Johann Barth, der Jäger mit der Kamera

Man at work - Aus dem Band Menschen.Bilder Foto: Salzburger Stadtarchiv, Archiv JOBA

Man at work - Aus dem Band Menschen.Bilder | Foto: © Salzburger Stadtarchiv, Archiv JOBA

Die Leica war seine beständigste Begleiterin. Mit ihr hielt er den Wandel der Stadt Salzburg in den 1950er bis 1970er Jahren unnachahmlich fest. Erinnerungen an Johann Barth, der am 19. März seinen 95. Geburtstag begangen hätte.

Claudia Karner

Von Claudia Karner

„Wie macht das der JOBA?“ fragten sich neidvoll seine Geschlechtsgenossen. Wenn der Fotograf Johann Barth mit der Kamera durch die Stadt Salzburg pirschte, gelangen ihm nicht nur exzellente Schnappschüsse, die er unter dem Kürzel JOBA an die Presse verkaufte. Es gelang ihm auch das, was man damals noch ungeniert „Aufriss“ nennen durfte. „A bisserl was geht immer“ war seine Devise, viele Jahre bevor der Monaco Franze mit diesem Spruch zugange war. Dabei sah JOBA nicht einmal besonders gut aus. Ein leichter Akzent verriet die Herkunft aus Siebenbürgen. Barth war 1944 als 13-jähriger mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet und war auf Umwegen über Oberrösterreich acht Jahre später nach Salzburg gekommen. Nach verschiedenen Jobs – vom Bau- bis zum Lagerarbeiter – erlernte er autodidaktisch den Umgang mit der Fotokamera und wurde Pressefotograf. Im Laufe seines Lebens schuf er über 50.000 Bilder.

„Ich bring‘ dich groß raus!“

Erwischt! Schnappschuss aus dem Jahr 1978 | Foto: Claudia Karner

Erwischt! Schnappschuss aus dem Jahr 1978 | Foto: © Claudia Karner

JOBAs Anmachsprüche waren meist so simpel wie direkt. Aber sie wirkten. Nicht immer, aber doch erstaunlich oft. In den 1970er Jahren waren Frauen mit einem auffälligen Kameraobjektiv und Sagern wie „Ich bring‘ dich groß raus“ um vieles leichter zu beeindrucken als heute. (Die Metoo-Bewegung lag noch in weiter Ferne.) Davon weiß auch der Schriftsteller und Antiquar Max Bläulich, mit dem Barth einige Zeit in der Werbebranche tätig war, ein Lied zu singen. Wer’s nicht glaubt: Nachzulesen ist dies in dem Buch „Schillerndes Leben in Salzburg“.

Ich hatte mit Johann Barth beruflich zu tun. Er belieferte auch die SVZ, die Zeitung, für die ich arbeitete, regelmäßig mit Fotos. Die Motive, die er en passant vor die Linse kriegte, waren oft Alltagsszenen mit unbekannten Menschen, aber auch Begegnungen mit Prominenten. „Einen absoluten Glücksfall“, so Barth, erlebte er 1958 auf einer Bahnfahrt von Salzburg nach Wien. Der passionierte Jazz-Fan war auf dem Weg zu einem Konzert von Louis Armstrong. In Adi Jüstels Buch „Anekdoten mit und ohne Noten“ erzählt er darüber. Ein aufmerksamer Schaffner hatte ein Gespräch zwischen ihm und einem Journalistenkollegen mitgehört und gemeint: „Meine Herren, im Speisewagen sitzt der Herr Armstrong. Soll ich ihn fragen, ob er Ihnen ein Interview gewährt?“  So einen Service würde man sich bei den ÖBB auch heute wünschen!

Erwischt: Schnappschuss von 1978 Foto: Claudia Karner

Bei der Ausstellungseröffnung im Stadtarchiv 2005 | Foto: © Heinz Bayer

1963 fotografierte Barth Thomas Bernhard im Café Bazar, vor ihm auf dem Marmortischchen das frisch erschienene Buch „Frost“. Die beiden kannten sich vom Demokratischen Volksblatt, wo Bernhard in den 1950ern als Gerichtsreporter arbeitete. Später schrieben sie gemeinsam für die Salzburger Nachrichten Filmkritiken. Bernhard gab seinem Kollegen die Erlaubnis, das Foto überall zu publizieren, wo er wollte, außer bei den SN. Der Grund: Bernhard wurde vom damaligen Kulturchef Max Kaindl-Hönig „dichterische Verstiegenheit“ vorgeworfen. Worauf sich das verkannte Genie für alle Zeiten mit dem Götz-Zitat verabschiedete.

Von der Fotografie zur Literatur

Auf den Anruf von Playboy-Herausgeber Hugh Heffner wartete JOBA vergebens. 1981 hängte er zum großen Erstaunen vieler seine Leica an den Nagel. Die Geschäfte gingen schlecht, und er wollte sich nur mehr seiner zweiten großen Leidenschaft, der Literatur, widmen und endlich seinen „Archiv-Roman“ fertigschreiben. Nach langem Suchen fand er 1988 einen Verlag, die Edition Wortbrücke, dessen Gründer der Häfenpoet Jack Unterweger war. Was sich nicht gerade als Glücksgriff herausstellen sollte, wie man weiß. Der kommerzielle Erfolg wollte sich nicht einstellen, auch der künstlerische blieb überschaubar. Barths Werke, darunter „Tausendundeine Frau“, „Hirnlaufmaschen“ und „Vaters Leiden“ sind heute im Literaturarchiv Salzburg aufbewahrt.

Zum 75. Geburtstag machte das Stadtarchiv Salzburg, das die Fotos von Barth angekauft hatte, nicht nur ihm, sondern allen Salzburger*innen mit dem Fotoband „Menschen.Bilder – Johann Barth sieht Salzburg 1950 – 1975“ ein besonderes Geschenk. „Barths Bilder sind ein faszinierendes Kaleidoskop an Momentaufnahmen des Stadtlebens. Sie dokumentieren wie ein feinfühliger Seismograph die nicht unerheblichen Änderungen in der Stadt Salzburg von den fünfziger bis in die siebziger Jahre“, schrieb Thomas Weidenholzer im Klappentext.

Am 3. Februar 2009 starb der „Schnappschuss-Jäger“ (O-Ton Weidenholzer) an Herzversagen.

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