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Talismann

„Das Vorurteil is eine Mauer, von der
sich noch alle Köpf’, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige
Köpf’ zurückgezogen haben.“ In Johann Nestroys
hochmusikalischer Posse geht es um Außenseiter und Geldgier. Die
Premiere fand am 18. Mai 2019 auf einer im großen Saal des
Schauspielhauses Salzburg errichteten, entzückenden Pawlatschenbühne
statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die rotkopferte Gänsehirtin Salome
beklagt ihr Schicksal, will sie doch keiner auf den Kirtag ausführen.
Der Vagabund Titus Feuerfuchs teilt ihr Schicksal, auch er ist wegen
seiner roten Haare beruflich und privat nicht vom Glück verfolgt.
Als er den Friseur Marquis vor einem Unfall bewahrt, schenkt ihm
dieser als Talisman eine schwarzgelockte Perücke. Selbstbewusst
macht sich Feuerfuchs damit auf den Weg zum Schloss der Frau von
Cypressenburg. Hier macht er rasant Karriere, denn drei Witwen, die
Gärtnerin Flora, die Kammerzofe Constanta und die Schlossherrin
selbst, finden Gefallen an dem feschen jungen Mann. Nicht nur seine
falschen Haare, sondern auch die Fähigkeit, seine Sprache der
jeweiligen Situation anzupassen, helfen ihm auf dem Weg nach oben.
Als ihm der Friseur aus Eifersucht die Perücke entwendet, muss Titus
mit einer blonden Perücke vorliebnehmen, was zu heftigen Turbulenzen
unter den Damen führt. Als er schließlich seine wahre, rote
Haarpracht zeigt, sind Entsetzen und Abscheu groß. Der Betrüger
fliegt hochkant aus dem Schloss. „Das Glück ist eben ein Vogerl.“

Auf dem Mühlrad aus dem Jugendstück
Krabat steht eine kleine Bühne mit Vorhang, hinter dem sich das
Interieur des vornehmen Schlosses verbirgt, der aber auch für
amüsante Schattenspiele genutzt wird (Ausstattung: Ragna Heiny).
Bina Blumencron treibt als Salome Pockerl ihre Gänse vor sich her
und beklagt dabei ihr Los: „Ja, die Männer hab’n ‘s gut, hab’n ‘s
gut…“ Doch all ihr Liebreiz ist bei Titus Feuerfuchs (Theo Helm)
verschwendet. Er strebt nach Höherem. Der etwas windige
Überlebenskünstler geht auf dem Weg nach oben ziemlich skrupellos
vor. Er lässt die Gärtnerin (Ute Hamm) für die Kammerzofe
(Kristina Kahlert) stehen und nistet sich bei ihr ein, bis die noble
Frau von Cypressenburg (Susanne Wende) Interesse zeigt. Die Damen
werden sich wohl um Ersatz umsehen müssen. Der Gärtnergehilfe
Plutzerkern (Simon Jaritz) und der Friseur (Olaf Salzer) stehen schon
in den Startlöchern. Als reicher Erbonkel hat Marcus Marotte seinen
großen Auftritt.

Ein Nestroy-Abend, der auch musikalisch
einiges zu bieten hat, denn Gernot Haslauer hat für eine dezent
modernisierte Instrumentalisierung gesorgt und Bina Blumencron und
Theo Helm sind ganz phantastische Musiker, ihre Couplets ein echter
Genuss. Robert Pienz gelingt zum Saisonschluss mit einem großartigen
Ensemble eine richtig „gspaßige“ Posse, für die sich das
Premierenpublikum mit überaus herzlichem Applaus bedankte.

„Nestroys Dichtung ist das schönste Monument, das je dem Mutterwitz eines Volkes errichtet wurde.“

Alfred Polgar

„Der Talisman“ von Johann Nestroy. Regie: Robert Pienz. Ausstattung: Ragna Heiny. Musik: Gernot Hauslauer. Mit: Theo Helm, Susanne Wende, Kristina Kahlert, Ute Hamm, Simon Jaritz, Olaf Salzer, Marcus Marotte und Bina Blumencron. Foto: Jan Friese


Kapital

Der amerikanische Erfolgsautor mit pakistanischen Wurzeln Ayad Akhtar verpackt geschickt aktuelle Themen in einen Psychothriller. Das Stück zeigt, wie ein gekidnappter Börsenmakler um sein Leben kämpft. Die Premiere des Vier-Männer-Stücks fand am 10. Mai 2019 im Schauspielhaus Salzburg statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der amerikanische Banker Nick Bright
wird von einer islamistischen Splittergruppe in Pakistan
festgehalten. Niemand ist jedoch bereit, die geforderten zehn
Millionen Dollar Lösegeld zu zahlen, mit denen der Anführer Imam
Saleem die Straßen seines Landes sanieren will. Um sein Leben zu
retten, macht Nick seinen Entführern einen aberwitzigen Vorschlag.
Er will mit seinem eigenen, auf den Cayman Islands geparkten Vermögen
in Höhe von drei Millionen Dollar die geforderte Summe im Lauf eines
Jahres auf den globalen Finanzmärkten verdienen. Da er selbst keinen
Computer anrühren darf, spekuliert sein Bewacher Bashir auf seine
Anweisungen hin an der Börse. Der idealistische und ebenso
rücksichtslose Glaubensführer Imam kann den Verlockungen des Geldes
nicht widerstehen und bedient sich am ständig wachsenden
Handelskonto. Auch Bashir, der kapitalismuskritische Schüler,
überflügelt nach und nach seinen Meister und wird zum
Wirtschafts-Terroristen.

