Ich stehe drinnen und hole die trockene Wäsche. Natürlich falte ich sie sofort. Ordnung ist das halbe Leben, das andere halbe misstraut der Ordnung.

Von Alois Schöninger
Hallein, Salzburg
Pullis, T-Shirts, Hosen, Handtücher. Alles wird zusammengelegt, bevor es in den Korb darf. So gehört sich das. Zumindest für mich.
Daneben: er.
Ein junger Mann. Hipsterbart. Familienvater der neuen Bauart. Einer, der sich kümmert. Um Frau, um Kind, um das große Ganze gleich mit. Wenn man ihm zuhört, könnte man glauben, er und seine Lebensgefährtin hätten das Elternsein erfunden. Ein Patent darauf angemeldet. Das Kind – der Gschrapp – ein Wunderwesen. Brav. Intelligent. Charakterstark. Eineinhalb Jahre alt und wahrscheinlich kurz davor, Kant zu lesen.
Der Hipster.
Ich weiß, dass er sich tausende YouTube-Videos anschaut. Über Nachhaltigkeit. Über Umwelt. Über modernes Mann-Sein. Über Achtsamkeit, Care-Arbeit und das richtige Falten von Mullwindeln bei Vollmond. Er will alles richtig machen. Politisch korrekt sein. Seiner Lebensgefährtin so modern und fortschrittlich erscheinen, wie es nur irgendwie geht. Und dieses neue, erlernte Mann-Sein drückt er auch jedem anderen Mann hinein. Besonders jenen aus meiner Generation. Nicht beiläufig. Nicht freundlich. Sondern mit einer Arroganz, die Überlegenheit signalisiert. Sanft verpackt, aber gnadenlos.
Beim Wäschefalten offenbart sich meine Schwäche.
Ich bekomme es nicht hin.
Die Pullis sehen erst beim zweiten, dritten, vierten Versuch so aus, dass man sie ohne Fremdscham ansehen kann. Die Hosen gehen. Die Handtücher sowieso. Aber heute: viele Pullis, viele T-Shirts. Und ich wirke dabei nicht elegant, nicht souverän, nicht wie ein Mann, der sein Leben im Griff hat, sondern wie ein Lehrling im ersten Lehrjahr. Zwar schon oft gemacht, aber es flutscht nicht. Gar nicht.
Ich stelle mich dichter an den Wäscheständer. Tarnung. Defensive. Vielleicht merkt er es nicht.
Stille im Raum. Eine akustische Zumutung. Man hört alles. Jeden Atemzug. Jeden Stoffgriff. Jeden missglückten Faltversuch. Ein Konzert der Unzulänglichkeit.
Ich schiele hinüber.
Der Hipster faltet. Und wie er faltet. Präzise. Ruhig. Perfekt. Meine Mutter könnte es nicht besser. Und sie hat im Wäschezusammenlegen olympische Goldmedaillenqualität erreicht. Jahrzehntelang trainiert. Ohne Tutorials.
Ich komme unter Druck.
Und unter Druck wird alles schlimmer. Die Hände werden klobig, die Bewegungen fahrig, der Pulli widersetzt sich mir wie ein lebendiges Wesen. Es wird schief. Es bleibt schief. Ich brauche länger. Viel länger.
Dann sagt er es.
„Ist dir das nicht ordentlich beigebracht worden, oder?“
Locker gesagt. Lässig. Kameradschaftlich gemeint. Ein Brückenbauversuch. Vielleicht.
Und doch hat er meine Schwächen schonungslos und genüsslich aufgedeckt, sie vor mir ausgebreitet wie feuchte Wäsche auf der Leine. Sichtbar. Unausweichlich. Mit diesem leisen Triumph im Blick, der sagt: Ich hab’s gesehen. Ich hab’s gewusst.
Bei mir: Schockstarre.
Ich bin entblößt.
Der alte weiße Mann. Öffentlich seziert. In ein Rollenbild geschoben, festgenagelt wie ein schlecht präparierter Käfer. Ein Gefühlsmix aus Peinlichkeit, Scham und Ärger steigt hoch. Erste Schweißperlen auf der Stirn. Jede Antwort eine Falle. Jede Reaktion falsch.
Dabei bin ich ein Kind der 68er.
Nicht nur im Jahreszahl-Sinn. Im Haltungs-Sinn.
Selber denken. Selber machen. Autoritäten misstrauen. Anleitungen hinterfragen. Lernen durch Tun, nicht durch Tutorials. Autodidakt eben. Nicht perfekt. Aber eigen.
Er lächelt.
Dieses Lächeln.
Die Körperhaltung: überlegen.
Das „naja …“, das noch nachgeschoben wird.
Er genießt es.
Und dann höre ich mich sagen:
„Ich bin Autodidakt.“
Der Satz hängt kurz im Raum.
Zwischen Weichspüler und moralischer Überlegenheit.
Ich selbst wundere mich über ihn. Woher er kommt. Warum er genau jetzt kommt.
Ich drehe mich zu ihm. Schaue ihm fest in die Augen.
Er nickt. Wortlos.
Seine Haltung verliert Spannung, fällt in sich zusammen wie ein schlecht gefalteter Pulli. Damit hat er nicht gerechnet. Kein Tutorial dafür gesehen. Kein Video darüber.
Ich nehme meinen Wäschekorb.
Gehe hinaus.
Hinter mir bleibt ein perfekt gefalteter Stapel zurück.
Und ein Mann, der alles richtig macht.
Außer zu merken, dass Überlegenheit auch nur eine schlecht kaschierte Unsicherheit ist.

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