
Autor: Michal Ajvaz
Titel: Die andere Stadt
Genre: Belletristik/ Fantastische Literatur
ISBN: 978-3-911524-02-5
Verlag: Allee Verlag
Erschienen: 15. September 2025
Buch in der Salzburger
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Klappentext:
In einem Prager Antiquariat kauft der Erzähler ein sonderbares Buch. Es ist in einer obskuren Schrift verfasst und scheint aus einer unbekannten, anderen Stadt zu stammen, die sich in einer undurchsichtigen Symbiose mit Prag befindet. Langsam dringt der Erzähler in diese Stadt ein, die sich an Rändern, in Schatten und Spiegelungen des Alltags, gleichzeitig an bekannten Orten Prags befindet. Der Namenlose müht sich, das Wesen dieser Stadt zu ergründen und in ihr Zentrum vorzudringen. Dieses jedoch scheint zurückzuweichen, je ungestümer er sich ihm zu nähern versucht. Je tiefer er in die Geheimnisse der anderen Stadt eintaucht, desto mehr wird er selbst zum Getriebenen, Wahrnehmungen und Gewissheiten lösen sich auf; schließlich gerät seine nackte Existenz ins Wanken.
Die andere Stadt ist eine faszinierende Mischung aus philosophischer Tiefe, surrealer Erzählkunst, abenteuerlicher Fabulierlust, skurrilem Witz und kafkaesker Odyssee. Ajvaz’ Prag-Roman stellt Fragen zum Wesen der Wirklichkeit und lädt ein, über die Oberfläche des Alltäglichen hinauszuschauen. Wer wagemutig genug ist, sich auf diese fordernde Reise einzulassen, wird die andere Stadt am Ende finden – und sie vielleicht nie mehr ganz verlassen.

Rezension von Anna Lemberger
Eine Reise ins absurde Prag
Alles beginnt damit, dass der namenlose Erzähler in einem Antiquariat ein Buch mit violettem Einband entdeckt. Die Schriftzeichen darin sind ihm völlig unbekannt; sie wirken fremdartig, beinahe giftig und bedrohlich. Mit diesem Fund beginnt nicht nur für die Hauptfigur eine verstörende Reise, sondern auch für die Leserinnen und Leser: Hinter den Rändern des vertrauten Prags, direkt unter seiner dünnen Oberfläche, öffnet sich eine „andere Stadt“, die in eine Welt voller Absurdität führt.
In Statuen lassen sich kleine Türen öffnen, die den Blick in eine bizarre, jeder Wirklichkeit entrückte Welt freigeben. Aus einem einzigen Marmorblock gehauene grüne Straßenbahnen fahren direkt in die Dunkelheit. Der Erzähler taucht tief in diese surreale Sphäre ein und sucht nach Antworten auf seine Fragen, nur um am Ende – ebenso wie die Leserschaft – verwirrt zurückzubleiben. Gerade in dieser gewollten Orientierungslosigkeit liegt jedoch die eigentliche Faszination des Romans: Michal Ajvaz fordert dazu auf, die Logik des Alltags hinter sich zu lassen und sich ganz dem ungezähmten Strom der Bilder zu überlassen.
Schnell versinkt man gemeinsam mit dem Protagonisten in einem geordneten Chaos, in dem manche Passagen inhaltlich ins Leere zu laufen scheinen. Gekonnt spielt der Autor mit Sätzen, die zwar grammatikalisch korrekt sind, durch ihre Rätselhaftigkeit aber ein dumpfes Gefühl des Nichtverstehens hinterlassen. Zugleich drängt sich eine Frage auf, die unbeantwortet bleibt: Wie verlässlich ist unsere Wahrnehmung, wenn im Kopf Bilder entstehen, die einen auf der Turmspitze des Doms aufgespießten Hai zeigen?
In Ajvaz’ Roman finden Leserinnen und Leser keine klassische, zusammenhängende Handlung. Stattdessen lädt das Buch dazu ein, nicht alles mit dem Verstand erklären zu wollen, sondern den Text als ästhetische Erfahrung anzunehmen.
Es ist ein grandioses Werk, dessen Reiz in seiner konsequenten Absurdität und im virtuosen Spiel mit Sprache liegt. Ajvaz konfrontiert sein Publikum bewusst mit einer irrealen Welt und verlangt ihm ab, die Komfortzone des Gewohnten zu verlassen. Dieser Roman ist sicher keine Mainstream-Lektüre – wer sich jedoch auf dieses labyrinthische Spiel aus Unordnung und Ratlosigkeit einlässt, wird sich in der „anderen Stadt“ auf seltsame Weise zuhause fühlen.

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