Nick Bright (Bülent Özdil) sitzt
gelangweilt und genervt in seiner kleinen Zelle und versucht, mit dem
etwas naiven Wächter Dar (Thomas L. Hofer) ins Gespräch zu kommen,
um ihn für sich zu gewinnen. Der unberechenbare und aggressive
Bashir (Christopher Schulzer) ist da nicht so leicht zu verführen.
Das Verhältnis zwischen Geisel und Bewacher steht unter Strom,
wechselt ständig und sorgt für extrem spannende Momente.
Schließlich gesteht Bashir, dass er unter dem Stockholm-Syndrom
leide, nur im umgekehrten Sinn. Er empfinde fast Bewunderung für
seine Geisel, die ihm die Tricks und Taktiken eines Börsenspekulanten
verrät. Imam Saleem (Antony Connor), ein falscher Heiliger, der der
Macht des Geldes erliegt, liebt psychologische Spielchen bis hin zur
Scheinerschießung.

Ayad Akhtar zeigt Pakistan als zutiefst
zerrissenes Land. Einst strategischer Partner für die USA beherbergt
es heute antiamerikanische islamistische Terror-Organisationen. Kein
Wunder, dass hier Osama bin Laden Unterschlupf finden konnte.

Florian Hackspiel hat das Stück als
spannenden Thriller inszeniert. Auch wenn Nick Bright darauf baut,
dass man einen Goldesel nicht töten werde, kann er sich nie ganz
sicher sein.

„Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar. Regie: Florian Hackspiel. Bühne: Annett Lausberg. Musik: Philipp Tröstl. Mit: Bülent Özdil, Christopher Schulzer, Antony Connor, Thomas L. Hofer. Fotos: Jan Friese


Krabat

Im Schauspielhaus Salzburg inszeniert
Daniela Meschtscherjakov Otfried Preußlers 1971 erschienenen,
preisgekrönten Jugendbuchklassiker, der auf eine sorbische Sage
zurückgeht. Ein starkes, intensives Stück, das vor den Verlockungen
der Macht warnt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Ein krächzender Rabe lockt den
14-jährigen Betteljungen Krabat zur Mühle am Koselbruch, wo ihn der
Meister als Lehrling aufnimmt. Die Arbeit ist hart und er wundert
sich, dass die anderen Mühlknappen nicht schwitzen und nicht müde
werden. Er freundet sich mit dem Altgesellen Tonda an und verbringt
viel Zeit mit dem angeblich dummen Juro, der kocht, wäscht und die
Schweine versorgt. Nach einiger Zeit findet Krabat heraus, dass er
sich in einer Schwarzen Schule befindet. Als auch er in der Kunst der
Zauberei unterrichtet wird, lernt er ehrgeizig und wissbegierig, denn
er ist fasziniert von der Macht, die er dadurch erlangt. Noch ahnt er
nicht, dass der Meister kein guter Zauberer ist. In der
Silvesternacht kommt Tonda auf mysteriöse Weise ums Leben und bald
schon nimmt ein neuer Lehrjunge dessen Platz ein. Als ein Jahr später
ein weiterer Geselle stirbt, wird ihm klar, dass der Meister sich dem
Bösen verschrieben hat und jedes Jahr einen seiner Schüler opfern
muss. Rabat will den Fluch nicht länger hinnehmen und beschließt,
gegen den Meister zu kämpfen, dessen Macht zu brechen und sich
selbst zu befreien.

In der Bühnenfassung von Nina Achminow
werden die elf Mühlknappen der Romanvorlage auf sechs reduziert und
so haben alle in den kleinen Kojen hoch über dem Mühlrad Platz
(Ausstattung: Ragna Heiny). Jakob Kücher nimmt es in der Titelrolle
mit dem großen Meister (dämonisch Wolfgang Kandler) auf. Mit Hilfe
von Juro (Tim Erkert) gelingt es ihm, sich dem Einfluss des Meisters
zu entziehen und auch die anderen Gesellen (Studierende der
hauseigenen Schauspielschule) zu befreien. Sophia Fischbacher liefert
sich in der Rolle des guten Zauberers Pumphutt einen spektakulären
Kampf mit dem Meister. Bianca Farthofer schreitet als Kantorka
engelsgleich über die Bühne. Kein Wunder, dass Krabat die Kraft der
Liebe verspürt, die schließlich die Macht der Teufelsmühle zu
besiegen vermag.

Otfried Preußler schrieb – mit
mehreren Unterbrechungen – zehn Jahre an Krabat. Das Motiv des
Lehrlings, der sich gegen seinen Meister behaupten muss, findet sich
in vielen Sagen, ebenso wie das Motiv der Erlösung durch Liebe.
Preußler sagte über sein Buch: „Krabat ist meine Geschichte, die
Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der
Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin
verstricken.“

Daniela Meschtscherjakovs atmosphärisch
dichte Inszenierung zog bei der Premiere am 5. Mai 2019 das
größtenteils erwachsene Publikum in ihren Bann. Wie zu beobachten
war, ist das doch etwas düstere Stück für Kinder unter 12 Jahren
eher nicht zu empfehlen.

