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Blonder Engel & die Hedwig Haselrieder Kombo

Blonder Engel

Der blonde Engel kommt aus Linz, heißt Felix Schobesberger und unterhält mit enormer Musikalität und viel Schmäh, gemeinsam mit einer 4-köpfigen Band, das Publikum. Das Gastspiel am 14. Juli 2021 im Kleinen Theater bot Kleinkunst vom Feinsten.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Laut Folder und meinen Recherchen im Internet erwartete ich einen blonden, langhaarigen jungen Mann mit nacktem Oberkörper und riesigen weißen Engelsflügeln. Der blonde Engel sprang jedoch in einem eleganten, dunklen, glänzenden Anzug mit goldenem Gilet auf die Bühne, schnappte sich seine goldene Gitarre und grinste schelmisch und bestens gelaunt ins Publikum. Die Enttäuschung legt sich also schnell und, dass die „kongeniale“ Begleitband plötzlich nicht wie versprochen drei, sondern gleich vier heilige Könige zu bieten hat, ist ja auch kein Nachteil.

Der Engel hat gute Manieren und so stellt er uns seine Musiker vor und verrät dabei auch intime Details. Dass der Oberneukirchner Schlagzeuger Klaus Wagner eine Hausgeburt war, kommt im Laufe des Abends noch öfters zur Sprache. Am Kontrabass sitzt Herwig Krainz, ein Oldie, der sogar schon in der Carnegie Hall gespielt hat. Andreas Wiesinger, der Mann am „Plastikklavier“, stammt aus dem Mühlviertel und Wolfgang Brüdlinger an der Gitarre ist eigentlich nur der Neue.

Die Lieder des blonden Engels überraschen mit raffinierten Texten. „Hasd dei Klaumpfn eh dabei?“ erzählt von einer Party, auf der die Gäste hemmungslos ausgenützt werden, bis der Gastgeber sich alleine langweilt, weil ja alle für ihn arbeiten. In „Urban Birding“ nimmt er ein neues Phänomen, die städtische Vogelbeobachtung, unter die Lupe. Eine Buchbesprechung auf seinem Lieblingsradiosender Ö1, dem „einzigen Sender, der nach der Zuhörerzahl benannt ist“, hat ihn auf diese Idee gebracht.

Zwischen den einzelnen Liedern beginnt der blonde Engel zu philosophieren und schwadronieren, wobei er oft selbst nicht weiß, wohin die Reise gehen wird. Blühende Fantasie und enormes Improvisationstalent helfen ihm, aus beliebigen, ihm zugerufenen Begriffen (Hausgeburt, Taschenbillard, Leberkäse, Schuhbandl und Punschkrapferl) einen Song mit passenden Reimen zu verfassen. Nach der Pause erscheint der blonde Engel als „Lederjacken-Jonnie“ und präsentiert härtesten Rock’n’Roll. Doch als allerletzte Zugabe gibt er ein Solo und zwar endlich im Original Engel Outfit.

Man merkte der Truppe an, wie sehr sie den Abend und das Publikum, das beim „Ismus-Boogie“ so schön den Refrain mitsang, genossen hat. Dieser „musikalisch-satirische Abend“ begeistert mit scharfzüngigen Texten, Schmäh und viel Selbstironie. Die Mischung aus Kabarett, Musik und Band-Konzert, charmant serviert mit einer Prise Nonsens, garantiert beste Laune.

„Blonder Engel & die Hedwig Haselrieder Kombo“ – Ein musikalisch-satirischer Abend. Fotos: Kleines Theater – Marco Prenninger


„Der Diener zweier Herren“- Turbulenzen in Venedig

Strassentheater 2021

Das Salzburger Straßentheater wollte bereits letzten Sommer mit Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ sein 50-jähriges Bestehen feiern. Doch heuer kann der Thespiskarren  wieder durch Stadt und Land Salzburg rollen und unterhält mit einer hinreißenden Commedia- dell’arte-Inszenierung von Georg Clementi Jung und Alt. Ein 3G-Nachweis reicht, eine Anmeldung ist nicht notwendig, einfach kommen und genießen, ohne Maske, ohne Abstand, fast wie früher.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

„Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans blaue Meer…“ trällert eine muntere Truppe vor einer venezianischen 3-Sterne- Locanda, auf deren Dach der Regisseur Georg Clementi in einer Gondel sitzt und mit seiner Gitarre den Ton angibt. Die als Mann verkleidete Beatrice Rasponi ist auf der Suche nach ihrem geflohenen Geliebten, der des Mordes an ihrem Bruder bezichtigt wird. Ihr stets hungriger Diener Truffaldino will sich ein paar Denare dazuverdienen und tritt in die Dienste eines neu angekommenen Gastes. Doch als Diener zweier Herren hat er noch weniger Zeit zum Essen und handelt sich dafür jede Menge Ärger ein. Er erfindet zwar ständig neue Ausflüchte, doch verstrickt er sich dadurch immer mehr in prekäre, vertrackte Situationen, für die er schließlich Prügel von beiden Herren erhält. Ein Lichtblick bei all dem „Schlamassel“ ist für ihn die holde Smeraldina, eine Kammerzofe, die sein Herz fast zum Explodieren bringt. Vor dem finalen Happy End liefern sich Beatrice und ihr Florindo noch einen spektakulären Fechtkampf, hat doch Truffaldino wieder einmal ordentlich Mist gebaut.

Der gebürtige Südtiroler Max G. Fischnaller brilliert als liebenswerter Truffaldino mit hinreißend komischer Körpersprache. Mit Umberto Tozzis „Ti amo“ erzeugt er nicht nur bei seiner Angebeteten Gänsehaut. Auch mit seiner eigenwilligen „Lüftung“ zweier Koffer erntet er Szenenapplaus. Ihm zur Seite steht Samantha Steppan als liebreizende, sehr selbstbewusste Kammerzofe, die der „blöden Fechterei“ ein abruptes Ende zu setzen vermag. Als edles Paar stehen sich Karoline Troger als Beatrice und Stefan Bischoff als Florindo gegenüber. Alex Linse kultiviert als umtriebiger Wirt Brighella seinen eigenwilligen Sprachfehler. Richard Saringer als Pantanole und Kerstin Glachs als liebenswerte, aber dumme Klara ergänzen das Straßentheater-Ensemble, das heuer mit vielen neuen Gesichtern überrascht.

