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Der
Ballettchef des Salzburger Landestheaters, Reginaldo Oliveira, hat
der wohl romantischten Liebesgeschichte der Weltliteratur neues Leben
eingehaucht. Der Ballettklassiker von Sergej Prokofjew verzauberte
das Premierenpublikum am 22. Februar 2020 mit genialer Musik,
überwältigend schönen Bildern und tänzerischen Höchstleistungen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Romeo und seine Freunde haben gerne Spaß und treiben sich übermütig in den Straßen Veronas herum. Die arroganten Capulets sind für sie eine Provokation und so geraten sie ständig in Streit. Als sie von einem Maskenball in deren Schloss erfahren, schleichen sie sich als Partycrasher ein. Die jungen Damen der feinen Gesellschaft sind von den munteren Knaben schwer begeistert.

Romeo hat jedoch nur Augen für die schöne Julia und folgt ihr in den Garten. Die Eindringlinge werden bald schon als Montagues entlarvt und vertrieben, aber Romeo und Julia lassen sich nicht so leicht trennen. Als Romeo jedoch Julias Cousin Tybalt tötet, schaut es für die jungen Liebenden gar nicht mehr rosig aus. Julia weigert sich vergeblich, den feinen Prinzen Paris zu heiraten, und so kommt ein verhängnisvolles Giftfläschchen zum Einsatz. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Die flotten Montagues in ihren kessen Jeans und heißen Hotpants erinnern mit temperamentvollen und aggressiven Bewegungen an die Straßengangs aus „West Side Story“. Die Capulets hingegen wirken in ihren prachtvollen Kleidern und edlen Gehröcken steif und distanziert (Kostüme: Judith Adam). Am Premierenabend tanzten Márcia Jaqueline als Julia und Flavio Salamanka als Romeo und überzeugten nicht nur als grandiose Tänzer, sondern auch als Schauspieler mit enormer Ausdruckskraft.

Aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen wird durch die Liebe zu Romeo eine starke Frau, die um ihre Freiheit kämpft. Leicht hat sie es nicht mit ihrer Familie, denn die strenge Mutter (Harriet Mills) und der farblose Vater (Paulo Muniz) fordern vehement Julias Hochzeit mit Prinz Paris (Klevis Neza) ein. Nur die Amme (Larissa Mota) hat Mitleid mit dem armen Kind, auch wenn ihre List mit dem ganz speziellen Gift leider schiefgeht. Romeos Freunde Mercutio (Iure de Castro) und Benvolio (Diego da Cunha) strotzen nur so vor Energie und so ist es kein Wunder, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Capulets kommt. Ein Wiedersehen gibt es mit Ballettmeister Alexander Korobko in der Rolle des finsteren Tybalt, der von Romeo niedergestochen wird.

Reginaldo Oliveira hält sich im ersten Akt ziemlich genau an Shakespeares Vorlage. Im zweiten Teil kommt er jedoch ohne Pater Lorenzo aus und das macht die Geschichte besonders intim. Spektakuläre Bilder liefert der schief liegende Renaissance-Palast, den Sebastian Hannak auf die Bühne gelegt hat. Zum tragischen Finale wird dieser zur grauen Ruine, durch die die verzweifelten Liebenden irren, bis sie in der Familiengruft gemeinsam den Tod finden.

Ein opulenter Ballettabend in wundervoller Kulisse und Kostümen, der mit einer perfekten Mischung aus klassischem und modernem Tanz besticht, mit viel Witz im Detail unterhält und mit mitreißenden Ensembleszenen begeistert.

Romeo und Julia“ – Ballett von Reginaldo Oliveira nach William Shakespeare. Musik von Sergej Prokofjew. Szenische Konzeption und Choreographie: Reginaldo Oliveira. Bühne: Sebastian Hannak. Kostüme: Judith Adam. Dramaturgie: Maren Zimmermann. Mit: Flavio Salamanka, Iure de Castro, Klevis Neza, Márcia Jaqueline, Harriet Mills, Mikino Karube, Larissa Mota, Chigusa Fujiyoshi, Paulo Muniz, Cassiano Rodrigues, Lucas Leonardo, Diego da Cunha, Niccoló Masini, Alexander Korobko, Karine de Matos, Valbona Bushkola, Cara Hopkins, Héctor Ortega González. Fotos: Anna-Maria Löfflberger und Admyll Kuyler


Vögel

Nach Wien und Graz sind Wajdi Mouawads „Vögel“ nun auch im Schauspielhaus Salzburg gelandet. Irmgard Lübke inszeniert das gefeierte Stück des im Libanon geborenen frankokanadischen Autors als großes Familiendrama vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts. Die Premiere fand am 14. Februar 2020 statt und fordert zu einer Hinterfragung der eigenen Identität auf.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

In einer Universitätsbibliothek in New York trifft der junge Genetikstudent Eitan Zimmermann aus Berlin auf die arabischstämmige US-Amerikanerin Wahida. Die „makellose Harmonie des Zufalls“ führt zur Magie einer großen Liebe. Anlässlich des Pessachfestes will der junge Mann Wahida seiner Familie vorstellen. Doch so weit kommt es nicht, denn sein fundamentalistischer Vater David stellt sich vehement gegen die Beziehung seines Sohnes mit einer Muslima. Auch die Anwesenheit eines Rabbiners kann die Eskalation nicht verhindern. Wütend sammelt Eitan Messer ein, um die DNA seiner Familie zu überprüfen. Als er feststellen muss, dass da einiges nicht in Ordnung ist, macht er sich mit seiner Freundin auf den Weg nach Jerusalem, um bei seiner Oma Leah nachzuforschen. Diese weigert sich aber, auf die Fragen ihres Enkels zu antworten.

Als Eitan nach einem Bombenanschlag schwer verletzt in einem israelischen Krankenhaus landet, reisen seine besorgten Eltern mit dem Opa nach Jerusalem. Die Stimmung zwischen David und seiner Mutter Leah ist mehr als angespannt, hat sie ihn doch seit ihrer Scheidung von 30 Jahren nicht mehr gesehen. Nur die Großelten kennen den wahren Grund für die Trennung, doch wollen sie ihn lange nicht verraten.

