
Autor: Josef Winkler
Titel: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 978-3-518-43270-9
Verlag: Suhrkamp Verlag
Erschienen: 11.03. 2026
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Klappentext:
„Ich schreibe dich – / Zur Welt bist du wieder gekommen / mit geisternder Buchstabenkraft“ , heißt es in einem der Gedichte von Nelly Sachs, das Josef Winkler in seinem neuen Roman zitiert, in dem er seine fünf Jahre ältere, mittlerweile verstorbene Schwester Maria, die sich in ihrer gemeinsamen Kindheit auf dem Bauernhof vor allem um den rebellischen Josef gekümmert hat, in die Welt zurückschreibt.
Für eine Ausbildung zur Konditorin verlässt sie das Dorf, arbeitet jahrelang in den verschiedensten Hotels, kehrt nach Ausbruch ihrer seelischen Erkrankung und nach dem ersten Selbstmordversuch in ihr Elternhaus zurück, wo sie auf ihren Bruder Josef trifft, der nach dem Skandal um sein erstes Buch ebenfalls dort Zuflucht sucht.
Der Roman Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht, der mit Josef Winklers „Buchstabenkraft“, auch in surrealen Bildern, andeutet, welche ungeheuerlichen Vorkommnisse das Dasein seiner Schwester bis in den Tod verdunkelt haben mögen, verschränkt die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohns ineinander. Wie Josef Winkler seelische und körperliche Gewalt der dörflichen Umwelt zur Sprache bringt, ist in derdeutschsprachigen Literatur unvergleichlich.

Rezension von Anna Lemberger
Zwei gestrandete Geschwister treffen im Elternhaus im kärntnerischen Kamering wieder aufeinander:
Maria, genannt „Mietzele“, ist die heimgekehrte Tochter, und Josef, das „Seppele“, der heimgekehrte Sohn. Maria muss, mittlerweile 35-jährig, wegen einer schweren seelischen Erkrankung in den Schutz des Elternhauses zurückkehren. Josef, fünf Jahre jünger, sucht dort Zuflucht, weil er mit der Veröffentlichung seines ersten Buches zum „Nestbeschmutzer“ degradiert wurde. Dass Josef ausgerechnet in jenes Dorf zurückkehrt, das er in seinem Werk verunglimpft hat, ist vor allem seiner prekären finanziellen Lage geschuldet.
So schließen sich die beiden „Außenseiter der Familie“ zu einer Schutzfront zusammen. Sie, die „Damische“, und er, der „Nestbeschmutzer“, bleiben in enger Seelenverwandtschaft vereint, bis zu Marias frühem Tod.
In dieser großteils biografisch angelegten, aber einzigartigen, wortgewaltigen und sarkastisch überzeichneten Romanerzählung rückt der Autor und Ich-Erzähler seine Schwester Maria in den Fokus des Geschehens. Das „Mietzele“, die fünf Jahre ältere Schwester Winklers, war bis zu ihrer tragischen Erkrankung eine wehrhafte junge Frau. Als Konditorin verdiente sie an verschiedenen Orten in Österreich ihr Geld.
Zunehmend verfällt sie jedoch in depressive Verstimmungen, die sich vor allem in quälender Schlaflosigkeit niederschlagen. Im Alter von 35 Jahren wird eine weitere Erwerbstätigkeit unmöglich. Sie kehrt ins Elternhaus zurück, wo sie fortan als billige Arbeitskraft ausgenutzt wird. Die junge Frau entwickelt zunehmend sexualisierte Wahnideen. Deren Ursprung deutet der Autor in einem frühkindlichen Missbrauch an, ohne sich festzulegen. Verstärkt wird dieser psychische Druck durch das soziale Umfeld und die regionale katholische Kirche. Diese postuliert die weibliche „Unbeflecktheit“ als höchstes Ideal.
Das faszinierende Cover und der mystische Buchtitel laden unmittelbar dazu ein, in den Roman einzutauchen. Die Einleitung richtet sich an eine imaginäre Zuhörerin, die eine starke Ähnlichkeit mit der Protagonistin aufweist. Sie ebnet den Weg zu einer düsteren, aber fesselnden Handlung. In schonungsloser Ehrlichkeit gewährt Winkler im Hauptteil seines Romans tiefe Einblicke in die dörfliche Enge, die herrschende Bigotterie und einen tief verwurzelten, versteckten Faschismus.
Dabei schont er vor allem die eigene Verwandtschaft nicht. Er wirft ihr neben einem verlogenen, fanatisch praktizierten Glauben auch Habgier, rechte Umtriebe und die Mitwirkung an nationalsozialistischen Verbrechen vor. Durch die bewusste Wiederholung bestimmter Sätze betont Winkler die Priorität und die existenzielle Bedeutung seiner Aussagen.
Josef Winkler entfernt mit grandioser und erschreckender Wortwahl den Deckmantel dörflicher Verschwiegenheit. Schicht für Schicht arbeitet er wie mit einem Seziermesser. Er fungiert als Sprachrohr für jene, die unter dieser „Pseudo-Idylle“ gelitten haben, ihr aber nicht entkommen konnten. Er nennt grausame Dinge beim Namen, die im dörflichen Verständnis oft verharmlosend umschrieben werden.
Während man in der ländlichen Gemeinschaft kaum ausspricht, dass ein Mensch Suizid begangen hat, bleiben andere Formulierungen erträglicher. Man sagt, jemand habe sich „selber weggeräumt“ oder sei „ins Wasser gegangen“. Die Geschichte schließt den Kreis. Sie endet, wie sie begann. Der Autor spricht erneut zu seiner imaginären Zuhörerin und richtet seine Worte an jene, die ihm und seiner Schwester Maria Unrecht getan haben. Winkler erschafft diese Kunstfigur bewusst, um der Isolation eines reinen Monologs zu entfliehen.
Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht ist ein Roman, der radikal mit der vermeintlichen „dörflichen Idylle“ und den kirchlich verordneten Werten aufräumt. Gleichzeitig ist es eine Erzählung, die vergangene Schandtaten schmerzhaft ins Gedächtnis ruft. Leserinnen und Leser, die ihre Komfortzone verlassen wollen, kommen an Josef Winkler und seinem Werk nicht vorbei.

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