Man muss nicht eigens nach New York reisen, um einem Giganten der Kunst des 20. Jahrhunderts zu begegnen. In der Kunsthalle Krems ist mit „Robert Rauschenberg. Image and Gesture“ eine Ausstellung zu sehen, die sehr eindrucksvoll vor Augen führt, warum dieser amerikanische Künstler bis heute zu den wichtigen Positionen in der Kunstszene gehört. Zum 100. Geburtstag Rauschenbergs ist hier die erste große Retrospektive in einem österreichischen Museum zu sehen.

Von Karl Traintinger
Rauschenberg war einer, der die Welt nicht kategorisiert, sondern gesammelt hat. Zeitungsausschnitte, Fotografien, Farbspuren, Gegenstände des Alltags, Metallflächen, Druckbilder – all das kommt bei ihm zusammen, als würde sich die Wirklichkeit selbst in die Kunst drängen. Und vielleicht ist es genau das, was diese Schau so anziehend macht: Hier wird nicht erklärt, wie die Welt zu sein hat, hier wird gezeigt, wie viel von ihr bereits in den Bildern steckt.
Besonders schön ist, dass die Ausstellung das Spannungsverhältnis von Bild und Geste in den Mittelpunkt stellt. In den Siebdruck-Arbeiten der 1960er-Jahre tauchen vertraute Motive aus Politik und Medien auf, werden aber malerisch überarbeitet, verschoben, überlagert. Das gibt den Bildern eine Unruhe, die ihnen guttut. Sie bleiben nicht Illustration, sondern werden zu Denkflächen.
Auch die Transferzeichnungen haben ihren besonderen Reiz. Da wird nicht groß deklamiert, sondern gerieben, übertragen, verwandelt. Man sieht in diesen Blättern förmlich, wie einer mit Bildern arbeitet, nicht gegen sie. Rauschenberg nimmt die Medienwelt ernst, aber nicht unterwürfig und ehrfürchtig. Er greift hinein und macht etwas Eigenes daraus.




Sehr gelungen sind auch die späteren Metallarbeiten, bei denen Kupfer, Messing oder Bronze zu Bildträgern werden. Hier malt gewissermaßen das Licht mit. Je nach Standpunkt verändert sich die Oberfläche, und auf einmal merkt man, dass auch der Raum selbst Teil des Bildes wird.
Überhaupt liegt eine Stärke dieser Ausstellung darin, dass sie Rauschenberg nicht als bloßen Vorläufer der Pop Art vorführt, sondern als Künstler, der unser Verhältnis zu Bildern grundsätzlich verändert hat. Er zeigt, dass Bilder nicht nur etwas abbilden, sondern selber handeln, stören, erinnern und verführen können. Das wirkt erstaunlich gegenwärtig.
Die Kunsthalle Krems hat daraus eine klare, zugängliche und dennoch offene Schau gemacht. Man kann sich treiben lassen, man kann genau hinsehen, und im besten Fall geht man mit der leisen Frage hinaus, welche Bilder man selbst täglich mit sich herumträgt. Die sehenswerte Ausstellung, die nicht auf Effekt setzt, sondern auf Aufmerksamkeit, sollte mann/frau sich nicht entgehen lassen!




Robert Rauschenberg wurde 1925 in Port Arthur, Texas, geboren. Er zählt zu den prägenden Künstlern des 20. Jahrhunderts und wurde vor allem durch seine „Combines“, Siebdrucke, Zeichnungen und materialreichen Bildobjekte bekannt. Sein Werk bewegt sich zwischen Malerei, Objektkunst, Fotografie und gesellschaftlicher Beobachtung. Rauschenberg starb 2008 auf Captiva Island, Florida. Seine Arbeiten sind heute in den wichtigsten Museen der Welt vertreten.
Ausstellungsdaten:
Robert Rauschenberg. Image and Gesture | Kurator: Florian Steininger
Kunsthalle Krems Museumsplatz 5, 3500 Krems an der Donau
Ausstellungsdauer: Bis 1. November 2026

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