Jung, verliebt und
unbeschwert genießen Eitan (Jakob Kücher) und Wahida (Kristina
Kahlert) ihre große Liebe, denn für sie spielt es keine Rolle, dass
sie aus unterschiedlichen Welten stammen. Dass Eitans Vater David so
extrem reagiert, hätten sie sich nicht vorstellen können. Die Reise
in den Nahen Osten wird für alle Beteiligten schicksalhaft. Oma Leah
(Susanne Wende) ist so gar nicht begeistert, ihren Enkelsohn zu
sehen. Als auch noch der Rest der Familie, ihr Sohn David (Theo Helm)
mit seiner Frau (Katharina von Harsdorf) und ihr Ex-Gatte (Antony
Connor), auftaucht, wird es richtig ungemütlich. Unmenschlich die
brutale Leibesvisitation durch eine israelische Soldatin (Sophia
Fischbacher), die Wahida vermutlich das Leben rettet, geht doch
gleichzeitig in ihrem Bus eine Bombe hoch.

Das minimalistische
Bühnenbild (graue Wände, die sich nach hinten öffnen lassen)
ermöglicht schnelle Ortswechsel, denn die Familiensaga wird als
Zeitreise mit Rückblenden erzählt. Das von Irmgard Lübke
stilsicher in Szene gesetzte Erfolgsstück wirft viele Fragen auf,
ohne sie zu beantworten. Welchen Stellenwert besitzen nationale,
kulturelle und religiöse Identitäten und ist es möglich, sich von
ihnen zu lösen? Eine Antwort auf diese komplexe Problematik wird
nicht leicht zu finden sein. Viel Applaus für ein fast
dreistündiges, packendes Familien- und Gesellschafts-Drama.

„Vögel“ – von Wajdi Mouawad. Regie: Irmgard Lübke. Ausstattung: Andrea Kuprian. Musik: Fabio Buccafusco. Mit: Kristina Kahlert, Jakob Kücher, Theo Helm, Katharina von Harsdorf, Antony Connor, Susanne Wende, Sophia Fischbacher, Marcus Marotte, Olaf Salzer. Fotos: Jan Friese


Der junge Salzburger Autor und Regisseur Ben Pascal steckt in seinem neuen Stück den namenlosen Ich-Erzähler aus Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ gemeinsam mit der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in einen Boxring. Beide geben der Gesellschaft die Schuld an ihrem Scheitern. Das intensive und anspruchsvolle Theaterstück feierte am13. Februar 2020 im OFF Theater Premiere.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

„Ich bin
ein kranker Mensch … ich bin ein schlechter Mensch. Ich besitze
nichts Anziehendes
.“ Mit
diesen Worten beginnen die „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“
des russischen Dichters Fjodor Dostojewski, laut Friedrich Nietzsche
ein „wahrer Geniestreich der Psychologie“. Der namenlose
Ich-Erzähler, ein ehemaliger Beamter und krankhafter Egoist,
resümiert sein Leben und ergötzt sich an seinen Bosheiten. Er hasst
alles und jeden und braucht daher keine Gesellschaft. Sich selbst
hält er für hochgebildet, ja für einen Gott. Den Schmerz und das
Leiden liebt und genießt er. Mit Aggression und Rachsucht kämpft er
gegen den „modernen Menschen“ und die von ihm geschaffene
Gesellschaft.

Die Terroristin Ulrike Meinhof sitzt in Isolationshaft, in einer sterilen, kalten Welt, einer Leichenhalle. In dieser weißen Falle entsteht aus Verbitterung Hass. Ihr einziger Trost: „Wer redet ist nicht tot!“ Sie ist Mutter, Brandstifterin und Mörderin, fühlt sich ausgebeutet und gedemütigt und hat Angst, verrückt zu werden. „Mit euren wunderbaren Gesetzen habt ihr Frauen die Emanzipation gebracht. Doch die Wahrheit ist, dass ihr mich genauso behandelt wie die Männer, anstatt mich wie eine Frau zu behandeln.“ (frei nach Ulrike Meinhof)

Torsten Hermentin und Agnieszka Wellenger verkörpern diese zwei verzweifelten Menschen, die im Leben gescheitert sind und sich nun über die Ausweglosigkeit ihrer Situation beklagen. Immer wieder wird die fast unerträgliche, von Hass und Wut aufgeheizte Atmosphäre durch Kommentare einer Stimme aus dem Off gebrochen.

Torsten Hermentin gibt den verbitterten 40-Jährigen, der seine Aggressionen immer mehr gegen sich selbst richtet, erschreckend authentisch. Agnieszka Wellenger verkörpert die dem Wahnsinn nahe politische Gefangene mit beängstigender Intensität. Im mit Luftpolsterfolie ausgelegten und mit vier Halogenstäben begrenzten Boxring knistert und ploppt es ständig, die Emotionen sind am Überkochen.

Menschen voll reaktionärer Gedanken gibt es in jeder Gesellschaftsform. Die Wut kann sich gegen einen selbst richten wie bei Dostojewskijs Kellermensch oder gegen die verachtete Gesellschaft wie bei Terroristen. Gefährlich sind sie beide.

Ben Pascal hat zu diesem Thema viele Gedanken und Texte ineinander verwoben, eigene und fremde, und damit ein Theaterstück geschaffen, das unter die Haut geht.

Gastproduktion im OFF-Theater: „unter_Grund“ von Ben Pascal. Regie: Ben Pascal. Schauspiel: Agnieszka Wellenger und Torsten Hermentin. Fotos:  Benjamin Blaikner


Arthur Schnitzlers Porträt der Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende wird in der Regie von Anne Simon durch performative Einschübe, in denen Gewalt und Machtmissbrauch gegen Frauen thematisiert wird, aktualisiert. Die Premiere fand am 2. Februar 2020 im Schauspielhaus Salzburg statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

„Reigen“ schildert in zehn Dialogen, die ausschließlich der Verführung dienen, die heuchlerische Sexualmoral des Wiener Fin de Siècle. Fünf Frauen und fünf Männer finden paarweise zueinander, wobei jeweils eine Person in der nächsten Szene eine neue Liebschaft sucht und findet. Den Beginn machen eine Dirne und ein Soldat. Da er um 10 Uhr in der Kaserne sein muss, ist das Vergnügen von kurzer Dauer, er verrät nicht einmal seinen Namen. Auch nach der Verführung des Stubenmädchens Marie macht er sich schnell wieder aus dem Staub. Sie wiederum erliegt den Schmeicheleien eines jungen Herren. So geht es weiter durch alle Gesellschaftsschichten, bis der Herr Graf auf die Prostituierte der ersten Szene trifft und sich so der Reigen schließt.

