Österreich geht den Bach runter

Punktlandung

Punktlandung | Foto: Karl Traintinger

Das sagen viele, und sie fühlen es. Aber was heißt das eigentlich? Geht ein Land wirklich verloren – oder verändert es sich? Und woran misst man diesen Zustand?

Alois Schöninger

Von Alois Schöninger
Hallein, Salzburg

Manche sagen: am Anstieg der Asylbewerber. Am wachsenden Sozialstaat. An steigenden Preisen. Am Gefühl, dass es in der eigenen Tasche immer weniger wird. Es sind nicht nur Zahlen, es ist ein Empfinden, das sich breitmacht.

In Österreich gibt es Menschen, die Sozialhilfe erhalten – das sind real existierende Zahlen, etwa rund 950 Millionen Euro pro Jahr, weniger als ein Prozent der gesamten Sozialausgaben. Etwa ein Drittel der Bezieher sind Schutzberechtigte oder Menschen mit Asylstatus. Es ist ein kleiner Teil der Bevölkerung, aber ein großer Teil der Debatte.

Zwischen 2015 und 2025 dürfte die Asylmigration – wenn man Ausgaben und Einnahmen gegenüberstellt – netto rund 8,8 Milliarden Euro gekostet haben. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind das nur rund 0,2 Prozent. Aber diese Zahl beinhaltet auch Kosten für Bildung, Sozialhilfe, Arbeitsmarktprogramme und Grundversorgung.

Und dann ist da die Schwarzarbeit – ein viel größeres, unsichtbares Thema. Menschen verdienen und versteuern nicht alles, was sie verdienen. Unternehmen und Einzelpersonen entgehen dem Staat so Milliarden an Steuereinnahmen. Exakte Prozentzahlen für Österreich variieren je nach Studie, doch dass der Staat hier Geld verliert, daran besteht kein Zweifel.

Ist das der Grund, warum viele unzufriedene Menschen das Gefühl haben, “alles geht den Bach runter”? Wohl nicht allein.

Die Unzufriedenheit hat viele Quellen: eine wirtschaftliche Realität, die viele spüren, aber schwer fassbar ist; politische Kommunikation, die oft Angst schürt statt Orientierung bietet; digitale Medien, die polarisieren, vereinfachen und auf Wut setzen; und ein Diskurs, in dem Schuldige gesucht werden, bevor die tatsächlichen Zusammenhänge verstanden sind.

Wir leben in einer Zeit, in der eine entfernte Bekannte von unterirdischen Bunkern erzählt, in denen Politiker furchtbare Verbrechen begehen. Und doch findet das Grauen nicht im Untergrund statt, sondern auf Villen, auf Inseln – sichtbar für alle. Die einfachste Erklärung ist selten die richtige.

Die Medien und sozialen Netzwerke formen unser Denken, manchmal stärker als jeder Politiker. Sie bieten einfache Feindbilder: Asylanten, Minderheiten, “die da oben”, “die da unten”, Klima, Gender, Elektroautos. Was fehlt, ist nicht nur Information. Es fehlt Kontext, es fehlt Erwachsenendiskurs, es fehlt Medienkompetenz.

Und dennoch: wenn wir den Blick von oben richten – aus der Helikopterperspektive – dann sehen wir auch andere Dinge:

Europa ist kein technischer Hinterhof. Es gibt hier Innovationen, Unternehmen, die global Bedeutung haben im digitalen Zeitalter, im Software- und KI-Bereich.

Beispiele aus dem europäischen Raum zeigen:

Mistral AI, ein französisches KI-Unternehmen, das massiv finanziert wird und an neue KI-Modelle arbeitet.

Aleph Alpha, ein deutsches Start-up, das eigene große Sprachmodelle entwickelt und dabei europäischen Datenschutz und Transparenz in den Mittelpunkt stellt.

Synthesia und ElevenLabs, britische Firmen, die KI-Technologien zu international genutzten Produkten formen.

DeepL, ein Übersetzungs-KI-System mit weltweiter Nutzung.

AAI Labs in Litauen und andere Start-ups, die KI-Lösungen für Analyse, Automatisierung und öffentliche Aufgaben entwickeln.

Diese Unternehmen sind nicht Riesen wie die US-Giganten, aber sie sind Weltklasse, sie exportieren Wissen, Ideen und schaffen neue Arbeitsplätze. Europa ist nicht technologisch verloren, sondern Teil einer sich wandelnden Welt.

Und Österreich? Auch hier gibt es starke Leistungen. Wir haben eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme weltweit mit hoch ausgebildetem Personal. Der medizinische Standard liegt auf einem Niveau, das man in vielen anderen Ländern beneidet. Aber, Menschen misstrauen Ärzten manchmal eher als “Dr. Google” oder Chatgpt – ein Phänomen der Digitalgesellschaft, nicht der Medizin.

Warum also dieser Eindruck, dass alles schlecht sei?

Weil wir alle – bewusst oder unbewusst – nach ** einfachen Erklärungen** suchen. Wir projizieren unsere Unsicherheit auf Minderheiten, auf Gruppen, die anders sind, statt die komplexen Zusammenhänge zu begreifen.

Politische Parteien, soziale Medien, Stammtisch-Debatten – sie alle nutzen diese Unzufriedenheit, weil sie davon profitieren. Nicht um Lösungen zu finden, sondern um Stimmen zu gewinnen.

Die Politik sollte Lösungen liefern – das ist ihr Auftrag. Aber sie steht auch unter dem Druck der öffentlichen Meinung und der Medienmechanismen.

Und die meisten von uns? Wir haben die Wahl:

Wir können jammern, wir können hassen, wir können uns spalten lassen. Oder wir können beginnen zu verstehen, zu differenzieren, miteinander zu reden statt übereinander.

Ferdinand von Schirach schrieb einmal: „Wir leben in einer Zeit des Misstrauens. Doch wer misstraut, der versteht nicht.“

Vielleicht gilt das auch heute.

Österreich geht nicht den Bach runter. Österreich befindet sich in einem Prozess der Veränderung – und wir sind Teil dieses Prozesses. Unsere Taten, unsere Worte und unsere Haltung beeinflussen, wie dieser Prozess ausgeht. Wir können uns aufrichten, klar denken, mutig handeln – und dafür sorgen, dass es wieder besser wird.

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1 Kommentar zu "Österreich geht den Bach runter"

  1. Bernd Salomon Bernd Salomon | 14. Februar 2026 um 18:40 |

    Wie es momentan ausschaut, hat sich die SPÖ etwas beruhigt und lässt Vizekanzler Babler weiterleben. Gut so. Den abgetakelten Altkanzler, der einfach abgehauen ist, braucht auch keiner.

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