Frieden denken, nicht Krieg üben

Detail aus dem Gemälde von Horst Prem "o.T. 11, 120x140, Ej 2021"

Detail aus dem Gemälde von Horst Prem „o.T. 11, 120 × 140, Ej 2021“ | Foto: © 22024 Karl Traintinger, Dorfbild.at | Ausstellung Café Shakespeare Salzburg

Frieden beginnen statt militärische Eskalation betreiben

Wie wichtig, dass die Salzburger Festspiele „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus im aktuellen Programm haben. Sein Scharfblick stellt in einzigartiger Weise die „Seelen aushöhlende“ Rolle der Medien im Ersten Weltkrieg bloß. Seine Tiraden gegen die damalige Kriegspropaganda sind leider erschreckend aktuell. Und leider erhebt angesichts der Wahnsinnskriege in der Ukraine und im Nahen Osten kaum einer die Stimme gegen die immer größer werdende Flut an Schönrederei.

Von Peter Reutterer
Autor, Musiker und Kulturvermittler
Henndorf, Flachgau, Salzburg

So kann man etwa dem Kommentar von Rudolf Striedinger „Wer verteidigt Österreich?“ (SN, 12.7.25) nur Komplimente ausstellen. Übersichtlich aufgebaut, die Argumentation stringent, sehr einleuchtend. Bei genauerem Hinsehen ist aber Widersprüchliches zu entdecken: Herr Striedinger schreibt, bei seinem Plädoyer für eine höhere Verteidigungsbereitschaft gehe es nicht um „eine Militarisierung der Gesellschaft“. Gleichzeitig bedauert er nachdrücklich, dass lediglich 36% in Österreich bereit wären, ihr Land mit der Waffe zu verteidigen. Was ist es aber anderes als Militarisierung, wenn ich mehr Bereitschaft zum Waffendienst anstrebe. Und was ist Waffendienst anderes als Einüben im Töten.

Man könnte die Verweigerung von Waffendienst auch anders als Herr Striedinger sehen: Ist es nicht ein Erfolg kultureller und humaner Entwicklung, wenn der Großteil der Österreicher die primitivste Art der Konfliktlösung ablehnt. Aus vielen Erfahrungsberichten (egal ob aus den Weltkriegen, Vietnam oder anderen blutigen Konflikten) weiß man, dass Fronterlebnisse, wenn nicht letal oder physisch ruinös, in jedem Fall psychisch verheerend sind. Nebenbei angemerkt: Ausnahmslos treiben sie den Betroffenen jede Idealisierung des brutalen Tötens und Getötet-Werdens aus.

Dass sich die Argumentation zur Wehrfähigkeit und Aufrüstung immer wieder auf den aktuellen Ukraine-Krieg bezieht, halte ich für nicht schlüssig. Auch wenn man keine genauen Zahlen hat, gehen die meisten Schätzungen dahin, dass der dreijährige Krieg bereits etwa eine Million Tote gefordert hat. Ist ein opferreicher und ergebnisloser Krieg ein gutes Argument, mehr Bereitschaft zum Waffendienst und Aufrüstung einzufordern? Gern verschwiegen wird nebenher, dass keineswegs alle Ukrainer bereit sind, ihr Leben und das ihrer Söhne zur Verteidigung gegen Russland einzusetzen. Diesbezüglich gehen die Schätzungen davon aus, dass ebenfalls beinahe eine Million das Land verlassen hat, um sich dem Militärdienst zu entziehen.

Friedensforscher versuchen bei der Verteidigung von Werten und Demokratie alternative Strategien aufzuzeigen. Als der Warschauer Pakt 1968 die Tschechoslowakei besetzte, entschied man sich gegen militärische Verteidigung. Es gab etwas mehr als 100 Tote insgesamt. Viele Demonstrationen friedlicher Art folgten, später war die Charta 77 ein Meilenstein, 1989 kehrte mit der „samtenen Revolution“ die Demokratie zurück. Was ich meine, ist: Alternativen zur primitivsten aller Konfliktlösungen, nämlich einander totzuschießen, wären zumindest etwas ernsthafter in Erwägung zu ziehen. Auch eine vor allem um Deeskalation bemühte Diplomatie. „Einer muss den Frieden beginnen, wie den Krieg.“ (Stefan Zweig)

Vielleicht gelingt es der neuen Präsentation und Herausgabe von „Die letzten Tage der Menschheit“ bei den Festspielen, das Sensorium für die gewandte Schönrederei eines blutigen Handwerks zu schärfen. Ich weiß, diese Gedanken sind unzeitgemäß, denn der Krieg ist wieder salonfähig geworden.

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