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„Zwei Männer ganz nackt“ – mitten im OFF Theater

Bei Sébastien Thiérys temporeicher Komödie durfte das Publikum am 28. Oktober 2020 nach den neuerlich verschärften Corona-Regeln nur mehr in den Mund-Nasen-Schutz lachen. Leider ist nun aber auch damit Schluss, denn die Theater müssen im November trotz aufwändiger, professioneller Hygienekonzepte ihre Tore komplett schließen. Alex Linse lässt sich jedoch nicht unterkriegen und macht uns allen Mut: „Das Licht geht jetzt aus, aber es wird auch wieder angehen!“

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Alain Kramer ist ein erfolgreicher Anwalt, seit 20 Jahren glücklich verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Als er eines Tages auf der Wohnzimmercouch erwacht, liegt neben ihm ein nackter Mann. Alain springt auf und holt sein Jagdgewehr, um den vermeintlichen Einbrecher zu stellen. Da erst erkennt er seinen Kollegen Nicolas Prioux und Überraschung und Entsetzen sind groß: „Nein? Doch! Oh!“ Wie konnte das passieren? Als sie noch überlegen, wer ihnen K.-o.-Tropfen verabreicht haben könnte, steht plötzlich Alains Frau Catherine in der Tür. Die Ausreden der beiden nackten Herren sind etwas dürftig: „Ich habe mir Arbeit mit nach Hause genommen“, klingt ebenso fragwürdig wie: „Wir sind intim, also ein Team!“ Catherine stellt fest, dass anscheinend ihr ganzes bisheriges Leben auf einer Lüge basiert hat, packt ihre Koffer und verschwindet. Als sie nach drei Tagen wiederkommt, um nun endgültig die Wahrheit zu erfahren, hat sich Alain bereits einiges einfallen lassen. So präsentiert er seiner Frau eine Geliebte, um sie von seiner scheinbar so offensichtlichen Homosexualität abzulenken. Doch so leicht lässt die sich nicht hinters Licht führen, denn Lügen verträgt sie absolut nicht: „Mit einem Schwulen hätte ich leben können, mit einem Lügner aber nicht.“

Dass die beiden Anwälte Alain Kramer (Tom Pfertner) und Nicolas Prioux (Luke Bischof) anfangs leicht verwirrt wirken, ist durchaus verständlich, denn die Situation ist wirklich peinlich. Sie können sich zwar an nichts erinnern, doch leider spricht so einiges gegen sie. Als Catherine (Anja Clementi) auftaucht und mit ihrer Fragerei nervt, laufen sie jedoch zur Höchstform auf. Ihre Ausreden sind zwar witzig und phantasievoll, doch leider nicht sehr glaubhaft. Da können wirklich nur noch Tatsachen weiterhelfen, wie etwa der schrille Auftritt einer Escortdame. In dieser Rolle legt Diana Paul eine umwerfend komische, skurrile Performance hin.

Alex Linse hat die frivole französische Komödie, die 2015 für zwei Molières nominiert war, mit viel Tempo und Situationskomik in Szene gesetzt. Nach und nach wird klar, dass sich hinter dieser absurden Geschichte ein ausgeklügelter Kriminalfall verbirgt. Viel Applaus für das perfekt aufeinander eingespielte Team des OFF Theater.

off-theater

„Zwei Männer ganz nackt“ von Sébastien Thiéry. Französische Komödie. Regie: Alex Linse. Mit: Tom Pfertner, Luke Bischof, Anja Clementi, Diana Paul. Fotos: OFF-Theater
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„Tanto … Tango!“ – Alles ist möglich!

Reginaldo Oliveira und Flavio Salamanka haben sich von der spannenden und komplexen Geschichte des Tangos inspirieren lassen und dann ihre ganz eigene Interpretation kreiert. Der Rhythmus des Tangos und die hervorragende Performance des Ballettensembles des Salzburger Landestheaters begeisterten am 18. Oktober 2020 das Premierenpublikum.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Eigentlich war die Premiere dieses Tango-Abends für Mai dieses Jahres geplant. Doch dann kam Corona und es ging plötzlich gar nichts mehr. Nun sieht es Intendant Carl Philip von Maldeghem als Privileg, dass überhaupt gespielt werden darf. Natürlich ist alles streng reglementiert, die Tänzerinnen und Tänzer führen ein Gesundheitstagebuch und so müssen sie auf der Bühne auch keine Abstandsregeln einhalten.

Nach einer grandiosen, spannungsgeladenen Gruppenchoreographie vor einer Lagerhalle geht es ab in einen schummrigen Tango-Salon. Hier lümmeln die Herren breitbeinig auf ihren Stühlen, während sich die Damen äußerst aufreizend geben. Sechs ganz unterschiedliche Paare zeigen ihr Können und machen die enorme Erotik und Aggression dieses Tanzes deutlich. Besonders kraftvoll zeigen zwei Herren, Flavio Salamanka und Klevis Neza, in ihrer Performance die vielen Möglichkeiten des Tangos, denn „in der Abwechslung von heftigen Bewegungen und plötzlichen spannungsgeladenen Pausen entsteht der Eindruck von zurückgehaltener Kraft und gebändigter Leidenschaft“.

Wenn sich der Schleier hebt und die Bühne in hellem Licht erstrahlt, kann man auch die raffinierten Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer bewundern. Anfangs tragen die Herren graue Bundfaltenhosen mit Hosenträgern und weiße Unterhemden, die Damen flatternde Blusen über goldenen Corsagen. Nach und nach ändert sich das und schließlich stecken die Herren in den Corsagen und die Damen tragen Bundfaltenhosen, eine überaus interessante und amüsante Mischung. Auch in dieser Produktion spielen Stühle eine große Rolle, denn Reginaldo Oliveira ist ein Meister in der artistischen Nutzung dieses ganz alltäglichen Möbelstücks. Diesmal lässt er die Stühle auch wie in einem surrealistischen Bild an den Wänden kleben. Die Bühnenkonstruktion (Ausstattung: Flavio Salamanka und Reginaldo Oliveira; Realisation Bühne: Eva-Maria Hinteregger) sorgt ebenfalls immer wieder für Überraschungen, denn mal wird in einem kleinen, intimen Holzstübchen getanzt, dann wieder auf Treppen geturnt und über Dächer geklettert. In den massiven Wänden verstecken sich Klapptüren, aus denen zum Finale die Tänzerinnen und Tänzer herauspurzeln und nun nach dieser durchtanzten Tango-Nacht leicht beschwipst nach Hause torkeln.