Georg Clementi hat zu Carlo Goldonis wohl bekanntestem Theaterstück einen ganz besonderen Bezug, stand er doch 1997 unter der Regie von Klaus Gmeiner selbst als Truffaldino auf der Bühne des Thespiskarren. Nun inszeniert er den Komödien-Klassiker mit viel Tempo und komödiantischem Geschick, aber auch melancholischen, romantischen Momenten. Ein mitreißendes Straßentheater, das hoffentlich auch das Publikum wieder versöhnt, das Probleme mit den etwas moderneren Komödien hatte.

„Der Diener zweier Herren“  Komödie von Carlo Goldoni. Inszenierung: Georg Clementi. Arrangements und musikalische Leitung: Marc Seitz. Choreographie: Karoline Troger. Bühnenbild: Alex Linse, Harald Schöllbauer. Kostüme: Alois Dollhäubl. Mit. Max G. Fischnaller, Alex Linse, Karoline Troger, Stefan Bischoff, Richard Saringer, Samantha Steppan, Kerstin Glachs, Georg Clementi. Fotos: Leo Fellinger


„Austropopo“ – Weil’s (ned) wurscht is

kollektiv KOLLINSKI

Endlich darf das Küstlerkollektiv Kollinski von Susanne Lipinski wieder live performen. Vier  Power-Frauen feierten daher am 5. Juli 2021 mit der humorvollen, gesellschaftskritischen Produktion „Austropopo“ in der ARGEkultur eine Premiere, die eigentlich schon am 14. Jänner hätte stattfinden sollen. Die unterhaltsame Mischung aus Kochshow, Performance und viel Musik kam beim Publikum bestens an.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Vier Kochstellen sind rund um eine kleine Drehbühne aufgebaut. Hier rotiert ein kopfloser, weißer Sack mit riesiger Krawatte, der erst zum Finale der Performance seinen nicht uninteressanten Inhalt preisgibt. Erst wird aber fleißig gekocht. Palatschinken, Mixgetränk, Sauerkraut und selbstgemachte Wurst soll es geben. Genüsslich zählen die Damen in ihren grandiosen Petticoat-Kleidern aus den 50er Jahren ihre Fähigkeiten auf: „garen“, „rösten“, „kochen“, „frittieren“, „blanchieren“, „anbraten“ und „grillen“, hauchen sie mit sinnlicher Stimme. Kochen kann wohl sehr erotisch sein. Dazu kommt noch, dass den taffen Damen „Bio“ nicht reicht, sie machen scheinbar alles selber. Da gibt es „selbst geschossene, selbst hergestellte finnische Rentierwurst“ oder „selbst gefangene Forellen aus dem selbst ausgegrabenen Teich,im selbst angelegten Garten“.

Erschöpft von so viel Kocherei kommt musikalisch nun ein Mann ins Spiel. Es ist Hermann, der allerdings wenig schmeichelhaft mit einem Germteig verglichen wird. Wer aber wird die Kochshow gewinnen? Sie sind doch alle Profis, denn sie lieben es zu kochen, zu putzen und natürlich mit den Kindern zu spielen. Leider kann da die junge Viktoria nicht mitreden, denn sie hat noch keine Kinder. Den drei Müttern ist klar, das muss sich ändern. Bevor es zu Unstimmigkeiten kommt, wird schnell ein Bart aufgeklebt, und die „Band Austro Frank, die Funk Band“ ist geboren und sorgt für gute Stimmung. Wer aber schließlich den wunderschönen, äußerst geschmackvollen Preis für den Gewinn der Kochshow mit nach Hause nehmen darf, sei hier nicht verraten.

Die gebürtige Pinzgauerin Susanne Lipinski ist bekannt für ihren urig-kernigen Humor, mit dem sie schon 2012 in ihrer Solo-Kochshow  „Heimweh. Erdäpfel-Brezn-Supp´n kann ich mir überall machen” das Publikum im Toihaus Theater begeisterte. Gudrun Plaichinger hat Konzertfach Violine studiert, doch widmet sie sich nach reger Kammermusik- und Orchestertätigkeit nun vermehrt der Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern, Performern, Tänzern und Schauspielern. Victoria Fux und Elisabeth Breckner komplettieren das munter kochende und musizierende Damen-Quartett.

Ich habe mich ja während des Lockdowns mit diversen Streaming-Angeboten über Wasser gehalten. Nun aber genieße ich wieder umso mehr das Live-Erlebnis, besonders wenn es so viel Power, skurrilen Witz und Musikalität bietet. Ein Hochgenuss!

„Austropopo“  –  Weil’s (ned) wurscht is. Spiel, Musik und Text: Elisabeth Breckner, Victoria Fux, Susanne Lipinski, Gudrun Plaichinger. Regie: Natascha Grasser. Bühne und Kostüme: Sigrid Wurzinger, Licht, Video und Ton: Nina Ortner. Bühnenbau: Harald Schöllbauer, basis4. Choreografie, outside eye: Pascale Staudenbauer. Eine Produktion von kollektiv KOLLINSKI und ARGEkultur | Fotos: ® Lisa Kutzelnig

Mehr über Austro-Feminismus und den Vollblutpolitiker Hermann erfahren Sie auf https://www.kollinski.com/


„Der Schinderhannes“ – von Carl Zuckmayer (1896-1977)

Schinderhannes

Mit verschiedenen Veranstaltungen gedenkt die Gemeinde Henndorf am Wallersee des 125. Geburtstags des großen Dichters, der die Jahre 1926 bis 1938 hier in der Wiesmühl’ verbracht hat. Die Premiere des räuberischen Spiels fand am 1. Juli 2021 im wildromantischen Waldfestgelände statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Im Gasthaus „Grüner Baum“ geht es lustig zu, denn ein fremder Händler, der sich Jakob Ofenloch nennt, schmeißt eine Runde nach der anderen. Auch flirtet er heftig mit Julchen, die die Gäste mit dem munteren Lied vom Räuberhauptmann Johannes Bückler, genannt der „Schinderhannes“, unterhält.