„Krabat“ von Otfried Preußler. Für die Bühne bearbeitet von Nina Achminow. Regie: Daniela Meschtscherjakov. Ausstattung: Ragna Heiny. Musik: Christian Meschtscherjakov. Mit: Jakob Kücher, Wolfgang Kandler, Bianca Farthofer, Raphael Steiner, Tim Erkert, Lukas Koller, Lena Steinhuber, Marko Vlatkovic, Corinna Bauer, Sophia Fischbacher. Fotos: Jan Friese


jedermann

Hugo von Hofmannsthals Drama „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ hat der junge steirische Dramatiker Ferdinand Schmalz klug und sprachmächtig umgeschrieben. Das am Burgtheater im Februar 2018 uraufgeführte Auftragswerk ist jetzt im Schauspielhaus Salzburg zu sehen und wurde bei der Premiere am 30. März 2019 stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Das Publikum sitzt rund um einen grünen Rasen-Catwalk (Bühne: Vincent Mesnaritsch) und bildet so den streng bewachten Sicherheitszaun des feudalen Anwesens eines reichen Geschäftsmannes. Hier feiert die feine Gesellschaft ausgelassene Feste, hier ist Kultur, während draußen die Wildheit herrscht. Doch in dieses „Gärtlein mit Zaun“ dringt ein „gartenfremder Schädling“ ein und wagt es, um Almosen zu bitten. Geld gibt es keines, doch zeigt sich Jedermann großzügig und lädt den armen Nachbarn ein, einen Tag lang mit ihm den Wohlstand zu genießen.

Die Finanzwelt ist hart, unmoralisch und steckt in der Krise. Nur Jedermanns Mutter zeigt Mitleid und kühlt ihrem getriebenen, gestressten und schwer überforderten Sohn die Stirn. Seine Frau hingegen hat die „verwilderte Ehe“ satt und lädt die verführerische, todbringende Buhlschaft ein, sich um ihren Mann zu kümmern. Diese umgarnt Jedermann spinnengleich und lässt ihm nur eine Stunde Zeit, um einen Weggefährten für seine letzte Reise zu finden. Bevor sie ihm den Höllenschlund öffnet, fordert sie ihn zum letzten Tanz auf. „Wenn man an gar nichts glaubt, außer an sich selbst, dann tut der Tod halt fürchterlich weh.“

v.l.n.r.: Antony Connor, Simon Jaritz, Kristina Kahlert, Marcus Marotte, Ute Hamm, Susanne Wende (teuflisch (gute) gesellschaft

In der Titelrolle überzeugt Theo Helm als eiskalter, herzloser, zum Ende hin von Tinnitus gequälter Investmentbanker. Susanne Wende hält sich als seine Ehefrau diskret im Hintergrund und verfolgt angewidert die unsauberen Geschäfte ihres Mannes. Sie lädt die Buhlschaft (großartig und gelenkig Kristina Kahlert) zum Gartenfest, damit diese mit dem Kuss der Spinnenfrau dem sündigen Treiben ihres Mannes ein Ende setzt. Ute Hamm umsorgt zwar als treusorgende Mutter ihren erschöpften Sohn liebevoll, doch um sein Seelenheil macht sie sich weniger Sorgen als um seine Gesundheit.

Für heitere Momente sorgen die windigen Vettern, Antony Connor als dicker und Simon Jaritz als dünner. Bülent Özdil beklagt als blumenumkränzte, schwer enttäuschte Göttin die Menschheit, die „in Sünd ersoffen ist“, bevor er als armer Nachbar in den schwer bewachten Garten eindringt. Marcus Marotte hat als Charity-Lady (Gute Werke) einen großen Auftritt und darf sich als Mammon über seinen Herrn lustig machen. Das gesamte Ensemble bildet die teuflisch gute Gesellschaft, die sich immer wieder im Chor ans Publikum wendet, denn „der Rhythmus der Vergangenheit ist für alle lebenden Toten ein Totentanz“. Elke Gattingers elegante Kostüme lassen den Niedergang ahnen, denn Sumpf und Moder haben die Kleidung schon erreicht und hässliche Flecken hinterlassen.

v.l.n.r.: Kristina Kahlert, Antony Connor (teuflich (gute) gesellschaft, Theo Helm (jedermann), Marcus Marotte (teuflisch (gute) gesellschaft), Bülent Özdil (armer nachbar gott), Susanne Wende (jedermanns frau), Simom Jaritz (teuflisch (gute) gesellschaft)

Indem der Autor die Rolle des Glaubens streicht,
gelingt es ihm, dem mittelalterlichen Mysterienspiel den liturgischen Charakter
zu nehmen. Die melodische und rhythmische Sprache von Ferdinand Schmalz
harmoniert wunderbar mit den Bruchstücken des Originals von Hugo von
Hofmannsthal und ergibt eine Mischung, die überraschend leicht zu konsumieren
ist. Rudolf Freys kluge, packende und leicht ironische Inszenierung bietet ein
ganz spezielles Jedermann-Erlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

„jedermann
(stirbt)“ von Ferdinand Schmalz. Regie: Rudolf Frey. Bühne: Vincent
Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Mit: Theo Helm, Susanne Wende, Kristina
Kahlert, Ute Hamm, Antony Connor, Simon Jaritz, Bülent Özdil, Marcus Marotte. Fotos:
Jan Friese/ Schauspielhaus


hauptstadt

Das Schauspielhaus Salzburg bringt Robert Menasses preisgekrönten Roman, ein satirisches Kaleidoskop der Europäischen Union, in der Inszenierung von Maya Fanke  auf die Bühne. Das „personalintensive Wimmelbild“, ein ironisch überspitztes Plädoyer für den europäischen Gedanken feierte am 7. Februar 2019 Premiere.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die ehrgeizige Fenia Xenopoulou (Christiane Warnecke als „gepanzerte“ Karrierefrau) hat Wirtschaft studiert, doch nun ist sie bei der Generaldirektion „Kultur und Bildung“ gelandet, wo man nur wenig Anerkennung erhält.

