räuber möcht’ ich sehen, der bei den Worten: „Kommen Sie heraus, ich bin es, Ihr Präsident“ freiwillig herausgekommen wäre. Der schießt höchstens durch die zugemachte Tür.

In gewissen Kreisen war früher ein „Taschl ziehen“ (Handtaschenraub) eine durchaus legitime Art des Broterwerbs. Und da sind einmal zwei Strizzis beim Heurigen gesessen, haben den Grünen Veltliner im Doppler genossen und – schließlich haben auch Strizzis kein Herz aus Stein – und sind also ein bisserl melancholisch geworden. Sagt einer mit Tränen in den Augen: “Weißt, immer wenn i einer alten Frau des Taschl ziag, muass i an mei Mutterl denken“.

Wenn ein – und jetzt komme ich wirklich zum Schluss, denn sonst wird es eine Dissertation – wenn also ein österreichisches Boulevardblatt mit dem Bild eines Habsburgers aufmacht und schreibt: “Der Karl von Österreich” dann vermutet der geneigte Leser darin gar nichts. Karl von Österreich mit einem Bild von ihm einfach nur, der Wissende hingegen hält kurz den Atem an, schnappt nach Luft, bevor er sich vor Lachen auf die Schenkel klopft. Der Wissende weiß nämlich um die vielfältige Bedeutung des Wortes “Karl”. Er weiß, dass das “Spaß” bedeuten kann, “Vergnügen, angenehm, Freude, lustig”, etc. Er weiß aber auch um die Bösartigkeit, die in dem Wort steckt: Trottel bedeutet es, Wappler, Koffer, Nudlaug, Hirnschissler. Es kommt auf die Verwendung an. Hätte die Schlagzeile “Karl von Österreich” gelautet, so wäre sie neutral gewesen, der Artikel hingegen dreht die Bedeutung völlig um.

Drei Tage waren wir in Wien und haben einen richtigen Karl gehabt. Und “Karl” garantiert ohne Artikel.


Ecker_Wolfgang

War die Tasche gelb? Ja, kann sein. so ein vergilbtes Gelb dürfte es gewesen sein. Nicht leuchtend, nein, vergilbt. Und dünn war die Tasche. Dünn, weil sie leer war. Eine leere Einkaufstasche. Eine dünne, leere, gelbe Einkaufstasche.

Ecker_Wolfgang_01Von Wolfgang Ecker

Heut’ Nacht, im Traum, ist sie mir wieder eingefallen, die dünne, gelbe Tasche. Es ist schon lang aus, wo ich die gesehen habe. Beim Einparken war’s. In Wels, in Oberösterreich. Warum es grad Wels war, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hab ich eingeparkt, ich hab eine Bank gesucht zum Geldwechseln, und da, beim Einparken, da war die Tasche. Eine alte Frau hat die Tasche gehabt. Auch gelb und auch dünn. Eine dünne, gelbe, alte Frau mit einer dünnen, gelben, alten Tasche.

Es war nur ein Blick von mir, wie ich das gesehen hab, ich hab’s eilig gehabt, ich hab Dollar gebraucht, es war drei Tage vor dem Abflug in die USA und ich hab’s einfach zu wenig beachtet. Der verdammte Stress aber auch: dienstlich, Visum, Unterlagen, die Tochter ist mir im Ohr gelegen was ich mitnehmen muss, was ich alles kaufen muss, weil’s drüben billiger ist.

In der Bank, da war ich an einem Schalter. Ich hab ein bisschen gescherzt mit der Angestellten, hab versucht zu handeln über den Kurs, hab geplaudert mit der jungen Dame über die USA. Am Nebenschalter ist dann die dünne, gelbe, alte Frau mit der dünnen, gelben, alten Tasche gewesen. Die hat nach was gefragt. Die Antwort war Nein, da hat sich die dünne, alte Frau, mit der dünnen, alten Tasche umgedreht und ist wieder gegangen.