„Das ist der Schinderhannes,
 Der Lumpenhund, der Galgenstrick,
 Der Schrecken jedes Mannes
 und auch der Weiber Stück…“

Der Gerber ist hingegen schwer verärgert, hat ihm doch jemand sein gutes Leder gestohlen. Zufällig hat der übermütige Händler Leder dabei, das er nun für zwei Gulden das Stück an den Gerber verkauft. Als dieser merkt, dass er seine eigene, gestohlene Ware gekauft hat, ist der Schinderhannes schon über alle Berge. Das singende Julchen ist dem Charme des Draufgängers  erlegen und folgt ihm, obwohl gemunkelt wird, dass er bereits sieben Bräute habe.

Das Stück spielt im Hunsrück (Mittelgebirge in Rheinland-Pfalz) zur Zeit der napoleonischen Besatzung und so kommt es ständig zu Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und den Leuten um Schinderhannes. Als Julchen merkt, dass dieser wilde Trupp nur schwer zu bremsen ist und immer mehr Gewalt ins Spiel kommt, verlässt sie ihren Geliebten. Die Pause wird dazu genutzt, um Steckbriefe an die Bäume zu helfen, denn nun sind 5.000 Gulden für die Ergreifung des Räubers ausgesetzt. Das kann nicht gut gehen, denn in der Bande des Schinderhannes treibt sich viel zwielichtiges Gesindel herum und so ist ein Verräter schnell gefunden. 

Seit April haben fast 30 Laienschauspieler aus dem Flachgau unter der Leitung von Waltraud Gregor auf dem Waldfestgelände geprobt und jedem Wetter, ob Schnee oder extremer Hitze, getrotzt. Schon 2013 wurde hier vom Theaterverein Henndorf Carl Zuckmayers Stück „Katharina Knie“ aufgeführt. Nun dienen die Hütten als Kulisse für Wirtshaus, Schmiede, allerlei Unterkünfte und ein Gefängnis im Hunsrück. Gerhard Moser überzeugt mit einer Mixtur aus Charme und Brutalität als stimmgewaltiger Titelheld. Regisseurin Waltraud Gregor steht ihm lange als treues, liebevolles Julchen zur Seite, bis sie merkt, dass sie ihn nicht retten kann. Auch Sabine Füssl als ihre Schwester gefällt das freie, wilde Leben der Räuberbande, die ja eigentlich nur den Reichen etwas wegnimmt, um es den Armen zu geben. Christine Lukesch ist eine resche Wirtin, die ständig versucht, die streitlustigen Räuber zu beruhigen. Patricia Pichler gibt nicht nur den Verräter Benzl, sondern auch eine feine Dame, die sich bei der Hinrichtung unter die „Fünfzehntausend Leut!“ mischt, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen, schließlich werden neben dem Schinderhannes auch noch 19 seiner Kameraden vor dem Mainzer Holzturm geköpft.

Die sagenumwobene Räubergeschichte endet zwar tragisch, doch kommt in dieser Inszenierung der Humor keineswegs zu kurz. So sorgt etwa die Rekrutierung und Ausbildung einer Truppe unfähiger Soldaten für Heiterkeit. Gratulation an Waltraud Gregor und das gesamte Team für einen stimmungsvollen Theaterabend in einzigartiger Naturkulisse. Die Premiere fiel zwar etwas feucht aus, doch das konnte die gute Stimmung bei Publikum und Akteuren absolut nicht trüben. Gespielt wird noch bis 25. Juli und hoffentlich an vielen lauen Sommerabenden.

„Der Schinderhannes“ von Carl Zuckmayer. Im Henndorfer Waldfestgelände. Stückbearbeitung/Regie: Waltraud Gregor. Assistenz: Johanna Hauser. Licht/Ton: Martin Fischer, Günther Strasser, Marco Pfeifenberger, Stefan Krug-Wieder. Mit: Gerhard Moser, Walter Thalhammer/Andreas Thalhammer, Waltraud Gregor, Sabine Füssl, Christine Lukesch, Ulrich Hinterecker, Gerd Wohlschlager, Thomas Aufschnaiter, Gerd Wohlschlager, Franz Ortner, Helmut Dschulnigg, Josef Leimüller, Anton Huber, Rafaela Novosádyová, Johannes Pagitsch/Werner Knoll, Patricia Pichler, Marian Mitelut, Johannes Köstler, Werner Putz, Josef Lipp, Raffael Klausz, Alexander Hofer, Sabrina Tschojer, Wolfgang Haas, Schüler MMS, Helmut Kalleitner/Manuel Pointner. Foto: Albert Moser/Theater Henndorf

Alle kulturellen Aktivitäten anlässlich des 125. Geburtstag von Carl Zuckmayer sind hier zu finden: www.zuckmayer2021.com

Katharina Knie >


„Bodhi Project“ – im Doppelpack

BODHI PROJECT & Reut Shemesh - WildLand

Die 2008 gegründete, in Salzburg beheimatete, international tourende Kompanie gilt als eines der profiliertesten zeitgenössischen Ensembles für professionelle Tänzerinnen und Tänzer und als Plattform für neue choreografische Stimmen in der internationalen zeitgenössischen Tanzszene. Im Rahmen der Sommerszene kam es heuer zu zwei Uraufführungen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Tonky Lonky

Die aus Israel stammende Choreografin Reut Shemesh setzt sich in „Tonky Lonky“ (Arbeitstitel: „Wild Land“) mit den Themen Beziehungen, Kommunikation und künstliche Intelligenz auseinander. Ausgehend von Found-Footage-Interviews entwickelt sie eine faszinierende Collage aus Gesang, Lippensynchronisation und rhythmischen Bewegungen.

Die Tänzerinnen und Tänzer in elegantem schwarzen Outfit sitzen malerisch auf einem weißen Quadrat und starren auf die Dame, die über dem Keyboard hängt. Ihre Verblüffung wird immer größer und schließlich auch hörbar, sie beginnen, bis zur Ekstase zu zittern und zu beben. Dann folgt ein Befehl: „Es ist Zeit, nachzudenken!“ Die Performance dauert 50 Minuten, überzeugt mit starken Bildern und viel Stoff zum Nachdenken. Ein inspirierendes, nicht nur tänzerisches Vergnügen. Viel Applaus bei der Uraufführung am 20. Juni 2021 in der Szene Salzburg.