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Anne Simons Inszenierung beginnt erst ganz klassisch. Eine aufreizende, kokette Prostituierte verführt einen feschen, etwas verklemmten, jungen Soldaten. Von Dankbarkeit jedoch keine Spur, der plumpe, chauvinistische Bursche hat nur Verachtung für sie übrig. Ebenso mies behandelt er ein Stubenmädel, das er bei einer Tanzveranstaltung verführt. Das arme Mädel ist zu Recht sauer, es schiebt den durchsichtigen, schwarzen Vorhang, der bisher alles gnädig verhüllt hat, zur Seite und erklärt dem Publikum selbstbewusst: „Ich bin nicht schuld!“ Die köstliche Szene, in der die untreue Ehefrau von ihrem Ehemann über die Feinheiten einer funktionierenden Ehe – natürlich aus Sicht des Mannes – aufgeklärt wird, wird aus einem Reclamheft vorgelesen und verliert so ihren nostalgischem Charme. Der Ehemann trägt Jeans und Ibiza-T-Shirt, bevor er sich in einen Knickerbocker-Anzug zwängt. Das süße Wiener Mädel ist einer Dr.-Oetker-Werbung der 50er Jahre entsprungen, der junge Dichter glänzt im ABBA-Outfit und die Hure Leocardia mutiert im Finale zur seelenlosen Puppe „Alexa“.

Tilla
Rath (Dirne, Junge Frau, Schauspielerin), Magdalena Oettl
(Stubenmädchen, Süßes Mädel), Simon Jaritz-Rudle (Junger Mann,
Dichter) und Bülent Özdil (Soldat, Ehegatte, Graf) lassen es auf
und hinter der manegenartigen Bühne (Isabel Graf) so richtig
krachen. Von Schnitzlers Zurückhaltung, der den Beischlaf im Text
nur als eine Folge von Gedankenstrichen darstellt, ist nichts mehr zu
spüren. Auch die Bitterkeit des Textes kommt, so kalt serviert, noch
mehr zum Tragen.

Anne Simon hat die Gewalt an Frauen und
die Verfügbarmachung der Frau in ihrer Inszenierung in den
Vordergrund gestellt. So hat auch der Protest missbrauchter Frauen,
den feministische Gruppen mit verbundenen Augen auf den Straßen
Chiles kundtun, in dieser Inszenierung Platz. Die #MeToo-Bewegung
hat auch Lateinamerika längst erreicht. Kein Wunder, dass eine
Besucherin das „süße Wiener Mädel“ vermisste, das hatte in
dieser Inszenierung wohl keinen Platz.

„Reigen“ von Arthur Schnitzler. Regie: Anne Simon. Ausstattung: Isabel Graf. Dramaturgie: Tabea Baumann. Mit: Simon Jaritz-Rudle, Magdalena Oettl, Bülent Özdil, Tilla Rath. Fotos: Jan Friese


Mitterbach

Kaum zu glauben, dass Peter Blaikner diese schwarzhumorige Volkskomödie, in der ein Bürgermeister einer russischen Oligarchin auf den Leim geht, schon 2018 geschrieben hat. Die dörfliche Idylle in Mitterbachkirchen trügt, denn einige Bewohner haben buchstäblich eine Leiche im Keller. Beste Stimmung bei der Premiere am 23. Jänner 2020 im Kleinen Theater.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der Bürgermeister von
Mitterbachkirchen ist vom alten Schlag. „Liebe Bürgerinnen und
Bürger“ bringt er nur schwer über die Lippen und so präsentiert
er „der lieben Bevölkerung von Mitterbachkirchen“ voll Stolz
sein Jahrhundertprojekt. „Alpine Dreaming“, eine Erlebniswelt mit
Golfplatz, soll künftig finanzkräftige Touristen anlocken. Die
Finanzierung läuft über die Agentur

„IAA – Ideen aller Art“, deren Inhaber, der smarte Herr Sedlacek, angeblich für jedes Problem die richtige Lösung parat hat. Als Geheimwaffe dient ihm seine zwar etwas unterbelichtete, doch dafür überaus gut gebaute Sekretärin, die für ihn die russische Oligarchin Olga spielen muss.

Auch die Wirtin vom Hubertushof, deren
Mann sich ständig auf Safaris herumtreibt, will an dem Projekt
mitverdienen und zählt zu den Klienten der Agentur. Mit Charme und
weiblicher List versucht sie sich Vorteile zu verschaffen. Dass sie
nicht zimperlich ist, beweist sie beim Kidnapping eines
„Hollywoodstars“, der den ersten Golfball abschlagen soll. Der
Herr Bürgermeister ist mit einer bigotten Frau gestraft, die in
einer alten verfallenen Kirche so lange zum Heiligen Josef betet, bis
er ihr tatsächlich erscheint. Er ist daher ein leichtes Opfer für
die verführerische Olga im sexy Outfit. Als er mit brummendem Kopf
in ihrem Bett erwacht, kann er sich natürlich an nichts mehr
erinnern. Kompromittierende Fotos helfen seinem Gedächtnis jedoch
wieder auf die Sprünge. Endlich taucht der lang erwartete Investor
aus Saudi-Arabien im Gemeindeamt auf und nun scheint die Welt wieder
in Ordnung zu sein in Mitterbachkirchen. Oder geht vielleicht dann
doch noch alles den Bach hinunter?