Als
sie einen Festakt zum 50. Geburtstag der Europäischen Kommission ausrichten
soll, will sie mit einem „Big Jubilee Project“ das Bild der Kommission in der
Öffentlichkeit aufpolieren, den Vertrauensverlust stoppen und vor allem auf
sich selbst aufmerksam machen.

Sie
beauftragt ihren melancholischen Referenten Martin Susmann (Theo Helm), eine
Idee zu entwickeln. Dieser besucht zwecks Recherche Auschwitz, bekommt dank
eines Badges ein Aufenthaltsrecht und kehrt trotz warmer deutscher Unterwäsche schließlich
schwer erkältet zurück.

Schwierigkeiten
bereitet ihm auch sein Bruder (Simon Jaritz), ein österreichischer
Schweineproduzent und Präsident der „European Pig Producers“, der weitere Förderungen
verlangt, doch stattdessen eine lukrative Stilllegungsprämie erhält.

Der
renommierte österreichische Professor Alois Erhart, Emeritus der
Volkswirtschaft (Marcus Marotte), soll bei einem Thinktank mitarbeiten, der die
Union aus der Krise führen soll. Er hat zwar jede Menge Visionen, doch wird ihm
kein Gehör geschenkt.

Gegen das Mantra „Wachstum“ der übrigen Teilnehmer kann er sich vorerst nicht durchsetzen. Bülent Özdil, Olaf Salzer und Antony Connor ergänzen das Ensemble. Julia Gschnitzer schenkt ihre Stimme dem in einem Altenheim dahin dämmernden David de Vried, der dank eines Sprungs von einem Deportationszug den Holocaust überlebt hat.

Warum darf Kommissar Émile Brunfault (Harald Fröhlich) in einem Mordfall nicht weiter ermitteln? Wer kennt das Schwein, das plötzlich in Brüssel herum marschiert? Wieso existiert keine Liste noch lebender Shoah-Opfer? Fragen über Fragen, die nicht leicht zu beantworten sind.

Robert
Menasse hat vier Jahre in Brüssel gelebt, die Menschen und Beamten der
EU-Administration studiert und einen spannenden, sehr ironischen, europäischen
Roman geschrieben, für den er 2017 den Deutschen Buchpreis erhielt.

Der Roman wurde rasch für die Bühne
bearbeitet und jetzt von Maya Fanke im Schauspielhaus Salzburg mit einem großen
Ensemble in Szene gesetzt. Sie schafft es, die vielen unterschiedlichen
Handlungsstränge zu verbinden und die Figuren in kleinen Episoden lebendig
werden zu lassen. Hilfreich erweisen sich dabei die Erklärungen des Schweins,
hinter dessen Maske sich Ulrike Arp verbirgt.

Ein Abend, der den Zustand Europas
satirisch und humorvoll beleuchtet und auch politisch weniger interessiertes
Publikum zu unterhalten versteht.

„Die Hauptstadt“ von Robert Menasse. Regie: Maya Fanke, Ausstattung und Video: Martin Hickmann. Musik: Philip Huemer. Mit: Theo Helm, Christiane Warnecke, Marcus Marotte, Harald Fröhlich, Antony Connor, Bülent Özdil, Simon Jaritz, Olaf Salzer, Ulrike Arp, Julia Gschnitzer. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus


DIE STRASSE DER AMEISEN

Als einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsdramatiker überrascht Roland Schimmelpfennig stets mit komplexen Erzählungen, die voller Überraschung stecken. Für ein Theater, das am Puls der Zeit sein will, sei es eine Pflicht, ein Roland- Schimmelpfennig-Stück zu spielen, meint der Intendant des Schauspielhauses Salzburg Robert Pienz. So durfte sich am 23. Jänner 2019 das Premierenpublikum von der magischen Welt des Autors verzaubern lassen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Großmutter, Mutter und Tochter mit Freund sitzen in einer heißen karibischen Nacht nebeneinander auf einem alten Sofa und genießen die neueste Folge einer Telenovela. Der Ärger ist groß, als die Nachbarin ihre Waschmaschine einschaltet und plötzlich der Strom weg ist. Jetzt springen sie auf, reden plötzlich alle wild durcheinander und erzählen dem Publikum von ihren ganz speziellen Befindlichkeiten und Wünschen. Der Freund der Tochter wird belächelt, behauptet er doch, eine einzelne weiße Schneeflocke sei vom Himmel gefallen. Vielleicht ist er ja doch etwas zu romantisch. Da ist das Paket, auf das der Großvater 42 Jahre gewartet hat, schon wesentlich interessanter. Der Inhalt ist jedoch eine einzige Enttäuschung: ein Löffel, ein Kugelschreiber, ein zehn Jahre alter Kalender, ein leeres Senfglas und eine blonde Perücke. Als sie aber entdecken, dass diese banalen Dinge wahre Wunder vollbringen können, sind sie sich einig: „Das sagen wir keinem!“ Das Spiel mit den Wunderdingen wird jedoch allmählich zur Sucht, zur fast unerträglichen Last. So leicht lässt sich Magie aber nicht abstellen, da muss schon ein Unglück geschehen, um die Familie wieder vor dem Fernsehgerät zu vereinen.

