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SommerSzene 2019 Hubert Lepka | Lawine Torren

Hubert Lepka, Choreograph und Regisseur des Künstlernetzwerks Lawine Torrèn, ist bekannt für seine bildgewaltigen, spektakulären Stücke an ungewöhnlichen Orten.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Im Rahmen der Sommerszene 2019 wurde auf der Bühne des SZENE Theaters (vormals republic) für ein Kalb, vier Ziegen (Geiß und Zicklein) und drei Hühner ein Stall errichtet, den sich die Nutztiere mit Schauspielern und Tänzern teilen müssen. Die Uraufführung dieses „performativen Hearings“ wurde am 22. Juni zu Recht bejubelt.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

Die Tiere haben wohl zwecks Eingewöhnung schon einige Zeit in ihrem „Bühnenstall“ verbracht und so wird diese abendliche Stunde zu einem geruchsintensiven Erlebnis. Man dürfte auch genügend Nahrung im Stroh versteckt haben, denn das Kalb ist völlig desinteressiert an der sie umtanzenden Dame (Barbara Földesi) und frisst lieber.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

Auch die Schauspieler Marion Hackl und Stephan Kreiss, die zwei Wissenschaftler spielen, die die Geschichte von Abraham wiedergeben wollen und dabei immer wieder in Streit geraten, können das Kalb nicht aus der Ruhe bringen.

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Da sind die Ziegen, die mit Eftychia Stefanou auf der Bühne erscheinen, schon etwas munterer. Die drei Hühner machen sich bald aus dem Staub und inspizieren lieber Nebenschauplätze. Gustav Lepka, der im zweiten Teil Isaak, das Opfer, mimen muss, sitzt mit Kopfhörern und rotem Lämpchen am Kopf, abwartend auf der Seite.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

Bei Hubert Lepkas Inszenierungen spielen mythische oder biblische Geschichten stets eine große Rolle. Seine Einführungen sollte man aufmerksam durchlesen, das erleichtert das Verständnis enorm.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

„Abraham bekommt in einem vertraulichen Gespräch die Aufforderung, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er ist entsetzt, denkt sich aber, es wird wohl ein Test seiner Loyalität sein, und willigt ein. Abraham und Isaak nehmen ein paar Tiere mit und gehen auf den Berg zur Opferstätte. Isaak weiß noch nicht, worum es geht. 

Können wir jene landwirtschaftliche Betriebsanleitung namens Altes Testament, die uns, über mehrere Jahrtausende und gesellschaftliche Umbrüche hinweg, schlingernd zu den Erfolgen der Gegenwart geführt hat, für den kommenden Umbruch einer technologischen Revolution brauchen? Anders gefragt: Können wir von unseren Nutztieren lernen für eine Zeit, in der wir Menschen vielleicht nicht mehr die führende Kraft auf der Erde sind?“

Hubert Lepka

Das Vokalensemble BachWerkVokal sorgt mit Werken von Claudio Monteverdi, Francisco Guerrero, Heinrich Schütz und Tomas Luis de Victoria für sakralen Flair. In Kombination mit den grandiosen Videoeinspielungen von Mensch, Tier und Natur bekommt die Performance einen sehr meditativen Charakter. Das Publikum zeigte sich begeistert.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

Tipp: HERDE und STALL gibt es am 26., 27. und 28. Juli 2019 in Gastein. Auf der Gadaunerer Hochalm in Gastein währt das Almschauspiel etwa drei Stunden, der Weg auf die Alm und zurück noch nicht eingerechnet.

SommerSzene 2019
Hubert Lepka | Lawine Torren
– HERDE und STALL –

„HERDE und STALL – ein performatives Hearing von Hubert Lepka/Lawine Torrèn. Schauspiel: Marion Hackl, Stephan Kreiss, Gustav Lepka. Tanz: Barbara Földesi, Eftychia Stefanou. Musik: Ensemble BachWerkVokal. Film: Stefan Aglassinger/mediacreation. Fotos: sommerszene/ Bernhard Müller


gold extra_Stranger Home_© gold extra

Mit der sinnlich- erotischen Performance „to come (extended)“ eröffnete die gefeierte dänische Choreografin Mette Ingvartsen am 5. Juni im republic die Sommerszene 2018. Tags darauf folgte mit „Stranger Home“ ein interaktives Stadterfahrungsspiel des Performancekollektivs gold extra.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Mette Ingvartsen mit „to come (extended)“

Fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer in türkisfärbigen Ganzkörperanzügen räkeln sich auf der strahlend weißen Bühne. Die völlig verhüllten Körper wechseln ständig ihre Posen, bilden Skulpturen, welche die vielseitigen Möglichkeiten lustspendender Sexualpraktiken aufzeigen. Die androgyn wirkenden Körper wechseln geräuschlos von einem Partner zum nächsten, von einer Gruppe zur nächsten, schmiegen sich aneinander und wiegen sich in wechselndem Tempo lasziv vor und zurück.

Für den zweiten Teil der Performance entledigen sich die Künstler ihrer Anzüge, schlüpfen in Turnschuhe und holen die bisher unterdrückten Emotionen nach. Sie stöhnen und hecheln und simulieren kollektive Orgasmen, bevor sie sich in eine FKK-Disco stürzen, um dort gutgelaunt und energiegeladen Lindy Hop zu tanzen. Der Funke springt über und das Publikum bedankt sich mit reichlich Applaus für eine denkwürdige, kontrastreiche Performance.

