Das Projekt „Lueger Temporär“ von Nicole Six und Paul Petritsch hat den Dr.-Karl-Lueger-Platz in Wien über ein Jahr hinweg zu einem Ort der Auseinandersetzung gemacht. Von Oktober 2022 bis Oktober 2023 verwandelte die temporäre Installation den Platz in ein offenes Archiv und rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie eine Stadt mit einem politisch und moralisch belasteten Denkmal umgeht.

Von Karl Traintinger
Statt das Ehrenmal des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger zu verhüllen, arbeiteten Six und Petritsch mit einem Umweg. Aus farbig gefassten Holzlatten formten sie die Umrisse von 16 Denkmälern, Büsten und Gedenktafeln, die Lueger im Lauf des 20. Jahrhunderts gewidmet wurden. Die begehbare, bewusst fragile Struktur machte deutlich: Es geht nicht nur um eine Statue, sondern um ein ganzes System der Ehrung.
Der Ansatz ist klug und nachvollziehbar, zugleich aber erklärungsbedürftig. Ohne vermittelnden Kontext blieb die Arbeit für viele Passant:innen schwer lesbar – ein Problem, das viele Kunstinterventionen im öffentlichen Raum teilen. Die ästhetische Leichtigkeit der Konstruktion stand zudem in Spannung zur historischen Schwere des Themas.




Inzwischen hat sich die Situation real verändert: Das Lueger-Denkmal wurde abgebaut, die Bronzefigur vom Sockel entfernt. Die Stadt Wien plant nun mit „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ ein dauerhaftes künstlerisches Statement, das direkt am Denkmal selbst ansetzt und dessen historische Aufladung räumlich und visuell verschiebt. Die Figur soll leicht geneigt wieder aufgestellt und durch erklärende Elemente ergänzt werden – sichtbar aus dem Gleichgewicht gebracht, ohne aus dem Stadtraum zu verschwinden.
Gerade hier wird die Ambivalenz deutlich. Die Schieflage ist ein starkes Bild, zugleich aber ein vorsichtiger Kompromiss. Kritiker:innen sehen darin eher eine symbolische Verschiebung als eine grundsätzliche Zäsur. Die Frage bleibt offen, ob die Neigung des Denkmals eine nachhaltige Neubewertung bewirkt – oder ob sie vor allem ein ästhetisches Signal bleibt.
Rückblickend erscheint „Lueger Temporär“ weniger als abgeschlossene Kunstaktion, sondern als Teil eines längeren, noch nicht beendeten Prozesses. Die Installation hat Debatten gebündelt, Widersprüche sichtbar gemacht und den Platz symbolisch geöffnet.
Was folgt, liegt nun nicht mehr bei der Kunst, sondern bei der Stadt. Erinnerung bleibt eine Baustelle – und ob die Schieflage mehr ist als ein gut austarierter Balanceakt, wird sich erst zeigen.

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