Ute Hamm (die Großmutter), Kristina Kahlert (die Tochter), Lukas Bischof (Der Freund der Tochter),
Susanne Wende (die Mutter)

Die Großmutter (Ute Hamm) ist ein echtes
Leckermäulchen, ihr Löffel hat 1000 Geschmäcker und das weiß natürlich bald die
ganze Nachbarschaft. Kein Wunder, dass sie Angst vor Dieben hat und keine Nacht
mehr schlafen kann. Die Mutter (Susanne Wende) schaut ständig in ihren
„Kalender der Vergangenheit“ und die Tochter (Kristina Kahlert) sucht ihr Glück
in den Wolken und vernachlässigt dadurch ihren Gedichte schreibenden Freund
(Lukas Bischof).

Irmgard Lübke hat diese phantastische
Erzählung mit zahlreichen spanisch-karibischen Anklängen in Szene gesetzt. In
nur 70 Minuten erlebt das Publikum eine kleine Familiensaga, versehen mit
reichlich Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft, wobei der Großvater nie
auftaucht, denn er sitzt mit seinem Glas, das nie leer wird, am Meer. Ein
märchenhafter Theaterabend voll Poesie, Magie und jeder Menge Überraschungen.

„Die Straße der Ameisen“ von Roland Schimmelpfennig. Regie: Irmgard Lübke. Ausstattung: Andreas Kuprian. Dramaturgie: Tabea Baumann. Mit: Kristina Kahlert, Susanne Wende, Ute Hamm und Lukas Bischof. Fotos: Jan Friese


sonny-boys

Mit Neil Simons Broadway-Klassiker präsentiert das Schauspielhaus Salzburg eine rasante Komödie mit treffsicheren Pointen und spitzfindigem Wortwitz. Die tragikomische Geschichte über die Hassliebe zweier ehemals gefeierter, doch jetzt fast vergessener Komiker steht auch zu Silvester am Programm und garantiert einen heiteren Rutsch ins Jahr 2019.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Das Komikerduo Willie Clark und Al Lewis war 33 Jahre ganz groß im Showgeschäft. Vor elf Jahren haben sie sich im Streit getrennt und seitdem kein Wort mehr miteinander gewechselt. Willie lebt zurückgezogen in einem heruntergekommenen Appartement und wird von seinem Neffen und Agenten jeden Mittwoch mit Lebensmittel und der neuesten Ausgabe der „Variety“ versorgt. Dank bekommt er dafür keinen, denn Willie hätte viel lieber einen neuen Job. Sein letztes Engagement, eine Werbekampagne für Chips, hat er in den Sand gesetzt, weil er sich den Namen einfach nicht merken konnte.

Als ein Fernsehsender den berühmten Doktorsketch des Duos für eine geplante Jubiläumsshow bringen will, lässt sich ein Zusammentreffen der beiden Sturköpfe kaum vermeiden. Al, der bei seiner Tochter wohnt, reist aus New Jersey an und ist entsetzt über den verwahrlosten Zustand seines ehemaligen Freundes. Obwohl sie beide eigentlich voll dagegen sind, beschließen sie, es noch mal miteinander zu versuchen.

Sie betonen, dass sie es nur für den armen Ben machen,da dieser sonst Probleme mit dem Sender bekäme. Bereits der Probenbeginn gestaltet sich äußerst schwierig, denn der penible Al gestattet seinem Kollegen nicht die kleinste textliche Veränderung. Dass die Fernsehaufzeichnung auch nicht reibungslos verlaufen wird ist vorhersehbar.

Marcus Marotte, Olaf Salzer

In Pyjama und Bademantel sitzt Willie Clark (Marcus Marotte) in seinem schäbigen Appartement mit einer trostlosen Tapete aus den 70er-Jahren (Ausstattung: Isabel Graf, Agnes Hamvas) und sekkiert seinen armen Neffen (Bülent Özdil), bis dieser Herzstechen bekommt. Sein früherer Partner Al Lewis (Olaf Salzer) ist ein besonnener, eher ruhiger Zeitgenosse. Ein Wunder, dass die beiden es so lange auf der Bühne miteinander ausgehalten haben. Nicht nur die beiden Herren sind in die Jahre gekommen, auch ihr berühmter Doktorsketch mit der aufreizenden, strohdummen, dafür vollbusigen Krankenschwester (Christiane Warnecke) wirkt ziemlich angestaubt.

Bülent Özdil (Ben Silverman)

In der nostalgisch angehauchten Inszenierung von Maya Fanke brillieren Marcus Marotte als Choleriker und Olaf Salzer als feiner älterer Herr mit Durchblutungsstörungen. Ein kongeniales Duo,das seine Rivalitäten lustvoll zelebriert und das Publikum damit bestens unterhält.

Olaf Salzer (Al Lewis)

Marcus Marotte (Willie Clark)

v.l.n.r.: Bülent Özdil (Ben Silverman), Marcus Marotte (Willie Clark)

„Sonny Boys“ Komödie von Neil Simon. Regie:Maya Fanke. Ausstattung: Isabel Graf, Agnes Hamvas. Mit: Marcus Marotte, Olaf Salzer, Bülent Özdil, Christiane Warnecke. Fotos: Jan Friese


Das erstmals 1865 erschienene Kinderbuch des britischen Schriftstellers Lewis Carroll zählt zu den Klassikern der Weltliteratur. Das Schauspielhaus Salzburg bietet nun die Gelegenheit, Alice auf ihrer aufregenden Reise in eine Welt voll Phantasie und Abenteuer zu begleiten. Die entzückende, äußerst vergnügliche Inszenierung von Robert Pienz und Christoph Batscheider feierte am 3. Dezember 2018 Premiere. Absolut sehenswert!