Für diesen hinreißenden Abend voll Erotik, Melancholie, Erregung und Leidenschaft erntete das gesamte Ensemble viel Applaus. Ein Wermutstropfen war jedoch die anschließende Verabschiedung von Primaballerina Márcia Jaqueline, die in den letzten drei Jahren als Medea, Cinderella, Desdemona und Julia das Publikum begeistert hat. Nun verlässt sie Salzburg und kehrt nach Rio de Janeiro zurück.

„Tanto…Tango!“ – Idee, Choreographie und Ausstattung: Flavio Salamanka und Reginaldo Oliveira. Kostüme: Stephanie Bäuerle. Realisation Bühne: Eva-Maria Hinteregger. Licht: Lukas Breitfuss. Mit: Valbona Bushkola, Karine de Matos, Chigusa Fujiyoshi, Márcia Jaqueline, Mikino Karube, Moeka Katsuki, Harriet Mills, Larissa Mota, Diego da Cunha, Iure de Castro, Lucas Leonardo, Niccolò Masini, Paulo Muniz, Klevis Neza, Cassiano Rodrigues, Flavio Salamanka. Fotos: © Tobias Witzgall / SLT


ich mache das für sie

„Ich mache das für Sie“ – Trennung frei Haus

Im Rahmen des Wolfgangseer Sommertheaters feierte Tristan Petitgirards spritzige Komödie, die 2015 für den Prix Molière nominiert war, trotz Corona am Leopoldhof in Ried Premiere. Nun unterhält das von Caroline Richards temporeich in Szene gesetzte Stück mit französischem Charme und Esprit das Salzburger Publikum im Kleinen Theater.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der smarte Eric ist stolz auf sein außergewöhnliches, aber äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell. Er sieht sich als großer Befreier, übernimmt er doch Trennungen auf Bestellung. Sein Angebot umfasst ein breitgefächertes Spektrum. Ob klassisch oder locker, mit Beleidigungen, Vorwürfen oder rührselig, es bietet für jeden Geschmack das Passende. Gegen Aufpreis gibt es sogar ganz persönliche musikalische Extras. Für seinen nächsten Auftrag hat Eric einen Blumenstrauß besorgt. Die Tasche mit den restlichen Utensilien der bald schon Verflossenen wird ihm von einer Nachbarin übergeben, denn auf Diskretion und Anonymität legt er größten Wert.

Aber diesmal läuft alles schief, ist doch die junge Dame, die ihm die Türe öffnet, seine Ex-Freundin Pauline, die ihn vor sieben Jahren ohne Erklärung verlassen hat und einfach Richtung Buenos Aires abgerauscht ist. Die Überraschung ist so groß, dass er es einfach nicht schafft, seinen Auftrag auszuführen. Als plötzlich ihr aktueller Freund auftaucht, stellt Pauline Eric als einen alten Jugendfreund vor, den sie zufällig in der Stadt getroffen habe. Trotzdem legt der krankhaft eifersüchtige Bartholomäus eine „testosterongesteuerte“ Begrüßung hin. Dass Paulines Dinner mit diesen beiden Herren alles andere als harmonisch ablaufen wird, ist klar.

Sebastian Martin Rehm überzeugt als besonnener, ruhiger Eric, der dafür sorgen muss, dass dieser Abend nicht eskaliert, denn Bartholomäus (Bálint Walter) ist ständig auf Krawall gebürstet und gibt sich arrogant, oberflächlich und egoistisch. Sonja Zobel steht als Pauline zwischen den beiden Männern und bemüht sich nach Kräften um Harmonie. Eric allerdings fragt sich zu Recht, was sie an diesem ungehobelten Werbefuzzi findet. Vor allem aber will er endlich wissen, warum er vor sieben Jahren so plötzlich von ihr verlassen wurde. Im turbulenten Finale muss er erkennen, dass dahinter eine weibliche Logik steckt, die Männer allerdings nur schwer verstehen können.

Ich muss gestehen, dass ich ein Fan von französischen Komödien bin, denn sie sind voll rascher Perspektivenwechsel, überzeugen mit geschliffenen Dialogen und sind trotz aller Leichtigkeit nicht oberflächlich, sondern tiefgründig. So geht es in „Ich mache das für Sie“ um Beziehungsfähigkeit und fehlende Courage. Sonja Zobel, die Gründerin des Wolfgangseer Sommertheaters ist zu Recht stolz auf ihr „eingespieltes Frauenpower-Trio“, denn auch Caroline Richards (Regie) und Eva-Maria Schachenhofer (Dramaturgie) sind bereits das dritte Mal mit dabei. Bleibt mir nur noch, toi, toi, toi für das nächste Jahr zu wünschen.

„Ich mache das für Sie“ – Komödie von Tristan Petitgirard. Regie: Caroline Richards. Dramaturgie Eva-Maria Schachenhofer. Mit: Sonja Zobel, Sebastian Martin Rehm & Bálint Walter. Fotos: Christian Strelli (2), Julia Fink (1)


Witwe

„Die schwarze Witwe“ – La Femme Finale

Nach „Der Begleiter“ hat Jurek Milewski wiederum eine schwarzhumorige Komödie der in ihrem Heimatland viel gespielten polnischen Autorin Anna Burzynska übersetzt. In dem turbulenten Zwei-Personen-Stück versucht er, sich als verklemmter Angestellter gegen ein temperamentvolles Vollblutweib (seine bewährte Partnerin Judith Brandstätter) durchzusetzen. Die Premiere fand am 14. Oktober 2020 im Kleinen Theater statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Georg Dezember ist ein echter Unglücksrabe, denn in seinem Leben lief bisher so gut wie alles schief. Da er als Nachtportier für eine große Firma arbeitet, fasst er den Beschluss, seinem erbärmlichen Dasein im Büro ein Ende zu setzen. Hier gibt es nämlich ein großartiges Putzteam und er will ja keine Umstände bereiten. Natürlich misslingt auch der letzte Anruf bei seiner Mutter und so besteigt er zu den Klängen von „Time to Say Goodbye“ (Con te partirò) seinen Schreibtisch, um sich die selbstgebastelte Schlinge über den Kopf zu ziehen. Das Buch „Letzte Worte großer Persönlichkeiten“ hat er genauestens studiert und so will er mit den Worten Zar Alexanders „Was für ein schöner Tag!“ aus dem Leben scheiden. Genau in diesem Moment stolpert eine schwarzgekleidete Dame ins Zimmer, kippt den Kleiderständer um und verteilt den Inhalt ihrer Handtasche quer durchs Zimmer. Dass sie „den sich erhängen Wollenden“ gestört hat, tut ihr zwar sehr leid, doch fordert sie ihn auf, ruhig weiterzumachen, denn sie sei eine begnadete „Augenverschließerin“. Aber jetzt ist er nicht mehr in der Stimmung und will sein Vorhaben erst mal verschieben.