„to come (extended)” – Mette Ingvartsen. Konzept & Choreographie: Mette Ingvartsen. Mit: Johanna Chemnitz, Katja Dreyer, Bruno Freire, Bambam Frost, Ghyslaine Gau, Elias Girod, Gemma Higginbotham, Dolores Hulan, Jacob Ingram-Dodd, Anni Koskinen, Olivier Muller, Calixto Neto, Danny Neyman, Norbert Pape & Hagar Tenenbaum. Ersatz: Alberto Franceschini, Maia Maens & Manon Santkin. Fotos: siommerszene | Jens Sethzman

gold extra mit „Stranger Home“

Vor dem  Zentrum im Berg  wurden 16 Personen von zwei munteren Stewardessen willkommen geheißen. Nach Check-in und Einteilung in Zweiergruppen ging es weiter Richtung Reisebus, wir hatten ja schließlich alle eine Stranger- Home-Tour gebucht und diese „Reise ins Ungewisse“ versprach schon jetzt, richtig heiter zu werden. Dank der verhängten Fenster konnten wir uns voll auf die Informationen von Hella aus Hamburg (Dorit Ehlers) und Renate aus Nürnberg (Martina Dähne) konzentrieren, die uns spektakuläre Einblicke in die Mozartstadt versprachen. Wir sollten feine, gefährliche, mysteriöse, dramatische und idyllische Orte kennenlernen, uns dort in einem Lichtkreis versammeln und dann innerhalb von 40 Sekunden auf einer Stadtkarte den vermuteten Standpunkt möglichst genau zu markieren.

Sommerszene 2018gold extra- Stranger Home -

Sommerszene 2018gold extra- Stranger Home -

Um unterwegs nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurden wir mit einem überaus informativen Quiz beglückt, dessen Regeln etwas dubios waren. Bald begriffen die Reisenden jedoch, dass es Spiele gibt, die man einfach nicht gewinnen kann, auch wenn ständig versichert wurde: „Punkte sind das Einzige, was zählt.“ Man will ja nicht zu viel verraten, doch als Sieger ging das Team hervor, das am meisten von der Fahrt profitiert, sprich dazugelernt hatte. Wie das wohl überprüft wurde? Im Rahmen einer stimmungsvollen Siegesfeier auf einem Fußballfeld wurden die entsprechenden Urkunden übergeben und der Heimreise stand nichts mehr im Wege. Dass diese „Busfahrt ohne Aussicht“ ein ganz besonderes Erlebnis verspricht, dürfte sich herumgesprochen haben, denn die Termine sind bereits alle ausgebucht.

„Stranger Home“ – gold extra. Projektleitung: Tobias Hammerle. Team: Reinhold Bidner, Georgi Kostov, Andreas Leitner, Sonja Prlić & Karl Zechenter. Reiseführerinnen: Martina Dähne & Dorit Ehlers. Mitarbeiter: Severin Weiser, Christoph Galette, Victor Navas, Nabila Irshaid, Amira Willen, Gerlinde Zechenter uvm. Fotos: sommer szene | gold extra

 


sommerszene 2018

Intendantin Angela Glechner präsentierte am 25. April 2018 in einem Pressegespräch das „extrem dichte und intensive Programm“ des heurigen International Performing Arts Festival, das Choreographen, Performern und Theatermachern eine Bühne für grenzüberschreitende Produktionen bietet.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

14 Performances aus sieben Ländern, davon vier Uraufführungen und sieben Österreich-Premieren, laden das Publikum zum gesellschaftspolitischen Diskurs ein. Auch mit der aktuelle Debatte zum Thema Sexualität, Gender und Identity befassen sich einige Veranstaltungen.

Die dänische Choreographin Mette Ingvartsen untersucht in „to come (extended)“ das Verhältnis von Sexualität, Macht und Körperpolitik und das unfreiwillige Ineinandergreifen von Öffentlichkeit und Privatheit. Für diese lustvolle Choreographie gibt es ebenso wie für ihr radikales, verstörendes Solo „21 pornographies“ verständlicherweise eine Altersempfehlung ab 18 Jahren.

Der indonesische Star-Choreograph Eko Supriyanto hat schon mit Popstar Madonna und Regisseur Peter Brooks zusammengearbeitet, ist jedoch in Österreich noch eine weitgehend unbekannte Größe. In „Balabala“ lässt er fünf junge indonesische Tänzerinnen mit typisch männlichen Kriegstanzbewegungen von den Veränderungsprozessen in ihrer noch stark von traditionellen Geschlechterrollen geprägten Heimat erzählen.

In „Magnificat“ sagen 23 polnische Frauen dem traditionellen Frauenbild in ihrer Heimat den Kampf an. Die vielfach ausgezeichnete Regisseurin Marta Górnicka dirigiert diesen Chor, in dem Texte von Elfriede Jelinek, Adam Mickiewicz und Euripides mit voller Wucht auf Kochrezepte und Zitate aus Zeitungen prallen.

Neben diesen Produktionen im republic bietet die Sommerszene auch heuer wieder die Möglichkeit zu ungewöhnlichen Perspektiven und neuen Standpunkten. In der Kollegienkirche erwartet die Besucher mit „Of All The People In All The World“ eine performative Installation aus fünf Tonnen Reis. Die gefeierte Produktion der britischen Theatergruppe Stan’s Cafe hat bereits in mehr als 60 Städten für Aufsehen gesorgt und ist von 8. bis 16. Juni bei freiem Eintritt zu besichtigen.

