Kunst zwischen Zeitgeist und Verantwortung
Wer durch die Salzburger Altstadt spaziert, bleibt früher oder später am Waagplatz stehen – einem jener Plätze, an denen sich Geschichte, Architektur und Kunst zu einem besonderen Ensemble verbinden.

Von Karl Traintinger
Mit seiner hellen Fassade und den kunstvollen Malereien ist das Haus Nummer 1, das sogenannte Ankerhaus, ein echter Blickfang. Doch hinter der schönen Hülle steckt weit mehr als nur Ästhetik – nämlich ein Stück Salzburger Geschichte mit all ihren Licht- und Schattenseiten.
Vom Rathaus zur Stadttrinkstube – ein Haus mit vielen Leben
Das Ankerhaus kann auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurückblicken. Im Mittelalter diente es als Rathaus, später als Gerichtshaus, Waaghaus und schließlich als Stadttrinkstube, wo Ratsversammlungen, Feiern und Theateraufführungen stattfanden. Nach einem Brand im 17. Jahrhundert wurde es prachtvoll neu ausgestattet, später zum feinen Hôtel Erzherzog Karl umgebaut und Ende des 19. Jahrhunderts zum Sitz des Salzburger Volksblatts. Schließlich zog hier die „Anker Versicherung“ ein – sie gab dem Haus seinen heutigen Namen.
Kunst am Bau – Reisenbichlers „Aussaat und Ernte“
1928 beauftragte die Versicherung den Salzburger Künstler Karl Reisenbichler, die Fassade neu zu gestalten. Entstanden ist das monumentale Sgraffito „Aussaat und Ernte“, das bis heute erhalten ist. Es zeigt Bauern bei der Feldarbeit, Symbole für Fleiß, Glaube und Beständigkeit – Tugenden, die damals als Fundament einer „gesunden Gesellschaft“ galten. Reisenbichler arbeitete dabei mit R. Brandstätter, Albin Müller-Rundegg und F. Pichler zusammen. Das Werk ist handwerklich meisterhaft und zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen Salzburger Fassadenkunst der Zwischenkriegszeit.
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