Was hat die schwarze Lady eigentlich hier zu suchen? Bei Recherchen im Internet ist sie auf seinen Namen gestoßen, denn auf www.unglueck.com ist er unangefochten die Nummer 1. Nachdem bisher alle ihre Männer im Grab gelandet sind, will sie sich jetzt mit einem echten Unglücksraben verbinden. Jemand, der so viel Pech hatte, müsste doch eigentlich schon immun sein. Der Kampf dieser „Femme Finale“ um die Seele des Versagers kann also beginnen.

Jurek Milewski gibt den glücklosen armen Wicht, der laut seiner Gegnerin auch „nicht allzu viel Hirn“ abbekommen hat. Wenn es aber wirklich zur Sache geht, schafft er es doch, die schwarze Witwe auszutricksen. Judith Brandstätter versteht es in ihrer Rolle, all ihre offensichtlichen Reize auszuspielen, und bringt so den verklemmten Nachtportier völlig aus der Ruhe. Sie verspricht ihm ein neues, aufregendes Leben, kein Wunder also, dass er da schwach wird. Das Stück hat aber noch weitere Überraschungen parat. Warum sitzt der Chef der Firma plötzlich rauchend vor der Tür? Steckt wirklich die Mafia hinter dem feigen Attentat mit der faulen Kiwi?

Susanna Szameit hat die Komödie mit viel Tempo und Gespür für das richtige Timing in Szene gesetzt. Spannung und Humor halten sich die Waage und garantieren einen unterhaltsamen Theaterabend, den wir alle in Zeiten wie diesen dringend brauchen können.

„Die schwarze Witwe“ – La Femme Finale. Miluna Theater. Komödie von Anna Burzynska. Übersetzer: Jurek Milewski. Regie: Susanna Szameit. Bühne: Alois Ellmauer. Mit: Judith Brandstätter & Jurek Milewski | Fotos: Christian Traweller


Gscheit bled

“G’scheit Bled” – Klassiker österreichischen Kabaretts

Das Foyer des Schauspielhauses Salzburg eignet sich hervorragend für einen nostalgischen Wiener Kabarettabend, wobei eine Prise Bühnennebel für die früher obligatorischen Rauchschwaden sorgt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Herr Travnicek und Herr Reiß sind hier Stammgäste und sie sorgen mit der vor sich hin grantelnden Kellnerin Josefa für authentische Wiener Kaffeehausatmosphäre. Legendäre Doppelconférencen und bekannte Wienerlieder bescherten dem Publikum bei der Premiere am 11. Oktober 2020 einen kurzweiligen Theaterabend.

Von Karl Farkas sind mehrere Definitionen der Doppelconférence überliefert:

  • Eine Doppelconférence ist eine Conférence, die von zwei Künstlern gehalten werden muss, weil einer allein sich nicht traut, die Verantwortung zu übernehmen.
  • Eine Doppelconférence ist ein Dialog zwischen einem G’scheiten und einem Blöden, wobei der G’scheite dem Blöden etwas Gescheites möglichst gescheit zu erklären versucht, damit der Blöde möglichst blöde Antworten darauf zu geben imstande ist – mit dem Resultat, dass zum Schluss der Blöde zwar nicht gescheiter, aber dem Gescheiten die Sache zu blöd wird. Beide haben daher am Ende nichts zu lachen. Dafür desto mehr das Publikum.

An diesem Abend schlüpft Wolfgang Kandler in die Rolle des g’scheiten Herrn Reiß und Theo Helm darf sich als Herr Travnicek dumm stellen. Wenn er aber die Gitarre zur Hand nimmt, wird er schnell zum „Vorstadtcasanova“ oder zum „Marlon Brando mit seiner Maschin‘“. Ein absoluter Kabarett-Klassiker sind die „Levkojen“, die Travnicek seiner Schwiegermutter zum Namenstag schenken soll. Er weiß, dass er sich diesen Namen nie wird merken können, und so gibt sich Reiß wirklich alle Mühe, für ihn Eselsbrücken zu bauen. Doch Intellekt kann auch hinderlich sein. Die Erklärung der „Neutralität“ hat ebenso ihre Tücken, wenn man sich nicht nur mit „man muss sich aus allem heraushalten“ zufrieden gibt. Ob der Beruf des Statistikers wirklich sinnvoll ist, kann Herr Travnicek einfach nicht nachvollziehen, obwohl Herr Reiß so tolle Beispiele parat hat.

Bina Blumencron beobachtet gelassen die beiden Streithähne und serviert die großen Torten nur an den Fenstertischen: „Man muss ja zeigen, was man hat!“ Als Trio servieren sie eine abwechslungsreiche Mischung von klassischen Wienerliedern, aber auch modernen, wie „Jo heite grob ma Tote aus“ von Voodoo Jürgens und dem jazzigen Liebeslied über Kirschen ohne Kerne von Karl Hodina.

 I liaßat Kirsch’n fia di wachs’n ohne Kern
wann mia da Himme g’hörat, kriaga d’ jed’n Stern
Wann i de Sunn derglenga tät, i möcht sie hol’n
und wann’s fia di is, hätt i scho des Fruahjahr g’stol’n.

Die Lieder wurden mit E-Gitarre musikalisch entstaubt und auch die Doppelconférencen enthalten immer wieder sehr heutige Spitzen. In Zeiten wie diesen dürfen natürlich Baby-Elefanten nicht fehlen. Das Publikum fühlte sich aber absolut sicher und konnte den Abend unbeschwert auf genau nummerierten Tischen und Stühlen genießen.