„Tonky Lonky“ – Regie & Choreographie: Reut Shemesh. Performance: BODHI PROJECT: Anastasis Karachanidis, Andrea Givanovitch, Dylan Brahim Labiod, Hyaejin Lee, Kassichana Okene-Jameson, Lucija Romanova. Musikkomposition/-bearbeitung: Simon Bauer. Lichtdesign: Frank Lischka. Lichtdesign Mitarbeit: Ronni Shendar. Kostüme: Marie Siekmann

Chorus Line

Tags darauf war dieselbe Truppe in „Chorus Line“ von Adrienn Hód, einer der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen Tanzes Ungarns, zu erleben und zwar in einer überaus amüsanten Performance. Man darf eine Stunde lang Frédéric Chopins romantische Nocturnes genießen, während die Tänzerinnen und Tänzer von einem völlig anderen Rhythmus durchdrungen sind, denn es wird marschiert, aber nicht nur. Diese Dekonstruktion durchzieht das gesamte Stück und es wird unendlich viel geboten: Ballett, Akrobatik, Bodenturnen, ja sogar Slapstick-Einlagen. Dazu kommen noch jede Menge Emotionen: Aggressionen, Wut, Schmerz, Freude, Begeisterung, Verführung und Flirt mit dem Publikum. Die Tänzerinnen und Tänzer dürfen die ganze Palette ihres Könnens zeigen, besonders in den extra auf sie abgestimmten Solis.

BODHI PROJECT & Adrienn Hód – Chorus Line | Foto: © Bernhard Müller

Eigentlich hätte „Chorus Line“ bereits im November 2020 in der ARGEkultur uraufgeführt werden sollen, doch dann kam Corona. Nun hat es also mit einiger Verspätung doch noch geklappt, allerdings mit neuen Tänzerinnen und Tänzern. Das durchwegs sehr junge Publikum zeigte sich begeistert und feierte die Truppe lautstark.

„Chorus Line“ – Konzept & Choreographie: Adrienn Hód. Performance: BODHI PROJECT: Anastasis Karachanidis, Andrea Givanovitch, Dylan Brahim Labiod, Hyaejin Lee, Kassichana Okene-Jameson, Lucija Romanova. Lichtdesign: Frank Lischka.

Produktion: BODHI PROJECT/blackmountain, SEAD & SZENE Salzburg. Mit Unterstützung von: Stadt Salzburg, Land Salzburg und Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport

„Sommerszene Salzburg“ von 8. bis 25. Juni 2021
„Bodhi Project“ – im Doppelpack
„Elvedon“ – der unendliche Fluss der Zeit
Sommerszene Übersicht


„Elvedon“ – der unendliche Fluss der Zeit

Sommerszene

Im Rahmen der Sommerszene 2021 gastierte der griechische Choreograph Christos Papadopoulos am 16. Juni 2021 erstmals in Österreich, und zwar in der Szene Salzburg. Vier Tänzerinnen und zwei Tänzer schufen mit subtilen, minimalistischen, ständig wiederkehrenden Bewegungen eine meditative Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen konnte. Großer Jubel für eine faszinierende, intensive Performance.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Papadopoulos ließ sich von Virginia Woolfs 1932 veröffentlichtem, tiefgründigen Roman „The Waves“ inspirieren. Der Roman folgt dem Leben von sechs Freunden von der Kindheit über die Reife bis ins hohe Alter. Sechs verschiedene Persönlichkeiten, ihre sinnlichen und intellektuellen Erfahrungen, ihre Emotionen und Reflexionen kommen und gehen wie die Wellen des Ozeans. Das von den Freunden im Wald entdeckte mystische Königreich „Elvedon“ ist auch Namensgeber für das Stück.

Zu pochenden, präzisen Rhythmen vollführen die Tänzer, anfangs in gebückter Haltung, völlig synchron, minimalistische Bewegungen und Zuckungen. Ganz, ganz langsam richten sie sich auf und drehen sich Richtung Publikum. Die Bewegungen ändern sich kaum, sie passen sich nur fast unmerklich der sich schleichend verändernden Musik an. Erst nach und nach erkennt man, dass doch die Tänzerinnen und Tänzer charakteristische Bewegungsmuster entwickeln, man hat ja genügend Zeit, jede und jeden genau zu beobachten, wenn sie sich fließend durch den Raum bewegen, getrieben bzw. geschoben vom Rausch der Musik. Völlig emotionslos schließen sie sich zu Paaren und Gruppen zusammen oder sondern sich für eine Weile ab, um alleine weiter zu wippen. Erst zum Finale beginnen sie zaghaft zu lächeln und werden dann ganz plötzlich schneller. Wie eine riesige Welle schwingen sie schließlich vor und zurück und machen die gewaltige Kraft des Wassers spürbar. Als sie jedoch die Kräfte verlassen sinken sie zu Boden, wo sie wieder zum kindlichen Wippen zurückkehren. Der Kreislauf des Lebens hat sich geschlossen.

Für Papadopoulos ist das Konzept des ewigen Flusses der Zeit das Herzstück von „Elvedon“, das er mit den Mitteln der Wiederholung, des Springens und der allmählichen Entwicklung der Körperbewegung deutlich macht.

„Mit der Geburt wird das Leben in Gang gesetzt. Wir haben keine Wahl für eine Pause. Die Zeit ist unendlich und unaufhaltsam. Diese unvermeidliche Erkenntnis wird im Laufe der Zeit zu einem integralen Bestandteil des Lebens, und wir müssen nur lernen, damit umzugehen. Das hat mich am meisten fasziniert und motiviert, daraus eine Tanzperformance zu machen. Wellen haben einen intrinsischen Rhythmus, eine sich wiederholende Bewegung.“

„Abstrakte Bewegung, Hüpfen und Musik sind meine Werkzeuge, um eine Umgebung zu schaffen, die dem Publikum die Freiheit lässt, auf ganz persönliche Weise wahrzunehmen, zu entziffern und zu fühlen.“

Intendantin Angela Glechner hat nicht zu viel versprochen, dieser Abend war wirklich eine Sternstunde des modernen Tanzes. Ich bin mir sicher, dass man von Christos Papadopoulos noch viel hören wird.