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Eigentlich sollte Alice nur den Müll rausbringen. Sie findet das aber voll langweilig, ebenso wie Hausaufgaben und das Zimmer aufzuräumen. Warum geschieht eigentlich nie etwas Überraschendes? Da fährt ein weißer Hase auf einem Tretroller an ihr vorbei, der es schrecklich eilig hat. Als er in der Mülltonne verschwindet, folgt Alice dem Tier, fällt tief hinunter und landet schließlich im Wunderland. Dort ist nichts, wie es auf den ersten Blick erscheint. Eine Grinsekatze versichert ihr, dass hier einer verrückter als der andere sei, gibt Ratschläge in Rätselform und benutzt eigenwillige Wortspiele.

alice-im-wunderland

lice trifft auf Kaugummi kauende Zwillinge, eine Gitarre spielende Raupe, den Märzhasen und den verrückten Hutmacher, die gemeinsam eine Nicht-Geburtstagsfeier veranstalten, Tweedldee und Tweedledum, Käpt’n Dodo und den Herzbuben, der ständig die Rosen rot anmalt. Dabei stellt Alice fest, dass in diesem eigenwilligen Königreich alle sehr schnell beleidigt sind. Essen und Trinken sind hier stets mit Gefahren und Überraschungen verbunden, so wird Alice einmal winzig klein, dann wieder riesengroß. Die Grinsekatze hat völlig Recht, hier scheinen wirklich alle den Verstand verloren zu haben. Die Herzkönigin ist jedoch noch verrückter als ihre Untertanen, denn sie kennt nur eins: „Kopf ab!“ Alice aber lässt sich so schnell nicht einschüchtern.

alice-im-wunderland

Isabel Graf (Ausstattung) hat für die eigenwilligen Bewohner dieses Wunderlandes eine entzückende, pastellfarbene Traumlandschaft auf die Bühne gestellt. Jakob Kucher erweist sich als perfekte, geschmeidige, superschlaue Grinsekatze, die mit ihren Weisheiten die kleine Alice mehr als verwirrt. Helena May Heber wirkt in ihrem blauen Rüschenkleidchen und den wippenden Stoppellocken, als wäre sie geradewegs dem Kinderbuch entstiegen. Mit großen Augen bestaunt und genießt sie die verrückten Dinge, die um sie herum passieren. Genau das hat sie sich ja immer gewünscht: Überraschungen, nichts als Überraschungen. Während Julian Dorner als riesengroßer weißer Hase ständig in großer Eile, doch völlig planlos unterwegs ist, verkörpern Julia Rajsp, Sophia Fischbacher, Raphael Steiner und Tim Erkert mit sichtlichem Vergnügen all die schrägen Typen, die im Wunderland unterwegs sind.

alice-im-wunderland

Alice im Wunderland zählt zum Genre des literarischen Nonsens und ich muss gestehen, dass ich normalerweise mit diesen eigenwilligen Geschichten meine Probleme habe. Robert Pienz und der vor kurzem verstorbene Christoph Batscheider haben daraus jedoch ein ganz entzückendes, wenn auch etwas verrücktes Märchen gemacht. 70 Minuten reinstes Theatervergnügen für Groß und Klein.

„Alice im Wunderland“ nach dem Kinderbuch von Lewis Carroll. Regie: Christoph Batscheider, Robert Pienz. Ausstattung: Isabel Graf. Musik: Raphael Busá. Mit: Helena May Heber, Julian Dorner, Jakob Kücher, Julia Rajsp, Sophia Fischbacher, Raphael Steiner, Tim Erkert. Fotos: Jan Friese


hoelle_hoelle_hoelle

Das Drama „Geschlossene Gesellschaft“ (frz. Huis clos) des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre wurde 1944 uraufgeführt. Der jungen Salzburger Autor und Komponist Ben Pascal inszeniert den Klassiker als multimediale Tanz- und Musikperformance und entführte das Publikum bei einem Gastspiel im Schauspielhaus Salzburg wortlos in Sartres ganz spezielle Hölle.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Während das Publikum im Studio die Plätze einnimmt, stehen zwei Tänzerinnen und ein Tänzer mit geschlossenen Augen regungslos auf der Bühne. Nach und nach öffnen sie die Augen, versuchen sich zu orientieren und schließlich Kontakt miteinander aufzunehmen. Aber wo sind sie hier gelandet? Leonie Humitsch verkörpert die lesbische, hochintellektuelle Ines, die eine junge Frau verführt und deren Ehemann in den Tod getrieben hat. Silvia Salzmann tanzt die sinnlich verführerische Estelle, die ihr Kind ermordet und ihren Geliebten in den Selbstmord getrieben hat.

Thomas Geismayr steht als feiger und schlagkräftiger Macho Garcin auf der Bühne, der seine Frau jahrelang misshandelt und betrogen hat. Diese drei Personen, die sich im Leben nie begegnet sind, befinden sich nun gemeinsam in einem Raum und sind dazu verdammt, diese Notgemeinschaft zu ertragen. Tastend versuchen sie von ihren Leidensgenossen den Grund für deren Höllenaufenthalt zu erfahren. Leicht wird das nicht, haben sie sich doch alle zu lange selbst belogen. Nun sind sie sich gegenseitig als Peiniger und Opfer ausgeliefert.