„G‘SCHEIT BLED“ – Klassiker österreichischen Kabaretts. Regie: Robert Pienz.
Mit: Bina Blumencron, Theo Helm, Wolfgang Kandler. Fotos: Schauspielhaus/ David Haunschmidt


Nikolaus_Habjan

„Alles nicht wahr“ – Ein Georg-Kreisler-Liederabend

Die Salzburger Kulturtage 2020 stehen unter dem Motto „Begegnungen“, wenden sich an aufgeschlossene Musikliebhaber und verbinden unterschiedliche Welten und Wesen der Musik. Die Osttiroler Musicbanda Franui und der gefeierte Schauspieler, Regisseur, Puppenspieler und -bauer Nikolaus Habjan begeisterten am 10. Oktober 2020 im Haus für Mozart mit einem schwarzhumorigen Liederabend das Publikum, das sich nach knapp zwei Stunden trotz MNS zu Standing Ovations hinreißen ließ.

Angeblich verdanken Franui ihren Erfolg Lady Bug, einer resoluten, älteren Dame, bei deren Abschiedskonzert sie in einem entlegenen Osttiroler Seitental einspringen durften. Seit nunmehr 17 Jahren sind sie gemeinsam unterwegs, denn Lady Bug vertröstet sie jedes Mal: „Gage gibt‘s beim nächsten Mal!“ Dann betritt die Grande Dame in einem wehenden Kleid mit roter Federboa die Bühne und trällert ein „Frühlingslied“, in dem sie zum Taubenvergiften im Park einlädt. In „Biddla Buh“ erzählt sie von einem verführerischen Frauenmörder, der es traurig findet, wenn die Liebe erkaltet. Er kennt jedoch die perfekte Lösung. Franui verraten uns auch das Rezept für Georg Kreislers schwarze Lieder: „Man nehme einen grausigen Vorfall, übertreibe grenzenlos und unterlege das Ganze mit einer Musik, die nicht dazu passt.“ ___STEADY_PAYWALL___

Franui | Foto: Julia Stix

Nach dem coronabedingten Lockdown im Frühling dieses Jahres war Kreislers prophetisches Chanson „Wien ohne Wiener“ in den sozialen Medien präsent, bedrückend und bestürzend. Kreisler, der virtuose Meister der Sprache, Mimik und Gestik, hat in Nikolaus Habjan einen würdigen Interpreten seiner Lieder und Texte gefunden. Der Sketch über einen Staatsbeamten, der sich erst mit einem Formular für Geflügelzucht herumschlagen muss und schließlich als Arschkriecher in die Innenpolitik wechselt, ist zeitlos und leider immer aktuell. Lady Bug findet das Lied jedoch obszön und widerlich und sie beschimpft das Publikum, das über solche Witze lachen kann. „Als der Zirkus in Flammen stand“ gehört zu Georg Kreislers „Lieder zum Fürchten“ und ist so böse, dass man sich wirklich fast nicht mehr zu lachen getraut.

20 Lieder sind im Programmheft angeführt und es lohnt sich, die Texte im Internet nachzulesen. Georg Kreisler (1922 – 2011) war ein gnadenloser kritischer Betrachter und großer Sprachkünstler. Nikolaus Habjan mit seinem Puppenspiel und Gesang und die Musicbanda Franui mit ihren schrägen Klängen aus Hackbrett, Harfe, Zither, Violine, Kontrabass, Akkordeon sowie allerlei Holz- und Blechblasinstrumenten begeistern mit diesem unterhaltsamen Liederabend Jung und Alt. „Alles nicht wahr“ ist eine Hommage an den großen Wortakrobaten, der die letzten Jahre seines Lebens in Salzburg verbrachte und im Friedhof in Aigen seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Mit dem Lied „Du hast ja noch Dein Grab“ aus dem Jahre 1971 verabschiedeten sich Nikolaus Habjan und Franui von einem jubelnden Publikum im Haus von Mozart.

„Alles nicht wahr“ – Ein Georg-Kreisler-Liederabend mit Nikolaus Habjan & Franui. Haus für Mozart. Nikolaus Habjan (Puppenspiel und Gesang). Franui Musicbanda: Johannes Eder (Klarinette, Bassklarinette), Andreas Fuetsch (Tuba), Romed Hopfgartner (Altsaxophon, Klarinette), Markus Kraler (Kontrabass, Akkordeon), Angelika Rainer (Harfe, Zither, Gesang), Bettina Rainer (Hackbrett, Gesang), Markus Rainer (Trompete, Gesang), Martin Senfter (Ventilposaune, Gesang), Nikolai Tunkowitsch (Violine), Andreas Schett (Trompete, Gesang, Moderation, Leitung).


„Die Räuber“ – rocken in den böhmischen Wäldern

Sarah Henker hat Friedrich Schillers 1782 uraufgeführtes Freiheitsdrama, das die radikalen und leidenschaftlichen Züge des Sturm und Drang widerspiegelt, auf zwei pausenlose Stunden gekürzt und heutige Bezüge hergestellt. Die Vorwürfe und Anklagen, die das Publikum zu hören bekommt, klingen erschreckend aktuell. Die Premiere fand am 2. Oktober 2020 im Salzburger Landestheater statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Franz von Moor fühlt sich hässlich, hölzern und als Zweitgeborener vom Schicksal benachteiligt. Er ist eifersüchtig auf seinen Bruder, den hübschen, feurigen Karl, Papas Liebling. Während dieser in Leipzig studiert, nutzt Franz die Gelegenheit, um seinen Bruder mittels eines fingierten Briefes beim Vater anzuschwärzen. Der alte Graf ist zwar erzürnt, doch bittet er: „Bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.“ Genau das aber bezweckt der fiese Franz. Als Karl sich von seinem Vater zu Unrecht verstoßen glaubt, wird er zum Hauptmann einer Räuberbande, die in den böhmischen Wäldern Jagd auf die Reichen macht. Bald fühlt er sich wie ein zweiter Robin Hood, will eine Umverteilung der Güter, korrupte Finanzräte entmachten und heuchlerische Pfaffen bestehlen. Er schafft es aber nicht, seine Kumpane, die sich am Morden, Brandschatzen und Plündern berauschen, in Schach zu halten. Als einer seiner Gefährten wegen der Untaten im Cäcilienkloster gehängt werden soll, setzt er, um ihn zu retten, eine ganze Stadt in Brand, sodass Unschuldige, Kinder und Greise ums Leben kommen. Nun hat er genug vom Räuberdasein. Er schwört seiner Bande zwar Treue, doch begibt er sich zum väterlichen Schloss, um seinen Vater und seine Verlobte Amalia noch einmal zu sehen.