Peter Blaikners hat sich die Rolle des
Bürgermeisters selbst auf den Leib geschrieben und so verkörpert er
den Dorfkaiser aus Innergebirg mit der erforderlichen
Schlitzohrigkeit. Gabi Schall als Wirtin vom Hubertushof, und Judith
Brandstätter als geschwätzige Pfisterer Anni kommentieren mit viel
Bosheit die Rede des Bürgermeisters und versorgen so das Publikum
mit Klatsch und Tratsch aus Mitterbachkirchen. Man erfährt, dass
beim Herrn Bürgermeister dank seiner Frau, die ständig mit einem
Heiligenschein unterwegs ist, zu Hause schon lange nichts mehr läuft.
Kein Wunder also dass er die fesche Olga vom ersten Moment an mit
glasigen Augen verfolgt. Judith Brandstätter mutiert mit passender
Perücke von der biederen Anni zur flotten Russin. Gabi Schall darf
als des Bürgermeisters frömmelndes Weib ihrem Putzfimmel und dem
Heiligen Josef frönen. Daniel Pink beherrscht als windiger
Agenturchef Sedlacek alle Tricks, am liebsten bedient er jedoch die
Schreddermaschine.

Der ständige Ortswechsel stellt dank
Fotowand kein Problem dar. Einmal umgeblättert und schon wird aus
der Fassade eines modernen Bürogebäudes der Hubertushof, das
Gemeindeamt oder ein altes verfallenes Gemäuer.

Wer den urigen Humor Peter Blaikner
liebt und schätzt wird an diesem Abend voll auf seine Kosten kommen,
auch wenn diesmal nicht gesungen wird. Cornelius Gohlke hat die
gelungene Mischung aus Bauernschwank und Politsatire temporeich in
Szene gesetzt. Bei der Premiere am 23. Jänner 2020 wurde die
spritzige Volkskomödie daher stürmisch gefeiert.

„Mitterbachkirchen“ – Komödie von Peter Blaikner. Regie: Cornelius Gohlke. Bühne: Abel Rink. Mit: Judith Brandstätter, Gaby Schall, Peter Blaikner, Daniel Pink. Fotos: Christian Streili/ Kleines Theater


Eiscreme

Anita Köchl hat diese liebenswerte Komödie über eine Mutter-Tochter-Beziehung des renommierten kroatischen Schriftstellers und Dramaturgen Miro Gavran entdeckt. In Daniela Enzi hat sie eine kongeniale Partnerin gefunden und so fand am 17. Jänner 2020 im Kleinen Theater in Anwesenheit des Autors die deutschsprachige Erstaufführung statt. Ein köstliches Theatervergnügen!

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Ein dreijähriges Mädchen soll heute, man schreibt das Jahr 1963, zum ersten Mal in den Kindergarten gehen, denn die Mutter hat ihr Jura-Studium beendet und will nun endlich Geld verdienen. Das kann und will die Kleine nicht verstehen. Den Tränen nahe stammelt sie immer wieder: „Ich will nicht in den Kindergarten!“ Das versprochene Eis macht die Sache auch nicht leichter.

Bei der Einschulung, vier Jahre später, landen die beiden wieder in der Eisdiele und diesmal muss die Mutter ihrer Tochter gestehen, dass der Papa, der als Ingenieur arbeitet und schon immer viel unterwegs war, diesmal gar nicht mehr wiederkommen wird. Auch das kann und will die Kleine nicht verstehen. Sie hat jedenfalls die besten Ideen, wie man Papas „neue Frau“ in die Familie integrieren könnte, nur leider ist ihre Mama damit nicht einverstanden. 1973 ist aus dem lieben, unschuldigen kleinen Mädchen ein bockiger, schwer pubertierender Teenager geworden, der seine Mutter für altmodisch und kleinkariert hält, weil sie ihr nicht statt eines Eises einen Kaffee kaufen will.

Die Zeit vergeht und
die Mutter findet schließlich einen neuen Partner, der laut Tochter
nur ein Langweiler und Loser ist. Sie selbst ist jedenfalls noch
davon überzeugt, dass ihr so etwas nicht passieren wird. Das
Publikum darf in insgesamt neun kurzen Szenen das Leben dieser zwei
Frauen, die eine ganz besondere Schicksalsgemeinschaft bilden,
mitverfolgen, bis die leicht demente Mutter ins Altersheim
abgeschoben wird, das sich zum Glück ganz in der Nähe der oft und
gerne besuchten Eisdiele befindet.

Das Stück
durchläuft einen Zeitraum von fast 60 Jahren und verlangt daher den
beiden Protagonistinnen ein facettenreiches Spiel ab. Anita Köchl
schafft es, als trotziges Kindergartenkind und rotzfrecher Teenager
ebenso zu überzeugen wie als vom Leben gebeutelte Ehefrau und
Mutter. Nun macht ihr die 15-jährige Tochter mit ihren Eskapaden das
Leben schwer und behauptet ständig: „Mama, du nervst!“ Die
Zeiten haben sich aber geändert. Ging es früher nur um eine Tasse
Kaffee, so dreht sich nun alles um Sex, Alkohol und andere Drogen.
Daniela Enzi beginnt als junge Frau, die versucht, ihre Tochter
alleine durchzubringen. Da sie aber doch gerne einen Partner an ihrer
Seite hätte, finden sich – zum Ärger der Tochter – immer wieder
Männer, die sich mehr oder weniger um sie kümmern. Anita Köchl und
Daniela Enzi haben beide Erfahrung im Aufziehen und Zusammenleben mit
Töchtern und so dürften sie bei den Proben jede Menge Spaß gehabt
haben, denn die herzerwärmende Geschichte enthält viel
Identifikationspotenzial.

Das humorvolle Stück von Miro Gavran, ein 80-minütiger rasanter Lauf durch das Leben zweier starker Frauen, die sich auch durch Rückschläge nicht unterkriegen lassen, wurde von Hanspeter Horner gekonnt in Szene gesetzt, sodass das Publikum zwischen den einzelnen Szenen so ganz nebenbei noch jede Menge über die Geschichte des Speiseeises erfährt. Ein überaus amüsanter Theaterabend, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Vorstellungen gibt es noch bis 13. Juni 2020.

