Die große Retrospektive von Marina Abramović in der Albertina Modern ist eine intensive Begegnung mit Kunst, die unter die Haut geht. Schon beim Eintreten wird spürbar, dass es hier nicht um distanzierte Betrachtung geht, sondern um Nähe, um Konzentration, um das bewusste Erleben von Zeit, Körper und Energie. Die klare, ruhige Präsentation gibt den oft radikalen Arbeiten genau jenen Raum, den sie brauchen.

Von Karl Traintinger
Besonders eindrucksvoll sind die täglichen Reenactments historischer Performances. Sie holen die scheinbar vergangene Performancekunst ins Hier und Jetzt zurück und machen Abramović’ radikalen Ansatz unmittelbar erfahrbar. Ikonische Arbeiten der Rhythm-Serie, die intensive Zusammenarbeit mit Ulay oder das erschütternde Werk Balkan Baroque entfalten ihre Wirkung nicht nur durch Erzählung, sondern durch direkte körperliche Präsenz.
Aus fotojournalistischer Sicht ist diese Ausstellung ein Geschenk: Die Verbindung von Fotografie, Video und Live-Performance verdichtet flüchtige Momente zu starken Bildsequenzen. Viele dieser Bilder tragen jene besondere Spannung in sich, die nur entsteht, wenn Menschen einander wirklich ausgesetzt sind – im Schweigen, im Ausharren, im Blickkontakt.
Was diese Retrospektive besonders menschlich macht, ist nicht nur die Radikalität der Kunst, sondern auch ihre Verletzlichkeit. Immer wieder wird deutlich: Abramović geht es nicht um Provokation um der Provokation willen, sondern um Transformation, um Bewusstwerdung, um das Durchschreiten innerer und äußerer Grenzen. Das Publikum wird dabei leise, aber konsequent miteinbezogen.
Diese Ausstellung wirkt nach. Man verlässt sie langsamer, aufmerksamer – und mit dem Gefühl, gerade nicht nur Kunst gesehen, sondern etwas erlebt zu haben.









Marina Abramović (1946 in Belgrad) zählt zu den weltweit wichtigsten Performancekünstlerinnen. Seit den 1970er-Jahren arbeitet sie mit dem eigenen Körper als Medium. Internationale Bekanntheit erlangte sie unter anderem mit „The Artist Is Present“ (MoMA, New York, 2010). Sie lebt und arbeitet in New York.

1010 Wien, Karlsplatz 5
Marina Abramović bis 1. März 2026

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