
Autor: Klaus Ebner
Titel: Fünfzig
Genre: Belletristik/ Erzählende Literatur
ISBN: 9783903267640
Verlag: Edition fabrik.transit
Erschienen 1. April 2025
Klappentext:
Der fünfzigste Geburtstag. Feierlaune? Fehlanzeige. Was sollte denn großartig gefeiert werden? Aber die Ehefrau hat alles perfekt organisiert, Freunde und Familie ins gemeinsame »Lieblingslokal« eingeladen. Keine Ausflüchte … und ausgerechnet jetzt spielen die Eingeweide verrückt, wenige Stunden vor dem Festschmaus. Was eignet sich besser zur mentalen Vorbereitung, als in sich zu gehen und das bisherige Leben Revue passieren zu lassen? Die Zahl fünfzig leitet schließlich einen neuen Lebensabschnitt ein …

Buchrezension von Wolfgang Kauer
Der analog zum Buchtitel in 50 Kapitel unterteilte Roman des Wieners Klaus Ebner sollte besser den Titel „Fünfzig Plus“ erhalten haben, denn es handelt sich um eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Alterungsprozess, der in dem heutzutage fast noch jugendlichen Alter von 50 Jahren bei den meisten Menschen noch gar nicht merkbar ist. Zwar gibt es hie und da den Ersatz eines Backenzahns durch eine Zahnkrone, einen noch wenig schmerzhaften Prolaps an der HWS, eine kleine Steifheit im Bereich der LWS oder gelegentlich fallen einem auch Namen nicht ein. Niemand dieses Alters würde solche Ereignisse als Alterungsprozess bezeichnen. Der Autor macht es dennoch. Und tatsächlich muss man ihm im Verlauf des Romans rechtgeben, denn die genannten Wehwehchen sind tatsächlich Vorboten jener gewaltigen Handicaps, die sich während der nächsten Jahrzehnte Schritt für Schritt über Körper und Geist ausbreiten werden. Romancier Ebner beschreibt ungewöhnlich akribisch, was das Alter an Beschwernissen für uns bereithält.
Dabei hätte es sein Protagonist gar nicht notwendig, an seinem 50. Geburtstag über den körperlichen und geistigen Verfall zu reflektieren, denn er hat zahlreiche Nachkommen und mit Angritt eine zweite Ehefrau, die ihn liebevoll umsorgt und an diesem Tag ein festliches Mittagsmahl in seinem Lieblingsrestaurant ausrichtet, über dessen Einzelheiten und Gäste er noch nichts erfahren darf. Aus Unsicherheit lehnt er jedoch jede Art Geburtstagsfeier ab.
Diese Haltung überrascht die Lesenden, denn er kann sich auf langjährige und sehr treue Freundschaften stützen. Da gab es zunächst seinen Schulfreund und späteren Geschäftspartner Timo, der jedoch in frühen Jahren mit dem Motorrad tödlich verunglückt ist, auf dem Weg zur neuen Freundin in Italien, die der Ich-Erzähler erst am Vortag von Timos Begräbnis kennengelernt hat. Eine treue Freundschaft unterhält er auch zum langbeinigen Stielcke, der sich in der Klasse stets den Kopf am Türstock angeschlagen hat und später – auch am Salzburgring – an Kartrennen teilnimmt, bevor ihn ein Unfall zum Radfahrer werden lässt. Stielcke hat mit Magga eine sympathische Klassenkameradin und die beste Freundin der ersten Frau des Ich-Erzählers geheiratet. Des Protagonisten bester geistiger Freund jedoch, Witte, ist immer noch ohne Lebenspartnerin und wird nicht zur runden Geburtstagsfeier erwartet, denn er verlässt seit Jahren nicht mehr seine Wohnung und lebt nur noch für seine Bücher. Eingeladen wird wohl auch seine beste Arbeitskollegin Farona, die ihren früheren gemeinsamen Chef beruflich überflügeln konnte und sich soeben auf Fortbildung in Paris verliebt hat. Ob auch Mascha, seine erste Frau kommen wird, bleibt eine Überraschung. Mit den Kindern ist selbstverständlich zu rechnen.
Der nach wie vor namenlose Ich-Erzähler sieht sich selbst als Loser, als ein(e) Null, denn nach einer Karriere als sehr erfolgreicher selbstständiger Marketing-Manager wurde er durch für ihn unerfüllbare neue staatliche Vorschriften bezüglich Gewerbegenehmigung und Pflichtversicherung gezwungen, in den Angestellten-Status eines internationalen Konzerns überzuwechseln. Dort kann er von seinen Erfahrungen als Freiberufler nur noch sein abgöttisch geliebtes Französisch verwerten. Leider muss er seine kreative Art verleugnen und den geisttötenden Anweisungen eines eifersüchtigen Vorgesetzten Folge leisten, ohne dass er deshalb Gehaltssteigerungen erreichen würde, im Gegenteil. Der einzige Lichtblick im Konzern ist Farona, jene Kollegin, die ihn allzu gut versteht, aber – aus Sympathie gegenüber Angritt – seine zweite Ehe nicht gefährden will.
