Einer, der die Malerei buchstäblich auf den Kopf gestellt hat, ist von der Bühne abgetreten. Er hinterlässt uns Bilder, die sich wie schlechte Träume und heilsame Zweifel zugleich in die Netzhaut brennen. Georg Baselitz ist am 30. April 2026 im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Karl Traintinger
1938 in ein zerstörtes Deutschland hineingeboren, hat er zeitlebens nie so getan, als ließe sich diese schwere Herkunft einfach übertünchen. Seine frühen „Helden“ waren keine strahlenden Sieger, sondern taumelnde, verletzte, zutiefst überforderte Gestalten – zu wund und zu schwerfällig für jede heroische Pose. Als er seine Motive später kopfüber hängte, ging es ihm nicht um bloße Effekte oder neue Geschichten. Er malte Zustände: das Gefühl verrutschter Sicherheiten und eine Welt, in der das „Oben“ und „Unten“ längst keine Verlässlichkeit mehr bietet.
Auch bei uns in Österreich war Baselitz weit mehr als nur ein prominenter Name auf einem Ausstellungsplakat. Er war Gast, Mitgestalter und eine wunderbare Reibefläche für den Kulturbetrieb. Er war einer, der Preise entgegennahm und im nächsten Atemzug der Szene die Leviten las. Man musste diesen sperrigen Geist nicht lieben, aber man konnte ihn schlichtweg nicht ignorieren.
Was nun bleibt, ist das Vermächtnis eines Einzelgängers, der sich nie glattpoliert in den Kunstbetrieb einfügen wollte. Seine Bilder bleiben widerständig, verletzlich und trotzig. Vielleicht ist genau das sein größtes Geschenk an uns in diesen Zeiten der dauerlächelnden Harmonie: Die Erinnerung daran, dass Kunst nicht nur gefallen muss, sondern uns ruhig auch einmal weh tun darf. Ja, vielleicht sogar muss.
Siehe auch:
Malerei im Schatten der vergehenden Zeit >
Georg Baselitz | adler barfuß >

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