Der Zug ist rappelvoll. Viele Menschen besetzen gleich zwei Plätze. Die Tasche signalisiert, dass es hier nichts zu sitzen gibt. Zwei Personen belegen gar vier Plätze. Auf die Frage, ob das wirklich notwendig sei, kommt die Antwort, dass sie etwas krank wären. Ich gehe weiter, frage mich, warum sie dann Zug fahren. Blöde Ausrede, denke ich mir.

Ein Kommentar von Alois Schöninger
Hallein
Ich gehe weiter zum nächsten Waggon – einer mit 6er-Abteilen. Dasselbe Bild. Manche liegen über drei Sitze, andere haben das Abteil mit ihren übergroßen Reisekoffern vollgestopft. Wusste gar nicht, dass Anfang November Reisezeit ist.
Schließlich ein Abteil mit nur zwei Personen. Vier verbleibende Sitze, alle mit Taschen belegt – einer davon als Fußablage missbraucht. Ohne Schuhe, nur in Socken. Aber doch. Meine Motivation auf Konfrontation steigt.
Ich öffne schnell die Tür und frage freundlich, aber laut, ob hier noch Platz ist. Bevor eine Antwort möglich ist, setze ich schon den Fuß ins Abteil. Der Sockentyp springt sofort auf, lässt mich rein – und legt seine Füße wieder auf den gegenüberliegenden Sitz. Ich ziehe meine Jacke aus, sehe mir demonstrativ seine Füße an und ziehe laut durch die Nase. Er soll mich spüren, denke ich. So richtig spüren. Meine Abneigung gegen seine Sockenfüße wahrnehmen.
Der andere Fahrgast drischt in die Tasten seines Laptops. Superschnell, laut und mit Zehnfingersystem. Ein Meister, scheinbar. Ich hasse es. Ich hasse diese stinkenden Socken – was eigenartig ist, weil ich praktisch über keinen Geruchssinn verfüge. Also muss es einen anderen Grund für meine Abneigung geben. Denke jetzt aber nicht darüber nach. Das Buch, das ich lesen wollte, wird mich ablenken. Hoffe ich zumindest.
Bis ich mitbekomme, dass der Tastendrescher sein Müsli auspackt und schmatzend hinunterschlingt. Kaugeräusche, Schmatzgeräusche, stinkende Socken – und das Telefonieren des Sockingers in einer mir fremden Sprache machen die Fahrt zur Herausforderung. Spricht er Russisch? Die Abneigung wächst. Vielleicht ist es aber auch Ukrainisch. Ich merke, wie mein Abneigungspegel zu fallen beginnt. Ukraine – vielleicht ein Kriegsflüchtling. Etwas Mitleid kommt in mir hoch.
Ich lese ein paar Seiten, kann mich aber kaum konzentrieren. Ein kleiner Rülpser entkommt dem vermeintlichen Ukrainer. Ich sehe ihn mir an – den Ukrainer. Junger Mann, um die dreißig. Große Hände, die Knochen des Mittelfingers rot und leicht geschwollen. Der Daumen mit einem Pflaster geschützt. Ist er einer, der gerne zuschlägt? Vorsicht, sagt meine innere Stimme. Bleib lieber still. Komisch, welche Vorurteile sich plötzlich auftun. Vielleicht ist er ja auch ein ganz Netter und hat sich bei der Arbeit verletzt. Es sind Hände eines Arbeiters. Eindeutig.
Er telefoniert, lacht dabei und wählt eine neue Nummer. Dabei schnauft er durch – so wie jemand, der einen unangenehmen Anruf machen muss. Irgendwo bellt ein Hund im Zug. Der Tastendrescher hat das Müsli unten und drischt weiter.
Manchmal ist Zugfahren einfach nicht gut. Null. Heute ist es so. Mich rettet nur mein gutes Gewissen über meinen ökologischen Fußabdruck. Der ist gut. Nein, hervorragend. Kein Tesla dieser Welt schlägt mich darin. Ich fahre ja Zug.
Beim Aussteigen fällt meine Mütze zu Boden. Ich bemerkte es nicht – der Ukrainer schon. Er hebt sie auf, reicht sie mir, nickt kurz. Ich bedanke mich, und als ich mich von beiden beim Aussteigen verabschiede, sagt der Ukrainer:
„Servas.“ Lupenreines Salzburgerisch.

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