In „Lookout“ führen auf der Festung Hohensalzburg Volksschulkinder mit einem Festivalbesucher ein Gespräch über ihren gemeinsamen Lebensraum, ihre Wünsche und Sehnsüchte, während sie über die Stadt blicken. Der britische Künstler, Autor und Kurator Andy Field gastiert mit diesem interaktiven Projekt zum ersten Mal in Österreich.

Das Salzburger Performancekollektiv gold extra überprüft mit „Stranger Home“ bei einer „Busfahrt ohne Aussicht“ die Ortskenntnisse von Salzburgern, führt sie zu unbekannten Winkeln und Ecken der Mozartstadt und bietet ihnen ungewöhnliche Einblicke in Subkulturen. Klingt spannend! Weitere Veranstaltungen finden in der ARGEkultur, im SEAD und in der Galerie FÜNFZIGZWANZIG statt.

Sämtliche Programmpunkte abzuarbeiten, hat sich der Plakatkünstler, Performer, Filmer und Autor Julius Deutschbauer aus Wien vorgenommen. Er wird über jede Veranstaltung eine Kritik bzw. eine detektivische Reisebeschreibung erstellen und sie bis spätestens 11 Uhr am darauffolgenden Tag auf dem von der Sommerszene eingerichteten Blog veröffentlichen. Eine erste Kostprobe hat er zur Präsentations-Pressekonferenz vom 25. April verfasst – zu finden unter szene-salzburg.net/news.

Am 8. Mai stellt Festivalleiterin Angela Glechner in den Kavernen 1595 das Programm der diesjährigen Sommerszene öffentlich vor und gibt Einblicke in die Arbeitsprozesse der Künstler. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung unter info@szene-salzburg.net wird gebeten.


Simon Mayer - Sons of Sissy

Mit einer etwas skurrilen Performance, in der volkstümliche Rituale humorvoll hinterfragt werden, sorgte der Oberösterreicher Simon Mayer, der zu den Shootingstars des zeitgenössischen Tanzes zählt, am 1. Juli für beste Stimmung im republic.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der Choreograf spielt mit drei jungen Männern, allesamt Musiker und Tänzer, zu Beginn mit stoischer Miene heitere Volksmusik. Bald aber ist Schluss mit der fröhlichen Schunkelmusik, denn die Melodie löst sich allmählich auf und Patric Redl macht sich mit seiner rhythmisch ein- und wieder ausatmenden Harmonika selbstständig. Stampfend, mit einem mantraartig gleichbleibendem Ton beginnt er die Bühne zu umkreisen, erst im Schritttempo, dann in wirbelnden Drehungen.

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Er bleibt nicht lange allein, denn auch Matteo Haitzmann lässt seinen weiten schwarzen Rock wie ein tanzender Derwisch schwingen. Die vier Tänzer formieren sich zu Paaren und geben den von Volkstänzen bekannten Bewegungen und Figuren eine etwas schräge Note, denn lange Haare und ein weiter Rock machen noch lange keine weiblichen Wesen aus den gestandenen Männern. „Dirndl drah di“ und der wild gestampfte „Siebenschritt“ entbehren so nicht einer komischen Note. Kuhglockengeläute, die Klänge einer Ratsche und das knatternde Geräusch einer „Goaßl“ (Peitsche) mischen sich mit den obligaten Juchizern. Das bei einem volkstümlichen Abend obligate Kräftemessen in Form einer Rangelei darf natürlich auch nicht fehlen.

Noch extremer wird die Performance, wenn sich die Herren vollständig entkleiden. Es wird weiter gehüpft, gestampft, geschuhplattelt und musiziert, wobei es dem Quartett durch ihre Nacktheit gelingt, die traditionellen männlichen Rollenbilder im österreichischen Brauchtum radikal und überaus humorvoll aufzubrechen. Eine leicht homoerotische Note lässt sich dabei nur schwer vermeiden.

Mit den ständigen Bewegungswiederholungen, dem rhythmischen Hüpfen und Stampfen, zeigt dieser Tanzabend auf sehr unterhaltsame Art die Verwandtschaft des alpenländischen Brauchtums mit den Ritualtänzen von Naturvölkern auf. Das Aufgehen in der gemeinsamen Bewegung gipfelt zum Finale in einem vielstimmigen Gesang. Sissys Söhne gelang es mit dieser schrägen Performance, das Publikum zumindest teilweise zu Standing Ovations von den Stühlen zu reißen.

„Sons of Sissy“ – Idee, Choreografie: Simon Mayer. Performance, Musik: Matteo Haitzmann, Simon Mayer, Patric Redl, Manuel Wagner. Klangkörper und Spezialinstrumente: Hans Tschiritsch. Bühne und Kostüm: Andrea Simeon. Licht: Martin Walitza, Jan Maria Lukas. Künstlerische Beratung: Frans Poelstra. Produktion: Sophie Schmeiser, Elisabeth Hirner. Touring: Sophie Schmeiser, Hiros. Eine Koproduktion von Kopf hoch, brut Wien, Gessnerallee Zürich, zeitraumexit Mannheim und Tanz ist Dornbirn. Fotos: © 2017 sommerszene | Peter Empl, Rania Moslam, Margaux Kolly


