
Autor: Frankétienne
Aus dem Französischen: Richard Steurer-Boulard
Titel: Eine Aufforderung zum Kampf
Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 978-3-940435-51-4
Verlag: Litradukt Literatureditionen
Erschienen: 15.03.2026
Buch in der Salzburger
Rupertus-Buchhandlung kaufen >
Klappentext:
Die Bürger des kleinen haitianischen Dorfes Bois-Neuf leben in völliger Unterwerfung unter den Magier Saintil. Clodonis, ein Student, dessen „unverschämte“ Bildung Saintils Macht bedroht, wird von ihm in einen Zombie verwandelt und muss Sklavenarbeit auf Reisfeldern verrichten, doch Saintils Tochter verliebt sich in ihn. Sie gibt ihm Salz und weckt ihn so aus seiner Apathie.
Clodonis verteilt ds Salz an die anderen Zombies, die ebenfalls erwachen. Wird es ihnen im Bund mit den Dorfbewohnern gelingen, die Macht des Zauberer zu brechen? Das Wiedererwachen der Zombies in dem zur Duvalier-Zeit entstandenen Roman wird zur Metapher für den Kampf gegen die Diktatur.

Rezension von Anna Lemberger
Der Voodoo-Priester Saintil kennt die Kräuterrezeptur, mit der er Menschen gefügig machen kann. Beim Vorgang der Zombisierung werden ahnungslosen Opfern Gifte in ihre Getränke gemischt, um sie zu willenlosen Sklaven zu machen. Als Geschöpfe ohne eigenen Antrieb sind sie der Willkür ihrer Folterknechte schutzlos ausgeliefert.
Einer von ihnen ist Clodonis, der Saintil aufgrund seiner Intelligenz zu gefährlich wurde. Durch ein vergiftetes Getränk betäubt, muss er nun als Zombie auf den Reisfeldern des Zauberers schuften. Sultana, Saintils Tochter und verantwortlich für die Verpflegung der Zombies, entbrennt in sehnsüchtiger Liebe zu dem muskulösen Clodonis. Nach vielen vergeblichen Versuchen, dem Willenlosen Gefühle zu entlocken, greift sie schließlich zum verbotenen Salz, um ihm sein Gedächtnis zurückzugeben.
Der haitianische Autor und Maler Frankétienne verfasste das französische Original bereits 1975; nun, rund 50 Jahre später, liegt es in deutscher Übersetzung vor. Kennzeichnend für das Werk ist, dass Frankétienne den Voodoo-Priester Saintil als Metapher für die grausame Unterdrückung der haitianischen Bevölkerung während der Duvalier-Diktatur einsetzt.
François Duvalier (genannt „Papa Doc“) – und später sein Sohn Jean-Claude („Baby Doc“) – nutzten den Voodoo-Glauben gezielt als Machtinstrument, um die Bevölkerung zu terrorisieren, ganz wie der bösartige Antagonist des Buches. Saintil bedient sich zur Unterdrückung seiner „Zombies“ seines Handlangers und Folterknechts Zofer, der in sadistischer Manier keine Grausamkeit auslässt, um die Wesen zu erniedrigen.
Auch Sultana wird eingespannt: Sie muss den Zombies täglich eine salzlose Brühe vorsetzen. Ihr Vater instruiert sie streng, keinesfalls Salz zu verwenden, da dieses die „lebenden Toten“ erwachen ließe. Sie würden zu „Neu-Holz“ werden und bittere Rache für die jahrelange Unterdrückung nehmen. Als jedoch bei der jungen Frau die Menschlichkeit über den Gehorsam siegt, beginnt das brutale System zu wanken – analog zum historischen Umsturz in Haiti.
Schon das beeindruckende Cover lädt zur Lektüre ein. Die Einleitung bereitet die Leserschaft auf ein herrschendes Chaos vor, mit dem der Autor die damaligen Zustände Haitis in seiner Erzählweise spiegelt. In drei verschiedenen literarischen Stilen drängt Frankétienne sein Publikum vom linearen Weg ab und fordert dazu auf, über den Tellerrand hinauszublicken.
Als Begründer des Spiralismus schreibt Frankétienne in einer sich drehenden Spirale, die ohne klassischen Anfang und ohne Ende auskommt. Damit spricht er eine kritische Leserschaft an, die bereit ist, sich intensiv mit der komplexen und zunehmend tristen Geschichte Haitis auseinanderzusetzen. Es ist unerlässlich, dass sich die Leser den Folgen eines aggressiven Imperialismus stellen, der Haiti zu einem der ärmsten Länder der Welt gemacht hat.
So wollte der 2025 verstorbene Autor auch verstanden werden: Er suchte kein passives Publikum, sondern forderte, dass die Leser beim Erarbeiten seiner Bücher „genauso schwitzen, wie er es beim Schreiben getan hat“. Frankétienne ermutigt dazu, sich der düsteren Realität von Sklavenhandel und Ausbeutung ungeschönt zu stellen. Zwar deutet das Ende des Buches die Befreiung aus den Fängen der Duvalier-Diktatur an, doch wirtschaftlich hat sich das Land bis heute nicht von diesen Wunden erholt.
Eine literarische Herausforderung. „Eine Aufforderung zum Kampf“ ist ein wortgewaltiges Werk, in dem der Autor bewusst das Chaos seines geliebten Heimatlandes widerspiegelt. Es ist kein Buch für zwischendurch; man muss es sich in kleinen Schritten erarbeiten. Wer jedoch bereit ist, sich auf die literarische Welt von Frankétienne einzulassen, wird um eine faszinierende und tiefgreifende Erfahrung bereichert.

Sie schätzen die Buchkritiken in der Dorfzeitung?
Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft)! Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es möglich, unabhängig zu bleiben.
Es gibt zwei einfache Wege, zum Freund der Dorfzeitung zu werden.
Überweisung der Abogebühr (ohne Kreditkartenabo)
Sie werden für ein Jahr ein außerordentliches Vereinsmitglied (ohne Rechte und Pflichten) des Herausgebervereins (Kulturverein Dorfzeitung KULTUR online) zum Jahrespreis von 54 €. Es ist dazu ihre Post- und E-Mailadresse notwendig, damit wir die Rechnung für den Mitgliedsbeitrag schicken können. Nach Eingang der Zahlung bekommen Sie einen Steady-Gastzugang für 1 Jahr. Verlängerungen sind möglich. Kontaktformular >
Direktabo mit Kreditkartenzahlung
Ein weiterer Weg ist ein Direktabo via Steady, wie es im Folgenden beschrieben und angeboten wird.
INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE

Kommentar hinterlassen zu "Frankétienne: Eine Aufforderung zum Kampf"