
Buchtitel: Herzfleischentartung
Autor: Ludwig Laher
Verlag: Haymon Verlag Innsbruck
Erschienen: 2001
Klappentext der Erstausgabe
Im Jahr 1940 errichtete die SA im Innviertler Dorf St. Pantaleon ein „Arbeitserziehungslager“ und nach dessen überhasteter Schließung ein „Zigeuner-Anhaltelager“. Hunderte willkürlich Inhaftierte werden dort gequält, etliche umgebracht.
Lagerarzt ist der dazu genötigte Gemeindedoktor. Lange Zeit konstatiert er irgendwelche harmlose Todesursachen (die „Herzfleischentartung“ bei einer Zigeunerin ist allerdings nicht seine Erfindung. Eines Tages aber schaltet er die Staatsanwaltschaft ein.
Die Aktenbestände der damit ausgelösten Untersuchung – den Prozeß hat schließlich der Führer höchstpersönlich niedergeschlagen – sind erhalten.
Sie waren die Grundlage seiner literarischen Arbeit, die sich im Ton zum Teil in beklemmender Weise der Sprache und Logik der Mörder bedient, gleichzeitig aber einen kollektiven Erzähler einführt und diesen das Unerhörte einmal vom zeitgenössischen Standpunkt, dann wieder vom heutigen aus begleiten läßt.
Laher verfolgt die Täter auch in das 1945 wieder erstandene Österreich, rollt die späteren Verfahren auf: Die Richter sind milde.

Der mitten ins Geschehen geholte Leser erlebt, was passieren konnte, wenn ein Lagerarzt Anzeige gegen NS-Schergen erstattete, er wird auch Zeuge, wie schnell der Einbruch bestialischer Zustände in den Alltag der österreichischen Provinz zur Normalität wird, wie schnell aber auch alles nicht mehr gewesen sein soll in der berühmten Stunde Null.
Ludwig Laher
1955 in Linz geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philosophie in Salzburg. Dr. phil., lebt in St. Pantaleon in Oberösterreich.
Er schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen: dazu kommen wisschenschaftliche Arbeiten.
Siehe auch:
Laher in der Dorfzeitung >

Rezension von Karl Traintinger
Ludwig Lahers Roman „Herzfleischentartung“ ist kein gewöhnliches Buch. Es ist eine literarische Spurensuche, die das weitgehend vergessene „Arbeitserziehungslager“ in St. Pantaleon ins Licht rückt. Was heute fast unsichtbar ist, erzählt Laher mit eindringlicher Klarheit: Männer, die unter erbarmungslosen Bedingungen die Moosach begradigen mussten, später Roma-Familien, die im sogenannten „Zigeuner-Anhaltelager“ interniert wurden. Keiner von ihnen überlebte.
Laher schreibt leise, aber bestimmt. Seine Sprache bleibt sachlich, aber nah an den Menschen – sowohl an den Opfern als auch an den Dorfbewohnern, die das Geschehen mitbekamen. „Ab und zu hat man Schreie gehört“, erinnert sich ein Bauer – und spricht damit ein kollektives Schweigen an, das bis heute nachwirkt.
Das Besondere an Lahers Buch ist, dass es nicht belehrt, sondern einlädt hinzusehen – auch dahin, wo es weh tut. So wird „Herzfleischentartung“ zu einem bewegenden Stück Erinnerungskultur und stellt Fragen, die uns alle betreffen: Was hätten wir getan? Hätten wir hingeschaut? Oder geschwiegen?
Die kleine Gedenkstätte in St. Pantaleon erinnert heute an diese dunkle Geschichte. Lahers Buch geht weiter – es erzählt, rüttelt auf, bleibt im Kopf. Ein eindringlicher literarischer Beitrag gegen das Vergessen. Wer sich für Geschichte, Zivilcourage und Menschlichkeit interessiert, sollte es unbedingt lesen.
Anbei noch einige Fotos (KTraintinger) vom Originalschauplatz sowie von der Denkstätte:






Weblinks:
Arbeitserziehungslager Weyer >
Im Schatten der Mozartkugel >
Rezension – Im Schatten der Mozartkugel >

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