Wisst ihr, die alte Frau hat nämlich kein Geld mehr gehabt. Drum war die Tasche auch so dünn und so leer. Die hat gefragt, ob die Pension schon da ist, damit sie wieder was kaufen kann, weil doch die Tasche so leer ist. So leer und dünn. Und so verdammt gelb.

Ich hab die Dame vom Nebenschalter angesehen, ein Blick nur, sie hat den Blick erwidert, und ihr Blick war so ausdruckslos. Es fragen wohl viele dünne, alte Frauen nach den Pensionen. Nach ihren Pensionen, die sie sich redlich verdient haben, die aber so gering sind, dass sie nicht übers ganze Monat reichen.

Bis ich wirklich begriffen habe, was passiert ist, war die dünne, alte Frau mit der gelben Tasche schon wieder draußen aus der Bank, hat sich nicht nach einer Überbrückung erkundigt, hat nur genickt und ist lautlos wieder verschwunden.

Heut Nacht im Traum, da hätt’ ich mit dem Kopf gegen die Wand laufen wollen. Warum bin ich nicht der alten Frau nachgelaufen? Ich hätt’ ihr nachlaufen sollen, hätt’ sie ins Auto packen sollen und in einen Supermarkt einkaufen gehen mit ihr. Und die Tasche anfüllen sollen. Anfüllen, bis sie übergeht, bis sie prall und dick ist und nicht mehr so dünn. Und so verdammt gelb und so verdammt dünn.

Ich hab’s nicht gemacht. Amerika war mir wichtiger.

Ich hasse Amerika.


Ecker_Wolfgang

Zimmerkellner und Tierpflegerin bekommen einander.
Oder: Der Russe ist so. Der Regierungsrat auch. Und der Hoteldirektor erst recht.

Ecker_Wolfgang_01Von Wolfgang Ecker.

Natürlich säuft der russische Oligarch die Minibar leer. Natürlich wirft er die Gläser dann hinter sich. Natürlich hat er einen Koffer voll Geld. Natürlich ist es Schmiergeld. Eine Pistole hat er auch. Manchmal schießt er sogar damit.

Natürlich ist der Hoteldirektor ein schmieriger Typ. Geldgierig und verschlagen. Natürlich ist der Regierungsrat ein bisschen vertrottelt. Natürlich hat er seine dunklen Seiten, die aber natürlich niemand wissen darf. Also setzen beide, der schmierige Hoteldirektor und der vertrottelte Regierungsrat, alles daran, damit niemand was erfährt.

Die Domina, die sich der Regierungsrat ins Hotel bestellt hat, ist – natürlich – krank geworden. 41.9 Grad Fieber. Ihre Schwester, eine Tierpflegerin, die natürlich gerade vom Zoo gefeuert worden ist weil sie versehentlich eine der seltenen australischen Beutelratten im Käfig der Riesenschlange vergessen hat und die Riesenschlange natürlich nichts besseres zu tun gehabt hat als diese seltene Beutelratte zu fressen, ihre Schwester also muss für die Domina einspringen und weiß – natürlich – nicht um was es sich handelt bei all den komischen Utensilien, die ihr ihre Schwester als Arbeitswerkzeug mitgegeben hat: Ketten, Ringe, Vorhangschlösser, Masken, Kostüme und natürlich Peitschen.

Und natürlich ist da auch noch die junge Journalistin, die für ein katholisches Bezirksblatt arbeitet aber viel lieber bei der „Bild“ wäre. Und natürlich taucht sie immer dann auf, wenn es gerade ganz besonders ungünstig ist.

Der Zimmerkellner sieht dem Regierungsrat zum Verwechseln ähnlich und er muss die Rolle des Regierungsrats übernehmen, denn der ist gerade gefesselt und natürlich ist der Schlüssel zum Vorhängeschloss nicht auffindbar. Er darf nur „ja“ sagen, sonst nichts, alles andere wird der schmierige Hoteldirektor schon regeln.

