Die Kanzel als Stein gewordene Predigt

Die Marmorkanzel von Josef Zenzmaier in der Pfarrkirche Golling

Die Marmorkanzel (Tulpenkanzel) von Josef Zenzmaier in der Pfarrkirche Golling | Foto: Karl Traintinger

Wer die Pfarrkirche zum heiligen Nikolaus in Golling betritt, spürt rasch, dass dieser Raum über Jahrhunderte gewachsen ist. Hier steht nichts nur für sich allein, vieles erzählt von Erweiterungen, Veränderungen und vom wechselnden Blick auf Glauben und Kunst. Besonders deutlich wird das an der Kanzel.

Karl Traintinger

Von Karl Traintinger

Die Kirche selbst reicht in ihren Ursprüngen weit zurück. Eine alte Beschreibung hält fest, dass die erste Kapelle „vom heutigen Turm bis zur Kanzel“ gereicht habe. Damit wird die Kanzel auch zu einem stillen Grenzzeichen zwischen dem ältesten Teil des Gotteshauses und den späteren Bauphasen.

1804 erhielt die Kirche eine Kanzel im Empirestil, geschaffen vom Halleiner Tischler Schäfer. Mehr als 150 Jahre später wurde dieses Werk entfernt. In den Unterlagen ist von einer „unkünstlerischen“ Kanzel die Rede – ein hartes Urteil, aber auch Ausdruck eines neuen Kunstverständnisses der Nachkriegszeit. 1959 entschied man sich in Golling für einen klaren Schnitt und ließ eine neue Kanzel aus rotem Adneter Marmor anfertigen.

Den Auftrag erhielt der junge Bildhauer Josef Zenzmaier aus Kuchl/Strubau. Seine Gollinger Kanzel zählt zu den frühen wichtigen Arbeiten des Künstlers und ist bis heute ein bemerkenswertes Beispiel moderner sakraler Steinbildhauerei im Tennengau. Der rote Adneter Marmor verbindet das Werk mit der Region, seine Formensprache dagegen verweist deutlich in die Zeit um 1960.

Die Kanzel wirkt nicht schwer und abgeschlossen, sondern wie eine Form, die sich aus dem Raum heraus entwickelt. Ihr Fuß verdichtet sich nach unten, nach oben öffnet sich der Kanzelkorb fast blütenartig. Nicht zufällig wird sie auch „Tulpenkanzel“ genannt. Diese organische Bewegung gibt dem Werk etwas Lebendiges. Es ist moderne Kunst, aber keine, die dem Kirchenraum widerspricht. Vielmehr nimmt sie dessen Höhe, Rhythmus und Ernst auf.

Dazu kommen die Symbole der vier Evangelisten: Menschengesicht, Löwe, Opferstier und Adler. Sie gehen auf die Vision des Propheten Ezechiel zurück und verleihen der Kanzel ihre theologische Tiefe. So wird aus dem Ort der Predigt selbst ein Bildträger des Evangeliums.

Gerade darin liegt die Qualität dieser Arbeit. Zenzmaier wollte keinen historischen Stil nachahmen. Er suchte eine Form, die in ihrer Zeit steht und dennoch dem sakralen Raum gerecht wird. Das ist ihm in Golling gelungen. Die Marmorkanzel ist kein bloßes Ausstattungsstück, sondern ein Werk mit Haltung, Ruhe und Kraft.

Heute gehört sie selbstverständlich zum Bild der Kirche. Doch ihr Entstehen war ein Einschnitt. Die Kanzel markiert den Moment, in dem sich eine alte Pfarrkirche für eine neue künstlerische Sprache öffnete – ohne ihre Würde zu verlieren.

Josef Zenzmaier (1933–2023), geboren in Kuchl, war einer der bedeutenden Bildhauer Salzburgs. Nach seiner Ausbildung in Hallein und Studien unter anderem bei Giacomo Manzù entwickelte er eine eigenständige plastische Sprache, die sakrale und öffentliche Räume bis heute prägt. Die Gollinger Marmorkanzel gehört zu seinen frühen wichtigen Arbeiten.

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