„Eiscreme“ – Komödie von Miro Gavran. Regie: Hanspeter Horner. Mit: Anita Köchl & Daniela Enzi. Fotos: Kleines Theater/ Erika Mayer


Ritter Kamenbert

30 Jahre nach der Uraufführung an der Salzburger Elisabethbühne begeistert das schmissige Kindermusical von Peter Blaikner, Cosi M. Goehlert und Ernst Wolfsgruber im nunmehrigen Schauspielhaus Salzburg wiederum ganze Familien. Peter Blaikners Sohn, Ben Pascal, Kritiker der ersten Stunde, kennt den tollpatschigen Käseritter besonders gut und darf nun als Regisseur seine eigenen Ideen einbringen. Ein durchschlagender Erfolg ist garantiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der König von Gorgónzola weiß immer genau, wo er seinen missratenen Sohn finden kann, denn Kamenbert treibt sich nur allzu gerne in der königlichen Speisekammer herum, um Käse zu naschen. Als er seinen „käsesüchtigen Milchbuben“, der absolut nicht kämpfen will, wieder einmal dort erwischt, droht er, ihn zu enterben. Er gibt ihm jedoch noch eine allerletzte Chance. Kamenbert soll ihm das Zauberschwert Romadur besorgen. Dem Waffenschmied, Meister Alberich, fehlt jedoch noch eine magische Zutat für das Zauberschwert: der Drachenkäse. So macht sich Kamenbert auf den Weg zur Drachenhöhle. Zum Glück trifft er im Wald auf die furchtlose, unternehmungslustige Karoline, die ihn nur allzu gerne auf dieser gefährlichen Mission begleitet.

Die Studierenden der hauseigenen Schauspielschule sind diesmal ganz unter sich und überzeugen mit Spielfreude, Temperament, Musikalität und schauspielerischem Können. Lukas Koller gibt den liebenswerten, etwas tollpatschigen Käseritter und Julia Rajsp die unternehmungslustige Karoline. Marco Vlatcovis poltert und humpelt als gestrenger König von Gorgónzola über die Bühne, als Drachenonkel ist aber nur seine raue Stimme zu hören.

Die drei streitbaren Käsedamen (Bianca Farthofer, Lena Steinhuber und Helena May Heber) sind auch als entzückende Drachenkinder zu bewundern, die ständig tanzen und singen und ihren Onkel Draki um den Finger wickeln. Julian Dorner schmiedet als kraftstrotzender Alberich das sagenhafte Zauberschwert. Der Auftritt der zwei Straßenräuber ist stets ein Garant für Heiterkeit, denn Klops (Raphael Steiner) vereitelt als „fleischgewordene Dummheit“ stets die „genialischen“ Ideen seines Kompagnon Quargel (Corinna Bauer). Die schmerzhaften Attacken eines Pferdes mit Tarnkappe auf die beiden Schurken kommen bei den Kindern besonders gut an.

Hellbraune Pappe dominiert das
Bühnenbild (Ausstattung: Agnes Hamvas). Die riesengroße
Käseschachtel weist wie ein Emmentaler viele Löcher auf und die
werden als Fenster und Türen genutzt. Lichteffekte unterstützen die
Phantasie, wenn Prinz Kamenbert und seine Karoline durch den
furchterregenden, dunklen Wald gehen.

Die witzigen Texte, die passende, mitreißende Musik und die spannende Story halten nicht nur das junge Publikum 90 Minuten bei Laune. Das „Schubidu“- Schlusslied ist ein absoluter Ohrwurm, den man auf dem Heimweg nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Kein Wunder also, dass der „Ritter Kamenbert“ ein Kindermusical-Klassiker geworden ist.

Ritter Kamenbert“ von Peter Blaikner, Cosi M. Goehlert und Ernst Wolfsgruber. Regie: Ben Pascal. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musikalische Einstudierung: Johanna Buchmayer.Mit: Corinna Bauer, Julian Dorner, Bianca Farthofer, Helena May Heber, Lukas Koller, Julia Rajsp, Raphael Steiner, Lena Steinhuber, Marko Vlatcovic. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus


Die junge Salzburger Regisseurin Ingrid Adler inszeniert das futuristische Digital-Drama von Katharina Paul und überwacht dabei als Bordcomputer LIV das Befinden der Astronautin Schäfer, die durchs All düst. Die Uraufführung fand am 10. Jänner 2020 im ausverkauften Studio der ARGEkultur statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Kapitän
Schäfer ist eine Heldin, obwohl sie das gar nicht so gerne hört.
Sie hat die Erde verlassen und fliegt einer ungewissen Zukunft
entgegen. Eine Rückkehr ist nicht vorgesehen. Sie ist bereit, ihr
geistiges und genetisches Material zur Verfügung zu stellen, und
wartet darauf, ihre tiefgefrorenen Eizellen zu befruchten, sobald sie
einen neuen Planeten erreicht. Echte Menschen wird sie zwar nie
wieder sehen, doch sie wird die Mutter von Tausenden von Kindern
sein. Bis es so weit ist, steht ihr der Bordcomputer LIV hilfreich
zur Seite. Er kontrolliert nicht nur ständig die technischen Details
des Raumschiffes, sondern kümmert sich auch um die Gesundheit und
geistige Verfassung der Astronautin. Als sich Anomalien einstellen,
kann LIV jedoch deren Ursachen nicht ergründen. Auch das mantrische
Programm „Ich bin fit und konzentriert…!“ zeigt bei Schäfer
immer weniger Wirkung. Selbst die Unterhaltungen mit ihrer Kaffee
trinkenden Freundin Astred vermögen sie nicht mehr aufzuheitern.
Nach und nach verliert sie jedes Zeitgefühl und ihre
Logbuch-Eintragungen und Mitteilungen an die Erdlinge werden immer
wirrer. Langsam beginnt sie, an ihrem Verstand zu zweifeln, auch wenn
ihr von ihrer Vorgesetzten ständig versichert wird: „Wir sind
stolz auf sie!“ Schäfer ist zwar nach wie vor von der
Notwendigkeit ihrer Mission überzeugt, doch beunruhigen sie nicht
nur die ständigen Klopfgeräusche.

