Jean D´ Amérique: Zerrissene Sonne

Jean D Ameique - EDOUARD CAUPEIL

Jean D’Amérique | Foto: Edouard Caupeil

Jean D´ Amérique: Zerrissene Sonne

Autor: Jean D´ Amérique
Übersetzung aus dem Französischen und mit Vorwort versehen: Rike Bolte
Titel: Zerrissene Sonne
Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 978-3-940435-49-1
Verlag: Litradukt Literaturedition
Erschienen: 06.12.2024

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Klappentext:

Du wirst allein sein in der großen Nacht … Diese Prophezeiung bekommt das junge Mädchen, das nur Tête Fêlée, etwa „Spinnerin“ genannt wird, ständig von „Papa“ zu hören, der freilich gar nicht ihr Vater ist. Immerhin hat er als bester Söldner desMetall-Engels Karriere gemacht, während ihre Mutter sich prostituieren muss.

Als die Mutter ungewollt einen Coup des Metall-Engels vereitelt, kommt eine Lawine in Gang … Tête Fêlées Erzählung pendelt zwischen den Erfahrungen von Gewalt, Übergriffen und unmöglicher Kindheit in den Slums von Port-au-Prince und dem immer wieder neu begonnenen Brief an eine Mitschülerin, in die sie verliebt ist. Diese Liebe ist jedoch nicht ihr einziges Geheimnis …

Anna Lemberger

Rezension von Anna Lemberger

Der Stiefvater der jungen Erzählerin Tête Fêlée verdient sein Geld als Auftragskiller für den berüchtigten „Metall-Engel“. In den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince herrschen Anarchie und das Gesetz des Stärkeren. Da ihr Ehemann sie kaum finanziell unterstützt, ist Têtes Mutter gezwungen, sich zu prostituieren. Auch innerhalb der Familie regiert ein Klima der Gewalt, in dessen Sog das Mädchen aufwächst.

Eine zentrale, zugleich aber zwiespältige Rolle im Leben der Erzählerin spielt die Sonne: Einerseits erlebt sie das Licht als wohltuend und lebensspendend, andererseits geschehen unter ihrem brennenden Schein grausamste Verbrechen. Diese schmerzhafte Ambivalenz erfährt Tête erneut, als sie sich ausgerechnet in die Tochter ihres Lehrers verliebt.

Jean D’Amériques Werk ist ein großer Roman, der neben den individuellen menschlichen Tragödien vor allem die Instabilität Haitis widerspiegelt. Der Inselstaat hat sich bis heute nicht von den Folgen aggressiven Imperialismus, des daraus resultierenden Sklavenhandels und wiederkehrender Naturkatastrophen erholt. Der Protagonistin wird in dieser fiktiven Geschichte die Rolle einer gespaltenen Persönlichkeit zugeschrieben: Während sie zu tiefen, unerfüllten Gefühlen fähig ist, zeichnet sie sich zugleich durch eine angelernte Brutalität und emotionale Härte aus.

Das Cover fängt den Inhalt thematisch grandios ein. Ergänzend dazu bereitet das Vorwort der Übersetzerin die Leserschaft auf den düsteren, gewaltvollen Ton vor und bietet wertvolle Orientierung in der komplexen Thematik. Der Hauptteil ist sprachlich ebenso zerrissen wie das Land, das der Autor beschreibt: In einzigartiger, wortgewaltiger Poesie erzählt D’Amérique von der Finsternis seiner Heimat, in der das Recht der Straße gilt.

Er thematisiert die systematische Benachteiligung von Frauen, Lynchjustiz und die allgegenwärtige Nähe des Todes. Den Überlebenskampf in den Slums von Port-au-Prince rückt der Autor gekonnt in den Fokus, wenn er in wohlklingenden, fast sarkastischen Worten die Brutalität beim Streit um einen Eimer Wasser schildert. Inmitten dieser unmenschlichen Lebensbedingungen klammert sich die Protagonistin an die Flammen der Liebe zu ihrem „Sternenmädchen“. Das Ende überrascht mit einer unerwarteten Wendung, wobei der Autor bewusst Spielraum für Interpretation lässt.

„Zerrissene Sonne“ ist ein gelungenes, wenn auch erschütterndes Buch, das durch seine finstere Lyrik überzeugt. Aufgrund der expliziten Gewaltszenen könnten sensible Personen getriggert werden; der Roman wird daher erst Lesenden ab 16 Jahren empfohlen.


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