Klage: in Österreich so schlimm wie noch nie
Das geflügelte Wort „von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare“ ist weder neu noch besonders originell – und leider wahr. Wahr ist auch, dass der bürokratische Aufwand in Österreich unaufhörlich wächst – und für Kunst und Kultur besorgniserregende Ausmaße annimmt. Und das, obwohl stets von Bürokratie-Abbau und vom Sparen geredet wird. Für die „Juristerei“ scheint dies nicht zu gelten. Was steckt dahinter?

Von Tomas Friedmann
Literaturhaus Salzburg
„Die momentane Bürokratie ist eine Zumutung“, sagt Tomas Friedmann, Leiter und Geschäftsführer des Literaturhauses Salzburg. Er überblickt einen Zeitraum von über dreißig Jahren mit wechselnden Regierungen und einem Dutzend Kulturzuständigkeiten. „So arg war es noch nie – und die Bürokratie wird immer ärger. Sie behindert unsere Arbeit, sie blockiert und frustriert die Kolleginnen und Kollegen, sie kostet Zeit und Geld, das zunehmend fehlt.“ Friedmann fordert klare, verständliche wie sinnvolle und erfüllbare Vorgaben. „Bei allem Verständnis für Regeln und für Kontrolle von Organisationen, die öffentlich mitfinanziert werden, braucht es ein Grundvertrauen, Expertise, Wertschätzung und konstruktive Kommunikation sowie die Einsicht, dass durch die aktuelle Bürokratie Schranken aufgebaut werden, die der österreichischen Kultur schaden.“
Die Klage geht durch alle Bundesländer, beschäftigt IG Kultur ebenso wie IG Autorinnen Autoren und findet sogar bei Rudolf Scholten, Sonderberater des österreichischen Kulturministers, „100 Prozent Zustimmung“, wie er kürzlich bei einem Treffen in Salzburg öffentlich sagte. Betrug der zeitliche Aufwand für Anträge beim Bund früher ein paar Stunden (bzw. wenige Tage), so arbeiten heute mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam mit Geschäftsführung und Steuerberatung oft wochenlang daran – Scheitern nicht ausgeschlossen. Denn trotz Bemühen, alle geforderten Unterlagen, Kalkulationen, Budget- und Programmpläne, Kinderschutz- und Präventionskonzepte, Statistiken, Berichte usw. usf. ordnungsgemäß ONLINE hochzuladen, gelingt dies häufig wegen technischer Probleme, Formelfehler in Excel-Tabellen, funktionsgestörte Zwischenspeicherung etc. nicht. Dazu kommen Mahnungen wegen (angeblich) fehlender Whistleblowing-Meldekanäle, weil ministeriumsintern die eigenen rechtlichen, offiziell-gültigen Anforderungen unbekannt sind. Solche Ungereimtheiten lassen sich mit gutem Willen nach etlichen Telefonaten und E-Mails durchaus aufklären. Komplizierter sind Fragen nach der Nennung einer Personenanzahl samt Wochenstunden für Materialkosten oder Steuern und Gebühren in zweijähriger Vorausschau. Und wie plant man unbare Leistungen? Was genau ist mit der Anzahl von Autor:innen pro Veranstaltung im Schnitt in Summe für Veranstaltungen bei freiem Eintritt nach Geschlecht (weiblich/männlich/divers) gemeint? Absurd ist, die Zahl an Besucher:innen mit Eintritt für 2028 in eine Tabelle einzutragen, wenn man Ende November 2026 erfahren soll, ob man für 2027 eine Förderung bekommt? Nach Rückfragen wird man um Erläuterung zu Formularen ersucht, die allerdings wohl kaum gelesen werden dürften, da sonst nach Einreichung nicht die schriftliche Aufforderung einlangen würde, bis spätestens kommenden Freitag 12:00 Uhr doch alle Zahlen nachzureichen und Unterlagen aus 2024 mitzusenden, die – ebenso wie jene für das Jahr 2025 – längst übermittelt wurden – samt amtlicher Bestätigung über die erfolgreiche Abrechnung und korrekte Arbeit. Was steckt hinter überbordender Bürokratie? Geht es „nur“ um Angst – oder soll die (freie) Kunstszene „geknebelt“ werden?
Presseaussendung:
LITERATURHAUS SALZBURG
wo das Leben zur Sprache kommt
T. Friedmann, Leitung & Geschäftsführung
H.C. Artmann-Platz/Strubergasse 23
A-5020 Salzburg, Österreich

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