Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings

Barbara Chase-Riboud

Barbara Chase-Riboud | Foto: Diogenes - Grant Delin © Michael Rosenfeld Gallery

Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings

Autorin: Barbara Chase-Riboud
Titel: Die unbekannte Sally Hemings
Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Peterich
Genre: Bellestristik, biografischer Roman
ISBN: 978-3-257-07371-3
Verlag: Diogenes Verlag
Erschienen: 20.05.2026

Buch bei Thalia kaufen >

Klappentext:

Über 200 Jahre wurde unter Verschluss gehalten, dass die wichtigste Frau an der Seite des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson seine Sklavin Sally Hemings war. Erst die international bekannte Künstlerin Barbara Chase-Riboud gab ihr mit diesem Roman eine Identität und ihre eigene Geschichte zurück. In ›Sally Hemings‹ zeichnet sie das Bild einer stolzen, eigenwilligen Frau, die statt Freiheit die Liebe wählte und zeitlebens um ihren Platz in Jeffersons Leben kämpfte.

Anna Lemberger

Rezension von Anna Lemberger

Sally Hemings wurde in die Sklaverei hineingeboren und war somit vom ersten Tag an das Eigentum ihres „Masters“ Thomas Jefferson. Als sie Jeffersons jüngere Tochter nach Paris begleitete, begann eine jahrelange Liaison mit dem wesentlich älteren Sklavenhalter. Obwohl Jefferson sie liebte, konnte er offiziell nie zu ihr und den gemeinsamen Kindern stehen, da dieses Verhältnis nach dem damaligen Recht den strafbaren Tatbestand der „Rassenmischung“ erfüllte. Warum die junge Frau ihre Chance auf rechtliche Freiheit in Frankreich nicht nutzte, liegt vermutlich an ihrer ersten Schwangerschaft und dem Versprechen ihres Besitzers, ihre gemeinsamen Kinder in die Freiheit zu entlassen. So kehrte sie mit Jefferson nach Amerika zurück, bekam mit ihm sechs Kinder und sollte zeitlebens als Sklavin und Mätresse an seiner Seite bleiben.

Die Autorin Barbara Chase-Riboud gibt mit diesem Roman einer lange vergessenen historischen Persönlichkeit eine starke Stimme. Bereits in den 1970er-Jahren folgte die Autorin den Spuren von Sally Hemings anhand der schriftlichen Überlieferungen eines ihrer Söhne. Der 2026 neu ins Deutsche übersetzte Roman zeichnet das Bild einer starken, romantisch liebenden Frau, die allen Widrigkeiten zum Trotz nach Glück strebte. Obwohl ihr Geliebter und Master – der spätere US-Präsident Thomas Jefferson – weder sie noch die gemeinsamen Kinder je offiziell anerkannte, hörte sie selbst über seinen Tod hinaus nicht auf, an dieser Liebe festzuhalten.

Das Cover des Buches, das das Gemälde einer wunderschönen Schwarzen Frau zeigt, zieht die Blicke der Leser*innen magisch an. Die Ahnentafel zweier Familienzweige zu Beginn des Buches übt eine besondere Faszination aus, da sie die ungewöhnlichen und tragischen Bande zwischen Schwarzen und weißen Familien sowie zwischen Sklavinnen und Sklavenhaltern dokumentiert.

Bereits die Einleitung zieht die Leserschaft tief in diesen umfangreichen und außergewöhnlichen historischen Roman hinein. Im Hauptteil widmet sich die Autorin dem System der Sklaverei in den USA, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bestand. Barbara Chase-Riboud verwebt biografische und fiktive Elemente miteinander und verdeutlicht am Schicksal ihrer Protagonistin sowie an dem ihrer Kinder die Grausamkeit der Sklaverei.

Erzählerisch führt die Autorin durch zwei Perspektiven: Einerseits nutzt sie die Sicht eines auktorialen Erzählers, andererseits lässt sie die Protagonistin in der Ich-Perspektive selbst zu Wort kommen. Der krasse Widerspruch zwischen der romantischen Liebesgeschichte und der brutalen Realität der Sklaverei ruft beim Lesen durchaus ambivalente Gefühle hervor. Besonders der finale Teil des Buches führt die Schrecken der Sklaverei noch einmal eindringlich vor Augen, entlässt die Protagonistin schließlich aber in ein versöhnliches Ende.

Ein über 600 Seiten starkes und tiefgründiges Werk, das eine nachdenkliche Leserschaft zurücklässt. Was in diesem Roman als plausible Annahme einfloss, in den 1970er-Jahren jedoch historisch noch umstritten war, ist die von Jefferson stets geleugnete Vaterschaft an Sallys Kindern. Im Jahr 1998 konnte die Wissenschaft mittels DNA-Analysen belegen, dass diese Vaterschaft historisch nahezu zweifelsfrei feststeht – der erbitterte Widerstand mancher Jefferson-Anhänger bei der Erstveröffentlichung des Buches war somit unberechtigt. Leserinnen und Leser, die fundierte historische Romane schätzen und bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen, kommen an diesem großartigen und authentischen Buch nicht vorbei.


Dorfgockel

Sie schätzen die Buchkritiken in der Dorfzeitung?
Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft)! Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es möglich, unabhängig zu bleiben.

Es gibt zwei einfache Wege, zum Freund der Dorfzeitung zu werden.

Überweisung der Abogebühr (ohne Kreditkartenabo)
Sie werden für ein Jahr ein außerordentliches Vereinsmitglied (ohne Rechte und Pflichten) des Herausgebervereins (Kulturverein Dorfzeitung KULTUR online) zum Jahrespreis von 54 €. Es ist dazu ihre Post- und E-Mailadresse notwendig, damit wir die Rechnung für den Mitgliedsbeitrag schicken können. Nach Eingang der Zahlung bekommen Sie einen Steady-Gastzugang für 1 Jahr. Verlängerungen sind möglich. Kontaktformular >

Direktabo mit Kreditkartenzahlung
Ein weiterer Weg ist ein Direktabo via Steady, wie es im Folgenden beschrieben und angeboten wird.

INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE

Kommentar hinterlassen zu "Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings"

Hinterlasse einen Kommentar