Natürlich kommt auch noch die Gattin des vertrottelten Regierungsrates ins Spiel, sie taucht unerwartet auf im Hotel und weiß natürlich nichts von den dunklen Seiten ihres Gatten. Erschwerend kommt noch hinzu, dass sie tief religiös ist und von irdischen Niederungen noch nicht einmal was in der Zeitung gelesen hat.

Aber die Geschichte geht – natürlich – gut aus. Die Gattin erfährt nichts, der Hoteldirektor schaukelt alles zu seiner finanziellen und zur moralischen Zufriedenheit aller Beteiligten, letztlich wird dann doch noch der Schlüssel des Vorhängeschlosses gefunden, der vertrottelte Regierungsrat kann befreit werden, die Regierungsratsgattin ist zufrieden, für den Hoteldirektor hat es sich auch finanziell gelohnt, Zimmerkellner und Tierpflegerin küssen einander und den Koffer voll Geld des Russen nehmen sie auch an sich.

Der Vorhang fällt, aber vorher säuft der Russe noch einen Wodka.

Und das Glas wirft er hinter sich. Natürlich.


Ecker_Wolfgang

Ein Zweipersonenstück, ein Maler, halb besessen von der Malerei, der sich seine Bilder mit jeweils einem viertel Liter Herzblut entreißt, und halb Bohemien, der dem Genuss nicht abgeneigt ist und auch nicht den Vorteilen des Geldes.

Ecker_Wolfgang_01Eine Satire von Wolfgang Ecker.

Das Licht im Saal wird matter, der Maler setzt sich auf einen Stuhl am Rand der Bühne. Er raucht, er trinkt einen Whisky, dann geschieht erst einmal nichts. Er schaut das Publikum an, das Publikum schaut ihn an. Dann geschieht wieder nichts. Stille, atemlose Stille. Auch auf der Bühne. Nur der Rauch der Zigarette sorgt für etwas Abwechslung. Interessant diese Kringel, wie die nur entstehen?

Sartre fällt mir ein und die Geschichte, wo sich einer ein Sartrestück ansehen will und unmittelbar bevor das Stück losgeht noch ein dringendes menschliches Bedürfnis verspürt, so ein heftiges Bedürfnis, dass er aufsteht, sich durch die Reihen zum Ausgang durchkämpft, auf der Suche nach einer Toilette durch die Gänge eilt, die Gänge werden immer dunkler, schließlich völlig dunkel, immer noch keine Toilette, er endlich in höchster Not einen Zimmerbaum findet und in dessen Übertopf hineinpinkelt.

Erschöpft und erleichtert eilt er wieder zurück, er will schließlich nichts versäumen, tatsächlich, er erreicht seinen Platz, setzt sich hin und zischt zu seinem Nachbarn:

„Hab ich was versäumt, hat das Stück schon angefangen?“

„Nein, nicht wirklich“ antwortet dieser und aus jedem seiner Worte klingt der Theaterkenner, „ein typischer Sartre. Kommt einer auf die Bühne, pinkelt in einen Übertopf und geht wieder.“

Solche Gedanken kreisen in meinem Kopf, da, halt, ein zweiter Schauspieler betritt die Bühne. Der Maler bietet seinem Schüler, als das stellt sich dann nach einiger Zeit der zweite Schauspieler heraus, eine Zigarette an. Jetzt rauchen sie gemeinsam.

Im Publikum wird gehustet. Egal, das Schicksal, ähm, das Stück nimmt seinen Lauf. Wir erfahren, dass der junge Mann beim großen Meister nach Abschluss seines Studiums in die Lehre gehen will, und ihn dieser als Assistent beschäftigen soll. Dann rauchen sie wieder gemeinsam.

Bis hier her habe ich dem Stück problemlos folgen können, ich hätte das allerdings wesentlich besser gekonnt, hätte ich nur nicht meine Zigaretten im Mantel an der Garderobe gehabt. Ich muss mir das merken, nächstens nehme ich mir welche mit, man weiß nie.

