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Justitia

PRAY FOR VIENNA

Betest du für Wien, fragen meine Gedanken,
Nein, warum sollte ich.
Das Attentat ist erfolgt.
Fertig. Menschen sind tot. Der Täter darunter.

Beten kann ich für die Verletzten.
Dass sie es überstehen.

Aber magst du nicht für Wien beten, fragen meine Gedanken.
Verdammt, nein.
Warum sollte ich.
Da gäbe es viel zu beten.

Für eine unzählige Anzahl von Ländern, Regionen, Städten, Orten auf dieser Welt.
Dazu fehlt mir die Zeit.

Und Gott hat sich in dieser Hinsicht als liberal erwiesen: Er überlässt es den Menschen.

Rochus Gratzfeld

Von Rochus Gratzfeld, Sarród und Salzburg


Zentralfriedhof

Der Wiener Zentralfriedhof

Vor ca.40 Jahren bin ich der Liebe wegen aus dem Weinviertel nach Wien gezogen, seit 5 Jahren verwitwet, seit 3 Jahren in Pension und meistens mehrmals im Jahr auf Achse.

Von Maria Beranek

Doch seit dem Lockdown im März 2020 bin ich stark in meiner Reisetätigkeit eingebremst. Um zu meiner täglichen Bewegung zu kommen, erkundete ich vorerst nur meine nähere Umgebung (10. Bezirk ) und machte Fotos vom beginnenden Frühling.

Das kam bei meinen Whatsappfreunden sehr gut an, die Fangemeinde wuchs. Nach der Lockerung zog ich weitere Kreise und stellte meine Spaziergänge jeweils unter ein bestimmtes Thema (Jugendstil, Durchgänge, Süßes und Kulinarisches, Stiegen, Basteien,…)

Mittlerweile habe ich von meinen Spaziergängen und Ausflügen 6 Fotobücher mit außergewöhnlichen Bildern zusammengestellt, die es so nicht mehr geben wird (Stephansplatz und Innenstadt menschenleer, Schönbrunn ohne Touristen).

Der Zeit entsprechend habe ich einen kleinen Rundgang durch den Wiener Zentralfriedhof> gemacht:  Tor 1 – Russisch-orthodoxe Kirche zum heiligen Lazarus – alter jüdischen Friedhof – einige Ehrengräber – Waldfriedhof, Lueger Kirche (oder Karl Borromäus Kirche) im Jugendstil erbaut, Verkaufsstandln und am Schluss darf ein Kaffeehausbesuch auch nicht fehlen.


Fiaker in Wien

Die Wiener Fiaker

Die Wiener Fiaker sind ins Gerede gekommen. Die beschlagenen Hufe zerstören die Straßen und auch der an sich noble Geruch der rössernen Exkremente gehört nicht zu den aktuell beliebten Duftnoten. Und dann ist da auch noch die Sache mit dem Tierschutz: Wie kann man sich von einem Pferd durch die Stadt ziehen lassen?

Der Weisheit letzter Schluss, die Pferde müssen aus der Stadt. 300 Jahre waren sie drinnen, das sollte doch genug sein, hört man aus Politkerkreisen der Innenstadt.

Weil aber Traditionen nur langsam abgeschafft werden können, sollen die Kutschen in der Übergangszeit als Rikschas  geführt werden. Damit hätte man schon die wichtigsten Probleme gelöst: Genagelte Schuhe sind extrem selten geworden und können ganz einfach durch Gummisohlen ersetzt werden, auch die Pooh-Bags für die Rossäpfel braucht man dann nicht mehr. Die meisten Zweibeiner haben in der Regel ihre Ausscheidungen im Griff.

Auch volkswirtschaftlich hätte diese Umstellung Vorteile. Die Parteien bräuchten für die ausgedienten Führungskräfte keine Versorgungsposten mehr. Nach der mehr oder weniger langen parlamentarischen Kopfarbeit wäre die Bewegung an der frischen Wiener Luft sicherlich ihrer Gesundheit zuträglich, heißt es aus gewöhnlich gut informierten Kreisen. Die Umweltministerin lässt wahrscheinlich die Schadstoffemissionen schon prüfen und der Verkehrsminister dürfte über die maximal zulässige Höchstgeschwindigkeit nachdenken. Die Teststrecke könnte am Ring eingerichtet werden.