„Elvedon“ – Konzept & Choreographie: Christos Papadopoulos. Tänzer: Georgios Kotsifakis, Maria Bregianni, Thernis-Ariadne Andreoulaki, Danai Pazirgiannidi, Tasos Nikas, Sotiria Koutsopetrou. Musik: Coti K. Lichtdesign: Miltiades Athanasiou. Fotos: Sommerszene © Bernhard Müller (4) © Laurent Philippe (Titelbild)

„Sommerszene Salzburg“ von 8. bis 25. Juni 2021
„Bodhi Project“ – im Doppelpack
„Elvedon“ – der unendliche Fluss der Zeit
Sommerszene Übersicht


„Der kleine Grenzverkehr“ – eine heitere, sommerliche Liebesgeschichte

Erich Kästners amüsante, im Festspielsommer 1937 verfasste Erzählung wurde von Volkmar Kamm für die Bühne bearbeitet und steht derzeit in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters auf dem Programm. Eine unterhaltsame, musikalische Hommage an Erich Kästner, seinen Kollegen Kurt Tucholsky und eine Liebeserklärung an die Stadt Salzburg.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Erich Kästner richtet sich in seiner Vorrede direkt an das Publikum. Er berichtet von der Einladung seines nach England emigrierten Illustrators Walter Trier zu den Salzburger Festspielen. Probleme bereitet ihm die Devisenbestimmung des Deutschen Reiches, denn wie soll er mit den erlaubten zehn Reichsmark monatlich drei Wochen lang auskommen? Er beschließt, den kleinen Grenzverkehr zu nutzen und sich unter dem Pseudonym Georg Rentmeister in Bad Reichenhall im luxuriösen Hotel Axelmannstein niederzulassen. Von hier geht es dann täglich mit dem Bus nach Salzburg. Die zehn Reichsmark gibt er jedoch schon am ersten Tag für Mozartkugeln und Brezen aus und so sitzt er schließlich ohne Geld in einem Gasthaus und kann sein Bier nicht bezahlen. Da kommt ihm das nette Fräulein Constanze vom Nebentisch zu Hilfe. Der Dichter ist gleich Feuer und Flamme, denn die junge Dame ist wunderschön, zwar nur ein Stubenmädchen, aber sehr gebildet. Jeden Abend probt sie in einem kleinen Theater für eine Tucholsky-Soireé. Er erklärt sich spontan bereit, bei der Premiere Gedichte „seines Freundes“ Erich Kästner vorzutragen. Untertags ist Constanze immer schwer beschäftigt, doch ihren freien Tag wollen die beiden gemeinsam verbringen. Der Ausflug mit dem Motorrad auf den Gaisberg und an den Wolfgangsee dauert etwas länger und so verpasst er schließlich den letzten Bus nach Bad Reichenhall. Einer romantischen Nacht steht also nichts mehr im Wege.

Gregor Schulz verkörpert Erich Kästner, den großen deutschen Schriftsteller, Publizisten, Drehbuchautor und Kabarett-Dichter, äußerst souverän. Mit seiner glasklaren, beeindruckenden Stimme bringt er dessen humoristische, gesellschafts- und zeitkritische Gedichte zum Schwingen. Dazu passen perfekt die von Laura Barthel als Constanze performten Lieder zu Texten von Tucholsky, hinreißend gesungen und getanzt „Der Pfau“.

„Ich bin ein Pfau.
In meinen weißen Schwingen
fängt sich das Schleierlicht der Sonne ein.
Und alle Frauen, die vorübergingen,
liebkosten mit dem Blick den Silberschein.“

Alexander Kuchinka begleitet sie dazu am Klavier, wenn er nicht gerade in eine seiner vielen anderen kleinen Rollen schlüpft. Martin Trippensee ist als Maler Max Trier stets mit seiner Staffelei in Salzburg unterwegs, wobei es ihm im Zwergerlgarten besonders gut gefällt.

Regisseur Volkmar Kamm ist es gelungen, aus einer eigentlich banalen Liebesgeschichten, die trotz einiger Missverständnisse und Turbulenzen natürlich gut ausgeht, einen wortgewaltigen und hochmusikalischen Theaterabend zu zaubern, der mit köstlichen, humoristischen Details bestens unterhält.

„Der kleine Grenzverkehr“ von Erich Kästner. Für die Bühne bearbeitet von Volkmar Kamm. Inszenierung und Raum: Volkmar Kamm. Bühnenmusik und musikalische Leitung: Alexander Kuchinka. Choreographie: Verena Rendtorff. Kostüme: Katja Schindowski. Mit: Gregor Schulz, Martin Trippensee, Laura Barthel, Alexander Kuchinka. In Zusammenarbeit mit dem Salzburger Marionettentheater. Fotos: SLT/ Anna-Maria Löffelberger


„Herzilein“ (Kein Volksstück) – schwarze Komödie

Herzilein

Im OFF Theater konnte am 10. Juni 2021 endlich die allererste richtige Premiere der laufenden Theatersaison stattfinden. Die obligate Premierenfeier wird allerdings erst im Herbst bei der Wiederaufnahme nachgeholt und dann hoffentlich in der wieder geöffneten, gemütlichen Lounge, ohne die derzeit üblichen Stimmungskiller, also ohne Masken und Corona-Abstand.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Trudl Semminger ist ein alter Showhase. Heute moderiert sie die 193. Ausgabe der beliebten Fernsehsendung „Die lustige Dorfmusik“. Sie kommt zwar gerade vom Begräbnis ihres Gatten, doch das kann sie nicht davon abhalten, gute Laune zu versprühen. Mit Hubsis Urne unterm Arm betritt sie ihre Garderobe und beginnt sich zu schminken. Bei einer Absage hätte sie schließlich 10.000 Euro versenkt und das wäre dann wohl ein teurer Tod gewesen. Traudls Trauer um ihren Gatten hält sich ohnehin in Grenzen, war er doch ein Intellektueller, der die Volksmusik ständig belächelte und als „Pornografie des guten Geschmackes“ bezeichnete. Auch ihr Sohn Maximilian kommt mit ihrem Job nicht sehr gut zurecht. Schon als kleines Kind zwang ihn die Mutter zu einer Homestory, was zur Folge hatte, dass er sich nicht mehr in die Schule traute. Da war wohl ein Heim die beste Lösung.