Das Husten im Publikum wird immer stärker, gut, zu dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches, dennoch kommt mir vor, als wäre das ein sozusagen hustender Protest der weniger gebildeten Kreise im Publikum gegen die exzessive Raucherei auf der Bühne.

Irgendwie dürfte sich meine Vermutung auf den Maler übertragen haben, während er sich eine neue Zigarette anzündet hält er plötzlich inne, geht an die Rampe und sagt:

„Ich habe kein Problem damit, wenn Sie gerne husten möchten, ich mache kurz eine Pause, husten Sie ruhig!“

Ich persönlich habe das richtig nett von ihm gefunden, ein Teil des Publikums allerdings nicht, man fühlt sich provoziert, ein Sturm bricht los: „Unverschämtheit, ein Skandal, dass man sich das bieten lassen muss, wo kommen wir denn da hin!“, und solche Nettigkeiten. Leute stehen auf, einige verlassen demonstrativ den Saal, andere versuchen durch Schreien teil pro, teils kontra, ihrer Meinung Gehör zu verschaffen, am Balkon, am Juchee oben, hat sich eine Gruppe gebildet, die durch gemeinsames rufen von „Hinaus!“, das sie stakkatoartig vortragen und das eine erstaunliche Lautstärke erreicht, mehr als unangenehm auffällt, Allerdings frage ich mich, wen sie damit meinen, den Maler oder den protestierenden Teil des Publikums.

Jetzt wird es Zeit, dass auch ich mich einmische, denn die Stimmung droht gegen den Maler zu kippen:

„Unwissende!“, brülle ich in den Saal, warum brülle ich eigentlich so? „Unwissende! Ihr Banausen, eine Schande für jedes zivilisierte Land seid ihr, schämen muss man sich eurer!“

Selbst mein Brüllen hat wenig Eindruck gemacht, zu laut ist es bereits im Saal. Von ganz rechts versucht eine Gruppe älterer Damen die Bühne zu erklimmen, vermutlich aus einem Altersheim zu einem Kulturabend gebracht, aha, deshalb der Bus draußen vor der Tür. Die Gruppe versucht erstaunlich geschickt die Bühne zu entern, das hätt’ ich denen niemals zugetraut, da sieht man, was Erregung aus einem Menschen, und sei der noch so alt, zu machen vermag.

Auch ich dränge jetzt nach vorne, springe auf die Bühne und schreie so laut ich kann Worte der Beruhigung in die wogenden Massen: „Niedersetzen, Maul halten, eine Eintrittskarte gibt Ihnen noch lange nicht das Recht euch ein Urteil zu erlauben“, ich wechsle bereits in den Dialekt, „schleicht’s euch, ihr Deppen!“

Ich blicke zum Hauptdarsteller hinüber, auch er steht in der Mitte der Bühne, anerkennend nickt er mir zu, greift in seine Jackentasche und bietet mir eine Zigarette an. Ich bedanke mich artig, wir rauchen jetzt gemeinsam, es könnte richtig gemütlich sein, wenn nur nicht das stakkatoartige „Hinaus“ Geplärre von Balkon herab wäre.

Hach ja, ich liebe sie, die Bretter, die die Welt bedeuten!


Ecker_Wolfgang

Ecker_Wolfgang_01In den Rocky Mountains, dort im “Middle of Nowhere”, wo man in der Bäckerei nicht nur Donuts kriegt, sondern auch Videocassetten und Motoröl und Zündkerzen, wo die Welt noch so ist wie sie vielleicht vor hundert Jahren auch bei uns in den Bergen war, da bedecken endlose Urwälder die Berge und Hügel.

Von Wolfgang Ecker.

Urwälder so urtümlich, dass bereits wenige Schritte hinein große Geschicklichkeit erfordern, muss man doch ständig über irgendwelche umgestürzte und vermodernde Baumleichen klettern. Dort also, wo sich Fuchs und Henn’ gute Nacht sagen, dort wird die Natur zum unmittelbaren Erlebnis.