Built to Last ©Julian_Roeder

Meg Stuart zählt zu den wichtigsten europäischen Choreographinnen. Zur Sommerszene 2017 brachte sie ihr mitreißendes Tanztheaterstück „Built to Last“, in der Originalbesetzung aus dem Jahre 2012, nach Salzburg ins republic. Das Publikum zeigte sich begeistert von dem wilden, verstörenden Ritt durch die Musikgeschichte.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Schon der erste Blick auf die Bühne ist vielversprechend: ein hölzernes Dinosaurierskelett, ein weißes Container-Zimmer, schwebende Riesenplaneten und zahlreiche auf das Publikum gerichtete Scheinwerfer. Die fünf Performer, drei Damen und zwei Herren, sind mit Fingerübungen beschäftigt, bevor sie mit exakten Armbewegungen versuchen, ihre Position auszuloten und eventuell doch zu kommunizieren. Kompositionen von Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis sorgen für den passenden Sound, bis sich die bombastischen Klänge von Ludwig van Beethovens „Eroica“ der Körper der Tänzer bemächtigen. Eine weitere große Wende bringt Antonín Dvořáks Symphonie „Aus der Neuen Welt“.

Sommerszene 2017 Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die neue Situation verändert wiederum den Bewusstseinszustand der Performer und weckt schlummernde Sehnsüchte. Während Anja Müller auf dem Dach des Containers versucht, den vorbeiziehenden Planeten auszuweichen, und nach einer Möglichkeit sucht, sie zu manipulieren, kämpft Davis Freeman verzweifelt gegen die übermächtige Musik von Anton Bruckners Symphonie Nr.9 an. Mit Györgi Ligetis „Atmosphères“ kehrt schließlich Ruhe ein, die Tänzer lassen sich zu Boden sinken und geben sich ganz den an- und abschwellenden Klängen hin, bevor die Scheinwerfer zum Einsatz kommen und das Publikum ins Finale blenden.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic

Beim Besuch eines Tanztheaters stellt sich die Frage, ob man das Programmheft im Vorhinein studieren oder sich doch lieber unbelastet und unvoreingenommen auf das Gebotene einlassen sollte. Nicht wirklich weiter halfen die erläuternden Texte bei „EVOL“, der jüngsten Kreation der französisch-belgischen Choreografin Claire Croizé, bei der sie sich von den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke inspirieren ließ und die teils improvisierten Bewegungen der vier Tänzer mit Songs von David Bowie unterlegte.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die etwas sperrige, minimalistische Performance, die am 24. Juni im republic zu sehen war, wurde zwar gefeiert, hinterließ aber dennoch ein leicht verunsichertes Publikum. Bei „Built to Last“ hingegen ist alleine schon die Aufzählung der Komponisten und ihrer Werke im Programmheft vielversprechend. Die Aufnahmen, eine historische Meta-Komposition des Dramaturgen Alain Franco, fungieren in diesem Stück als Zeitmaschine für eine Reise durch die Geschichte des Tanzes.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

Die Compagnie Damaged Goods wurde 1994 von Meg Stuart gegründet, um künstlerische Projekte in einer eigenen Arbeitsstruktur zu entwickeln. Über 30 Produktionen wurden bisher realisiert, wobei die Improvisation stets ein wichtiges Element darstellt. Mit „Built to Last“ hat die amerikanische Choreographin, die in Berlin und Brüssel lebt und arbeitet, ein Stück geschaffen, das sich im Spannungsfeld von Tanz und Theater bewegt. Das Zusammenspiel von Bewegung, Text, Video, Musik und Bühnenbild macht die Performance zu einem einzigartigen Bühnenerlebnis.

Sommerszene 2017Meg Stuart/Damaged Goods- Built to Last -republic Salzburg

„Built to Last“ – Eine Produktion von Damaged Goods (Brüssel) und Münchner Kammerspiele. Choreographie: Meg Stuart. Kreiert mit und performt von: Dragana Bulut, Davis Freeman, Anja Müller, Maria F. Scaroni, Kristof Van Boven. Dramaturgie: Bart Van den Eynde, Jeroen Versteele. Musikdramaturgie: Alain Franco. Sound: Roy Carroll. Sound Design: Kassian Troyer. Szenographie: Doris Dziersk. Kostüme: Nadine Grellinger. Licht: Pierre Willems. Video: Philipp Hochleichter. Fotos: sommerzene|julian Röder (1) Bernhard Müller (5)


Louise Lecavalier war als Frontfrau der kanadischen Kompanie „La La La Human Steps“ bereits viermal bei der Sommerszene zu Gast. Jetzt kehrt die Tanz-Ikone mit einer eigenen Choreografie zurück. Gemeinsam mit ihrem Bühnenpartner Robert Abubo eröffnete sie mit einer virtuosen Performance am 20. Juni die Sommerszene 2017 im republic.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Für „Battleground“ ließ sich die Kanadierin von Italo Calvinos ironischer Erzählung „Der Ritter, den es nicht gab“ inspirieren. Der Titelheld dieser Parodie auf den klassischen Ritterroman reitet zwar fürs Abendland, doch stellt seine Rüstung nur eine leere, wenngleich auch vollkommene Hülle dar. Vom Changieren zwischen Körperhaftigkeit und Körperlosigkeit erzählt auch das Stück: „Dass der Körper im Bild gefangen ist, wissen wir ja. Wir verbringen alle unsere Zeit mit ihm und kennen ihn gar nicht wirklich. Der Tanz ist eine Gelegenheit, im Körper zu sein und ihn nicht immer von außen zu sehen.“