Während auf der Bühne geschunkelt und gejodelt wird, klingelt in der Garderobe ständig das Telefon. Traudls Mutter, die ihren baldigen Tod schon seit 20 Jahren ankündigt, verlangt wieder einmal nach dem Notarzt, und die Polizei belästigt sie wegen eines Drogenabhängigen, der angeblich ein großer Volksmusikfan ist. Da ist es kein Wunder, dass sie bei all dem Stress plötzlich ohne blonde Perücke auf der Bühne erscheint.

Diana Paul überzeugt in ihrem ersten Solostück als taffe Moderatorin, die über Leichen geht. Sie treibt die tiefschwarzen Abgründe der Volksmusik mit viel Selbstironie auf die Spitze und kennt keinerlei Mitleid, weder mit ihrer ständig röchelnden Mutter, noch mit ihrem Sohn Maximilian, dem sie eine miserable Mutter ist.

Alex Linse hat die Komödie publikumswirksam und sehr unterhaltsam in Szene gesetzt. Die Zuschauer verfolgen die Moderatorin und ihre stressigen Pausen-Telefonate über den Spiegel der Künstlergarderobe. Auch bei der Sendung „Die lustige Dorfmusik“ ist man über einen Monitor stets dabei und darf die auftretenden Künstler bewundern. In diesen Einspielungen geben Anja Clementi und Alex Linse mit Texten wie „Ein Herz geht über Bach und Stein“ und „Da pocht ein einsames Mutterherz“ grandiose Beispiele deutschsprachigen Liedguts.

Diese eigens für Salzburg erstellte Fassung von Heinz-Dieter Herbigs bissiger Komödie „Herzilein“ unterhält eine Stunde lang mit tiefschwarzem Humor, slapstickartigen Einlagen und unvergesslichen Liedern, die eine heile Welt vorgaukeln.

 „Herzilein“ (Kein Volksstück) von Heinz-Dieter Herbig. Das OFF Theater. Regie und Bühne: Alex Linse. Assistenz: Anja Clementi. Technik und Film: Jonas Meyer-Wegener. Musik und Kompositionen: Daniel Schröckenfuchs. Bühnenbau: Florian Strohriegl und Jonas Meyer-Wegener. Mit: Diana Paul als Trudl Semminger. Fotos: OFF-Theater


„Die guten Tage“ – einer traumatisierten Generation

Der für den Österreichischen Buchpreis nominierte, 2019 im Zsolnay Verlag erschienene Roman wurde vom Autor Marko Dinić und Regisseurin Felicitas Biller in eine Bühnenfassung gebracht. Die für 2020 geplante Theateraufführung im Toihaus fiel Corona zum Opfer, doch nun steht die filmische Umsetzung via Video-on-Demand zur Verfügung.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die anonyme Hauptfigur erfährt in Wien vom Tode der heißgeliebten Großmutter. Als er vor zehn Jahren aus Belgrad flüchtete, gab sie ihm ihren Ehering mit und der soll nun mit ihr begraben werden. Nur widerwillig begibt er sich auf die Reise und besteigt den „Gastarbeiter-Express“. Auf der langen Fahrt holt ihn die Vergangenheit ein. Erinnerungen kommen in ihm hoch, an die Kindheit, die Schulzeit, seine Freunde, sein konservatives Elternhaus und vor allem an den Vater, für den er nur Verachtung empfindet.

Der Protagonist (Dominik Jellen) sitzt im Bus nach Belgrad, flankiert von zwei zufälligen Sitznachbarn, einem Elektriker mit einem Faible fürs Wort und einer Dame (Gudrun Plaichinger), die mit ihrer Geige und Rilke-Elegien den Rhythmus vorgibt. Max Pfnür verkörpert diesen redseligen Serben, der bereits die 26. Recherchereise unternimmt, arbeitet er doch an einer knallharten Aufarbeitung der Kriegsgräuel. Die Reise ist lang und so ist es kein Wunder, dass der Belgrad-Heimkehrer immer wieder einschläft und zu träumen beginnt. Dann sitzt er mit seinem Schulfreund vor dem 16. Belgrader Gymnasium, einem ehemaligen Frauengefängnis, in dem er zum Schweigen erzogen wurde, schimpft auf die Lehrer und träumt von der Flucht. Kurz vor der Grenze verabschieden sich seine Mitreisenden und verschwinden.

Im Anschluss an den Film gibt es als Bonusmaterial ein Gespräch zwischen Autor Marko Dinić und der Regisseurin moderiert von Josef Kirchner, dem Co-Leiter des Literaturfests Salzburg. Biller erzählt, wie der Text des vielschichtigen Romans zwei Mal fragmentiert werden musste, erst für die Bühnenfassung, dann nochmals für die Filmfassung. Es war eine Herausforderung, die vielen Themen und verschiedenen Zeitebenen in dem einstündigen Streifen unterzubringen. Der Autor erzählt von seiner Intention, universelle Konflikte, wie Krieg, Nationalismus, Patriarchat und Autorität, aufzuzeigen. Sein Roman soll Beitrag zu einer europäischen Erinnerungskultur sein. Felicitas Biller schwärmt von Rainer Maria Rilkes Elegien, die von Gudrun Plaichinger in ihrer Rolle als Großmutter mit positiver Kraft und Musikalität leitmotivisch den Film begleiten.

Gratulation an das Toihaus Salzburg, den Zsolnay Verlag und das gesamte Team für dieses hochinteressante, ambitionierte Projekt, das – sollte man ihn nicht schon gelesen haben – auf alle Fälle neugierig macht auf den Roman von Marko Dinić.