Grizzlies sind was Elementares und ich möcht keinem begegnen, höchstens im Zoo. Er ist der Beherrscher der Wälder, der Flüsse und der Berge. Er sieht den Menschen als potentielle Beute. Leicht erlegbar, weil doch der Mensch so ungeschickt ist und wenn nur dieser Geruch von Feuer nicht immer an dem wär, dann würd der sicher auch gut schmecken.

Sein kleinerer Bruder, der Braunbär, ist da viel ängstlicher und es muss sich schon einer dumm anstellen, um den überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Beim Schwarzbären ist’s wieder anders. Das ist ein reiner Beerenfresser, der aber Betteleien nicht abgeneigt ist. Darum sind auch überall bärensichere Müllcontainer aufgestellt mit Warnungen vor den Bären drauf. Manch eine Stelle gibt’s wo ein “friendly bear” direkt an die Strasse kommt und bei den Touristen um Futter bettelt. Das sind Jährlinge, also von der Mutter vor der Geburt des nächsten Bärennachwuchses verstoßene Halbstarke, die sich jetzt alleine durch’s Leben schlagen müssen und einsam sind und traurig und immer hungrig. Die sind nicht allzu gefährlich, aber unberechenbar. Wir Menschen neigen dazu die Mine unseres Gegenübers nach Anzeichen von Freude, Furcht oder Angst abzusuchen. Bären haben aber diese Mimik nicht und daher ist der Umgang mit den Bären so gefährlich.

Das Kanadische Touristboard sieht diese Füttereien nicht gerne, gerade kleine Kinder sind absolut gefährdet, schon ein Hieb mit den klauenbewehrten Tatzen verursacht schlimme Wunden.
Tief drinnen, in den Rockies, am “Wild Swan Lake” da waren wir auf Urlaub, haben ein Boot mitgehabt um Forellen zu fangen, die Badesachen zum Schwimmen, die Film und die Fotokamera und die Sonnenbrillen und das Sonnenöl.

Wenn’s Abend geworden ist, dann haben wir ein „Campfire“ gemacht und auch die kleinen Zitronenlichter angezündet, um die Gelsen zu vertreiben. Da sind wir dann stundenlang beisammengesessen und jeder hat erzählt und haben gegrillt und haben’s uns gut gehen lassen. Das Radio hat gespielt und da war Countrymusik und die Tochter hat ihre Cassetten mitgehabt und hat die Bloodhound Gang gespielt mit ihren Crisscross Sachen.

Dann haben wir auf die Texte gehört und haben gelacht und mitgesungen, haben uns ins feuchte Gras gelegt und auf den Himmel geschaut und auf die Sterne und was da wohl war, vor vielleicht zweihundert Jahren, wie’s am Whiteswan Lake noch keine Weißen gab und keine Indianer auch nicht, denn wer geht denn schon freiwillig ins Nowhereland?

Wenn’s schon ganz spät geworden ist in der Nacht, dann ist aus den Bergen herab immer ein Rudel Coyoten ans Ufer des Sees nicht weit von uns gekommen. Deren Laute klingen wie Kinderlachen, sie sind aus den Wäldern gekommen und auf die Wiese am See, dort wo der Weißkopfadler immer seine Fische verspeist hat am Tag. Die waren hungrig und auf der Suche nach was Fressbarem und dabei haben sie ihr heiseres Lachen von sich gegeben. Dann haben wir auch gelacht und das Lachen der Coyoten hat sich mit unserem vermischt weil’s gar so ansteckend war und sind uns Witze eingefallen und werden sich die Coyoten gedacht haben da ist noch ein anderes Rudel ihrer Artgenossen.

