Die Kunst der ungeschminkten Begegnung

Die Kunst der ungeschminkten Begegnung

Lisette Model in der ALBERTINA

Diese Ausstellung fühlt sich an wie ein Spaziergang durch echte Gesichter und echte Leben. In der Wiener ALBERTINA läuft aktuell die stärksten Lisette-Model-Retrospektive, die ich je gesehen hat. 154 Fotos, 154 Momente, in denen man den Atem der Straße fast spürt.

Von Karl Traintinger

Model fotografierte nicht – sie begegnete. Ihr berühmter Satz, „Schieß aus dem Bauch heraus!“, beschreibt ihre Haltung ziemlich genau: intuitiv, spontan, ohne sich hinter Technik oder Konzept zu verstecken. Sie ging nahe heran, suchte die Reibung, aber auch die Komik, das Menschliche, das Zärtliche im Unperfekten. Ihre frühen Bilder der feinen Gesellschaft an der Promenade des Anglais wirken heute noch wie kleine Theaterstücke, voller Ironie, aber ohne Spott. Und diese Nähe war oft erst in der Dunkelkammer komplett: durch harte, enge Ausschnitte rückte sie Menschen so dicht ins Bild, dass man glauben könnte, sie stünden direkt neben einem.

Nach ihrer Emigration 1938 begann sie in einer Stadt neu, die sie gleichzeitig feierte und herausforderte – New York City. Für Harper’s Bazaar fotografierte sie bald, doch Mode allein interessierte sie nicht. Es war die Stadt selbst: die Gegensätze von Glamour und Armut, Jazzbars und Straßenecken, Menschen, die lachen, tanzen, kämpfen. Ihre ikonische Aufnahme Coney Island Bather hängt hier wie ein alter Bekannter – laut, rau und genial ordinary.

Die 1950er brachten harte Jahre. In der Zeit des Antikommunismus wurde sie als Mitglied der Photo League vom FBI beobachtet, verlor Aufträge, verlor öffentliche Bühne, fand aber eine andere: die Lehre. Ihr Blick auf die Welt lebt in den Arbeiten späterer Künstler:innen fort und haftet wie ein Fingerabdruck an der amerikanischen Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Ein kleines, leises Highlight der Schau ist der erstmals gezeigte Entwurf ihrer 1979 erschienenen Monografie. Keine Hochglanz-Publikation, sondern ein Arbeitsdokument, auf dem noch Kaffeeflecken von Entscheidungen kleben: hier wählte eine Fotografin Bilder aus, als würden sie Freunde vorstellen, nicht Kunstikonen. Mit dem Bauch, aber auch mit Herz.

Wer durch diese Räume geht, merkt schnell: Diese Fotos wollen nichts beschönigen. Sie halten stand – den Räumen, den Zeiten, den Blicken. Aber sie halten auch uns aus. Und gerade darin liegt ihre Wärme. Es ist die Wärme der direkten Begegnung, die keine Angst hat vor Rissen, Falten oder lauten Momenten: eine Kunst, die schonungslos ist und gerade deshalb so sehr lebt.

Diese Retrospektive schafft keine Distanz. Sie ist ein Augenblick neben einem. Ein ehrliches Gespräch ohne Worte zwischen Linse und Mensch – und zwischen Mensch und uns.

1010 Wien Albertinaplatz 1
Lisette Model Retrospektive – bis 22. Februar 2026

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