Gregor Schulz schafft es, Franz, die Kanaille, als schleimigen Heuchler und gefährlichen Psychopathen darzustellen. Seine monologischen Selbstbefragungen gehen unter die Haut. ___STEADY_PAYWALL___

Grandios, wie er es versteht, seinen Vater zu manipulieren. Diesen verkörpert Matthias Hermann nicht als senilen Greis, sondern als umtriebigen Geschäftsmann im grauen Business-Anzug. Skye McDonald gibt den wilden, leidenschaftlichen, charismatischen Karl, der sein Studium anfangs etwas schleifen lässt und dafür vom Vater hart bestraft wird. Der Rest des Ensembles wechselt ständig die Rollen, ist mal mit der Räuberbande unterwegs und dann wieder im Schloss zu Hause. Tina Eberhardt prahlt als gewissenloser Moritz Spiegelberg gerne mit Gräueltaten, als Daniel mimt sie einen treu ergebenen Diener. Aaron Röll entkommt als Roller nur knapp dem Tod, als Hermann versucht er, sich mit Franz, dem neuen Grafen von Moor, gutzustellen. Auch Matthias Hermann wechselt vom Schloss bzw. später vom Hungerturm zur Räuberbande und mischt als Schufterle und Ratzmann mit.

Die zündenden Rocksongs begleitet Peter Baxrainer aus der Proszeniumsloge mit der Gitarre. Eva Musil (Bühne und Kostüme) hat acht Wohnräume auf Vitrinengröße geschrumpft und lässt diese Kästen über die Bühne tanzen. Das vermag, Intimität zu schaffen, symbolisiert (richtig gruppiert oder gedreht) aber auch die Weite des Schlosses bzw. die dunklen Wälder.

Sarah Henker gelingt mit ihrer Inszenierung eine moderne, verdichtete Fassung von Schillers Freiheitsdrama, in dem es um diverse Versuche der Rechtfertigung von Gewalt geht. Die emotionale Sprache, die zwischen Pathos und Vulgarität schwankt, erzeugt in Verbindung mit den rockigen Songs eine ganz besondere Intensität. Das Publikum konnte sich der Dynamik des Stückes nicht entziehen und feierte das junge Ensemble mit kräftigem Applaus.

„Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Inszenierung: Sarah Henker. Bühne und Kostüme: Eva Musil. Mit: Matthias Hermann, Skye MacDonald, Gregor Schulz, Nikola Jaritz-Rudle, Tina Eberhardt, Aaron Röll, Peter Baxrainer. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger


„Network“ – Wir sind live!

Die US-amerikanische Filmsatire „Network“ von Paddy Chayefsky erhielt 1976 vier Oscars.  Lee Halls Bühnenadaption brachte das Landestheater Salzburg  im ORF Landesstudio Salzburg am 25. September 2020 zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Howard Beale ist seit 25 Jahren Nachrichtensprecher für UBS (Union Broadcasting System) und somit die „Stimme Amerikas“. Als durchsickert, dass er entlassen werden soll, macht ihn das so wütend, dass er ankündigt, er werde sich in der nächsten, seiner letzten Sendung vor laufender Kamera erschießen. Man billigt ihm zwar eine letzte Sendung zu, aber nur um sich gebührend zu verabschieden. Beale nutzt jedoch die Sendung, um seinen ganzen Frust loszuwerden: „Ich hab den Bullshit satt!“ Dann wettert er gegen seinen Arbeitgeber und den Zustand der Welt, die ein einziges Schlachtfeld sei. Das Medienecho ist enorm und die Quoten steigen. Statt einer Kündigung bekommt Beale eine wöchentliche Sendung, einen Kommentarteil zu den Nachrichten, in dem er seinen Tiraden freien Lauf lassen darf. So wird er zum modernen Propheten, der gegen die Verlogenheit der Welt wettert. Als ihm jedoch die Firmenchefin ihre Philosophie des globalen Kapitalismus eröffnet, meint er, „das Antlitz Gottes“ gesehen zu haben. Bald schon befinden sich daher die Quoten im Sturzflug. ___STEADY_PAYWALL___

Axel Meinhardt darf als charismatischer Prophet den ganzen, in 25 Arbeitsjahren aufgestauten Frust loslassen. „Ich hab die Schnauze voll! Ihr könnt mich alle am Arsch lecken!“ Er merkt dabei gar nicht, dass er wie ein Jahrmarkt-Freak ausgebeutet wird. Die skrupellose Programmdirektorin (Britta Bayer) geht für Quoten über Leichen und für die Übernahme des Konzepts der erfolgreichen Sendung mit dem Produzenten Max Schuhmacher (Georg Clementi) ins Bett. Die vielen Projektplanungen lassen bei ihr aber nur wenig Gefühle aufkommen. Christoph Wieschke rast als gestresster Manager von einem Meeting zum nächsten, während Alessandro Visentin als Producer kaum etwas zu melden hat. Chris Lohner hat als hobbymalende und shoppende Konzernchefin prägende Auftritte.

Die Übersiedlung der Produktion ins Landesstudio Salzburg des ORF verleiht dem Stück eine ganz besondere Authentizität und gewährt dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen einer Live-Sendung. Da wuselt Studiopersonal, erkennbar an den schwarzen T-Shirts und MNS mit UBS-Logo, geschäftig hin und her. Einige Szenen und Interviews darf man auf diversen Bildschirmen mitverfolgen und so lernt man schon früh einen Terroristen kennen, der im Finale seinen großen Auftritt hat. Dass sich hinter der Maske Maximilian Pfnür versteckt, wird erst beim Studieren des Programmheftes klar.

