Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama aus dem Jahre 1947 ist ein Protestschrei gegen die zerstörerische Macht des Krieges und wird gerne als Schullektüre eingesetzt. Jakob Schulte, Regiestudent am Thomas-Bernhard-Institut, hat das Drama über den seelisch und körperlich verwundeten Kriegsheimkehrer Beckmann bearbeitet und der aktuellen, bedrohlichen geopolitischen Situation gegenübergestellt. Ein Abend, der aufwühlt und betroffen macht. Viel Applaus bei der Vorstellung am 24. April 2026 in der ARGEkultur Salzburg.

Drei Soldaten, zwei Damen und ein Herr, verkörpern Beckmann, der nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien in seine Heimat zurückkehrt. Noch wird munter „Tapfere, kleine Soldatenfrau“ gesungen und sich über den ehemaligen Vorgesetzten, Oberst Schöner, lustig gemacht. Schöner war der gepflegteste Mann in Stalingrad und hatte sogar ein Nagel- und Duftstudio im Schützengraben. Da er sehr geräuschempfindlich war, wagte niemand in seiner Gegenwart zu husten, denn das bedeutete 50 Liegestütze. Bellende Hunde wurden sofort erschossen. Mit seinen vielen Orden sah er zwar aus wie ein laufender Christbaum, doch die drei sind sich einig: „Er war ein Schwein!“
Zurück in der Heimat muss Beckmann feststellen, dass das Messingschild an seiner Wohnung ausgetauscht wurde. Er erfährt, dass sich seine Eltern selbst mit Gas „entnazifiziert“ haben und am Friedhof in Ohlsdorf liegen. Nun geht er bei dem intellektuellen Herrn Biedermann, einem Kunsthochschullehrer, in Dienst. Hier muss er ständig betonen, dass er kein Unruhestifter (Brandstifter!) ist. Zu seinen Pflichten gehören nun, aus Tolstois „Krieg und Frieden“ vorzulesen, Stiefel zu putzen und Hemden zusammenzulegen. Da ihn die Gräuel des Krieges ständig verfolgen und er kaum noch Schlaf findet, wagt er einen Suizidversuch im Fluss, der jedoch scheitert. So sucht er Oberst Schöner auf, um ihm die Verantwortung zurückzugeben. Er hat ja nur elf Mann verloren. Diese Anzahl würde doch bei den Verlusten von Schöner, die in die Hunderttausende gehen, gar nicht auffallen. Vielleicht nützt es aber auch, den alten Pelzmantel, ein Geschenk von Schöner, zu vernichten. Als dieser in Flammen aufgeht, kippt die Stimmung auf der Bühne.
Weg mit den Uniformen, denn jetzt gibt es eine große Auktion. Deutschland braucht Geld. Es muss wieder aufgerüstet werden. Wir müssen uns jetzt schützen. Das Publikum hat nun die Möglichkeit, ein Stück Geschichte zu erwerben und mit nach Hause zu nehmen. Es gibt Stiefel mit Stahlkappe und hochwertige Baumwollhemden zu ersteigern. Auch Karriereverträge der deutschen Bundeswehr werden verteilt. Eine Unterschrift und schon ist man trotz österreichischer Staatsbürgerschaft dabei. Nur gut, dass der Musiker Johannes Brömmel mit dem Lied „Wie wär’s mit Frieden?“ für ein versöhnliches Ende sorgt.




Als Einstimmung auf diesen Theaterabend gibt es die Möglichkeit, sich im Foyer über Kopfhörer die Antworten von Lehrlingen der Universität Salzburg auf aktuelle, thematisch zum Stück passende Fragen anzuhören. „Warum werden Kriege geführt?“ „Was bedeutet Angst für dich?“ „Wie stellst du dir deine Zukunft vor?“ Leider blicken die jungen Menschen nicht sehr optimistisch in die Zukunft, denn die Kriege werden immer mehr und rücken bedrohlich näher. Diese Erwiderung auf „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert ist eine Kooperation mit der Reihe „K3 – Kulturvermittlung mit Lehrlingen“ und läuft unter dem passenden Titel „Vor unserer Tür“.
Jakob Schulte hat es mit dieser Inszenierung geschafft, den doch sehr tristen Stoff mit erstaunlich viel schwarzem Humor zu servieren, wobei die maßlosen Übertreibungen, der Friedhof in Ohlsdorf sowie der Satz „Ich protestiere nicht mehr!“ aus „Heldenplatz“ an Thomas Bernhard erinnern sollen. Ein absolut gelungener, leider schon wieder sehr aktueller Theaterabend in der ARGEkultur.
„Draußen vor der Tür“ – frei nach Wolfgang Borchert. ARGEkultur Salzbur. | Es spielen: Konstantin Lohnes, Pia Dembinski, Mariia Soroka. Komposition und Live-Musik: Johannes Brömmel. Bühnenbild: Yvonne Schäfer. Kostümbild: Caroline Ulmar. Regie: Jakob Schulte. Sox LPS Engineering: Stefan Ebner. Fotos: ARGEkultur Raphael Mittendorfer

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