Ilse Krumpöck: Erntedank

Ilse Krumpöck

Ilse Krumpöck | Foto: © Weimann

Ilse Krumpöck: Erntedank

Autorin: Ilse Krumpöck
Titel: Erntedank
Genre: Sachbücher/ Geschichte/ Biographien, Autobiographien
ISBN: 978-3-903496-42-2
Verlag: INNSALZ
Erschienen: 08.10.2025

Klappentext:

Julius Hollenstein (Name geändert) ist begeisterter Turner und war primär in der NS-Zeit als solcher aktiv. Damals schloss er sich den militanten „Turnerbündlern“ an, die mit dem braunen Regime liebäugelten. Als er danach der SA beitritt, nimmt sein mieser Charakter Gestalt an. Er zieht von St. Pölten nach Ottenschlag, wo er mit Helene Mader eine Familie gründet und vier Kinder zeugt. Seine Arbeit als Fachlehrer an der Hauptschule für Deutsch, Geschichte und Handfertigkeiten ist ebenso wie seine Rolle als Familienvater geprägt von seinem nationalsozialistischen Gedankengut. Als seine Frau aufmüpfig wird und opponiert, zeigt sich sein wahres Naturell. Nach einer Schulschlussfeier am 1. Juli 1950 ermordet er leicht alkoholisiert seine Gattin, worauf er viel zu milde bestraft wird. Der Titel des Buches bezieht sich auf den Misthaufen Adolf Hitlers, dessen verdorbene Früchte Julius H. noch in der Nachkriegszeit aus dem verseuchten Boden erntet.

Anna Lemberger

Rezension von Anna Lemberger

Ilse Krumpöck arbeitet den brutalen Femizid vom 1. Juli 1950 im Bezirk Zwettl literarisch auf. Die grausame Tat in Gegenwart von zwei der vier Kinder hat weit über die Grenzen des Bundeslandes die Gemüter erhitzt – besonders deshalb, weil der Täter, ein prominenter ÖVP-Politiker, anfangs viel zu milde bestraft wurde.

Der Ehemann, Vater und Fachlehrer der Hauptschule Ottenschlag, Julius Hollenstein, einst ein „aufrechter Hitlerjünger“ mit den internalisierten Werten seines „verherrlichten Führers“, forderte von seiner Familie absoluten Gehorsam. Bei „Zuwiderhandlungen“ hat der „vorbildliche und angesehene Pädagoge“ seine Ehefrau und auch die Kinder schwer misshandelt. Der Höhepunkt folgte an jenem besagten Julitag, als er – leicht alkoholisiert – seine Ehefrau zu Tode trampelte. Seine besondere Grausamkeit zeigte sich, als er eine Tuchent über die bereits schwer Verletzte legte, bevor er weiter auf sie eintrat, um Spuren seines „Blutrausches“ zu verdecken …

Mit großem Aufwand hat die Autorin diesen historischen Kriminalfall neu aufgerollt und von allen Seiten beleuchtet. Vor allem rekonstruiert sie das Umfeld des Täters genau und arbeitet seine Persönlichkeit heraus. Leser*innen wird rasch klar, dass die emotionale Verrohung der NS-Zeit einem ohnehin schon sadistisch veranlagten Mann zusätzlichen Vorschub leistete. Wie Krumpöcks Recherchen zeigen, verstörte auch die Einmischung der ÖVP-Parteifunktionäre in die Gerichtsbarkeit – mit dem Ziel, einen der ihren reinzuwaschen – die Bevölkerung zutiefst. Selbst wenn dieser Femizid eine Gesetzesänderung nach sich zog, bleibt er in seiner Grausamkeit bis heute einmalig.

Das Cover des Buches ist sehr gut gewählt: Die Bleistiftzeichnung der „gefesselten Hände“ zieht den Blick an und lässt Leser*innen zum Buch greifen. Im Vorwort weist die Autorin darauf hin, dass die Namen von Täter und Angehörigen geändert werden mussten, obwohl sie in den Zeitungen vom 3.7.1950 ausgeschrieben standen. Die Fakten – sowohl zur nationalsozialistischen Vergangenheit von H. als auch zu den Tatermittlungen – sind sorgfältig recherchiert und die Quellen klar ausgewiesen.

Wie viel war das Leben einer Frau in der Nachkriegszeit wert? Wie viel ist es heute wert? Und sind die Strafen für Täter abschreckend genug?

Die Autorin widmet ihr Werk den Opfern von Femiziden, weil das Thema nicht nur damals, sondern bis heute hochbrisant ist.

Fazit: Ein erschreckend aktuelles, gut aufbereitetes Werk, das den Blick auf die viel zu hohe Zahl an Frauenmorden lenkt – begangen durch die eigenen Partner. Ein Buch, das unbedingt gelesen werden sollte, damit wir achtsam werden und uns einmischen, bevor Frauen sterben müssen, nur weil sie Frauen sind.

https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno


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