Freitagabendprogramm mit Così Fan Tutte

Auge

Foto: Karl Traintinger

Seit der missglückten Katarakt-Operation am vergangenen Dienstag betrete ich am Freitag darauf schon wieder die Ophthalmologische Klinik.

Reinhard Lackinger

Von Reinhard Lackinger,
Pensionierter Beislwirt in Salvador, Bahia, Basilien

Seit Mittwoch weiß man, dass die Linse nicht am richtigen Ort geblieben ist. Es geht also diesmal nicht um die pünktliche Verabreichung der Tropfen, sondern um die Prozedur, die Linse genau zu adjustieren und zu festigen.

Der Wartesaal ist voll und ich sehe keine freie Sitzgelegenheit, auf die ich meinen übergewichtigen Körper werfen könnte. Unter den Patienten mit unterschiedlichstem Äusserem fällt mir ein Mann auf, der älter aussieht, als er in Wirklichkeit zu sein scheint. Sein lebhafter Gesichtsausdruck erinnert mich an Paulo Freire, den bedeutsamen Pädagogen Brasiliens. Rundherum: Glatze, Brille und weißer Rauschebart.

Diese Beobachtung macht mich auf die Bewegung der Frau aufmerksam, die sich neben dem Alten langsam aus dem Stuhl schält und den resoluten Schritten einer Bediensteten in weißem Kittel folgt. Sofort reagierend, komme ich vor den anderen Wartenden zum Sitzen.

Auf den Fernseh-Bildschirmen an den Wänden laufen lautlose Bilder wie beim olympischen Synchronschwimmen.

Seit Beginn der Woche zeigen die Medien die Horrorszenen von den am Sonntag zu Tode getretenen Männern mit Sportklub Bahia-Dress- Leibchen.

Kadaver, die nach dem, von der gegnerischen Mannschaft verlorenen Lokalderby, auf dem Asphalt zurückbleiben. Die Horde der aufgebrachten Schlachtenbummler verschwindet aus dem Blickfeld der Überwachungskamera.

– Furchtbar, sage ich. – Wie kann es nur zu so brutalen Auswüchsen kommen?

– Das hört sich wie eine rhetorische Frage an, gibt der Weißbärtige von sich wie jemand, der mich bereits durchschaut zu haben scheint. Sein Kinn und die Mundpartie nehmen sogleich eine Stellung ein, um bequem weiterzureden.

– Das Individuum verstummt immer mehr und mehr! Ich meine damit das trabende bis galoppierende Unvermögen der Erdenbürger, Gedanken in Worte zu verwandeln.

Solange gesprochen wird, kann es eine Verständigung geben. Wenn Worte fehlen, sprechen die Fäuste, wie Autoren billiger Kriminalromane ihre breit getretenen Floskeln in die Tasten hämmern.

Das menschliche Auge kann immer weniger mit Geschriebenem, mit Buchstaben anfangen. Der Wortschatz versiegt zusehends.

Das führt zu einer Vereinsamung, zur Angst vor dem Fremden und ohne es zu bemerken, meidet der mittlerweile Diskussionsunfähige den persönlichen Kontakt mit Angehörigen eines anderen Kulturkreises; mit Gläubigen einer Religion mit ungewohnter Liturgie; mit befremdenden Traditionen; mit oppositionellen Parteigängern; mit Teilnehmern einer geheimen Interessengemeinschaft oder mit gegnerischen Schlachtenbummlern.

Ein Blick auf Kleidungsstücke, auf das Kopftuch einer Muslima, auf die Tätowierungen eines Mannes, in dessen Gesicht keinerlei Zweifel Platz findet, auf eine seltsame Grußgeste, auf ein Kreuzzeichen genügt, um in einem Gegner und Konkurrenten sofort einen potentiellen, bitterbösen Feind zu sehen…

Augenblick bitte.

Der Alte fischt sein Cellphone aus der Tasche, hebt es an sein Ohr, macht ein fragendes Gesicht und beginnt zu sprechen wie jemand, der die Macht über den Anrufenden hat.