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Die Zahl Drei ist für Ben Pascal von großer Bedeutung und so unterstreichen drei Musiker, Paul Dangl (Geige), Florian Sighartner (Geige) und Clemens Sainitzer (Cello), mit einem intensiven, jazzigen Klangteppich die kraftvolle Performance, wobei eine jazzige Version von Wolfgang Petrys Hit „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ nicht zu überhören ist. Auch Remo Rauscher, der für die faszinierenden Live-Projektionen sorgt, kommt mit seinen zwei Beamern auf die Zahl drei.

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Ben Pascal und der Choreografin Silvia Salzmann ist es gelungen, Sartres „Drama der menschlichen Existenz“ durch Tanz, Musik und Visualisierung eindrucksvoll und klar verständlich umzusetzen. Das Stück gibt jedenfalls noch reichlich Stoff zum Nachdenken für den Heimweg mit. „Wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.“ (Jean-Paul Sartre)

Hölle, Hölle, Hölle“ – Regie & Komposition: Ben Pascal. Choreographie, Tanz: Silvia Salzmann. Tanz: Leonie Humitsch. Tanz: Thomas Geismayr. Geige: Paul Dangl. Geige: Florian Sighartner. Cello: Clemens Sainitzer. Live-Projektion: Remo Rauscher. Licht: Valentin Danler. Fotos: Ben Pascal


Physiker_Schauspielhaus

Peter Raffalt inszeniert im Schauspielhaus Salzburg Friedrich Dürrenmatts 1962 uraufgeführte Komödie als schrille Satire. Der Autor warnt in dem Stück, das gerne als Schullektüre verwendet wird, vor dem Missbrauch technischer Errungenschaften. Die Premiere am 4. November 2018 brachte 80 Minuten rasante Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Kriminalinspektor Voß ist schwer verunsichert. Schon wieder ein Mord an einer Krankenschwester im Sanatorium von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Und wieder kann er niemanden verhaften, denn Wahnsinnige sind eben keine Mörder, sondern nur Täter. Im Irrenhaus logieren drei verwirrte Physiker. Herr Beutler hält sich für Newton, Herr Ernesti für Einstein, Herr Möbius hingegen führt angeblich Gespräche mit König Salomo. In Wirklichkeit ist keiner der drei Physiker wirklich geisteskrank.

Möbius hat die sogenannte Weltformel und ein „System für alle möglichen Erfindungen“ aufgestellt, Entwicklungen von großer Gefahr. Um zu verhindern, dass diese in falsche Hände geraten, hat er sich schon vor Jahren in eine Anstalt einweisen lassen. Ernesti und Beutler geben sich schließlich als Spione verschiedener Systeme zu erkennen. Beide versuchen, Möbius für ihre Regierung zu gewinnen. Der Weg in die Freiheit führt nur über die Irrenärztin, allerdings  ist auch ihr angeblich König Salomo erschienen und das verheißt nichts Gutes.

Den Mord an einer Krankenschwester darf das Publikum als aufregendes Schattenspiel live miterleben. Der Täter, Herr Ernesti, der sich für Einstein hält (Antony Connor), schnappt sich zur Beruhigung seine Geige und fiedelt munter drauf los. Die Irrenärztin (Susanne Wende) muss ihn dabei am Klavier begleiten. Kein Wunder, dass Inspektor Voß (Simon Jaritz) völlig überfordert ist. Herr Beutler, der sich für Newton hält (Olaf Salzer), hat seine Krankenschwester schon vor einiger Zeit erdrosselt, nun ist nur noch Herr Möbius (Theo Helm) ausständig. Seine muntere Pflegerin (Kristina Kahlert) wird wohl auch nicht mehr lange leben. Als komödiantisches Kabinettstück erweist sich der skurille Besuch der Ex-Frau von Möbius (Ute Hamm) mit ihren drei Flöte spielenden Söhnen. Kein Wunder, dass Möbius nun völlig durchdreht.

Wie schon der Medienkünstler, Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch mit seiner völlig schrägen, umjubelten Aufführung 2015 in Zürich bewiesen hat, eignet sich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ hervorragend für eine schrille Inszenierung. Auch Peter Raffalt arbeitet mit Übertreibungen und spart nicht mit Ulk und Tollerei. Agnes Hamvas (Ausstattung) hat dem Ensemble die dazu passenden überspitzten Kostüme und Frisuren verpasst.

Ein unterhaltsamer Theaterabend, ein Klassiker, der in dieser Version sicherlich auch bei jungem Publikum gut ankommen wird. Thematisch bietet das Stück eine Reihe von Ansatzpunkten für die Behandlung im Unterricht. Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft und nach dem Umgang mit für die Menschheit potenziell gefährlichen Entdeckungen ist heute aktueller denn je und wird immer brisanter.

„Die Physiker“  von Friedrich Dürrenmatt. Regie: Peter Raffalt. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musik: Georg Brenner. Mit: Susanne Wende, Kristina Kahlert, Simon Jaritz, Olaf Salzer, Antony Connor, Theo Helm, Ute Hamm. Fotos: Jan Friese


Batscheider_Christoph

Uns hat heute Morgen die traurige Nachricht erreicht, dass unser Freund und Kollege Christoph Batscheider über Nacht verstorben ist. Fassungslos müssen wir von einem einzigartigen, liebevollen und geistreichen Menschen Abschied nehmen. Mit Herzenswärme, seinem sanften Gemüt und unglaublicher Fantasie hat er seit mehr als einem Jahrzehnt an unserem Theater mitgewirkt. Leidenschaftlich und mit Liebe fürs Detail hat er als Spielleiter und im Marketing dem Schauspielhaus seine Handschrift verliehen und ist dem gesamten Team und Ensemble in guten wie auch turbulenten Zeiten als Ansprechpartner zur Seite gestanden.