Wien isst anders

Wien isst anders

In der Stadt der Heurigen und Würstlstände bricht ein neues Zeitalter an: Das Essen von mitgebrachten Speisen in der U-Bahn wird verboten. Die Wiener wissen schon ganz genau, warum an den Stadteinfahrten große Tafeln mit der Aufschrift “Wien ist anders” montiert sind.

Vorbei ist es mit dem genussvollen Verzehr einer Pferdeleberkäse-Semmel oder eines Wiener Lángos. Oder eines Bosnawürstels oder sogar eines Kebaps. Oder eines Apfels.

Spannend ist auch, ob der Konsum von Getränken zum Thema wird, wer verdurstet schon gern zwischen Praterstern und Traisengasse. Leicht illuminierte Fahrgäste mit den unterschiedlichsten Fahnen sind auch fallweise einmal anzutreffen. Der D-Wagen nach Nussdorf lässt grüßen.

Da kommen ja auf die Schwarzkappler, oder wer immer die Jausensackerl kontrollieren darf, spannende Zeiten daher. Vielleicht gibt es sogar für BIO-Produke einmal Ausnahmen, in Wien ist alles möglich.


Wiener Schnitzel

Wiener Schnitzel EU-Norm

Darf man den neuesten Gerüchten aus der EU Glauben schenken, sind die klassischen, dunkelgoldgelben Schnitzel ein Auslaufmodell. Sie dürfen in Zukunft aus gesundheitlichen Gründen nur mehr lichtgelb, so die neue Farbbezeichnung, serviert werden.

Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen wird berichtet, dass es für “Bochanes” (Lieblingsspeisen vom Herrn Karl | Helmut Qualtinger) in Zukunft Farbkarten geben soll, mit denen die Köche den maximal zulässigen Bräunungsgrad feststellen können. Angeblich wurde schon eine EU-Farbkarten-Beschaffungskommission eingerichtet.

Es heißt also frei nach Geier Sturzflug: Geniessen Sie das Schnitzel, solange es noch geht“! Individuelle Bräunungsgrade der Schnitzelpanier sind in der EU unerwünscht. Josef Hader hätte künftig, wie im tragischkomischen österreichischen Roadmovie Indien dargestellt, keinen Job mehr als beamteter, niederösterreichischer Schnitzeltestesser.

An der dazu passenden Pommes-Frittes Verordnung wird noch gearbeitet.


Die Provinzler auf Besuch in Wien

Wien. Ich kann nur sagen, ich war begeistert. Nach etlichen Jahren wieder einmal in unserer Hauptstadt, diesem Konglomerat aus Völkern, Nationen, Urviechern und – vor allem – dem goldenen Wienerherz.

Von Wolfgang Ecker

Man möge mir meinen Überschwang verzeihen, aber in aller Bescheidenheit darf ich doch sagen: Wien spielt schon in einer eigenen Liga. Millionen und Abermillionen an Touristen zusammengedrängt in einer einzigen Stadt, können nicht irren.

Florenz, Berlin, London, ich liebe sie alle. Aber irgendwas fehlt. Dieses fingerschnippende Grübeln: `zefix, was ist es nur, was Wien anders macht?

Die Sprache ist es.

Da Fiaker in da Ansapanier. „Ansa“ unschwer als „Einser“ zu erkennen und „Panier“ als die Panier des Wiener Schnitzels, das eigentlich aus Mailand kommt, die Panier als das Umhüllende und hier im übertragenen Sinn für Kleidung verwendet, die Einserkleidung, die Ausgehkleidung, jene Kleidung, die nur für besondere Anlässe angelegt (angezogen) wird. Wenn man halt am Kutschbock sitzt und Touristen herumfährt und denen mit der Geduld eines Droschkengauls wieder und wieder die Sehenswürdigkeiten erklärt. Ach ja, dass ich’s nicht vergessen möcht’: Goliath und Achill. Die zwei Ross. Ross ohne Plural. Ross hat keinen Plural. Zuminderst nicht im Wienerischen. Und schon gar nicht bei Fiakerpferden.

Sie wissen ja: Kutscher kann a jeder werden, aber fahren – ha! – fahren können’s nur in Wien. Und a Ansapanier haben sie auch nur in Wien. Und wenn mein Besuch aus Deutschland oben sitzt am Wagen, die Kamera läuft heiß weil sie so viel arbeiten muss, sie ganz ergriffen sitzt mit Tränen in den Augen, dann, ja dann, dann kann das nur in Wien sein.

