Eine Pistole in einer Kirche: Matthias Nogglers Ausstellung The Uselessness of Defense setzt auf einen bewusst irritierenden Gegensatz. In der Salzburger Andräkirche zeigt der Künstler großformatige Malereien, die sich mit der „Sinnlosigkeit der Verteidigung“ auseinandersetzen sollen.

Von Karl Traintinger
Im Zentrum steht stets dasselbe Motiv: die Pistole. Trommel, Lauf und Griff bleiben erkennbar, doch Noggler zerlegt die Waffe in farbige Flächen, deformiert ihre Konturen und löst sie zunehmend in Abstraktion auf. Aus dem potenziellen Tötungswerkzeug wird ein instabiles Bildzeichen. Als reale Waffe ist sie außer Funktion gesetzt – als Zeichen von Gewalt und Tod bleibt sie jedoch unvermindert wirksam.
Denn die Pistole ist tief im kollektiven Bildgedächtnis verankert – in Nachrichtenbildern, Filmen, Videospielen und der industriellen Alltagskultur. Sie steht für Macht, Bedrohung und Kontrolle. Noggler versucht, diese Gewaltsemantik malerisch zu neutralisieren. Ob das gelingt, bleibt bewusst offen: Gerade durch ihre starke Ästhetisierung gewinnt die Waffe eine neue visuelle Faszination.
Die Serie lebt von Wiederholung und Variation. Die Pistole dreht sich, wird gestaucht, gedehnt und zerlegt. Ihre metallische Härte weicht leuchtenden Primärfarben, monochromen Hintergründen und einer comichaften, bisweilen grotesken Formensprache. Erst im Zusammenspiel der Bilder wird der Prozess ihrer Auflösung sichtbar.
Kunsthistorisch verbindet Noggler unterschiedliche Traditionen. Die standardisierte Pistole erinnert an die Motivwelt der Pop-Art, während ihre symbolische Reduktion Anklänge an die Ikonenmalerei aufweist. Auch moderne Kirchenkunst, Mosaike, Glasfenster und Gebrauchsgrafik finden in den prismatisch gebrochenen Formen und harten Farbkontrasten ihren Widerhall.
Der sakrale Ausstellungsort verstärkt die Wirkung. Die Kirche steht als Raum des Friedens und der Versöhnung der Darstellung einer Waffe gegenüber. Dieser Gegensatz verleiht den Bildern ihre politische Aktualität – besonders in einer Zeit neuer Aufrüstung und wachsender Sicherheitsdiskurse.
Noggler formuliert jedoch kein eindeutiges pazifistisches Statement. Seine Arbeiten zeigen vielmehr, wie schwer sich ein Gewaltzeichen auslöschen lässt. Selbst in der malerischen Zerlegung bleibt die Pistole präsent. Die Ausstellung überzeugt dort, wo sie diese Ambivalenz aushält: zwischen Kritik und Faszination, Gegenständlichkeit und Abstraktion, Bedrohung und dekorativer Farbigkeit.




Matthias Noggler, 1990 in Innsbruck geboren, lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Nach seinem Studium an der Universität für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste Wien gilt er als vielversprechende Stimme der zeitgenössischen Kunst. Mit Gouache, Stift und Farbe auf Papier oder Leinwand untersucht er das Wechselspiel von Figur, abstrakter Geometrie und architektonischem Raum.
Andräkirche Salzburg
Matthias Noggler: The Uselessness of Defense
Bis 30. 8. 2026 Di – Sa 11-18 Uhr

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