Louise Lecavalier erscheint ganz in Schwarz, mit Kapuze über dem Kopf und beginnt den Abend mit einem furiosen, pulsierenden Solo. In irrwitzigem Tempo lässt sie Arme und Beine flattern, beben und kreisen und erinnert dabei oftmals an ein verwundetes Tier. Der Musiker Antoine Berthiaume aus Montreal liefert dazu die passenden Klangbilder, eine Mischung aus Elektronik und Perkussion. Langsam nähert sich ein dunkler Schatten. Wird es ein Freund oder ein Gegner sein? Die Annäherung, das gegenseitige Abtasten, Zu- und Abneigung wird tänzerisch virtuos in betörend verstörende Bilder umgesetzt. Die surreale Reise, eine Suche nach Identitäten und Idealen, zieht das Publikum in ihren Bann. Das minimalistische, raffiniert beleuchtete „Schlachtfeld“  gleicht einem Boxring und wird von einer unüberwindlichen Holzwand begrenzt, die die Kontrahenten aufhält und sie zu faszinierenden, an chinesische Kalligrafie erinnernden Beinübungen, zwingt. Ein flimmerndes und pulsierendes Herz kündigt auf der Mitte der Bühne nach 60 Minuten das nahe Ende der turbulenten Auseinandersetzungen an.

Die mit ungeheurer Energie, enormem Tempo und mitreißenden Technoklängen präsentierte Performance begeisterte das Publikum bei der Österreichpremiere im republic. Ein fulminanter Start in die Sommerszene 2017.

„Battleground“ – Konzept und Choreographie: Louise Lecavalier. Performance: Louise Lecavalier, Robert Abubo. Assistenz Choreographie und Probenleitung: France Bruyère. Lichtdesign: Alain Lortie. Musik: Antoine Berthiaume. Zusätzliche Musik: Steve Roach. Fotos: André Cornellier, Bernhard Müller. Kostüme: Yso.

 


Von 20. Juni bis 1. Juli 2017 präsentiert das Festival der performativen Künste zehn Produktionen, davon fünf österreichische Erstaufführungen, drei extra für dieses Festival kreierte Performances  sowie zwei Gastspiele. 

Elisabeth PichlerVon Elisbeth Pichler

Die ehemalige Frontfrau von La La La Human Steps, Louise Lecavalier, eröffnet am 20. Juni mit „Battleground“ das Festival im republic. Gemeinsam mit dem Tänzer Robert Abubo erkundet sie in diesem pointierten, vibrierenden  Stück das Phänomen einer Kunstfigur.Der Katalane Pere Faura zollt in der ARGEkultur seinen persönlichen Ikonen Gene Kelly, Anne Teresa De Keersmaeker, Anna Pavlova und John Travolta mit  „No Dance, No Paradise“ Anerkennung und Bewunderung, eine humorvollen Auseinandersetzung mit der Welt des Tanzes.

Was haben David Bowie und Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien gemeinsam? Mit dieser Frage beschäftigt sich Claire Croizé in ihrer aktuellen Produktion „EVOL“. Ein überaus komplexer Abend, an dem vier junge Tänzer ihre eigene Bewegungssprache und Musikalität als Resonanzraum erkunden (Österreich-Premiere am 24. Juni im republic).

Die von der Choreografie kommende Tänzerin Meg Stuart hat sich in letzter Zeit immer mehr dem Theater zugewandt. So spielen in ihrem gefeierten Meisterwerk  „Built to Last“ Bühnenbild, Kostüme und Requisiten eine große Rolle. Die Erfolgsproduktion, die 2012 in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen entstanden und seitdem durch halb Europa und auch nach Mexiko getourt ist, wird am 28. und  29. Juni im republic zu erleben sein.

Das Salzburger Kollektiv ohnetitel wird das Publikum in „Gärten von Gestern. Techniken des Erinnerns.“ durch den Kommunalfriedhof  führen und versuchen, mit einer Musikkapelle, zehn Grammophonen, fünfzehn lebenden Bildern und 213 Fotos  kollektive und individuelle Erinnerungen wachzurufen. Im Schauspielhaus Salzburg werden am 26. und 27. Juni fünf Reinigungsfrauen aus Athen, weibliche Migrantinnen verschiedener Generationen, aus ihrem Leben erzählen und über ihre Sehnsüchte und Wünsche sprechen. Der europaweit gefeierte Abend „Clean City“ verspricht dichtes, politisches Theater.

Zum Abschluss des Festivals am 1. Juli 2017 wird es der gebürtige Oberösterreicher Simon Mayer im republic so richten krachen lassen, indem er Tradition und Moderne aufeinanderprallen lässt. In „Sons of Sissy“ werden sich die Tänzer zwischen den archaischen und körperlichen Wurzeln der Volkskultur und dem zeitgenössischen Tanz bewegen, wobei Schuhplatteln, Jodeln, Goaßlschnalzen und alpine Livemusik nicht fehlen dürfen,

Das gesamte Programm und weitere Informationen finden Sie unter szene-salzburg.net

 


