Kunst trotzt Macht und Zensur

Kunst trotzt Macht und Zensur

Kunst unter Druck – Warum Autokratien Kultur fürchten

Ein Blick in die Welt zeigt uns, dass Kunst und Kultur immer mehr in Bedrängnis geraten. Am meisten davon betroffen sind autoritäre politische Systeme, aber der zunehmende Rechtsruck in den bestehenden Demokratien zeigt und schon erste Zeichen, dass auch hier Kunst und Kultur für Politik und Politiker*innen anscheinend eine Gefahr darstellen.

Leo Fellinger

Von Leo Fellinger

Warum ist das so? Kunst und Kultur sind sowohl in autokratischen wie auch in demokratischen Systemen mehr als ein ästhetisches Beiwerk – sie werden als oft Bedrohung wahrgenommen. Denn Kunst stellt Fragen, die Macht nicht stellen will, und eröffnet Räume der Freiheit, die Macht kontrollieren möchte. 

Ein Blick auf historische und gegenwärtige Beispiele aus Europa und den USA legt offen, warum Kultur immer wieder unterdrückt wird – und warum sie zugleich unersetzlich bleibt.

Kunst ist mehr als bloßer Ausdruck von Schönheit oder Unterhaltung. Sie schafft Sinn, hinterfragt Ordnung, eröffnet Perspektiven und stiftet Identität. Gerade deshalb wird sie in autoritären und autokratischen Systemen immer wieder unterdrückt: weil sie an jene Stellen rührt, die Macht am empfindlichsten treffen – Deutungshoheit, Loyalität und Freiheit.

Das betrifft vor allem die Kontrolle über die Wirklichkeit

Autokratien beruhen auf dem Anspruch, die Gesellschaft vollständig zu steuern: Geschichte, Gegenwart und Zukunft sollen durch ein einheitliches Narrativ erklärt werden. Wer die Deutungshoheit über Symbole, Mythen und Sprache besitzt, sichert seine Macht. Doch Kunst unterläuft dieses Monopol.

In der Sowjetunion etwa galt nur der Sozialistische Realismus als legitim: Heldenbilder der Arbeiterklasse, monumentale Darstellungen des Fortschritts. Abweichungen – ob Abstraktion, Surrealismus oder Jazz – wurden als „formalistisch“ und „bürgerlich-dekadent“ verfolgt. Der Grund: Solche Kunstformen entzogen sich der politischen Steuerung, sie öffneten Räume für Ambiguität und individuelle Deutung – eine Gefahr für ein System, das Eindeutigkeit und Gefolgschaft verlangte. Heute ist es nicht viel anders: Der Einfluss von Putin auf die Kultur ist komplex: Es gibt eine starke staatliche Kontrolle über Medien und Kunst, die eine nationalistische und patriotische Erzählung fördert. Er nutzt kulturelle Symbole und den Nationalismus, um eine bestimmte politische Ideologie zu verbreiten. Gleichzeitig gibt es eine massive Unterdrückung kritischer und unabhängiger Kunst, da diese als Bedrohung für das Regime angesehen wird. 

Den Vergleich finden wir im  Nationalsozialismus: Alles, was nicht der Vorstellung von „deutscher Volkskunst“ entsprach, wurde als „entartet“ diffamiert. Die gleichnamige Ausstellung von 1937 stellte moderne Werke wie die Picassos, Kandinskys oder Klees bewusst in den Kontext von Wahnsinn und Dekadenz. Ziel war nicht nur die ästhetische Ausgrenzung, sondern die politische: Kunst, die Freiheit und Diversität feierte, wurde als Feind des „Volkskörpers“ gebrandmarkt.

Die Nationalsozialisten wussten genau, dass Subversion auch durch Schönheit entstehen kann. Man darf die Kraft ästhetischer Erfahrung nicht unterschätzen. Ein Gedicht, das zwischen den Zeilen Widerstand formuliert, kann stärker wirken als ein Flugblatt. Musik kann Hoffnung stiften, Theater kann Solidarität erzeugen, Bilder können verbotene Realitäten sichtbar machen.

Während der Militärdiktaturen in Südeuropa – etwa in Spanien unter Franco oder in Griechenland unter den Obristen – entstanden trotz massiver Zensur Untergrundbewegungen der Kunst: Protestlieder, geheime Theateraufführungen, Exil-Literatur. Kunst wurde hier zum Medium des Überlebens, zur Sprache derer, die politisch zum Schweigen verurteilt waren.

Kunst kann auch die Kontrolle über den öffentlichen Raum gefährden, Street Art und Graffiti können Botschaften verbreiten, die sich der Kontrolle des Staates entziehen. Sie verwandeln den kontrollierten öffentlichen Raum in eine Plattform des Protests und des widerständigen Ausdrucks. Ein Beispiel: Die Proteste am Platz des Himmlischen Friedens 1989 in China gipfelten in der Errichtung einer „Göttin der Demokratie“-Statue – ein machtvolles Symbol, das das System so sehr bedrohte, dass es gewaltsam entfernt wurde.

Es lohnt auch ein Blick in die Vereinigten Staaten, die immer mehr zum Sonderfall werden. Auf den ersten Blick scheinen die USA, als Demokratie mit starker Tradition der Redefreiheit, von solchen Mustern weit entfernt. Doch auch hier zeigt sich: In Zeiten politischer Angst wird Kunst schnell zum Ziel.

