Kirsti Eline Torhaug: Der schmale Grat der Vernunft

Kirsti Eline Torhaug

Kirsti Eline Torhaug | Foto: Stroux Verlag

Kirsti Eline Torhaug: Der schmale Grat der Vernunft

Autorin: Kirsti Eline Torhaug
Aus dem Norwegischen: Ina Kronenberger
Titel: Der schmale Grat der Vernunft – Amazonas Trilogie Teil 1 – Roman
Genre: Belletristik/ Erzählende Literatur
ISBN: 978-3-948065-42-3
Verlag: Stroux Edition
Erschienen: 27.01.2026

Klappentext:

Die Geschichte vom turbulenten Leben des norwegischen Schriftstellers Per Torhaug ist ein bewegender Roman über die enorme Widerstandsfähigkeit des Menschen, über Abenteuerlust, Lebenshunger und tiefe Freundschaft.

Per sehnt sich als Kind in den 1920er Jahren danach, sein norwegisches Dorf zu verlassen und als Entdecker den Amazonas zu erforschen. Als Norwegen 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt wird, versucht er mit seinem Freund auf einem der Kvarstadt-Schiffe nach England durchzubrechen. Drei Jahre als „Nacht-und-Nebel-Gefangener“ im Waldkommando Sachsenhausen sind die Folge. Es sind Pers Erinnerungen an sein Dorf, an seine Familie, an seine einstigen Träume, die ihm helfen, diese Jahre zu überleben.

Nach dem Krieg kehrt Per in eine Welt zurück, die sich unwiderruflich verändert hat – seine Seele ist gezeichnet, es gelingt ihm nicht, sich dauerhaft an die Regeln und Forderungen des Alltagslebens anzupassen.

Anna Lemberger

Rezension von Anna Lemberger

Der 1919 geborene norwegische Schriftsteller Per Torhaug konnte schlichtweg nicht akzeptieren, dass sich die norwegische Regierung 1940 so widerstandslos von den deutschen Aggressoren überrennen ließ. Er schloss sich einer Widerstandsbewegung an, wurde jedoch gefangen genommen und deportiert. Sein Weg führte ihn ins KZ Sachsenhausen, wo er mit dem „roten Winkel“ und dem Kürzel „NN“ markiert wurde. Während das auf dem Kopf stehende rote Dreieck für politische Gefangene stand und innerhalb der Lagerhierarchie gewisse, wenn auch minimale Spielräume bot, war die sogenannte „Nacht-und-Nebel“-Kennzeichnung ein besonders teuflisches Merkmal, ersonnen von den nationalsozialistischen Machthabern. Nur die Erinnerung an seine behütete Kindheit und die loyale Kameradschaft unter den Häftlingen ließen ihn aus dieser Hölle zurückkehren.

Die Autorin Kirsti Eline Torhaug setzt sich in ihrem Roman intensiv mit dem Leben ihres Onkels auseinander. Besonders intensiv wirkt das Buch durch seinen geschickten Aufbau: Die Autorin springt grandios zwischen den verschiedenen Zeitebenen hin und her. Durch diesen Wechsel zwischen den Episoden seiner Jugend und der grausamen KZ-Haft macht sie die Leserschaft schrittweise mit der komplexen Persönlichkeit von Per Torhaug vertraut.

Als ältester Sohn einer arrangierten Ehe erfährt Per bereits als Sechsjähriger durch die Geburt seiner Schwester Moa, was es bedeutet, jemanden bedingungslos zu lieben. Zeit seines Lebens blieb er ihr herzlich verbunden. Hätte er gewusst, dass Moa während seiner Haftzeit schwer erkrankte, wäre sein Überlebenswille womöglich gebrochen. So wurde die Sehnsucht nach ihr zu einem Anker, der ihn die totale Entmenschlichung im Konzentrationslager überstehen ließ. Als er nach der Befreiung durch die Alliierten schwer gezeichnet nach Norwegen zurückkehrte, war er zwar dankbar für sein Leben, doch innerlich war er ein völlig anderer Mensch geworden.

Das Cover des Buches wirkt unspektakulär, und auch der Prolog bereitet die Leserschaft kaum auf den verstörenden Inhalt vor. Doch mit dem Hauptteil zieht die Autorin die Leser*innen unerbittlich in die brutale Realität der deutschen Konzentrationslager. Obwohl Kirsti Eline Torhaug im Vorwort anmerkt, dass es sich um Fiktion handelt, sind die grausamen Erlebnisse des Protagonisten und seiner Mithäftlinge alles andere als erfunden. Trotz der unvorstellbaren Bedingungen gelang es den Peinigern nie ganz, den Häftlingen jede Menschlichkeit herauszuprügeln. Selbst wenn sie gezwungen wurden, den Exekutionen ihrer Kameraden beizuwohnen, entwickelten sie Überlebensstrategien und bewahrten sich durch ihren Zusammenhalt einen Rest an Würde. Nach einem schrecklichen Todesmarsch kehrt Per Torhaug schließlich in sein Dorf zurück, wo ihn am Ende eine erfreuliche Nachricht erwartet.

Mit dem ersten Band ihrer Trilogie ist Kirsti Eline Torhaug ein grandioses Werk der Erinnerung und der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen gelungen. Sensibel und doch schonungslos klar holt sie die düstere Vergangenheit Europas ans Licht. Ein erschreckendes und doch elementar wichtiges Buch – besonders für junge Generationen in den unruhigen Zeiten von heute.


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