Marco Balzano: Bambino

Marco Balzano | Foto: Geri Krischker / © Diogenes Verlag

Marco Balzano | Foto: Geri Krischker / © Diogenes Verlag

Marco Balzano: Bambino

Autor: Marco Balzano
Aus dem Italienischen: Peter Klöss
Titel: Bambino
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
ISBN: 978-3-257-07352-2
Verlag: Diogenes Verlag
Erschienen: 21.01.2026

Klappentext:

Triest, 1920. Mattia ist ein Faschist der ersten Stunde. Sein Gesicht ist noch bartlos, weshalb man ihn Bambino nennt, aber seine Schläge sind so hart, dass die halbe Stadt sich vor ihm fürchtet.

Mattia weiß nicht, wer seine Mutter ist. Gar eine von drüben? Eine Slowenin? Sein Vater, der Antifaschist und Uhrmacher, will es ihm nicht verraten. Im Schlamm und Schmutz des Zweiten Weltkriegs verliert Mattia schließlich alle Gewissheiten, und er muss erfahren, dass der Gewinner von heute der Verlierer von morgen sein kann.

Anna Lemberger

Rezension von Anna Lemberger

Mattia Gregori wuchs als gelangweiltes, ruhiges Kind im Triest des Ersten Weltkriegs auf. Doch die Stille seiner Kindheit endete abrupt, als er sich 1920 als junger Erwachsener den gefürchteten Schwarzhemden anschloss. Wegen seines bartlosen, fast kindlichen Gesichts erhielt er von seinen faschistischen Kameraden den Spitznamen „Bambino“. Doch hinter dieser Maske verbarg sich nichts Kindliches: Mattia wurde aufgrund seiner extremen Brutalität schnell weithin gefürchtet.

Besonders die slawische Minderheit bekam im Rahmen des unerbittlichen Grenzfaschismus seinen Hass zu spüren. Für seine Ideologie opferte er sogar seine einzige wahre Freundschaft zu seinem Schulfreund Ernesto, der selbst dieser Minderheit angehörte.

Inmitten dieser Radikalisierung erschütterte ein Geständnis seiner im Sterben liegenden Mutter Mattias Welt in ihren Grundfesten: Er erfuhr, dass er nicht ihr leibliches Kind war und seine wahre Herkunft im Dunkeln lag. Die quälende Suche nach seiner leiblichen Mutter und die wachsende Vorahnung, dass ausgerechnet er slawischer Abstammung sein könnte, hielten ihn jedoch nicht davon ab, diese Minderheit weiterhin mit massiven Schikanen und Gewalt zu verfolgen …

Der Autor Marco Balzano erzählt in seinem Roman von einem oft vergessenen Nebenschauplatz des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs. Er versetzt seinen fiktiven Erzähler Mattia an reale Handlungsorte inmitten eines düsteren Szenarios. Dabei beschreibt der Protagonist mit einer erschreckenden, fast grenzwertigen Gelassenheit seine eigene Brutalität. Es tritt eine sadistische Persönlichkeit zutage, wie sie damals im faschistischen Triest wohl vielfach existiert haben mag.

Ohne feste Arbeit und weitgehend auf Kosten seines antifaschistischen Vaters lebend, verdient sich Mattia sein Geld als Schläger, Denunziant und Spion. Selbst als er später an der Front mit der harten Wirklichkeit konfrontiert wird, lässt ihn seine brutale Ader nicht los. Wann immer es brenzlig wird, windet er sich aus schwierigen Situationen heraus, wird zum Überläufer und liefert einstige Kameraden aus – bis er nach vielen Jahren schmerzhaft erkennen muss, dass auch Jäger irgendwann zu Gejagten werden können.

Bereits das eindrucksvolle Buchcover mit dem traurig und unschuldig wirkenden jungen Mann besticht durch seine Ausstrahlung. Die dramatische Einleitung zieht die Leserschaft sofort in den Bann und lässt sie bis zum Schluss nicht mehr los. Im Hauptteil wagt sich Balzano an ein lange verschwiegenes Thema heran: die Rolle Italiens rund um das Krisengebiet des „Il Confine Orientale“ von den 1920er-Jahren bis 1945.

Balzano lässt seinen Protagonisten einerseits vom brutalen Vorgehen der Faschisten gegen die slawische Minderheit berichten, andererseits verschweigt er nicht die Rache der einst Verfolgten, die kaum minder brutal ausfiel und Tausende Italiener in den Karsthöhlen – den berüchtigten Foiben – verschwinden ließ. Das Ende ist so düster wie das gesamte Werk und lässt die Leser*innen mit einem tiefgreifenden Dilemma zurück.

Dies ist ein wichtiges, ja notwendiges Buch über ein fast vergessenes Kapitel der Geschichte. Obwohl der Autor mit großer psychologischer Tiefe, viel Feingefühl und fundiertem Wissen schreibt, bleibt am Ende ein beklemmendes Gefühl zurück. Eine absolute Empfehlung für alle, die bereit sind, in menschliche Abgründe zu blicken – auch wenn dieser Blick mit Schmerz verbunden ist.


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