„Die Welt im Ganzen“ – Jedermann stirbt am Kommunalfriedhof

Sommerszene "ohnetitel"

Das Künstlerkollektiv „ohnetitel“ überrascht immer wieder mit außergewöhnlichen Theater- und Kunstprojekten. Im Rahmen der Sommerszene 2024 wird das Publikum zu Jedermanns Tischgesellschaft auf einen Gottesacker geladen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Hier warten an 48 Tischen Personen mit ganz individuellen Lebensläufen, verkörpern Jedermanns Allegorien und empfangen die Besucher zu Tischgesprächen. Glaube, Buhlschaft, Werke, Mammon, Tod, Armer Nachbar, Jedermanns Mutter und Guter Gesell stehen zur Auswahl, doch leider ist nur Zeit für vier von ihnen. Bei traumhaft schönem Wetter durfte am 7. Juni 2024 über die ewigen Fragen diskutiert werden.

Vom Treffpunkt am Haupteingang des Kommunalfriedhofs marschieren wir gemeinsam zur Aussegnungshalle, wo wir von Thomas Beck stilvoll begrüßt werden: „Jetzt habet allesamt Achtung Leut, und hört, was wir vorstellen heut!“ Doch Dorith Ehlers will von Hugo von Hofmannsthals Originaltext nichts hören, denn heute soll alles ganz anders werden. Es wird zu einem Rollenwechsel kommen, wobei die Allegorien die Hauptrolle übernehmen und jedermann und jedefrau bei ihnen zu einem Stadtgespräch Platz nehmen werden.

In zwei Gruppen aufgeteilt, gibt es als Einstimmung einen philosophischen Rundgang, in dem es um Ewigkeit und Endlichkeit geht. Schlaue Erkenntnisse aus Tischgesprächen mit einem Theologen und einem Philosophen sollen zur Aufklärung beitragen. An die Vergänglichkeit erinnert das Ticken eines Metronoms, das die szenischen Aktionen von Schauspieler*innen begleitet. Bei einer kleinen Rast werden wir auf diesem traumhaft anmutenden Spaziergang auch musikalisch verzaubert.

Bei unserer Rückkehr sehen wir, dass in der Zwischenzeit 48 Personen an den Tischen Platz genommen haben und nun auf uns warten. Auf den gläsernen Tischen befinden sich Sanduhren, die die Endlichkeit symbolisieren. Ein Blick auf den verspiegelten Tisch zeigt uns die Äste der Bäume und dazwischen die Unendlichkeit des Himmels. Sobald wir Platz genommen haben, wird die Sanduhr umgedreht und jetzt haben wir zehn Minuten Zeit. Eine sanfte Frau mit Kopftuch stellt sich als Fatima „Der arme Nachbar“ vor.

Sie erzählt völlig ruhig und stets lächelnd von ihrer Flucht und wie glücklich sie in Österreich sei. Ein überaus interessantes Gespräch, das mich zutiefst berührt hat. Die „Werke“ verkörpert eine Frau aus dem Sozialbereich und die ist nicht zu bremsen. „Jedermanns Mutter“ stellt sich gleich als Großmutter vor, auch dieses Gespräch ist völlig locker und unkompliziert. Dass der „Tod“ im wirklichen Leben ein Tierarzt ist, finde ich absolut passend.

Das stimmungsvolle Finale findet in der Aussegnungshalle mit einem Konzert der vier Musiker*innen (Per Oftedan, Christoph Pepe Auer, Marina Iglesian, Marco Sala) statt. Viel Applaus für das große Ensemble von Schauspieler*innen, die Musiker*innen und die zahlreichen Allegorien. Ein absolut einzigartiges, sehr aufwändiges Projekt. Gratulation!

Dorfgockel

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