Und bei mir als Linzer kommt noch was dazu: ich verstehe die Sprache (im Gegensatz etwa zu Salzburgern). Für mich ist es ein Heimkommen, nach Hause kommen, zurück zu den Wurzeln.

“A Eitrige, an Bugl und a 16er Blech!”

“Wie meinen?”

Eitrige, die Käsekrainer, die österreichische Antwort auf den Burger, ist eine gesottene Wurst, die auch Käse enthält. Durch das Sieden tritt der Käse aus der Wurst aus und es sieht tatsächlich so aus, als würde Eiter herausrinnen. Ich mein, ich habe noch nie Eiter konsumiert, ich weiß nicht wie der schmeckt, die Käsekrainer hingegen schmeckt. Aber garantiert!

Der Bugl, der Scherz des Brotes, ist das Brotende, dessen rundliche Form an einen Buckel, Rücken, erinnert.

Na und das 16er Blech ist einfach. Blech, Blechdose, gefüllt mit Ottakringer Bier aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk. Ein 16er Blech eben.

So viel gäbe es noch zu erzählen über die Wienersprach’, dieser Singsang, der mir so vertraut ist, den ich so liebe, weil er mir Heimat ist. “Mordsgaudi” etwa von tschechisch “moc”, groß, viel, und “Gaudi” aus dem Lateinischen “Spaß, Vergnügen”. Vom Prater wäre zu erzählen (Prato, italienisch “Wiese”), von “Haberern” aus dem Hebräischen für “Freunde”. Von „fechten“, betteln, aus dem Rotwelschen, der Sprache der Vaganten, von Kieberern wäre zu erzählen, von der Polente, von der He!, von den „Mistelbachern und den Pflasterhirschen (alles Bezeichnungen für Polizisten). Die Sprache ist voll von Wörtern all jener Völker, die zu uns gekommen sind und sie alle haben Fußabdrücke hinterlassen.

Joschi Holaubek fällt mir noch ein, der legendäre Wiener Polizeipräsident, der bei einem Einsatz gegen einen Bankräuber inmitten des Großaufgebots an Polizei schnurstracks zum Haus gegangen ist in dem sich der Räuber verschanzt hatte, dort anklopft und den mit den Worten: „ Kumm aussa, i bin’s, dei Präsident“ zur Aufgabe überredet hat. Na, den Räuber möcht’ ich sehen, der bei den Worten: „Kommen Sie heraus, ich bin es, Ihr Präsident“ freiwillig herausgekommen wäre. Der schießt höchstens durch die zugemachte Tür.

In gewissen Kreisen war früher ein „Taschl ziehen“ (Handtaschenraub) eine durchaus legitime Art des Broterwerbs. Und da sind einmal zwei Strizzis beim Heurigen gesessen, haben den Grünen Veltliner im Doppler genossen und – schließlich haben auch Strizzis kein Herz aus Stein – und sind also ein bisserl melancholisch geworden. Sagt einer mit Tränen in den Augen: “Weißt, immer wenn i einer alten Frau des Taschl ziag, muass i an mei Mutterl denken“.

Wenn ein – und jetzt komme ich wirklich zum Schluss, denn sonst wird es eine Dissertation – wenn also ein österreichisches Boulevardblatt mit dem Bild eines Habsburgers aufmacht und schreibt: “Der Karl von Österreich” dann vermutet der geneigte Leser darin gar nichts. Karl von Österreich mit einem Bild von ihm einfach nur, der Wissende hingegen hält kurz den Atem an, schnappt nach Luft, bevor er sich vor Lachen auf die Schenkel klopft. Der Wissende weiß nämlich um die vielfältige Bedeutung des Wortes “Karl”. Er weiß, dass das “Spaß” bedeuten kann, “Vergnügen, angenehm, Freude, lustig”, etc. Er weiß aber auch um die Bösartigkeit, die in dem Wort steckt: Trottel bedeutet es, Wappler, Koffer, Nudlaug, Hirnschissler. Es kommt auf die Verwendung an. Hätte die Schlagzeile “Karl von Österreich” gelautet, so wäre sie neutral gewesen, der Artikel hingegen dreht die Bedeutung völlig um.

Drei Tage waren wir in Wien und haben einen richtigen Karl gehabt. Und “Karl” garantiert ohne Artikel.