Das Lachen der Coyoten, das Lachen der Rockies, das Lachen der Menschen, das Lachen in den endlosen Wäldern Canadas, dieses Lachen wird’s nicht mehr allzu lange geben. Ich hab’s noch erleben dürfen und die Tochter noch und die Enkelkinder werden’s dereinst schon nicht mehr hören. Werden die Wälder abgeholzt und die Coyoten geschossen. Wird man uns noch mehr domestizieren und wird dann da kein Lachen mehr sein.

Nicht in den Wäldern, nicht in den Steinigen Bergen, nicht in den Coyoten und in uns nicht.


Ecker_Wolfgang

Es ist vielleicht so zehn Jahre aus, da hab ich eine Einladung zu den Salzburger Festspielen bekommen. Zwölftonmusik, bekannte Sachen und auch eine Welturaufführung. Und das alles mit mir in der ersten Reihe, in der Mitte. Ich hab’s nicht selber bezahlen müssen, weil es eine Einladung war, mit Hotel und allem Drum und Dran.

Ecker_Wolfgang_01Eine Satire von Wolfgang Ecker

Ich hab’s ja mit der Zwölftonmusik nicht gar so, oder ehrlich gesagt, ich versteh so gut wie gar nichts davon. Aber ich wollte mir das Ereignis doch nicht entgehen lassen, darum hab ich die Zwölftonmusik in kauf genommen, ich wollte einfach auch einmal die ganze Elite Europas sehen, die Botschafter, die Staatschefs, die Haute Voilè, die Reichen und die Superreichen.

Die erste Reihe war natürlich noch einmal um eine Zehnerpotenz teurer als die billigen Plätze hinten, aber wenn man Kultur richtig geniessen will, dann darf man nicht sparen. Ich bin also da in der Mitte gesessen, neben mir ein Botschafter und auf der anderen Seite sicher der Regierungschef eines afrikanischen Lands, jedenfalls war der kohlrabenschwarz, seine Frau übrigens auch.

So hab ich also die Zwölftonmusik über mich ergehen lassen und hab eher die Menschen beobachtet. Ich hab’s aber dann nicht mehr ausgehalten, all die verklärten Gesichter. Ich hab lachen müssen. Sowas gehört sich aber nicht, schon gar nicht wenn ein Botschafter neben einem sitzt. Da hab ich mir das Lachen verhalten, aber das ist nicht so einfach. Ich hab den Mund zusammen gepresst und hab ein frommes Gesicht gemacht. Mit dem Gesicht hat’s halbwegs funktioniert, aber mein Körper hat nicht mitgespielt. Den hat’s geschüttelt. Richtig geschüttelt, dass das ganze Gestühl der ersten Reihe auch gewackelt hat, und die Zuseher in der ersten Reihe haben das sicher gespürt. Dass die aber auch keine ordentlichen Stühle haben, wo doch das eh so viel Geld kostet, ich versteh das nicht, die müssen doch damit rechnen, dass da manchmal einer dabei ist, den es reisst vor Lachen wenn die ihre Zwölftonmusik spielen.

Nach der Vorstellung, bin ich an der Bar zufällig mit dem Botschafter zusammen getroffen. Wir haben ein Glas Sekt getrunken, und haben die politische Lage im Nahen Osten diskutiert. Es war ein sehr interessantes Gespräch und wie informiert der war, ein profunder Gesprächspartner.

Nachher hat er mir gesagt, dass er es auch nicht gar so hat mit der Zwölftonmusik, er aber natürlich die gesellschaftlichen Verpflichtungen einhalten muss. Naja, hab ich mir gedacht, ist auch nicht leicht ein Botschafter zu sein, ich möchte es nicht sein.

Beim dritten Glas Sekt hab ich ihn dann gefragt woher er ist. Er war aus Leoben in der Steiermark. Und Botschafter eigentlich auch nicht. Er war Gemüsehändler.

Und entschuldigt hat er sich bei mir. Er hätt so lachen müssen während der Vorstellung, dass das ganze Gestühl gewackelt hat und ob ich das eh nicht bemerkt hätte.

So eine Frechheit. Was heutzutage schon alles zu den Salzburger Festspielen darf.