„Network“ ist eine überaus vergnügliche, dystopisch-satirische Abrechnung mit der Medienbranche und an Aktualität kaum zu überbieten.

„Network“ von Lee Hall. Nach dem Drehbuch von Paddy Chayefsky. Deutsch von Michael Raab. Österreichische Erstaufführung. ORF Landesstudio Salzburg. Inszenierung: Klaus Tröger. Bühne und Kostüme: Katja Schindowski. Mit: Axel Meinhardt, Georg Clementi, Christoph Wieschke, Britta Bayer, Alessandro Visentin, Walter Sachers, Chris Lohner, Mira Huber, Philip Hammerschmid, Christopher Hipper, Maximilian Pfnür. Fotos: © Tobias Witzgall / SLT


Fettes Schwein

„Fettes Schwein“ – ein gesellschaftskritisches Drama

Neil LaButes Stück über gesellschaftliche Zwänge feierte heuer beim Volxsommer Theaterfestival im Kunsthaus Nexus in Saalfelden Premiere. Nun ist die berührende, von Ben Pascal in Szene gesetzte Liebesgeschichte bis 29. Oktober 2020 im Kleinen Theater in Schallmoos zu sehen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Tom trifft in der Mittagspause auf Helena, die gerade genüsslich zwei Puddings verspeist. „Ganz schön riesig!“ entfährt es ihm und Helena ist klar, dass er damit nicht ihre Nachspeise meint. Sie lacht nur, denn sie hat sich mit ihrem Übergewicht schon lange abgefunden. Ihre fröhliche, direkte Art gefällt Tom und er beschließt, sie näher kennenzulernen, und will sie wieder treffen. Im Büro sickert langsam durch, dass Tom eine neue Freundin hat. Sein kindischer Kollege Martin und seine Ex-Freundin Jenny aus der Buchhaltung verstehen gar nicht, warum er so geheimnisvoll tut. Doch als Martin Tom bei einem „Arbeitsessen“ mit Helena erwischt, schickt er ein Foto von Toms neuer XXLarge-Flamme per Rundmail an die ganze Firma. Tom ist das zwar schrecklich peinlich, schließlich nimmt er Helena aber doch mit auf ein Firmen-Picknick. Dass er sich mit ihr im Abseits unter einem Baum niederlässt, gefällt Helena dann jedoch ganz und gar nicht. So fordert sie ihn zum wiederholten Male auf: „Sei bitte einfach nur ehrlich zu mir!“ ___STEADY_PAYWALL___

Bina Blumencron strahlt als Helena trotz ihres Übergewichts, das dank des überdimensionalen Fettwürste-Kostüms nicht zu übersehen ist, eine bewundernswerte Gelassenheit aus: „Ich bin mit mir zufrieden, muss nur noch die anderen davon überzeugen.“ Tom (Wolfgang Kandler) hingegen ist ein total verunsicherter Feigling ohne jedes Selbstbewusstsein. Er fürchtet sich vor dem Spott seiner Kollegen, für ihn zählt nur, was sie über ihn denken und reden. Besonders schlecht auf ihn zu sprechen ist seine Ex-Freundin Jenny (Kristin Henkel), die sich trotz durch Yoga und Pilates in Form gehaltener Traumfigur nicht gegen die übergewichtige Konkurrentin durchsetzen kann. Sein fieser Bürokollege Martin (Alexander Lughofer) genießt es richtig, Leute zu provozieren. Toms Verhältnis zu seiner voluminösen Freundin findet er abartig und widerlich und mit dieser Meinung hält er nicht zurück.

Neil LaButes Stück macht deutlich, dass es nicht leicht ist, sich gesellschaftlichen Zwängen zu widersetzen. Auch eine Partnerschaft wirkt sich auf den eigenen Marktwert aus. Wer da aus der Reihe tanzt und gesellschaftlichen Konventionen trotzt, muss enorm stark und selbstbewusst sein. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

„Fettes Schwein“ – Theaterstück von Neil LaBute, Theater ecce. Regie: Ben Pascal. Bühne: Hannes Öhlböck. Kostüme: Lili Brit Pfeiffer. Mit Bina Blumencron, Kristin Henkel, Wolfgang Kandler & Alexander Lughofer. Fotos: Foto Flausen

Mai 2013: „Fettes Schwein“– Tragikomödie von Neil LaBute im Odeïon Kulturforum Salzburg >


„Die Blume von Hawaii“ – Turbulenzen im Südseeparadies

„Die Blume von Hawai“ – Turbulenzen im Südseeparadies

Zum Saisonauftakt begeisterte Marco Dotts schwungvolle, farbenfrohe Neufassung von Paul Abrahams 1931 uraufgeführter Jazzoperette das Publikum im Salzburger Landestheater. Laut Intendant Carl Philip von Maldeghem ist das „derzeit die sicherste Möglichkeit, nach Hawaii zu reisen“. Bei der Premiere am 19. September 2020 wurde kräftig applaudiert, Standing Ovations waren leider nicht erlaubt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

In dem von den USA besetzten Hawaii wollen Separatisten der „Royal family“ wieder auf den Thron verhelfen. Gouverneur Harrison hält die Truppe zwar nur für harmlose Spinner und lächerliche Querulanten, hat jedoch zwei Hollywoodstars zur Unterstützung seines Wahlkampfes nach Honolulu eingeladen.

Suzanne Provence mit ihren hawaiianischen Wurzeln wäre dafür ideal, doch sie will sich politisch nicht vereinnahmen lassen. Auch Prinz Taro und der Separatistenführer Kaluna versuchen, sie für ihre Zwecke einzuspannen, sieht sie doch der verschwundenen Prinzessin Laya zum Verwechseln ähnlich. Suzanne soll sich daher beim jährlich stattfindenden Blumenfest zur Blumenkönigin wählen lassen und anschließend ihre Verlobung mit Prinz Taro bekanntgeben. Sie fühlt sich jedoch zu Kapitän Stone hingezogen, hatte sie doch auf der Überfahrt eine prickelnde Affäre mit ihm. Ihr Bühnenpartner, der smarte Will Roy, will sich auf der Insel einfach nur amüsieren und hat die Wahl zwischen der quirligen Cousine des Gouverneurs, Bessie, und der hübschen Hawaiianerin Raka. Die beiden emanzipierten Damen machen ihm die Wahl nicht leicht und auch Buffy, der etwas einfältige Assistent des Gouverneurs, mischt noch ordentlich mit. Das große Blumenfest endet im Chaos und erst im 3. Akt finden bei einer Filmpreisverleihung in Los Angeles die richtigen Paare zueinander. ___STEADY_PAYWALL___