Das Publikum darf
Sophie Hichert als Astronautin auf ihrem Flug begleiten, beneidet sie
jedoch sicher nicht um diese eigenwillige Mission. Niemand will ihr
sagen, wie lange sie schon unterwegs ist, und auch der seelenlose
Bordcomputer (Ingrid Adler), der doch sonst alles kontrolliert, gibt
darüber nur unverständliche Auskünfte. Die Wiener Videokünstlerin
Resa Lut stellt auf fünf Leinwänden die Verbindung der Astronautin
mit der Erde her, doch wirken sowohl ihre Vorgesetzte (wiederum
Ingrid Adler) wie auch ihre Freundin Astred (Katharina Paul) immer
künstlicher und verwirren damit nicht nur Kapitän Schäfer, sondern
auch das Publikum. Traum und Realität, digitale und analoge Welt
vermischen sich bis zur überraschenden, sehr realen, finalen
Punktlandung.

Ich muss gestehen, dass ich von der digitalen Welt zwar fasziniert, doch leider etwas überfordert bin. Da ich auch um Science-Fiction-Filme und Literatur meist einen Bogen mache, war dieses Stück eine echte Herausforderung für mich, da mir das nötige Vokabular fehlte. Dank Internet bin ich jetzt etwas klüger und, wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich mich mit Ingrid Adlers ausführlichem Programmheft (32 Seiten!) auseinandersetzen, zu finden unter www.ingridadler.at/news. Da bleiben dann sicherlich keine Fragen zur digitalen Parallelwelt mehr offen.

„SCHÄFERS ALL“ – Science-Fiction-Theater von Katharina Paul. Uraufführung. Regie: Ingrid Adler. Bühne: Resa Lut und Ingrid Adler. Videokunst und Digitales Puppenspiel: Resa Lut. Licht und Tontechnik: Marek Streit. Kamera: Marek Streit, Hannes Valtiner. Musik: Roger Egli. Kostüm: Veronika Müller-Hauszer. Auf der Bühne: Sophie Hichert, Ingrid Adler und Katharina Paul (nur Video).


Die australische Compagnie „Circa“ entführt das Publikum beim Winterfest in die schillernde Welt des Cabarets. Tosender Applaus nach der Premiere am 27. Dezember 2019 für einen Circusabend der Superlative und für Künstler, die das schier Unmögliche mit ungeheurer Leichtigkeit präsentieren.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Nach und nach schlüpfen die sieben
Artisten (vier hübsche Damen und drei bärenstarke Männer) durch einen golden
glänzenden Lamettavorhang und verzaubern das Publikum mit sinnlich-exotischen
Tänzen. In ihren schwarzen Glitzerhöschen und weißen Rüschenhemden wirken sie
jedoch fast bieder. So kann man sich voll auf ihre Körper konzentrieren und die
haben wirklich die ganze Aufmerksamkeit verdient, denn sie leisten fast
Unglaubliches, wenn sie bizarre Körperskulpturen bilden, die der Schwerkraft zu
trotzen scheinen. Blitzschnell, fast übermütig schleudern sie sich gegenseitig
über die Bühne, um dann wieder in extremen Stellungen zu verharren. In rasender
Geschwindigkeit klettern sie auf Seile und dekorative schwarze Bänder, bevor
sie sich ebenso gekonnt wieder in die Tiefe stürzen.

Ganz zu kurz kommt die Erotik aber dann
doch nicht, denn eine Dame in silbrig-glänzendem Ganzkörperanzug wird von rot
behandschuhten Händen, die aus dem Vorhang zu wachsen scheinen, lasziv
entkleidet. Auch ein „Herr aus dem Publikum“ darf auf Tuchfüllung gehen.
Anschließend werden jedoch auch ihm die Kleider vom Leib gerissen und es geht
nun fast „nude“ auf zur nächsten Nummer.

Nach der Pause präsentieren sich die
Artisten in Lichtkegeln, um das Publikum ins Spiegelkabinett ihrer Fantasie zu
entführen. Wir dürfen virtuose Künste mit Reifen, Ziegeln, Seilen und Tüchern
genießen und uns immer wieder staunend fragen: „Wie ist das nur möglich?“

Der Künstlerische Leiter von Circa, Yaron
Lifschitz: In „Circa’s Peepshow“ geht es darum, wie wir Theater erleben und
wie unser Blick auf Dinge sie gleichzeitig enthüllt, aber auch verhüllt – und
vieles nur im Kopfkino weitergespielt wird. Das Stück besteht aus zwei Teilen:
Der erste Teil ist verspielt, gewitzt und verdreht. Im zweiten Teil befinden
wir uns innerhalb der Gedankenwelt der Charaktere. Hinter dem Spiegel, in ihren
Herzen und Köpfen. Da ist es wild, roh und überraschend kraftvoll.

Circa’s Peepshow verbindet Circus und Kabarett und zeigt eindrucksvoll die Kraft, Schönheit und Stärke des menschlichen Körpers. Eine packende, atemberaubende Show, die wesentlich mehr als nacktes Staunen bietet.

„Circa’s Peepshow“ – Circa. Kreation: Yaron Lifschitz, Libby McDonnell, Circa Ensemble. Direktor: Yaron Lifschitz. Stellvertr. Direktorin & Kostüme: Libby McDonnell. Technischer Direktor & Licht: Jason Organ. Licht: Richard Clarke. Musik: Ori Lichtik. Auf der Bühne: Ela Bartilomo, Jessica Connell, Jarred Dewey, Gerramy Marsden, Giulia Scamarcia, Lachlan Sukroo, Billie Wilson-Coffey. Fotos: Erika Mayer


Peter
Raffalt hat Molières „Sprachgewitter“ dezent modernisiert und
somit den über 350 Jahre alten Komödien-Klassiker in die Gegenwart
katapultiert. Der unterhaltsame Theaterabend über geheuchelte
Freundlichkeiten und intrigante Machenschaften wurde vom
Premierenpublikum am 18. Dezember 2019 stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Alceste hasst das heuchlerische Spiel der feinen Gesellschaft, denn er fühlt sich der absoluten Wahrheit verpflichtet. Am liebsten würde er die Menschen überhaupt meiden und in die Wüste flüchten. Sein Freund Philinte rät ihm zur Mäßigung, doch vergeblich. Alceste beleidigt den jungen Poeten Oronte zutiefst, indem er sein Sonett als „blanken Mist“ bezeichnet. Dieser kann die harte Kritik nicht ertragen und zieht beleidigt vor Gericht.