Doris Uhlich, vor zwei Jahren mit der eindrucksvollen Performance „more than naked“ zu Gast im republic, brachte am 1. und 2. Juli 2016 mit ihrem neuen Stück das Publikum wiederum in Schwingungen. DJ Boris Kopeinig versetzte mit seinen Techno-Samplings nicht nur drei Tänzerinnen und fünf Tänzer in einen Ausnahmezustand. 70 Minuten beklemmendes, teils archaisch anmutendes Tanztheater.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die Tänzer erscheinen nach und nach auf der Bühne und nehmen brav Aufstellung, bevor sie sich mit Hilfe eines riesigen Gumminetzes gegenseitig vor- und zurückschnellen lassen, bis sie schließlich ermattet am Boden liegenbleiben. Anfangs räkeln und winden sie sich rhythmisch zu einem monotonen Sound und gestalten eine kreative Turnstunde mit diversen Yoga-Elementen. Die fließenden Bewegungen werden zunehmend hektischer. Mit rotierenden, zuckenden Armen versetzen sie sich in einen tranceähnlichen Zustand. Die kraftvollen Bewegungen werden in leichten Variationen ständig wiederholt, wobei das große Zittern nie nachlässt. Die Energie der Tänzer scheint grenzenlos. Die Dynamik wirkt ansteckend, es fällt nicht leicht, sich diesem „kollektiven Bewegungsrausch“ zu entziehen.

Doris Uhlich will mit dieser Performance auf gesellschaftliche Phänomene unserer Tage hinweisen. Die weltweite Terrorgefahr schüre Ängste und führe zu ständigen Kontrollen und Überregulierung. Dies versuche sie durch ekstatische, energetische Bewegungen zum Ausdruck zu bringen.

„Diese negative Kraft, die sich in meinem Denken, in meinem Verhalten und in meinen Bewegungen einlagert, braucht eine Gegenkraft. Genau diese versuche ich in „Boom Bodies“ zu produzieren: eine Boom-Kraft, die versucht, mit diesem Angstraum umzugehen, ohne sich zurückzuziehen. Angst macht starr, aber wir dürfen nicht starr werden.“ (Doris Uhlich)

„Boom Bodies“ Choreographie: Doris Uhlich. Performance: Eyal Bromberg, Ewa Dziarnowska, Christina Gazi, Hugo Le Brigand, Andrius Mulokas, Yali Rivlin, Roni Sagi, Anna Virkkunen. Dramaturgie: Heike Albrecht. DJ: Boris Kopeinig. Licht: Bruno Pocheron. Feedback: Katalin Erdödi, Yoshie Maruoka, Christine Standfest. Technische Beratung: Gerald Pappenberger. Produktion: Theresa Rauter & Christine Sbaschnigg / insert (Theaterverein). Eine Produktion von Doris Uhlich. Eine Koproduktion von Tanzquartier Wien. insert (Theaterverein) wird durch die Kulturabteilung der Stadt Wien gefördert. Foto: sommerszene/ © Theresa Rauter


Erna Ómarsdóttir, Islands erfolgreichste Tänzerin und Choreografin, gastierte am 24. und 25. Juni 2016 im Rahmen der Sommerszene mit einer atemberaubenden Performance über unsere industrialisierte Welt im republic. Die fünf Tänzerinnen und drei Tänzer der Iceland Dance Company (Reykjavik) zeichnen das düstere Bild einer Gesellschaft knapp vor der Apokalypse.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Schwarze, einem Ölteppich gleiche Folie bedeckt die Bühne. Unter dieser zähen Masse herrscht Bewegung. Begleitet von beängstigenden, tierischen Lauten entstehen Berge und Krater, die auszubrechen drohen. Schließlich tauchen scheinbar kopflose Kreaturen auf, die ums Überleben kämpfen. Sie versuchen zu gehen, finden jedoch keinen Halt und rutschen ständig aus, wie Tiere an ölverseuchten Stränden. Nach und nach erheben sie ihre Köpfe und wenden sie verwundert dem Lichte entgegen, beglückt von „the taste of freedom, the taste of happiness“. Die Freude währt nicht lange, denn nach einer kurzen Phase, in der zu Disco-Klängen wild gefeiert wird, werden sie als Maschinen missbraucht und müssen als Rädchen im Getriebe einem vorgegebenen Rhythmus bis zur Erschöpfung nachhecheln. Ihre Energie ist nicht grenzenlos, doch nach kurzen Erholungspausen, in denen sie wie tot am Boden liegen, erwachen sie immer wieder zu neuem Leben, um schließlich endgültig unterzugehen und eins zu werden mit der sie umgebenden Materie, dieser dunklen Macht, die sie von Anfang an beherrscht hat.

„Black Marrow“ (übersetzt: schwarzes Mark) erweist sich als kritisches, expressives Tanztheater, das sich mit der Gier nach dem wichtigsten Rohstoff unserer industrialisierten Welt, dem zähflüssigen Erdöl, auseinandersetzt. Erna Ómarsdóttir und Damian Jalet begannen sich bereits 2009 mit dieser Thematik zu beschäftigten und brachten ihr Stück in Australien zur Uraufführung. 2015 wurde „Black Marrow“ mit der renommierten Iceland Dance Company neu überarbeitet. Eine beeindruckende, archaische Performance, in der die Tänzer ständig zwischen Tier, Mensch und Maschine mutieren und das Publikum zu den sphärischen Klängen des Komponisten Ben Frost mit auf eine erschreckende Reise nehmen.