– Mayn kleyner Zun, ven ikh zog beyde, meyn ikh beyde. Ale lompn fun beyde refrijeratorn. Ya! Und lege die kleinen Glühbirnen sogleich auf den Tisch im Esszimmer, damit ich kann sehen mit meinem dreieckigen Auge, dass du mir hast gehorcht und ich am Abend getrost darf trinken mein Bier ohne zu begehen a Zind!

– Im Ernst? Nehmt ihr das tatsächlich so genau? Geschätzter Herr und Gesprächspartner, dass ihr am Sabbat kein Licht macht, um in Gemeinschaft andächtig zu beten, das kann ich verstehen, aber bis heute habe ich das Lockern oder gar Herausschrauben der Kühlschranklampen lediglich für einen gelungenen Judenwitz gehalten.

– Das nennen wir Tradition. Das gehört zu uns und höre sofort auf zu lachen, sonst werde ich ungehalten, sagt der bärtige Mann neben mir mit einem schelmischen Augenzwinkern.

– Wenn ihr eure Gepflogenheiten so peinlich genau nehmt, warum trägst du keine Kippa?

– Aus demselben Grund, der dich nötigt, bei Arztterminen die rote Mütze der Landlosen zu Hause zu lassen.

– Warum weißt du das?

– Mein dreieckiges Auge sieht alles! Sogar dein Fauteuil, in dem du heute Abend bequem wie alle Kaviar-Sozialdemokraten sitzen und bei einer Flasche Jack Daniels im Fernsehen eine Opernvorführung genießen wirst. Ich sehe sogar, dass du in deinem engeren Freundeskreis auf Facebook Mozarts Singspiel lediglich „Cosi“ genannt hast.

So eine elitäre und exklusive Benennung passt nicht zu einem bewussten Sozialisten!

Mit dem pedanten und selektiven Insider-Begriff „Cosi“ kann nicht jeder Staatsbürger und kaum ein simpler Lohnarbeiter etwas anfangen.

Kultur für alle, aber bitte erspare dir den Gelehrsamkeitseifer. Überlass ihn bitte anderen, die es gewohnt sind, trockenes Maniokmehl zu essen und zu rülpsen, als hätten sie gebratene Fasane geschmaust. Progressisten brauchen kein eitles, geschwollenes Gehabe.

Mit diesen Worten steht der Alte auf, greift nach meiner Hand, drückt sie herzhaft und während die Krankenschwester auf ihn wartet, sagt er noch zu mir:

– Jetzt krieg ich Tropfen in mein dreieckiges Auge.

– Wein aus Kanaan? frage ich lachend.

– Nein, gut gehopftes Lagerbier. Drei Flaschen. Lkheym aun git Shabbo.

Dorfzeitung.com

Freunde helfen der Dorfzeitung

Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft)! Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es uns möglich, unabhängig zu bleiben. Ihre laufende Unterstützung macht den Unterschied.

Es gibt zwei einfache Wege, zum Freund der Dorfzeitung zu werden.

Überweisung der Abogebühr (ohne Kreditkartenabo)
Sie werden für ein Jahr ein außerordentliches Vereinsmitglied (ohne Rechte und Pflichten) des Herausgebervereins (Kulturverein Dorfzeitung KULTUR online) zum Jahrespreis von 54 €. Es ist dazu ihre Post- und E-Mailadresse notwendig, damit wir die Rechnung für den Mitgliedsbeitrag schicken können. Nach Eingang der Zahlung bekommen Sie einen Steady-Gastzugang für 1 Jahr. Verlängerungen sind möglich. Kontaktformular >

Direktabo mit Kreditkartenzahlung
Ein weiterer Weg ist ein Direktabo via Steady, wie es im Folgenden beschrieben und angeboten wird.

INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE

Kommentar hinterlassen zu "Freitagabendprogramm mit Così Fan Tutte"

Hinterlasse einen Kommentar