„Die guten Tage“ – Bühnenfassung: Felicitas Biller, Marko Dinić. Regie: Felicitas Biller Spiel: Dominik Jellen, Max Pfnür, Gudrun Plaichinger. Musik: Gudrun Plaichinger, Fabian Schober. Video: Fabian Schober. Bühne: Felicitas Biller. Kostüm: Dominik Jellen. Filmproduktion: Fabian Schober, Philipp Slaboch, David Weise (Feikind). Licht und Technik: Alexander Breitner, Robert Schmidjell. Fotos: Fabian Schober/ toihaus Salzburg


„Femininum Maskulinum“ – Eine musikalische Beziehungsreise

Femininum

Am 2. Juni 2021 konnten ARC en CIEL im Kleinen Theater endlich ihr neues Bühnenprogramm präsentieren. Bernadette Schartner (Gesang) und Johannes Glaser (Akkordeon und Klavier) durchleuchten kabarettistisch den Beziehungskosmos der Geschlechter, mal aus Sicht der Frau, mal aus Sicht des Mannes. Ein amüsanter, facettenreicher Liederabend, der Frauen und Männer wissend schmunzeln lässt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Im grauen Anzug mit Mückstein-Sneakers und kessem Hut stellt Bernadette Schartner mit einem Song von Cicero bedauernd fest: „Frauen regier’n die Welt.“ Da passen natürlich auch Grönemeyers „Männer“ bestens dazu:

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht
Wann ist ein Mann ein Mann?

Auf einer Tafel zeigt sie uns Fotos der angeblich schönsten, begehrtesten Männer (Tobias Moretti, George Clooney und Johnny Depp) und stellt mit einem Song von Max Raabe fest: „Die Männer sind schon die Liebe wert.“ Bei Johanna von Koczians „Das bisschen Haushalt…sagt mein Mann“ lächeln wohl alle Damen wissend.

Femininum

In der Umziehpause verschwindet Bernadette Schartner hinter einer Tapete und „ihr“ Johannes nimmt gemütlich auf einem Lehnstuhl Platz, um einfach nur zu sitzen. Loriots genialer Sketch über einen Mann, der seine Ruhe haben möchte, und seine nörgelnde Frau machte jüngst in hebräischer Übersetzung in Israel in sozialen Medien die Runde, denn er passt perfekt zu den Schwierigkeiten der Corona-Heimquarantäne. Im heißen, roten Kleid, also nun ganz Dame, erfahren wir nicht nur, dass er „Waldemar“ hieß, sondern auch, dass jede Frau ein süßes Geheimnis hat.

Die Pause verbringt man gerne im Urban-Keller-Garten und genießt den lauen Frühlingsabend. Zurück im Saal lernen wir endlich „Maskulinum Femininum“ in Form von Barbie und Ken kennen und dürfen ihnen bei einigen Veränderungen zusehen. Andre Hellers „Denn ich will“ passt da natürlich perfekt dazu.

„Und wenn ein Mann einen Mann liebt
Soll er ihn lieben, wenn er ihn liebt
Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt

Und wenn eine Frau, eine Frau liebt
Soll sie sie lieben, wenn sie sie liebt
Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt“

Ein weiterer Höhepunkt sind Charles Aznavours charmant verpackte Vorwürfe gegen eine Frau in „Du lässt dich gehen“ und einen Mann in „Mein Ideal“. Johannes Glaser ist Bernadette Schartner nicht nur ein souveräner Begleiter, sondern ein absolut gleichwertiger Partner, der jedoch der Dame mit einem Augenzwinkern stets galant den Vortritt lässt.

Insgesamt stehen 18 Chansons im Programmheft, dazu gibt es natürlich noch zwei vom Publikum lautstark geforderte Zugaben. Der Applaus war bei der Premiere so kräftig, dass man fast vergaß, dass im „ausverkauften“ Haus nur jeder zweite Stuhl besetzt war.

„Femininum Maskulinum“ – Eine musikalische Beziehungsreise. Gesang: Bernadette Schartner. Akkordeon, Klavier: Johannes Glaser. Regie: Caroline Richards. Lichttechnik: Marvin Gschnitzer. Fotos: Kleines Theater/ Christian Streili


„Der Hässliche“ – eine bitterböse Gesellschafts-Satire

der hässliche

Im Kleinen Theater steht derzeit Marius von Mayenburgs Schauspiel über das Phänomen der körperlichen Entfremdung infolge übertriebener Schönheitschirurgie auf dem Programm. Bálint Walter inszeniert die makabre Komödie mit Max Pfnür als unsäglich hässlichem Menschen, der sich zwar zu helfen weiß, doch mit den Folgen etwas überfordert ist.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Herr Lette ist ein begabter Ingenieur und Erfinder des 2CK-Starkstromsteckers. Diesen möchte er nun auf einem Kongress präsentieren. Sein Chef schickt jedoch lieber seinen Assistenten Karlmann, da Lettes Aussehen dem Verkauf nicht förderlich sei. „Ihr Gesicht geht einfach gar nicht!“ Lette ist fassungslos, denn dass er unsagbar hässlich sei, hat ihm noch niemand gesagt, auch seine wunderschöne Frau Fanny nicht. Doch diese bestätigt ihm, dass sie zwar seine inneren Werte zu schätzen wisse, ihn jedoch nie richtig angesehen habe, ein Blick ins linke Auge habe ihr stets genügt. Da kann wohl nur noch eine Schönheitsoperation helfen. Der Chirurg ist nicht begeistert, denn er müsste ja das ganze Gesicht neu aufbauen. In so einem krassen Fall von Hässlichkeit übernähme zwar die Kasse die Kosten, doch sei eine Verzichtserklärung notwendig, denn „von ihrem Gesicht, wie es jetzt ist, bleibt nichts mehr übrig“, warnt der Chirurg. Die Operation ist blutig, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. Patient und Chirurg sind hoch zufrieden. Lette wird von Frauen umschwärmt und die Firma macht dank seiner Schönheit hohe Gewinne. Der Chirurg beschließt, sein Erfolgskonzept zu vermarkten. Und so begegnet man bald schon Kopien von Lettes wunderschöner Visage in der ganzen Stadt. Ein Pech für Lette, dass diese Kopien viel billiger zu haben sind.

Max Pfnür sieht als Lette vor und nach der Operation völlig gleich aus, die Bilder müssen in den Köpfen der Zuseher entstehen. Es ist jedoch klar zu erkennen, dass bei der Operation auch Lettes Identität unters Messer kam. Daran, dass die Damen nun Schlange stehen, gewöhnt er sich nur allzu rasch. Hans-Jürgen Bertram gibt den aufbrausenden Chef und den Chirurgen, der sich als begnadeter Künstler und Architekt sieht. Sebastian Martin Rehm überzeugt als Assistent Karlmann, der eigentlich nur ein kleiner, aber sehr ehrgeiziger Schraubendreher ist, und als schwuler Sohn einer dominanten Mutter. Auch Cristina Maria Ablinger wechselt ihre Rolle oft und sehr abrupt. Mal ist sie Fanny und im nächsten Moment eine „komplett sanierte“ 73-jährige Direktorin eines großen Konzerns, die es auf den schönen Lette abgesehen hat.