„Das ist wahrlich ein Stück, das man erlebt haben muss, einfach atemberaubend!“ (Iceland National Radio)

„Black Marrow“ – Erna Ómarsdóttir, Damien Jalet & Iceland Dance Company. Choreographie: Erna Ómarsdóttir und Damien Jalet. Musik: Ben Frost. Performance: Adalheidur Halldorsdottir, Asgeir Helgi Magnusson, Cameron Corbett, Einar Aas Nikkerud, Elin SignyWeywadt Ragnarsdottir, HallaThordardottir, Hjordis Lilja Ornolfsdottir, Thyri Huld Arnadottir. Set-Design: Alexandra Mein in Zusammenarbeit mit Erna Ómarsdóttir, Damien Jalet, Julianna Steingrimsdottir und Rebekka Moran. Licht: Bjorn Bergsteinn Gudmundsson. Foto:sommerszene – © Bjarni Grimsson


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Von 21. Juni bis 2. Juli 2016 präsentiert das Festival 14 Tanz- und Theaterproduktionen, davon neun österreichische Premieren. Gespielt wird an sieben verschiedenen Schauplätzen, wobei die künstlerische Auseinandersetzung mit Salzburg als Lebensraum im Zentrum steht.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Das Festival startet mit „Gala“, einem weltweit umjubelten Stück von Jérôme Bel. Zwanzig in Salzburg gecastete Personen (Amateure, Kinder und ältere Menschen sowie professionelle Tänzer) präsentieren ein unverwechselbares Bewegungsrepertoire, ohne Anspruch auf künstlerische Virtuosität. Der Mangel an technischen Möglichkeiten erweist sich dabei oftmals als Stärke, jeder kann und soll tanzen. Eine bildgewaltige, atemberaubende Performance verspricht „Black Marrow“ von Islands Star-Choreographin Erna Ómarsdóttir. Der italienische Regisseur und Choreograph Alessandro Sciarroni verwandelt für „Aurora“ die Bühne in ein großes, leeres Spielfeld für die paralympische Disziplin Goalball, eine Mischung aus Hand- und Fußball für blinde und seebehinderte Sportler. Sechs Athleten mit schwarzen Augenbinden werden versuchen, einen mit Glocken gefüllten Ball ins gegnerische Tor zu versenken. Doris Uhlich hat bereits bei der Sommerszene 2014 mit „more than naked“ das Publikum begeistert. Nun setzt sie ihre „Philosophie des Fleisches“ mit „Boom Bodies“ fort. Diese vier Produktionen gehen im republic über die Bühne.

Auch die ARGEkultur bietet ein abwechslungsreiches Programm. Neben einem SEAD-Doppelabend und einer Performance der kultigen Rabtaldirndln präsentiert die belgische Künstlerin Sarah Vanhee in ihrem Solo „Oblivion“ den von ihr während eines ganzen Jahres penibel gesammelten Müll, um zu einer neuen Bewertung des Überflusses anzuregen. Zwei Veranstaltungen im Museum der Moderne am Mönchsberg verbinden Kunst, Musik und Tanz. Im Toihaus Theater erzählt die kanadische Gruppe PME-ART Privates und Recherchiertes, passend zu den mitgebrachten LPs. Zum Mitmachen wird dann bei der „Bring Your Own Record / Listening Party“ geladen.

In einem „Antirassismus-Vergnügungspark“, der in einem Container im Unipark Nonntal steht, wendet sich der Performer, Filmemacher, Autor und bildende Künstler Julius Deutschbauer von 22. Juni bis 2. Juli (jeweils um 19 Uhr) in 20-minütigen Live-Performances aktuellen tagespolitischen Fragen zu.

Mitten in Lehen zeigt der Wiener Choreograph Willi Dorner mit acht Tänzern Kurzchoreographien. „Mit every-one möchte ich eine Parallele zwischen den 20er Jahren und unserer heutigen Zeit, die ebenfalls von rasanten Entwicklungen und Umwälzungen bestimmt ist, ziehen.“ Spaß für die ganze Familie verspricht „Home Sweet Home“ in den Kavernen 1595. Das britische Künstlerkollektiv „Subject to_change“ lädt dabei Kinder und Erwachsene ein, ein fiktives Salzburg zu errichten. Fünf Tage lang darf an dieser Stadt der Zukunft mitgebaut werden. Das Ergebnis wird bei einem Straßenfest präsentiert. Zum Festival-Finale „Die letzte Nacht“ freut sich am 2. Juli DJane Doris Uhlich auf ein tanzwütiges Publikum.

Programmdetails unter: www.szene-salzburg.net/


Zum Finale der Sommerszene lud der Wiener Choreograph Chris Haring mit seiner Gruppe Liquid Loft zu einem opulenten Mahl ins republic. Auf eine Großleinwand wurden am 3. und 4. Juli 2015 kunstvolle Arrangements aus Früchten und Gemüsen in barocker Schönheit projiziert, wobei die Vergänglichkeit niemals ausgeblendet wurde.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Drei Damen und ein Herr dekorieren eine Tafel mit Früchten, Gemüsen sowie diversen Kräutern und Pflanzen und achten dabei auf jedes Detail. Von der Decke tropft Wasser in ein Glas. Mittels einer Handkamera werden Bilder auf eine riesige Leinwand übertragen, die durch extreme Nahsicht aus Kohl, Fenchel und Ananas exotische Urwälder und Traumlandschaften zaubert. Geräuschvoll beginnen die Performer, Paprika zu verspeisen, und nutzen das Knacken als Rhythmus für ausgelassene Tänze. In der barock anmutenden Szenerie erwachen zunehmend Lust und Begierde. Fast obszön wirken das Zerschneiden einer Tomate und das nachfolgende genussvolle Zerquetschen. Gegessen wird auch unter dem Tisch in dank Nachtsichtfunktion gespenstisch anmutender grünlicher Beleuchtung. Eine der Tänzerinnen versucht ständig, etwas Wichtiges loszuwerden, doch sie schafft es nicht. Sie ist der Ansicht, dass wir diese Ungeheuerlichkeit nicht verkraften würden. In fröhliches Vogelgezwitscher mischt sich mehr und mehr das Summen von Fliegenschwärmen. Auch die Lebensmittel erscheinen nicht mehr ganz so frisch, kleine Maden machen sich breit und das Wasser in den Gläsern wirkt eigenwillig belebt.