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Die Liebe zur jungen, schönen und überaus lebenslustigen Witwe Célimène macht den uncharmanten Moralisten Alceste jedoch blind. Er merkt nicht, dass die oberflächliche, selbstverliebte junge Dame mit ihm nur spielt, ebenso wie mit allen anderen Männern, die sie umschwirren. Als ein Brief auftaucht, in dem sich Célimène über all ihre Verehrer lustig macht, steht sie plötzlich alleine da, nur Alceste bleibt ihr treu und sieht seine Chance gekommen.

Kristina
Kahlert feiert als vergnügungssüchtige Célimène Party ohne Ende.
Ihre zahlreichen Verehrer wickelt sie ebenso um den Finger, wie den
ihr treu ergebenen Alceste. In der Rolle dieses „ahnungslosen
Trottels“ leidet und poltert Antony Connor. Bülent Özdil darf
sich als geltungssüchtiger Oronte als Rapper beweisen. Sein Sonett
„Hoffnung“ wird zwar von Alceste niedergemacht, doch das Publikum
scheint anderer Meinung zu sein und applaudiert kräftig. Zickenkrieg
gibt es, wenn die sittenstrenge Arsinoé (Ulrike Arp) auftaucht. Die
„scheinheilige Ziege“ und das „Flittchen ohne viel Niveau“
liefern sich köstliche Wortgefechte. Simon Jaritz-Rudle als Acaste
und Tilla Rath als Éliante umschwärmen die kokette Célimène und
lassen keine Party aus.

Das
streng reduzierte Bühnenbild wird von einem wackeligen Podest
beherrscht, das nur schwer in Balance zu halten ist und ständig –
ob gewollt oder erzwungen – in Schieflage gerät. Hier präsentiert
sich die affektierte Gesellschaft in eigenwilligen, sehr eleganten,
Kostümen, die ihre Künstlichkeit und Eitelkeit noch betonen und
zugleich ihre eigentliche Fassade verbergen (Ausstattung: Agnes
Hamvas).

Regisseur Peter Raffalt: Das Stück ist zeitlos. „Der Menschenfeind“ ist ein Sittenbild einer narzisstischen, hedonistischen Vergnügungsgesellschaft. Er zeigt ein Bild einer Gesellschaft, die am Rande ist, einer Gesellschaft, die sich selbst überholt hat, die sich selbst nicht mehr kennt, sondern nur noch das Bild, das sie nach außen repräsentiert. Letztendlich funktioniert auch der heutige Mensch über weite Strecken darüber, dass er etwas darstellt, was eigentlich gar nicht er ist. Von daher hat es etwas durchaus Erschreckendes, zu sehen, wie gut „Der Menschenfeind“ in die heutige Zeit passt.

Dieses
geistreiche und unterhaltsame Theatervergnügen steht bis 2. Februar
2020 im Schauspielhauses Salzburg am Programm und sorgt zu Silvester
gleich zwei Mal, um 15 Uhr und 19.30 Uhr, für einen vergnüglichen
Rutsch ins neue Jahr.

Der Menschenfeind“ von Molière. Regie und Fassung: Peter Raffalt. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musik: Georg Brenner. Choreographie: Lisa Moon. Mit: Antony Connor, Simon Jaritz-Rudle. Bülent Özdil. Kristina Kahlert, Tilla Rath, Ulrike Arp. Video: Schauspielhaus – Fotos: Jan Friese


Frederik Loewes Broadwayhit von 1956
zählt zu den beliebtesten und bekanntesten Musicals. Andreas Gergen
bringt die „Bronner-Fassung“ auf die Bühne, in der Eliza
Doolittle und ihr Vater im tiefsten Wiener Dialekt die Ohren des
Phonetikprofessors Henry Higgins beleidigen. Die Premiere dieser
bezaubernden, schwungvollen Inszenierung wurde am 6. Dezember 2019
stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der zynische Dialekt-Forscher Professor Henry Higgins geht mit dem Sprachwissenschaftler Oberst Hugh Pickering eine Wette ein. Er will innerhalb eines halben Jahres aus dem einfachen Londoner Blumenmädchen, das „quakt wie ein gallenleidender Frosch“, eine echte Lady machen und sie beim Diplomatenball als Herzogin präsentieren. Es folgen qualvolle, kräftezehrende Sprachübungen, bis Eliza es endlich schafft, „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen!“ zur Zufriedenheit des Professors auszusprechen: „Ich glaube, jetzt hat sie’s!“

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Die Zeit ist nun reif für einen ersten Versuch, sie in die feine Gesellschaft einzuführen. Leider wird ihr Auftritt beim Pferderennen in Ascot zum Fiasko und so heißt es weiter üben, denn der große Ball steht bevor und so schnell gibt Professor Higgins nicht auf.

Die hohen, grauen Bücherwände im Wohnzimmer von Professor Higgins scheinen sich nicht allzu positiv auf seine Stimmung auszuwirken. Wenn jedoch die Seitenwände aufgeklappt werden, kommt Leben in die staubige Stube und es gibt genügend Platz für einen Blumenmarkt, einen Schanigarten, ja sogar für ein Pferderennen mit „echten“ Pferden (Bühne: Stefan Mayer). Sascha Oskar Weis überzeugt als unsensibles, egoistisches Scheusal, das nur vom gutmütigen Oberst Pickering (Axel Meinhardt) und der Haushälterin Mrs. Pearce (Eva Christine Just) etwas eingebremst werden kann. Kein Wunder also, dass Ilia Staple als Eliza für ihren temperamentvoll vorgetragenen Rachesong „Pass nur auf Henry Higgins, pass nur auf!“ den größten Applaus erntet. Sie überzeugt aber nicht nur als schnippisches, selbstbewusstes Blumenmädchen, sondern auch als feine Lady, die nach ihrem Triumph von ihrem herzlosen Lehrmeister zutiefst gekränkt wird.

Georg Clementi torkelt als Elizas schlitzohriger, trinkfreudiger Vater über die Bühne und bejammert mit Reibeisen-Stimme seinen plötzlichen Reichtum, bedeutet der doch, dass er nun pünktlich vor dem Traualtar zu erscheinen hat. Marco Dott ähnelt als Higgins Mutter verblüffend der unvergesslichen Lotte Tobisch und ist mit dem Benehmen des Sohnes absolut nicht zufrieden. Als verliebter, doch leider zu schüchterner Freddy darf Oliver Floris nur die Straßenlaterne vor Elizas Haus umarmen.