Während der McCarthy-Ära in den 1950er-Jahren gerieten Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Musikerinnen unter Verdacht, „kommunistische Tendenzen“ zu unterstützen. Zahlreiche Künstlerinnen landeten auf Schwarzen Listen, verloren ihre Arbeit oder mussten ins Exil gehen. Auch Hollywood wurde durchzogen von Denunziationen, viele Filme konnten nicht entstehen.

Noch deutlicher wurde der politische Zugriff in den 1980er-Jahren, als in den USA heftige Kulturkämpfe um staatliche Kunstförderung entbrannten. Werke, die queere Identität, Rassismus oder US-Kriegsführung kritisch thematisierten, gerieten ins Visier konservativer Politiker, die von „moralischem Verfall“ sprachen. 

Und aktuell sagt US-Präsident Trump der Kultur den Kampf an. Er streicht Diversitätsprogramme in Kultureinrichtungen, nimmt Einfluss auf Programme und setzt Anhänger in Schlüsselpositionen, sich selbst hat er zum Chef des Kennedy Center gemacht. Mit den Worten „Wir haben das Kennedy Center übernommen. Uns gefiel nicht, was sie dort zeigen“  geht er klar auf Kampflinie gegen Kunst und Kultur. Es ist ein Versuch, die US-Kulturszene total umzuformen. Weniger Selbstkritik, mehr Eigenlob – so lautet offenbar das Kulturverständnis der Trump-Regierung. 

Man sieht deutlich: bei den USA handelt es sich nicht um eine klassische Autokratie, doch das Muster bleibt erkennbar: Wo Kunst nicht mit dem hegemonialen Selbstbild übereinstimmt, ruft sie Abwehr hervor.

Auch in der heutigen Europäischen Union sind autokratische Züge zu beobachten, die sich unmittelbar auf Kunst und Kultur auswirken.

In Ungarn wurden unter Viktor Orbán Theaterleitungen abgesetzt, wenn sie oppositionelle Stücke auf den Spielplan setzten. Filmförderung wird streng kontrolliert, kritische Projekte bleiben ohne Geld. Kulturpolitik wird hier zu einem Instrument der ideologischen Disziplinierung.

In Polen versuchte die PiS-Regierung, Museen und Theater stärker an konservativ-katholische Leitbilder zu binden. Künstler*innen, die feministische oder queere Themen verhandelten, wurden diffamiert oder finanziell ausgehungert.

In der Slowakei geht die Zerstörung der Kultur massiv weiter. Die Liquidationsschritte werden von einer faschistoiden Kulturministerin vorangetrieben, einer Kandidatin der Slowakischen Nationalpartei. Einige der profiliertesten Kreativköpfe des Landes hat sie bereits entlassen – etwa den Chef des Nationaltheaters oder die Direktorin der Nationalgalerie. Auch welche Kunstprojekte gefördert werden, entscheidet jetzt die Politik.

Können wir sicher sein, dass so etwas in Österreich nicht Platz greifen wird? Nein. Entwicklungen wie jene in der Steiermark zeichnen ein klares Bild. Befragt man FPÖ-Politiker bezüglich ihrer Vorstellungen von Kulturpolitik, so fällt meist reflexartig das Schlagwort Volkskultur. Gemeint sind Brauchtum, Blasmusik, Chöre und Volkstanzgruppen, engagierte Laienkultur. Allein diese gelte es zu schützen und zu fördern, meint die FPÖ, aber auch – und da wird es problematisch – gegen alles andere in Opposition zu bringen, besonders die freie Kulturszene. Ein Zitat aus dem Kulturprogramm der FPÖ zeigt uns, wo die Reise hingehen soll: „…Es braucht eine Förderpraxis, die sich am Wohlverhalten und an der politischen Korrektheit der Förderungsnehmer orientiert“.  

All diese Beispiele zeigen, dass Kulturpolitik sowohl in in Autokratien als auch in manchen demokratischen Systemen nicht neutral ist, sondern ein verlängerter Arm der Macht – mit dem Ziel, eine homogene Identität zu erzeugen und abweichende Stimmen zum Verstummen zu bringen.

Warum Kunst unersetzlich bleibt

Gerade weil Kunst von autoritären politischen Kräften gerne unterdrückt wird, zeigt sich ihre Bedeutung. Sie ist ein Raum, in dem Menschen lernen, Ambivalenzen auszuhalten, in dem Utopien sichtbar werden, in dem das „Andere“ nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit erscheint.

Autokratien fürchten Kunst, weil sie Freiheit sichtbar macht – nicht nur politisch, sondern existenziell. Und diese Freiheit ist ansteckend: Ein Lied kann zum Symbol einer Bewegung werden, ein Bild zur Ikone des Widerstands, ein Gedicht zur Quelle von Hoffnung.

Ob in den Gefängnissen der Sowjetunion, in den Exil-Salons des faschistischen Europas oder auf den Theaterbühnen heutiger Demokratien – Kunst bleibt das, was Macht nicht vollständig kontrollieren kann. Und genau darin liegt ihre Stärke.

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