Ein Gespräch von Tobias Zeliss und Gregor Neuerer über das Werk „Overreaching“
Tobias: Die Idee des ersten Teils meiner Arbeit („Overreaching“, Wellpappe & Lack, 272 x 120 cm) ist, dass die Hantel, wenn man beim Eintreten in den Ausstellungsraum schaut, auf der einen Seite einen glänzenden Anstrich hat und auf der anderen Seite die nackte Kartonoptik trägt. Das passt für mich gut zum zweiten Teil meiner Arbeit („Overreaching Story“, Video, Loop). In diesem geht es um die Geschichte eines Ich-Erzählers, der am Anfang profilierungslüstern ist. Die Geschichte wendet sich dann zum unspektakulären Leben, zu den kleinen, fragilen Dingen und der Menschenwürde, die schon ganz rostig ist.
Gregor Neuerer: An welche Farbe denkst du als Anstrich der Hantel?
TZ: Ich denke an Bronze.
GN: Magst du näher über die ursprüngliche Geschichte erzählen, in der es um das Grandiose geht? Darum, sich das Ziel hochzustecken.
TZ: Genau. Es geht darum, übers Ziel hinauszuschießen. Es geht darum, ein Karrieremensch zu sein, letztlich über andere drüberzugehen – kommt als Standbild in der Videoarbeit so vor. Das ist eine Seite im Menschen, die in der heutigen Gesellschaft, finde ich, fast unvermeidbar ist. Diese Seite zeigt sich so oft, es ist ein Gedankengut, dass in allen von uns steckt – das finde ich interessant.
GN: Kommt das von einer eigenen Erfahrung? Lässt sich das nachvollziehen, wie es zu dieser Beobachtung gekommen ist? Gibt es für dich eine Schlüsselerfahrung oder ist diese Beobachtung aus deinem künstlerischen Prozess entstanden?
TZ: Beides. Ich glaube, der Ausgangspunkt war tatsächlich das Fitnessstudio, in dem ich angemeldet bin und das ich öfters aufsuche. Dort geht es darum, den Körper auf Hochleistung zu bringen. Da geht es um Muskelzuwachs und man hat sofort den Vergleich zu anderen Personen, die schon kräftiger gebaut sind – und die harten Maschinen dazu. Das ist schon ein Umfeld, das etwas mit mir macht. Das erzeugt sofort eine Art von: Hier geht es um Leistung. Ja, man kann das als Schlüsselerlebnis betrachten.