Mascha, die erste Ehefrau, hatte er als Jugendlicher noch beim Leistungssport kennengelernt, doch trotz gemeinsamer Kinder und trotz anfänglicher Toleranzversuche hat er sich nach zahlreichen Jahren ihres Fremdgehens von ihr scheiden lassen. Er war am Ende nur noch der Hüter des Hauses und der Kinder gewesen, während Mascha für „den Sex und das Ausgehen“ einen anderen Mann bevorzugt hatte, den sie nach der Scheidung vom Ich-Erzähler auch heiratete. Mit Mascha hat er aber auch sein sportliches Interesse abgelegt und er geht nicht einmal mehr auf den Hausberg wandern.
Im Gegensatz zu Mascha ist seine zweite Frau Angritt die Treue in Person, doch seit Jahren pflegen sie keinen Geschlechtsverkehr mehr, weil sie seinen Körper nicht (mehr) mag. Sie sind nur noch gute Kumpels und ihre Ehe ist zur Wohngemeinschaft verkommen. Das Geburtstagskind hätte sich keine Ehe erwartet, in der er als nun Fünfzigjähriger wie ein Neunzigjähriger umsorgt wird. Er selbst erlebt sich körperlich vital und sieht den Ehevertrag als „Lizenz zum Ficken“, doch sie verweigert seit Jahren jede körperliche Annäherung, obwohl sich alles in ihm nach ihr sehnt. Aus Bequemlichkeit und wegen der Kinder bleiben sie zusammen. Wird er ausnahmsweise an seinem großen Tag eine Überraschung im Bett erleben dürfen?
Selbst seine Küsse empfindet Angritt inzwischen als ekelerregend. Alle anderen Dinge erledigt sie hingegen perfekt und trotz ihrer erfolgreichen Karriere als Grafikerin entlastet sie ihren Partner im Haushalt, damit er Zeit zum Entspannen hat. Er selbst aber erlebt sich als ausgegrenzter Nichtsnutz. Vor allem an diesem 50. Geburtstag fühlt er sich zur Untätigkeit gezwungen, leidet an der Lebensjahrzehnt-Depression und an Verstopfung und versteckt sich stundenlang auf dem WC, bevor er sich im Spiegel betrachtet. Währenddessen ergeht er sich in Reminiszenzen, wodurch die Lesenden sein Berufsleben, seine Familien und die Freund*innen kennenlernen. Der gesamte Gedankenstrom des Protagonisten findet in den wenigen Stunden vor dem Geburtstagsfest statt, auf dessen Ausgang auch die Lesenden gespannt wären.
Diese im Vergleich zum gedehnten Bewusstseinsstrom sehr kurz erlebte Zeitperiode eines Vormittags erinnert an die Lieblingsromane des Ich-Erzählers, an „Finnegans Wake“ und „Ulysses“ von James Joyce, wo auf mehr als 1000 Seiten nur das Alltagsgeschehen in Irlands Hauptstadt Dublin vom 16. auf den 17. Juni 1904 beschrieben und dabei doch das ganze Weltgeschehen erfasst ist. Und genauso charakterisiert Klaus Ebner die literarischen, technischen und medizinischen Fachwelten rund um den Protagonisten und rund ums Älterwerden. Dementsprechend anspruchsvoll gestaltet sich der Fremdwortschatz.
Die philosophischen Gedankenströme entwickeln sich nicht nur über Konnotationen, sondern vorwiegend auch über Wortverwandtschaften, Synonyme und semantische Ebenen weiter und die Lesenden erfahren darüber hinaus in unterschiedlichen europäischen Sprachen und Idiomen diverse Übersetzungen von Leitbegriffen.
Unter österreichischen Autor*innen einzigartig erscheint Klaus Ebners Faible für das Katalanische, eine eigenständige Sprache mittelalterlicher Handschriften, die in benachbarten Provinzen Frankreichs und Spaniens gesprochen wird. Der Autor nahm selbst sehr erfolgreich an Lyrik-Wettbewerben in Katalonien teil, wie in der Biografie nachzulesen ist, und er überträgt diese Erfahrungen und Kenntnisse auf seine Figur des Katalanisch-Übersetzers Witte. Aber auch der Ich-Erzähler hat in seiner Jugend mit der Katalanin Lluana eine schöne Zeit erlebt und lässt diese mit Angritt zusammen wieder aufleben. Bei Gelegenheit lernen die Lesenden als Geburtstagsgeschenk u.a. den katalanischen Weinheber Perró kennen, dessen Strahl man zum Mund leitet, möglichst ohne sich zu bekleckern. Wer der Anleitung des Autors folgt, kann dies problemlos schaffen!

Sie schätzen die Buchkritiken in der Dorfzeitung?
Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft)! Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es möglich, unabhängig zu bleiben.
Es gibt zwei einfache Wege, zum Freund der Dorfzeitung zu werden.
Überweisung der Abogebühr (ohne Kreditkartenabo)
Sie werden für ein Jahr ein außerordentliches Vereinsmitglied (ohne Rechte und Pflichten) des Herausgebervereins (Kulturverein Dorfzeitung KULTUR online) zum Jahrespreis von 54 €. Es ist dazu ihre Post- und E-Mailadresse notwendig, damit wir die Rechnung für den Mitgliedsbeitrag schicken können. Nach Eingang der Zahlung bekommen Sie einen Steady-Gastzugang für 1 Jahr. Verlängerungen sind möglich. Kontaktformular >
Direktabo mit Kreditkartenzahlung
Ein weiterer Weg ist ein Direktabo via Steady, wie es im Folgenden beschrieben und angeboten wird.
INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE
Views: 25

Kommentar hinterlassen zu "Klaus Ebner: Fünfzig"