Rubem Victor de Moura Borges, der Vater meines Freundes Vinícius, pflegte zu sagen: „Je älter wir werden, desto schneller vergeht die Zeit.“

Von Reinhard Lackinger,
Pensionierter Beislwirt in Salvador, Bahia, Basilien
Rubinho, wie wir diesen alten, liebenswürdigen Mann nannten, starb kurz nach seinem siebenundneunzigsten Geburtstag. Jedes Mal, wenn er sagte: „Je älter wir werden, desto schneller vergeht die Zeit“, fügte er sogleich hinzu, es sei sinnlos, mit jüngeren Generationen darüber zu reden. Dabei blickte er mich halb prüfend, halb zweifelnd an.
Meine Frau und ich werden in wenigen Monaten 80. Vor sechs Jahren, mit Beginn der Corona-Pandemie, schlossen Maria Alice und ich unsere thematische Gaststätte, in der wir geneigten Gästen achtzehn Jahre lang altösterreichische Gerichte und gut gehopftes Bier servierten. Seitdem erledige ich nur noch einige wenige Hausarbeiten. Ich wasche meine Unterwäsche und erledige Aufgaben, die meiner Größe und Kraft entsprechen. Ich versuche auch, Probleme mit einem Schraubenzieher oder einem anderen kleinen Werkzeug zu lösen. Danach werde ich sofort wieder untätig.
Nur mittwochs und donnerstags bewege ich mich etwas mehr – im Supermarkt. Dazu gehört das Einkaufen von Tonic Water und Bier und das Schieben des Einkaufswagens bis zum Auto. Dabei stütze ich mich auf das fahrbare Drahtgestell und mache es mir zum Rollator. Dass mein betagter, benzinverbrennender Gol, Baujahr 1999, ein Schaltgetriebe und keine Servolenkung hat, mag zwar keine Entschuldigung sein, aber ich verbrauche beim Autofahren deutlich mehr Energie als beim Schreiben, beim Lesen oder beim Schlafen.
Während meiner Zeit als Gastwirt gönnte ich mir nach dem Mittagessen ein Nickerchen. Danach duschte ich, zog meine Arbeitskleidung an – weiße Socken, Sandalen, lange Hose mit roten Hosenträgern und ein kurzärmeliges weißes Hemd – und fuhr zum Porto da Barra hinunter, um das Bistro PortoSol aufzusperren. Heutzutage dauert mein Nickerchen länger, deutlich länger.
Könnte die zunehmende Inaktivität und die vielen Stunden, die ich als älterer Mensch schlafend verbringe, etwas mit dem Phänomen zu tun haben, das Rubem Borges erwähnte? Alles deutet darauf hin, dass dem nicht so ist. Rubinhos kurioser Tagesablauf widerspricht dieser Theorie. Zusammen mit seinem Sohn Vinícius betrieb er in unserer Nachbarschaft eine von mir – an meinem Ruhetag – besuchte Snackbar, die montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr geöffnet war. Das ließ dem greisen Herrn, der etwa sechs Kilometer von seinem Lokal entfernt wohnte, kaum Zeit für ein Nickerchen.
Warum sagt ein hochbetagter Mensch, dass die Tage, Wochen, Monate und Jahre mit zunehmendem Alter immer schneller vergehen?
Ich denke darüber nach, weil ich seit einiger Zeit denselben Eindruck gewinne. Ein Gefühl, das sich schleichend in mein Wesen saugte und sich wie ein Blutegel in meinem Kopf festgesetzt hat. Kaum ist Sonntag, dessen träges Nichtstun nur mit der vierhändigen Zubereitung eines besonderen Mittagessens gerettet werden kann, folgen die weit lebendigeren Wochentage wie Tarockkarten bei einem Durchmarsch, und im Nu ist schon wieder Sonntag. Was der Montag für den Berufstätigen ist, ist der Sonntag für den Rentner. Zumindest für mich und Maria Alice.
Die Häufigkeit, mit der sich die Sonntage wiederholen, hat deutlich zugenommen. Als wären sie aufdringliche Eindringlinge. Die Tage, besonders die Sonntage, scheinen sich anzuhäufen und zu überschneiden. Könnte es sein, dass die Tatsache, im Ruhestand zu sein, ein ruhiges und friedliches Leben zu führen und nicht mehr arbeiten, Geld verdienen, ein neues Auto besitzen oder die Welt bereisen zu müssen, uns älteren Menschen einen Streich spielt? Ist es, als ob sich eine Tür zu einer neuen Sinneswahrnehmung geöffnet hat, durch die sich die Tage zwängen wie eine Ochsenherde, die mit Stockhieben aus dem Corral getrieben wird? Tage, die immer schneller vergehen?
Jungen Menschen ist alles fremd. Sie müssen erleben, ausprobieren und sich beweisen. Doch schon bald wird vieles zur Routine. Wer aufhört, Risiken einzugehen, Unbekanntes zu versuchen und Neues zu erlernen, für den scheinen Stunden und Tage endlos zu sein, oder nicht? Mit zunehmendem Alter resümiert und verdichtet sich die vertraute Routine und fasst sich zusammen, was zu Abkürzungen führt. Liege ich hier richtig?
Es hat jedenfalls den Anschein, dass die letzten Phasen des Alters eilends ins Stolpern kommen und sich überstürzen.
Wie in einem Film, in dem die Bilder, die in normaler Geschwindigkeit aufgenommen wurden, schneller und im Zeitraffer abgespielt werden.
Die Ereignisse der letzten Woche ballen sich, als wollten sie mit denen von vorgestern und gestern verschmelzen. Ein Monat erscheint wie eine Woche, und kaum glaubt man, gestern sei Sonntag gewesen, fährt man schon wieder in den Supermarkt … und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Und es ward Abend, und es ward Morgen: ein Tag …
In der letzten Minute des menschlichen Lebens verwandelt sich unser schwerfälliger Ochsenkarren, der sich jahrzehntelang träge über einen matschigen Weg geschleppt hat, in einen feurigen Formel-1-Rennwagen, und der kleinste Bruchteil einer Sekunde wird zur Ewigkeit.
Das Leben schwindet im Moment des Todes. Im letzten Akt und bei der endgültigen Trennung vom Körper geschieht die festliche Vereinigung des Bewusstseins mit dem Unbewussten … in Form eines verklärenden, alles erklärenden Blitzes, der als überirdische oder himmlische Unendlichkeit keine weltliche Zeit mehr braucht.

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