Schilder mit Aufschriften wie „Free Hawaii“, „We don‘t need the US“ und „Hawaiiexit now“ sorgen für Unruhe im tropischen Inselparadies. Der gewiefte Gouverneur (Marco Dott) hat einen Plan. Er will seine Cousine Bessie mit Prinz Taro (Franz Supper) verheiraten, denn dann wäre er alle Probleme los. Die temperamentvolle junge Dame (hinreißend Sophie Mefan) sucht jedoch einen Mann wie ein Cocktail und keinen Prinzen. Lieber steppt sie gemeinsam mit dem berühmten Jazzsänger Will Roy (großartig Andreas Wolfram) zu den Klängen des Ohrwurms „My little boy“. Doch auch die kleine Hawaiianerin Raka (Hazel McBain) hat ein Auge auf den smarten, wenn auch anfangs etwas oberflächlichen jungen Mann geworfen. Kapitän Stone (Luke Sinclair) schmachtet einzig und allein nach der schönen Suzanne Provence (Laura Incko). Für sie setzt er sogar seinen Job aufs Spiel.

Für unfreiwillige Komik sorgt immer wieder der gutherzige, aber etwas trottelige Buffy, den Alexander Hüttner glaubhaft und überzeugend verkörpert. Zum richtigen Hawaii-Feeling gehören natürlich tanzende Hula-Mädchen und kräftige Männer in Baströckchen. Drei Damen und drei Herren des Ballettensembles sorgen in der mitreißenden Choreographie von Josef Vesely und Kate Watson für bestes Südseestimmung.

Dramaturgin Friederike Bernau und Regisseur Marco Dott haben Paul Abrahams Original gekürzt, aktualisiert und ein Paar Namensänderungen vorgenommen. So wird der  abwertend klingende Jim Boy zu Will Ray und der königstreuen Kanako Hilo zu Kaluna. Das Mozarteumorchester unter der Leitung von Gabriel Venzago bringt die früher als „blechern“ verschrienen jazzigen Operettenklänge kraftvoll zum Swingen. Christian Floeren hat das „Paradies am Meeresstrand“ mit Showtreppe, Glitzerpalmen und großflächigen Projektionen auf die Bühne gezaubert.

Man sollte sich diese witzige, spritzige Jazzoperette mit ihren feurigen Rhythmen nicht entgehen lassen, denn die gute Stimmung auf der Bühne schwappt direkt in den Zuschauerraum über und lässt die derzeitigen Einschränkungen fast vergessen.

„Die Blume von Hawaii“ – Operette in drei Akten von Alfred Grünwald, Fritz Löhner-Beda und Imre Földes. Musik von Paul Abraham. Musikalische Leitung: Gabriel Venzago. Inszenierung: Marco Dott. Choreographie: Josef Vesely und Kate Watson. Bühne: Christian Floeren. Kostüme: Bettina Richter. Mit: Franz Supper, Samuel Pantcheff/George Humphreys, Marco Dott, Alexander Hüttner, Sophie Mefan, Luke Sinclair, Hazel McBain, Laura Incko, Andreas Wolfram. Chor und Ballett des Salzburger Landestheaters. Mozarteumorchester Salzburg. Fotos: SLT/ Anna-Maria Löffelberger


Gatsby

„Der große Gatsby“ – Nach der Party kommt der Katzenjammer

Der 1925 erschienene Roman des US-amerikanischen Autors F. Scott Fitzgerald ist ein Spiegel- und Schlüsselwerk der 20er Jahre in den Vereinigten Staaten. Die „Roaring Twenties“ sind gekennzeichnet durch Vergnügungssucht und Gangstertum, eine Folgeerscheinungen der wirtschaftlichen Blüte nach dem Ersten Weltkrieg. Rudolf Freys stringente Bühnenadaption ist eine Charakterstudie und kommt ganz ohne Glamour aus. Die Premiere fand am 17. September 2020 im Großen Saal des Schauspielhauses Salzburg statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Wer ist Jay Gatsby eigentlich? Niemand scheint den undurchsichtigen Geschäftsmann wirklich zu kennen, doch sein schier unermesslicher Reichtum, sein schlossähnliches Haus auf der Insel Long Island und seine rauschenden Partys sind legendär. Hier trifft sich die feine New Yorker Gesellschaft gerne, ob nun eingeladen oder nicht.

Doch Gatsby fühlt sich in dem ganzen Trubel einsam und ist nicht wirklich glücklich, denn er sehnt sich nach seiner Jugendliebe Daisy. Diese ist mit dem reichen, reaktionären Millionär Tom Buchanan verheiratet, hat eine kleine Tochter und wohnt ganz in der Nähe, auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. Sie zurückzugewinnen ist sein großer Plan und die Chancen stehen gar nicht schlecht. ___STEADY_PAYWALL___

Tom ist seiner zarten Frau gegenüber ein Grobian und hat ein Verhältnis mit Myrtle Wilson, der Gattin des Automechanikers. Sein Nachbar Nick Carraway und die attraktive Jordan Baker verhelfen Gatsby zu einem ganz „zufälligen“ Treffen mit der Angebeteten. Daisy kann sich aber nicht entscheiden und fühlt sich zwischen ihrem Ehemann und dem charmanten Gatsby hin- und hergerissen.

Ein gemeinsamer Ausflug und ein verbaler Schlagabtausch zwischen den beiden Männern führen schließlich zur Katastrophe. Nach kurzer Schockstarre beschließt man jedoch, einfach weiterzumachen: „So kämpfen wir uns voran, Boote gegen die Strömung, unablässig zurückgetragen, der Vergangenheit zu.“

Zu den Klängen von Frank Sinatras Song „The House I Live In (That’s America to Me)“ betreten die Protagonisten nach und nach die Bühne, während Jay Gatsby (Bülent Özdil) sich von der Empore aus anhören muss, für welchen Blender sie ihn gehalten hatten. War er etwa doch ein Spion, oder gar ein Alkoholschmuggler? Sein Reichtum machte ihn auf alle Fälle verdächtig. Nach diesem Vorspiel wird die Plastikfolie von dem schmucklosen Haus entfernt und wir sind mitten drinnen zwischen all den gar nicht so glücklichen Schönen und Reichen. Katharina von Harsdorf gibt Daisy, das fragile, oberflächliche, etwas überforderte Objekt der Begierde, das den Reichtum genießt und sich daher von ihrem groben Mann (Theo Helm) so einiges gefallen lässt.