„Deep Dish“ ist der dritte Teil der gefeierten „Perfect Garden“-Serie von Chris Haring, in der der Choreograph den Garten als Sinnbild des Wachsens und Wucherns versteht. „Deep Dish“ sieht er als Referenz auf die Schönheit und Dekadenz einer menschlichen Existenz, die an sich selbst zu Grunde geht. Die einstündige Performance besticht durch grandiose, surreale Bilder, die an Science-Fiction-Filme erinnern, eine optische Orgie.

Künstlerische Leitung und Choreographie: Chris Haring. Tanz und Choreographie: Luke Baio, Stephanie Cumming, Katharina Meves, Karin Pauer (Original Cast: Anna Maria Nowak). Komposition und Sounddesign: Andreas Berger. Dramaturgie, Licht- und Bühnendesign: Thomas Jelinek. Organische Skulpturen und Beratung: Michel Blazy. Stagemanagement: Roman Harrer. Theorie: Thomas Edlinger. Internationale Repräsentation: Line Rousseau. Produktionsleitung: Marlies Pucher.


Der brasilianische Choreograph Marcelo Evelin war im Rahmen der Sommerszene mit seiner radikalen Erfolgsproduktion zu Gast im republic. Inspiriert von Elias Canettis Werk „Masse und Macht“, wird der Besucher mit dem Phänomen der Masse konfrontiert. Ein außergewöhnliches Experiment, das vom Salzburger Publikum – sehr zur Freude des Regisseurs sowie Sommerszene-Intendantin Angela Glechner – positiv aufgenommen wurde.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Der Raum ist schummrig, in der Mitte befindet sich ein riesiger Boxring, der von Lichtschranken nur spärlich beleuchtet wird. Zwei Tänzerinnen und drei Tänzer, nackt, aber tiefschwarz bemalt, halten sich an den Händen und trippeln durch diese Arena. Etwas unsicher nähert sich das Publikum dieser Masse, die nur undeutlich zu erkennen ist, und versucht vorerst, Berührungen zu vermeiden, meist aus Angst, die Kleidung könnte Schaden nehmen. Fasziniert beobachtet man, wie sich die Körper gegenseitig abtasten, zu verschmelzen suchen und dabei die eigenwilligsten Skulpturen kreieren.

Plötzlich löst sich diese undefinierbare Masse auf und nun bewegt sich jeder nach einer eigenen, ganz individuellen Choreographie durchs Publikum, völlig in sich versunken, ohne Blickkontakt zu suchen. Bedrohliche, wummernde Klänge begleiten die Performance, die nach dem Ertönen einer Sirene deutlich an Tempo zulegt. Dem nun einsetzenden, scheinbar unkontrollierten Rasen stellt sich nur mehr ein kleines Grüppchen, der Rest flüchtet hinter die Absperrung. Das seltsame Treiben hat aber auch aus dieser Perspektive seine Reize. So entdeckt man beim Umkreisen der abgesperrten Fläche einen ebenso nackten DJ, der von seinem Pult aus wie ein stolzer Feldherr die Szene überblickt.

Als informativ erweist sich das unmittelbar an die Aufführung anschließende Künstlergespräch mit Regisseur Marcelo Evelin, dem Tanz-und Theaterkritiker Pieter T´Jonk sowie den nun in weiße Bademäntel gehüllten Performern, die auf das „Abschminken“ der Körperbemalung – hätte zwei Stunden gedauert – verzichteten. Marcelo Evelins Absicht war es, die Barriere zwischen Zuschauern und Akteuren verschwinden zu lassen.

Das Publikum sollte die Möglichkeit haben, die Distanz selbst zu bestimmen: „The audience should be what they want to be.“ Die Farbe Schwarz sei für ihn nur eine Metapher für das Verschwinden. Ursprünglich wollte er die Performance völlig im Dunkeln und ohne Musik stattfinden lassen. Der Regisseur arbeitet ohne feste Compagnie, er sucht sich für jedes Stück die passenden Tänzer. Mit „Suddenly Everywhere is Black with People“ ist er seit zweieinhalb Jahren auf Tour, die Reaktionen des Publikums seien nicht vorhersehbar und in jedem Land, in jeder Stadt verschieden. Ein starkes Stück, eine intensive Erfahrung für jeden, der sich darauf einlässt.

„Suddenly Everywhere is Black with People“ Marcelo Evelin/Demolition Inc. Kreation und Performance: Daniel Barra, Tamar Blom, Sérgio Caddah, Jell Carone, Marcelo Evelin, Andrez Lean Ghizze, Wilfred Loopstra, Hitomi Nagasu, Márcio Nonato, Tulio Rosa, Rosângela Sulidade, Sho Takiguchi, Loes Van der Pligt, Regina Veloso. Eine Koproduktion von Festival Panorama Brasilien und Kyoto Experiment, unterstützt von The Saison Foundation Japan und Kunstenfestivaldesarts Brüssel.