Die karge, dunkle Bühne zieren vier weiße Büsten griechischer Schönheiten, wohl Studienobjekte für den Künstler bzw. Chirurgen (Bühne: Otto Beck).

Bálint Walter hat Marius von Mayenburgs groteske Komödie, die der Eitelkeit einen Spiegel vorhält, mit viel Tempo in Szene gesetzt. Der Umgang mit Schönheit und Individualität wird mit Witz und trockenen Pointen unter die Lupe genommen und gipfelt in den slapstickartigen Schönheitsoperationen, die man als Schattenspiel miterleben darf.

„Der Hässliche“ – Schauspiel von Marius von Mayenburg. Regie: Bálint Walter. Bühne: Otto Beck. Mit: Max Pfnür, Cristina Maria Ablinger, Hans-Jürgen Bertram & Sebastian Martin Rehm. Fotos: Christoph Strom

Nächste Spieltermine: 1. und 2. Juli und 24. August 2021 im Kleinen Theater in Schallmoos.


„Cabaret“ – Willkommen im Kit Kat Klub!

Cabaret

Herzlicher Beifall brandet auf, als Intendant Carl Philip von Maldeghem die Bühne betritt, um sich beim Publikum für das Kommen zu bedanken. Er berichtet von dem spontanen Beschluss, das Musical „Cabaret“ in den Spielplan aufzunehmen, da es für ihn das „Stück der Stunde“ sei. So feierte die amerikanische Musical-Legende Cabaret, deren Verfilmung mit Liza Minnelli 1973 mit acht Oscars ausgezeichnet wurde, am 21. Mai 2021 im Salzburger Landestheater Premiere und ließ wie beabsichtigt, „die Abgründe der Welt“ zumindest vorübergehend vergessen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der Conférencier stellt uns die bunte Truppe, die im Kit Kat Klub für erotische Unterhaltung jeglicher Art sorgt, einzeln vor. Neben den kessen Girls mit den unterschiedlichsten Vorlieben machen auch der wilde Texas und der zarte Bobby gute Figur. Der Star aber ist die englische Sängerin Sally Bowles, die allen Männern den Kopf verdreht. So auch dem jungen, talentierten, doch leider brotlosen amerikanischen Schriftsteller Bradshaw. Sie drängt sich mit Charme und Geschick in sein Leben und steht bald schon mit ihren Koffern vor seiner Tür in der Pension Schneider.

Die Pensionswirtin, Fräulein Schneider, wird von dem jüdischen Gemüsehändler, Herrn Schultz, umworben. Als sie endlich einwilligt, kommt es zu einer große Verlobungsfeier. Doch beiden Paaren ist kein Glück beschieden. Die Beziehung von Sally und Bradshaw scheitert an den nur schwer zu vereinbarenden Lebenskonzepten und der völlig unterschiedlichen Einschätzung der Lage in Deutschland. Nach der verpatzten Verlobungsfeier wird Fräulein Schneider schnell klar, dass ihre Liebe zurzeit keine Zukunft haben kann, auch wenn Herr Schultz ständig wiederholt: „Das geht vorbei.“

In Andreas Gergens Inszenierung liegt das drohende Unheil schon in der Luft, darüber können auch die vielen Discokugeln und das goldene Klavier auf der fast leeren Bühne nicht hinwegtäuschen. Für die intimen Szenen reichen ein paar Türen. Die Boys und Girls des Kit Kat Klub sitzen dabei stets als Beobachter im Hintergrund, mal in kessen Kostümen, dann wieder ganz bieder, in Staubmänteln.

Frech, verführerisch, zynisch und leicht dämonisch begrüßt Georg Clementi bei der Premiere als Conférencier das Publikum: „Willkommen, bienvenue, welcome!“ Tags darauf darf dann Marco Dott in diese Rolle schlüpfen, denn viele Rollen wurden doppelt besetzt. So werden sich auch Sophie Mefan, die als Temperamentbündel mit toller Stimme überzeugt, und Patrizia Unger als Sally Bowles abwechseln. Gregor Schulz ist ein ruhiger, besonnener Bradshaw, der die Ambitionen seiner Freundin absolut nicht verstehen kann. Entzückend Fräulein Schneider (Britta Bayer) und Herr Schultz (Axel Meinhardt), als in die Jahre gekommenes Liebespaar.

Aus den Mitgliedern des Mozarteumorchsters Salzburg hat sich „The Orchestra“ formiert. Gabriel Venzago dirigiert die reduzierte Orchesterfassung von Chris Walker mit Schwung und Elan.

„Cabaret“ beschreibt mit den Gesangstexten von Fred Ebb und der Musik von John Kander das flirrende Lebensgefühl im Berlin der späten 20er Jahre, wobei sich politisch schwere Zeiten bereits ankündigen. Die revueartigen Songs und die tollen Tanzeinlagen sind Garant für einen, von vielen schon sehnsüchtig herbeigesehnten, beschwingten Theaterabend.

„Cabaret“ – Musik von John Kander. Gesangstexte von Fred Ebb. Buch von Joe Masteroff nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood. Inszenierung und Raum: Andreas Gergen. Musikalische Leitung: Gabriel Venzago / Wolfgang Götz. Choreographie: Josef Vesely, Kate Watson. Kostüme: Stephanie Bäuerle. Mit: Georg Clementi / Marco Dott, Gregor Schulz / Skye MacDonald, Matthias Hermann / Maximilian Paier, Britta Bayer, Axel Meinhardt / Christoph Wieschke, Julia-Elena Heinrich, Sophie Mefan / Patrizia Unger, Martin Trippensee, Alessandro Visentin. Kit Kat Klub Girls: Tina Eberhardt,Andrea Graf, Melanie Haberlander, Julia-Elena Heinrich, Kate Watson, Aaron Röll, Josef Vesely. Video: SLT / Fotos: SLT – Anna-Maria Löffelberger

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