Christine Warnecke macht sich als kühle, berechnende Jordan Baker an den schüchternen Börsenmakler Nick Carraway (Simon Jaritz-Rudle) heran. Zwischen all den selbstverliebten, gefühlskalten Snobs wirken der jähzornige, aufbrausende Automechaniker George Wilson und seine Frau Myrtle (Wolfgang Kandler und Sophia Fischbacher) erfrischend natürlich. Die Jagd nach dem Glück wird von Fabio Buccafusco gefühlvoll am Klavier begleitet. Gatsbys großartigen Palast bekommen wir allerdings nur als kleines Modell zu Gesicht. (Bühne: Vincent Mesnaritsch)

F. Scott Fitzgeralds hochgelobter Roman schildert den Untergang der tradierten Familienbilder, Genusssucht und Ausschweifungen lassen die Protagonisten scheitern. In Irmgard Lübkes Inszenierung stehen die zwischenmenschlichen Abläufe im Vordergrund und so wirkt das Stück wie ein intensives, bürgerliches Drama, in dem alle dem Abgrund entgegensteuern.

„Der große Gatsby“ nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald. Fassung: Rudolf Frey. Regie: Irmgard Lübke. Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Mit: Bülent Özdil, Simon Jaritz-Rudle, Katharina Harsdorf, Theo Helm, Christine Warnecke, Sophia Fischbacher, Wolfgang Kandler, Magdalena Oettl, Marcus Marotte. Fotos: Jan Friese/ SSH Video: Schauspielhaus Salzburg


„Bash – Stücke der letzten Tage“ – drei mörderische Monologe

Im Studio der ARGEkultur fand am 16. September 2020 die Premiere von Neil LaButes zutiefst verstörendem Stück „Bash“ statt, in dem drei ganz normale Menschen ihre Morde beichten.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die drei Minidramen wurden 2001 von „Theater heute“ zum besten ausländischen Stück gewählt und fesseln mit der Wucht antiker Tragödien. Ein aufwühlender Theaterabend, absolut sehenswert!

Neil LaBute bringt in seinen Stücken stets das Dunkle im Menschen zum Vorschein. Seine Protagonisten sind Durchschnittsmenschen, denen fast ungewollt und ganz nebenbei Morde passieren. „Ich erzähle es einmal, weil es wert ist, erzählt zu werden.“ Mit diesen Worten wendet sich in „Iphigenie in Orem“ ein Geschäftsmann in einer Bar an einen Fremden. Er erzählt in lockerem Plauderton vom tragischen Tod seiner vier Monate alten Tochter Emma und von seinen beruflichen Problemen. Um seiner drohende Entlassung zu entgehen und sich einen Vorteil gegenüber seiner Konkurrentin zu verschaffen, greift er zu unentschuldbaren Mitteln. In „Eine Meute von Heiligen“ berichtet ein Yuppie-Pärchen von einem Ausflug nach New York und einer rauschenden Ballnacht. Es wäre wirklich eine vollkommene Nacht gewesen, hätte nicht John mit seinen Freunden Tim und David noch einen nächtlichen Spaziergang im Central Park unternommen. Auch der Titel der letzten Szene, „Medea redux“, lässt Schlimmes ahnen. Eine junge Frau schildert, wie sie mit 13 Jahren ihrem Bio-Lehrer näherkam. Sie berichtet von Küssen, Umarmungen, und Bootsfahrten und wird schließlich mit 14 Jahren schwanger. Er macht sich aus dem Staub und sie schweigt lange Jahre. Bei einem Wiedersehen mit dem Vater des Kindes findet sie, dass es nun Zeit wäre, sich zu rächen.

Die Motive der drei Mörder sind dürftig, die Taten erfolgen fast zufällig. Die Nüchternheit mit der LaBute seine Figuren agieren und sprechen lässt, ist von subtiler Wucht. Das Schauspielhaus Salzburg brachte „Bash“ 2011 im Hotel Altstadt zur Aufführung. Damals marschierten zehn Besucher von Zimmer zu Zimmer und bekamen die ungeheuerlichen Monologe auf engstem Raum serviert. Ich dachte damals, besser und schockierender als in diesem intimen Rahmen ginge es nicht. Doch Verena Holztrattners Inszenierung versteht es gleichermaßen zu fesseln. Arthur Zgubics drehbare Rundbühne entwickelt durch die langsamen Drehungen einen regelrechten Sog. Jurij Diez erweist sich als absolute Traumbesetzung, denn hinter seiner stets freundlich lächelnden Fassade spürt man Brutalität und Kälte schlummern. Die zierliche Daria Ivanova, Studentin am Mozarteum Salzburg, ist ihm eine ebenbürtige Partnerin. Naiv schwärmt sie com wunderbaren Ausflug nach New York, denn von den nächtlichen Abenteuern ihres Freundes bekommt sie nichts mit. Als verurteilte Mörderin hingegen versucht sie zu erklären, warum sie sich nach so langer Zeit am Vater ihres Kindes rächen musste. Es war sein Blick, der sagte: „Ich bin davongekommen.“

Ein gutes Theaterstück braucht weder eine große Bühne, noch viele Requisiten. Diese drei Geschichten brennen sich auch so in die Köpfe der Zuseher ein und erzeugen Kopfkino, das fast schmerzt.

„Bash – Stücke der letzten Tage“ von Neil LaBute. Eine Koveranstaltung von theater.direkt und ARGEkultur. Dramaturgie/Produktionsleitung: Michael Kolnberger. Inszenierung: Verena Holztrattner. Raum und Kostüme: Arthur Zgubic. Bühnenkonstruktion und Bau: Herbert und Niki Wiesauer. Mit: Jurij Diez und Daria Ivanova. Fotos: ARGEkultur