
Autorin: Michael Köhlmeier
Titel: Mein privates Glück
Genre: Belletristik, Roman
ISBN: 978-3-446-28831-7
Verlag: Hanser
Erschienen: 18. 8. 2026
Klappentext:
Wie wird man der Mensch, der man ist? Michael Köhlmeiers Roman über sein Leben – schonungslos ehrlich und mit der ganzen Kraft der Fiktion Alles beginnt mit einem vierjährigen Buben aus Coburg, der nicht weiß, dass er Eltern hat – bis er eines Tages mit der Eisenbahn in Lindau ankommt.
Ein fremder Mann holt ihn ab und begleitet ihn in ein Haus ans Bett einer gelähmten Frau. Er ist sein Vater, sie ist seine Mutter. Wie wird man der Mensch, der man ist? Michael Köhlmeier hat sein Lebensbuch geschrieben, den großen Roman seiner Familie. Er erzählt von den Traumata der Weltkriege, die bis in die Gegenwart nachwirken, und vom Alltag in einer erzählsüchtigen Verwandtschaft. Schonungslos ehrlich und mit der ganzen Kraft der Fiktion dringt er in die Tiefe der menschlichen Existenz. »Alles wird sich irgendwann irgendwie zurechtschütteln, darin liegt die Zuversicht meines Lebens.«

Rezension von Egon Gartner
Wie wird man der Mensch, der man ist? Michael Köhlmeiers erzählt in seinem Roman über sein Leben, beginnend im Alter von vier Jahren, wobei er weniger über sich selbst, als über seine Eltern, seine Großmutter, Tanten und Onkeln schreibt. Aus diesem Familienporträt heraus, entwickelt er die Existenz eines Ich-Erzählers, aus der wir den späteren Schriftsteller erkennen können.
Dabei sieht es zunächst nicht danach aus, als könnte diese Kindheit in der Zeit der Nachkriegsjahre glücklich verlaufen.
Michaels Mutter ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Der Vater ist überfordert mit zwei Kindern, einer kranken Frau und dem Bau eines Eigenheims. Zusammen mit seiner Schwester Walli wird der kleine Michael deswegen für eine Weile zur Tante nach Deutschland geschickt.
Bei der Rückkehr nach Österreich, erlebt er am Bahnhof Lindau eine große Überraschung. Niemand hatte ihm gesagt, was ihn nach der langen Eisenbahnfahrt erwartet. Dass es neben Tante Helga und Onkel Otto auch noch Vater und Mutter gibt, wusste er nicht.
„Ein Mann kam uns auf dem Bahnsteig entgegen. Er winkte schon von Weitem. Und lachte. Ging nun schneller. Lief. Er lupfte meine Schwester vom Boden auf. Walli ließ ihr Köfferchen fallen und quietschte. Ich sah, wie sich ihre Hände in seinem Nacken falteten. Er setzte sie ab, reichte unserer Großmutter die Hand und verbeugte sich „Ich habe mir eine Triumph-Schreibmaschine gekauft“, sagte er. „Mit Perlschrift.“ Sie sagte: „Gibt es hoffentlich gute Nachricht von Charotte?“ Er sagte: „Sie ist zu Hause. Sie wartet auf uns.“ Nun ging er vor mir in die Hocke und presste seine Hände um meine Rippen und sagte: „Wer bist denn du?“
Ich antwortete: „Ich heiße Michael Köhlmeier. Ich wohne in der Tilsiter Straße 18.“ So war es mir von Tante Helga beigebracht worden. „Und ich heiße Arnold Köhlmeier“, sagte der Mann. „Grüß Gott, Herr Arnold Köhlmeier“, sagte ich.
Anders als vermutet erzählt Michael Köhlmeier nun aber nicht die Geschichte einer brutalen Entwurzelung. Tatsächlich lernt der Bub seine Eltern noch einmal kennen.
Der Vater, ausgestattet mit Eloquenz und intellektueller Angeberei, mausert sich von einem Träumer zum gefeierten Journalisten, stürzt sich in Affären und Liebschaften, bis hin zu einem Parallelleben mit einer anderen Frau. Gleichzeitig ist sein Verhältnis zur kranken Ehefrau geprägt von christlichem Pflichtgefühl und entsprechender Scham für seine Affären, von denen er als alter Mann dem Sohn berichtet.
“Keiner war schlecht, keiner hatte die Absicht, Böses zu tun. Aber er hatte es fertiggebracht, die Lebensfäden von fünf Menschen, zählte er die Prostituierte dazu, sechs, so ineinander zu verwirren, dass nur Verzweiflung, Trübsal, Beschämung und Kränkung daraus folgen konnten – wenn er die Wahrheit sagte.”
Die Mutter, die trotz Behinderung den Laden herrisch zusammenhält, erzählt dem jungen 18-jährigen Michael im Abschnitt “Zum Schämen” im zweiten Teil des Romas berührend über ihre verzweifelten Versuche, wieder gehen zu lernen und wie sie sich vor ihrem Mann schämte, als sie als Folge eines Sturzes und einer Gehirnerschütterung, Wasser und Stuhl nicht halten konnte und ins Bett machte und er sich rührend um sie kümmerte.
“Als der Tag so schrecklich für sie begann, hatte sie gedacht, er wird mich verlassen, er kennt mich nicht, und ich kenne ihn nicht, er wird sich vor mir ekeln, wird aber tun, als ekle er sich nicht. Er ekelte sich nicht vor ihr. Als der Tag endete, habe sie gedacht, nichts wird uns jemals trennen können. Bis der Tod uns scheidet.”
Es ist ein sehr warmherziges, liebevolles Buch. Auch Monika, die große Liebe von Michael Köhlmeier, die vor kurzem auf tragische Weise ums Leben kam, kommt im Buch vor, in der Widmung und als vertraute Person, die von ihm immer wieder befragt wird.

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