GN: Ist das die Verlinkung zur Form der Hantel? Geht es da auch um die Erfahrung im Fitnesscenter?
TZ: Ja. Die Hantel ist von mir so groß aufgezogen worden wie möglich. Sie steht sinnbildlich als feste Struktur. Anhand der Form der Hantel lässt sich das Thema „Over-Reaching“ gut festmachen. Es geht über das Fitnessthema hinaus, das ist auch ganz gut umrissen.
GN: Du sagst schon, die Hantel ist übertrieben groß. Sie bricht aus dem Maßstab aus. Die Form versteht sich als etwas Selbständiges, losgelöst von ihrer unmittelbaren Verwendbarkeit. Wie verbindest du diese Idee zwischen Skulptur und realem Leben? Es gibt bei unserer Ausstellung den Bezug zu Fluxus, zur Verbindung von Leben und Kunst. Es gibt den Bezug auf historische künstlerische Positionen, zum Beispiel auf Josef Beuys. Betrifft dich das Überfordert sein? Nimmst du das im Kunstbetrieb wahr?
TZ: Umgekehrt. Kunst gibt die Möglichkeit, über solche Sachen zu sprechen. Ich sag mal ganz persönlich: Wenn ich an das Wort flux denke, denke ich ehrlicherwiese an meinen Workflow. Ich denke an stapelweise Ideen, die unerfüllt sind. Oder im Studium an die diversen Aufgaben, die zu erledigen sind. Ich denke an das Unabschreitbare, das sich von Phase zu Phase durchzieht. Für mich ist flux aber auch ein Flüsschen abseits des Mainstreams. Der Mainstream wäre der Trend der Selbstüberforderung, der Trend, genau diese Sichtweise zu haben ‚Wir leben in einer zutiefst unfairen Welt‘. Arbeit, die sich nicht lohnt. Der künstlerische Ansatz ist nicht unbedingt das Utopische, sondern eher das Kleine, Unaufgeregte, wo Tobias Zeliss in der Werkstatt einfach der Zeit entgegen sitzt und mit seinen Werkzeugen ehrliche Forschung betreibt. Es ist keine große Geschichte mehr, es zerfällt alles wie eine Wellenfunktion zu einem Zustand.
Eine kleine Hantel liegt als Vergleich bei. Der Kontrast entsteht real zwischen dem Großaufgezogenen und dem sehr Kleinen, hier als Aluminiumguss. Es trifft das Thema: Zum Großen zu greifen und das Kleine vor den Füßen zu haben.
GN: Du verwendest ja auch das Medium des Schreibens. Was bedeutet das Schreiben für dich?
TZ: Sprache wird meist als Instrument gesehen. Ich sehe Sprache eigentlich nicht als solches. Das Schreiben ist aber etwas Zentrales in meinem Leben. Ich habe es seit der Kindheit schon gemacht. Ich habe mal den Satz in einem Radiointerview gesagt: Ich schreibe immer dann, wenn das Leben mir Fragen gibt, die es zu beantworten gilt.
GN: Entstehen durchs Schreiben neue Fragen?
TZ: Auch. Fragen, die sich wiederum nur mit Fragen beantworten lassen. Dazu kommt diese Selbstkritik, die ich an den Tag lege – wodurch der Schreibprozess schwer beendbar ist. Immer wieder treten Stellen auf, die besserer Beschreibungen bedürfen, so bleibt das immer wieder in einem Fluss. Die Zufriedenheit ist selten da. Es sind immer fragmentarische Dinge, Dinge, die versuchen, etwas zu beschreiben, aber es noch nicht ganz ausdrücken können – so nähere ich mich dem Schreiben.
GN: Du hast von Fragilität gesprochen. Hast du das Gefühl, in der Video-Arbeit die Idee von Fragilität anzusprechen?
TZ: Meine Video-Arbeit wird in zwei Teilen erzählt. Eine Person entsteht in einem Umfeld, das sie zu einer eingeengten Realität zwingt… und dann letztlich alleine lässt. Dann kommt eine Leerstelle. In der zweiten Hälfte geht es um ein Umfeld, das beschaulich ist. Die Person darin sieht sich nicht als etwas Wichtiges an, sondern als etwas Dankbares. Es geht dem erzählenden Tobias Zeliss um die kleinen Momente, das Unverbundene, Fragilität.
GN: Gibt es einen Transformationsprozess, durch den du dich von manchen Dingen befreist? In dem du aus der Enge heraussteigst?
TZ: Heraussteigen ist ein interessantes Bild. Es stecken unterschiedliche Formate in diesem Werk – von der Aufnahme der eigenen Stimme, zu Geschriebenem, zu Bildern und dann das Dreidimensionale. Das ist deutlich mehr als bei meinen bisherigen Werken. Natürlich ist das nichts Kontinuierliches, da steigt man schon aus, ja. Da lässt man sich aber auch treiben. Immer wieder versuche ich, klare Gedanken zu fassen und es gelingt mir nicht. Ich überlege herum, möchte eine klare Arbeit schaffen – das Leben führt mich anders herum. Der Workflow verliert sich. Ich bin abgelenkt, es spielen plötzlich andere Sachen eine wichtigere Rolle. Aber irgendwie entsteht etwas, das Teil meines Selbstverständnisses wird.
TIPP: Vernissage FLUX >

Tobias Zeliss ist ein junger österreichischer Künstler, Schriftsteller und Theatermacher.
2023 führte er am kleinen theater Salzburg sein Stück „Die Zeit, die noch bleibt“ auf. 2024 wirkte er an der Ausstellung „tradition2go – zwischen kultur und wahnsinn“ im Hellbrunner Park mit.
2025 folgt „flux“ im Salzburger Kunstverein – eine zeitgenössische, umfassende Ausstellung von fünf Studierenden des Mozarteums. Tobias Zeliss studiert Kunstpädagogik und Physik in Salzburg.
Die Ausstellung:







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