Das Mozarteumorchester Salzburg serviert unter dem Dirigat von Iwan Davies mitreißend und schwungvoll Frederik Loewes unvergessliche Melodien. Ballett und Chor des Salzburger Landestheater füllen den Blumenmarkt, das Rennen in Ascot und den Diplomatenball perfekt choreografiert mit Leben. Ältere Semester haben sicherlich noch die oscarprämierte, opulente Verfilmung des Musicals mit Audrey Hepburn und Rex Harrison aus dem Jahre 1964 im Kopf. Andreas Gergens geschmackvolle Inszenierung überzeugt mit Wiener Schmäh und einer herausragenden Ilia Staple als Eliza. Ein herzerfrischender Musicalabend, der mit pointensicheren Dialogen nicht nur eingefleischte Musicalfans zu verzaubern vermag.

„ My Fair Lady“ – Musik von Frederick Loewe. Buch und Liedtexte von Alan Jay Lerner. Wiener Fassung von Gerhard Bronner. Musikalische Leitung: Iwan Davies. Dirigat: Ines Kaun, Gabriel Venzago. Inszenierung: Andreas Gergen. Choreographie: Dennis Callahan. Bühne: Stefan Mayer. Kostüme: Regina Schill. Lichtdesign: Daniela Klein. Dramaturgie: Katrin König. Mit: Ilia Staple, Sophie Mefan, Patrizia Unger, Sascha Oskar Weis, Axel Meinhardt, Oliver Floris, Philipp Andreas Sievers, Georg Clementi, Oliver Mülich, Eva Christine Just, Marco Dott, Sylvia Offermans, Alexander Hüttner, Rudolf Pscheidl, Manuel Millonigg, Zsófia Mózer, Desislava Ilieva, Mona Akinola. Ballett des Salzburger Landestheaters. Chor des Salzburger Landestheaters. Mozarteumorchester Salzburg. Fotos: Anna-Maria Löffelberger


Idioten

Dostojewskis Roman, dessen erste Folge 1868 in einer russischen Zeitschrift erschien, zählt zur Weltliteratur. Regisseurin Caroline Richards und das Team des Theaters TATU haben das gewaltige Werk auf 80 Minuten eingedampft und ermöglichen so auch Jugendlichen ab 14 Jahren eine Reise durch das zaristische Russland und seine dekadente Gesellschaft. Die Premiere fand am 4. Dezember 2019 im Kleinen Theater statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der 27-jährige Fürst Myschkin, letzter Spross eines verarmten russischen Adelsgeschlechts, hat die letzten Jahre wegen seiner Anfälle von Epilepsie in einem Sanatorium in der Schweiz verbracht. Nun kehrt er nach St. Petersburg zurück, um nach dem Tode seines Onkels eine Erbschaftsangelegenheit zu klären. „Fürsten Myschkin gibt es außer mir gar nicht mehr. Ich glaube, ich bin der Letzte.“ Er sucht eine entfernte Verwandte, die Generalin Jepantschina, auf und lernt ihre drei Töchter kennen.

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Von der Jüngsten, der schönen und klugen Aglaia, ist er fasziniert. Doch auch zu Nastasja, einer „gefallenen“ Frau von überirdischer Schönheit, fühlt er sich hingezogen. Er sieht in ihr eine Frau, die ihr fehlendes Selbstwertgefühl hinter Zynismus, Spott und Hohn verbirgt, war sie doch die Geliebte ihres Pflegevaters, des reichen Großgrundbesitzers Tozkij. Myschkins Gegenspieler im Kampf um Nastasjas Gunst ist der unberechenbare, leidenschaftliche, unsensible Rogoschin. Gegen dessen sinnliche Männlichkeit hat Myschkin mit seiner offenen, kindlich-naiven Art keine Chance.

Andreas Simmer, ehemaliges Ensemblemitglied von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil, überzeugt nicht nur in der Titelrolle. Er übernimmt mit Hilfe diverser Requisiten auch alle anderen Rollen und wechselt ständig Gestik, Mimik und Tonfall. Nur die Lippenbewegungen der schönen Nastasja, des Objekts der Begierde, kann man auf einer Videowall bewundern.

Der Musiker Yorgos Pervolarakis sorgt für die stimmungsvolle Musikuntermalung. Mit den unterschiedlichsten Geräuschen und Klängen unterstützt er die Phantasie und so sitzt man förmlich mit Myschkin im Zug, wenn er mit seinem späteren Rivalen Rogoschin nach Russland fährt, oder hört auf der Wiese im idyllischen Pawlowsker Park die Grillen zirpen und den Wind rauschen.

„Der Idiot“, das Drama eines naiven, freundlichen Menschen, der von einer korrupten und durchtriebenen Gesellschaft zu Grunde gerichtet wird, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Ein Theaterabend, an dem man die ganze Bandbreite der dekadenten St. Petersburger Gesellschaft kennenlernt, vom trunksüchtigen Ex-General bis zum skrupellosen Großgrundbesitzer. Auch die Revolutionäre sind schon im Kommen, ob nun als Faschisten, Anarchisten oder Nihilisten.

Da das Drama als Jugendstück konzipiert ist, werden die Schüler wohl gut vorbereitet in eine Vorstellung gehen. Auch Erwachsenen wäre eine kurze Vorinformation anzuraten, da die vielen russischen Namen, auch wenn sie an diesem Abend vorsorglich vereinfacht und verkürzt werden, doch eine gewisse Herausforderung sind. Dann kann man diesen Theaterabend der Extraklasse sicher uneingeschränkt genießen.

„IDIOTen“ – frei nach Dostojewski. Theater TATU. Regie: Caroline Richards. Dramaturgie: Eva-Maria Schachenhofer. Ausstattung: Ragna Heiny. Mit: Andreas Simma & Yorgos Pervolarakis. Original Musik: Yorgos Pervolarakis. Video: Tobias Pichler & Ragna Heiny. Fotos (3): Michael Herzog