Zwischen Wäscheleinen und Loggien, im Innenhof einer unscheinbaren Wohnanlage am Franz‑Hinterholzer‑Kai, erzählt ein Wandbild von der Verflechtung von Kunst, Alltagsarchitektur und NS‑Ideologie. Das Sgraffito von Karl Reisenbichler aus dem Jahr 1940 ist mehr als Dekoration – es fixiert ein politisch aufgeladenes Wunschbild seiner Zeit.

Von Karl Traintinger
Die Wohnanlage am Franz‑Hinterholzer‑Kai 10 –18 und in der Faistauergasse 2 und 4 bildet einen U‑förmigen Hof, dreigeschossig, funktional, mit schlichten Fassaden und hofseitigen Loggien. Gerade deshalb sticht der Wandschmuck ins Auge: In ziegelfarbenen Brauntönen zieht sich ein Band von Sgraffiti über den Mitteltrakt, die Szenen vom Landleben zeigen. Am Hausteil Nr. 14 sieht man eine Mutter mit Kind, daneben Frauen beim Spinnen und Weben – vertraute, fast intime Bilder von Alltag, Handwerk und Familie.
Entstanden ist dieses Bildprogramm jedoch 1940, mitten in der NS‑Zeit. Die ländliche Idylle, die Betonung von Mutterschaft und häuslicher Arbeit, der Rückgriff auf „volkstümliche“ Motive tragen deutlich die Ideologie vom „bodenständigen Volkstum“ in sich. Die Scheinidylle einer bäuerlichen Welt wird in einen städtischen Hof verpflanzt, als Projektion eines gewünschten Lebensmodells: verwurzelt, angepasst, klar geordnet. Die Kunst am Bau funktioniert hier als leise, aber dauerhafte Begleiterin politischer Vorstellungen.




Karl Reisenbichler, dessen Initialen das Sgraffito trägt, hat in Salzburg zahlreiche Fassaden gestaltet, oft mit ähnlichen, „volksnahen“ Themen. Wer heute durch den Hof geht, sieht daher nicht nur ein handwerklich überzeugendes Stück Putztechnik, sondern ein historisches Dokument. Die Arbeit steht exemplarisch für jene Kunst, die im Alltag aufgeht und zugleich die Bildwelt eines Regimes weiterträgt – sichtbar, sobald man den Blick ein wenig länger als üblich an der Hauswand verweilen lässt.

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