Christoph Batscheider wurde 1969 in Memmingen im Allgäu geboren. Während seines Studiums der Germanistik und Theaterwissenschaft an der FU Berlin, inszenierte er erstmals auf der studentischen Studiobühne. Er hospitierte und assistierte am Ernst-Deutsch-Theater, dem Thalia Theater Hamburg, an den Westfälischen Kammerspielen und bei den Bad Hersfelder Festspielen. Von 1996-2002 arbeitete er als freier Regisseur, 2002-2006 als Dramaturg an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven. Seit 2006 war er am Schauspielhaus Salzburg tätig, zunächst im Bereich Dramaturgie, Marketing und Presse, seit August 2007 als Spielleiter. Hier inszenierte er u.a. „Viel Lärm um nichts”, „Andorra”, „Das Himbeerreich” (ÖE), „Der Geizige”, „Geächtet“, „Adam Schaf hat Angst“ und zuletzt „Das goldene Vlies“.

Theresa Taudes
Presse & Dramaturgie
Schauspielhaus Salzburg
ÖSTERREICH


Das goldene Vlies

Christoph Batscheider inszeniert im Schauspielhaus Salzburg Franz Grillparzers dramatisches Gedicht in drei Teilen als klassische altgriechische Tragödie. „Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und „Medea“ erzählen von Machtgier und Schuld und den Gegensätzen zwischen Griechen und Barbaren. Viel Applaus am 25. September 2018 nach einem großartigen, dreistündigen Theaterabend.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Eigentlich fand die Premiere schon am 20. September 2018 statt. Doch nach 50 Minuten musste Medea (Kristina Kahlert) ins UKH gebracht und die Vorstellung abgebrochen werden. Ob es nun der Fluch des goldenen Vlieses, die mächtigen schwarzen Blöcke auf der Bühne oder nur die Tücken eines langen Kleides waren, der Theaterabend war zu Ende und man konnte nur hoffen, dass nichts allzu Schlimmes passiert war. Fünf Tage nach diesem Unfall stand Kristina Kahlert mit schwarz umwickeltem Gipsverband wieder auf der Bühne und brillierte als unglaublich starke Medea, die das Opfer der Entscheidungen grausamer Männer wird und bis zuletzt um ihre Kinder kämpft.

Hinterhältig ermordet Aietes, König der Kolcher, den Griechen Phryxus, der ihn um Schutz und Gastrecht gebeten hatte, und raubt ihm das kostbare Goldene Vlies, ein sagenumwobenes Widderfell. Seine Tochter Medea ahnt, dass der feige Raubmord schlimme Folgen haben wird und zieht sich in die Wälder zurück. Bald schon landen kriegerische Argonauten und fordern das Vlies zurück. „Rohe Naturkraft“ zieht Medea zu Jason, den Anführer der Griechen, hin. Sie verrät dem Feind das Versteck des Goldenen Vlieses und folgt ihrem Geliebten auf das Schiff. Jason wird bei seiner Rückkehr in der Heimat jedoch nicht als Held gefeiert. Er und seine barbarische Gattin werden des Königsmordes bezichtigt und verbannt. Nach jahrelangen Irrfahrten landen Jason und Medea mit ihren zwei Söhnen auf Korinth und ersuchen König Kreon um Gastfreundschaft. Sie werden zwar nach einigem Zögern aufgenommen, doch als die alte Liebe zwischen Jason und der Königstocher Kreusa neu entflammt, soll Medea ohne ihre Kinder die Insel verlassen.

Medea hat es nicht leicht mit ihrem verschlagenen, geld- und machthungrigen Vater (großartig Marcus Marotte), der sie mit Befehlen nach dem Motto „Ich wills, du sollst“ traktiert. Kein Wunder, dass sie vom übermütigen und frechen Jason (Simon Jaritz) fasziniert ist. Wie schnell Liebe jedoch in Hass umschlagen kann, wird in Korinth deutlich, wenn Jason das „giftmischende Barbarenweib“ gegen seine Jugendliebe Kreusa (Larissa Enzi) austauschen will. Medeas Amme (Ute Hamm) hat mit ihrer Prophezeiung wohl Recht behalten: „Wie du die Deinen, so verrät er dich.“ Theo Helm muss als Phryxus seinen Hochmut mit dem Leben bezahlen, doch mit seinem letzten Atemzug verflucht er Aietes.

Leichter Nebel liegt auf der unwirtlichen Landschaft, die Isabel Graf mit riesigen schwarzen Blöcken auf die Bühne gezaubert hat. Grillparzers ungeheure Sprachgewalt vermag an diesem Abend die Antike in all ihren Facetten verständlich zu machen. Auch aktuelle Bezüge sind nicht zu übersehen, denn am Misstrauen allem Fremden gegenüber hat sich bis heute nichts geändert.

„Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer. Regie: Christoph Batscheider. Ausstattung: Isabel Graf. Musik: Georg Brenner. Mit: Marcus Marotte, Kristina Kahlert, Lukas Bischof, Ute Hamm, Larissa Enzi, Theo Helm, Simon Jaritz, Harald Fröhlich. Fotos: Jan Friese/ SHS