Es tut nicht weh

"the great vehicle - Markus Redl | Milton and Roslyn Wolf-Park, Sammlung Würth | Foto: Karl Traintinger

"the great vehicle - Markus Redl | Milton and Roslyn Wolf-Park, Sammlung Würth | Foto: Karl Traintinger

Alois Schöninger

Von Alois Schöninger
Hallein, Salzburg

Folgende Geschichte hat sich zugetragen.

Mein Motorrad machte Zicken. Nichts Dramatisches. Die Vorderradbremse bremste nicht sauber und rund. Außerdem mussten die Befestigungen des Windschilds erneuert werden. Das allerdings war mein eigenes Werk. Ich hatte beim Umbau geschlampt. Man ist eben nicht in jedem Metier ein Guru.

Die Gewährleistung war noch gültig. Also ab zum Händler nach Salzburg.

Das bedeutete: Um sechs Uhr aufstehen. Um sieben Uhr die mehr als 70 Kilometer fahren. Motorrad abgeben. Fehler erklären. Zu Fuß zum Bahnhof. Mit dem Zug nach Hallein. Den eigenen Laden rechtzeitig aufsperren. Am Abend die ganze Strecke wieder retour. Ein kleines Abenteuer – zumindest auf dem Papier. In der Realität heißt so etwas Zeitdruck. Und bei über 30 Grad in Motorradkleidung durch die Stadt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, gehört nicht unbedingt zu den Dingen, die man sich freiwillig aussucht.

Ich mache es kurz.

Die Bremsscheiben mussten bestellt werden. Also war ein zweiter Werkstatttermin notwendig. Motorrad wieder abgeholt und losgefahren. Nach wenigen Kilometern bemerkte ich, dass das vom Händler provisorisch befestigte Windschild verdächtig flatterte. Es sah aus, als hätte es beschlossen, ab sofort ein eigenständiges Leben zu führen.

Nächste Parkmöglichkeit. Anhalten. Nachsehen.

Ich rüttelte vorsichtig am Windschild. Ein Fehler. Denn plötzlich hielt ich das komplette Teil in beiden Händen.

Werkzeug? Natürlich keines dabei.

Für einen kurzen Moment spielte ich sämtliche Möglichkeiten durch. Vom Mistkübel bis zum Neukauf war alles dabei. Schließlich kam die pragmatische Lösung. Windschild in den Rucksack. Mit den seitlichen Schlaufen kunstvoll befestigt. Der Rucksack blieb offen, weil das Ding schlicht zu groß war. Also fuhr ich die restlichen 65 Kilometer mit offenem Rucksack, regelmäßigem Blick in den Rückspiegel und deutlich weniger Ehrgeiz am Gasgriff.

Und wissen Sie was?

Ich musste unterwegs mehrmals darüber lachen. Manchmal schreibt das Leben Geschichten, auf die kein Drehbuchautor kommen würde.

Eine Woche später wieder nach Salzburg. Das Windschild hielt auf der Hinfahrt dank Panzerband erstaunlich zuverlässig. Beim Abholen waren die neuen Bremsscheiben montiert, das Schild diesmal bombenfest befestigt.

Perfekt.

Das Entscheidende an der Geschichte ist aber etwas anderes.

Ich habe den Händler nicht angerufen, um ihn zusammenzustauchen. Ich habe nicht mit dem Anwalt gedroht. Ich habe keine böse Bewertung geschrieben und mich auch nicht in den sozialen Medien empört.

Ich habe einfach erzählt, was passiert ist. Freundlich. Sachlich. Damit man intern vielleicht den Ablauf verbessert. Mehr nicht.

Denn Fehler passieren.

Mir genauso wie jedem anderen.

Am Ende war ich mit der Arbeit so zufrieden, dass ich dem Händler sogar eine E-Mail geschrieben habe. Einfach, um Danke zu sagen.

Warum?

Weil ich selbst weiß, wie gut sich das anfühlt. Wenn ein Kunde in mein Geschäft kommt und erzählt, wie glücklich er mit seinen Schuhen ist. Oder wenn eine ehrliche, positive Google-Rezension eintrifft. Das ist mehr wert, als viele glauben.

Wir leben in einer Zeit, in der sich kollektives Aufregen beinahe zum Volkssport entwickelt hat. Dabei hinterlässt es meist nur verbrannte Erde. Lösungen entstehen dadurch selten.

In dieser Geschichte gab es am Ende nur Gewinner.

Ich habe funktionierende Bremsen. Ein Windschild, das vermutlich einen Orkan überstehen würde. Der Händler hat einen Hinweis bekommen, wie er seine Abläufe verbessern kann. Und beide Seiten sind mit einem guten Gefühl auseinandergegangen.

Eigentlich erstaunlich.

Freundlichkeit kostet nichts.

Aber manchmal bringt sie erstaunlich viel.

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