Arnulf Rainer (1929–2025): Abschied von einem radikalen Störenfried

Arnulf Rainer | Foto: © 2021 Manfred Siebinger

Arnulf Rainer | Fotos (2): © 2021 Manfred Siebinger

Österreich verliert seinen wohl unbequemsten Großmeister der Bildenden Kunst: Arnulf Rainer ist tot. Ein Nachruf auf einen Künstler, der zerstörte, um zu bewahren.

Von Karl Traintinger

Es ist das Ende einer Ära und das ist in diesem Fall keine Floskel. Mit Arnulf Rainer, der am 18. Dezember 2025 im hohen Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Oberösterreich verstorben ist, verliert die Kunstwelt einen Giganten. Er war einer, der die österreichische Seele nach 1945 nicht gestreichelt, sondern aufgerissen hat – kompromisslos, verstörend und genau deshalb von Weltgeltung.

Widerstand als Prinzip

Rainers Kunst war nie „nett“. Sie war von Anfang an ein Akt der Notwehr. 1929 in Baden bei Wien geboren, wuchs er in eine Welt hinein, die vom Krieg und später vom großen Schweigen gezeichnet war. Die akademischen Regeln der Kunsthochschulen? Für ihn zu eng, zu verstaubt.

Nach kurzen Ausflügen in die Architektur kehrte er dem traditionellen Betrieb schnell den Rücken. In den frühen 1950ern gründete er gemeinsam mit Weggefährten wie Ernst Fuchs, Arik Brauer und Josef Mikl die legendäre „Hundsgruppe“. Ihr Ziel: Bellen, beißen und sich gegen die geistige Starre des Nachkriegsösterreichs auflehnen.

Die Kunst des Verschwindens

Berühmt wurde Rainer jedoch durch das, was er nicht zeigte. Seine „Übermalungen“ wurden zu seinem Markenzeichen und machten ihn weltbekannt. Er nahm Fotografien, Selbstporträts, Kreuze oder alte Meisterwerke und schwärzte sie. Er überdeckte, kratzte, verletzte die Oberfläche.

Doch wer hier nur Zerstörung sieht, missversteht Rainer. Es waren Akte der Verdichtung. Indem er das Motiv unter dicken Farbschichten begrub, konservierte er den Schmerz, die Schuld und die Gewalt, die darunter lagen. Er machte das sichtbar, was die Gesellschaft lieber verdrängen wollte – von den Schrecken des Holocaust bis zu religiösen Traumata. Rainer zwang uns hinzusehen, indem er die Bilder verschwinden ließ.

Ein Weltstar aus Österreich

Arnulf Rainer war nicht nur ein lokales Phänomen, er war der Motor der österreichischen Avantgarde. Als Mitbegründer der Galerie nächst St. Stephan riss er die Fenster zur internationalen Kunstwelt weit auf. Spätestens ab den 1970ern war er eine feste Größe auf dem globalen Parkett: documenta, Biennale von Venedig, Ausstellungen von Paris bis New York.

Auch als Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien hinterließ er Spuren. Er lehrte eine jüngere Generation, dass Kunst nicht gefallen muss, sondern eine Haltung braucht.

Ein stilles letztes Kapitel

Im Rückblick wirkt die Ausstellung in der Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg im Jahr 2025 wie ein bewusstes Abschiednehmen. Anlässlich seines 95. Geburtstags wurden dort noch einmal zentrale Werke gezeigt – seine Goya-Übermalungen und Landschaftszyklen. In der ruhigen Atmosphäre der Villa Kast verdichtete sich Rainers lebenslanger Kampf mit dem Tod und der Geschichte zu einem späten, stillen Resümee. Jetzt, nach seinem Tod, lesen wir diese Schau als das letzte Kapitel eines gewaltigen Lebenswerks.

Arnulf Rainer war kein versöhnlicher Künstler. Seine Bilder wollten nicht dekorieren, sie wollten treffen. Und genau das tun sie noch immer. Sein Werk bleibt als Herausforderung zurück: Es fordert uns auf, nicht wegzuschauen, wenn es dunkel wird.

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1 Kommentar zu "Arnulf Rainer (1929–2025): Abschied von einem radikalen Störenfried"

  1. So eine Kunst verstehe ich nicht. Für mich sind das nur Schmierereien und es wundert mich schon, wieviel Geld dafür manche Menschen ausgeben.

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