Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe

Paolo Rumiz | Foto: Folio Verlag © Alessandro Scillitani

Paolo Rumiz | Foto: Folio Verlag © Alessandro Scillitani

Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe

Autor: Paolo Rumiz
Titel: Eine Stimme aus der Tiefe. Reise durch das unterirdische Italien.
Übersetzung: Karin Fleischanderl
Genre: Belletristik/ Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Verlag: Folio-Verlag, Wien-Bozen
ISBN: 978-3-85256-911-6
Erschienen am 14. März 2025

Klappentext:

Stimmen aus der Tiefe, wo es brodelt, bebt, giftige Dämpfe und Erinnerungen aufsteigen. 

Auf der Reise zu den Grundfesten Italiens, von Sizilien bis Neapel, über den Apennin bis ins Friaul, tut sich ein Inferno an Verwerfungslinien auf. Das ist der Stoff für Rumiz’ leidenschaftliche Erkundungen in der Welt des Minotaurus. Er besteigt zerklüftete Berge auf den Äolischen Inseln und die Krater des Ätna, erkundet unterirdische Quellen im Karst, Höhlen der Eremiten in Kalabrien und frühchristliche Katakomben in Rom. Er befragt alte und neue Kulte und Mythen, spricht mit Menschen aus Wissenschaft, Politik und von der Straße und erzählt so vom Alltag im Schatten des Unvorhersehbaren. Wie leben auf so unsicherem Terrain? 

Geschichten von Katastrophen, Unwägbarkeiten und Wundern.

Wolfgang Kauer

Buchrezension von Wolfgang Kauer

Selten gelingt es, einen essayistischen Reisebericht in den Buchmarkt zu integrieren, der in jeder Hinsicht völlig anders ist und so aus jeder Schublade fällt. Dem Folio-Verlag ist es zu verdanken, dass dieser ungewöhnliche wie wertvolle Reisebericht über die tektonischen Bruchlinien entlang des italienischen Stiefels auch die deutschsprachige Öffentlichkeit erreicht. Kaum jemals zuvor wurde ein sonst so streng naturwissenschaftlich aufgearbeitetes Stoffgebiet in einen so wunderbar poetischen Erzählstil transkribiert, wozu die Übersetzerin Karin Fleischanderl nicht wenig und fast fehlerlos beigetragen hat.

Der italienische Autor der ungewöhnlichen Reise in die Tiefen der Erdkruste, Paolo Rumiz, kann keinen spektakulären Lebenslauf vorweisen, aber er wohnt in Triest, einer Stadt, die nahe einer Erdbebenlinie liegt. Diese Nähe zur steten geologischen Veränderung und sein freiwilliger Einsatz im Jahr 1976 als Erdbebenhelfer in den Julischen Voralpen waren ihm Grund genug, ein Buch zu schreiben. Wem von uns käme die Idee, sich dem wissenschaftlichen Thema Plattentektonik über den Hörsinn zu nähern, wie er es getan hat? Die zahlreichen Kapitel widmen sich nicht nur bekannten Hotspots entlang der adriatischen tektonischen Bruchzone, sondern verwandeln auch viele unscheinbare Entdeckungen in themenspezifische Hotspots.

Geologie und Poesie verbinden sich zu einer faszinierenden Erzählung, die Lesende nicht zuletzt durch erstaunliche Assoziationen berührt. So erinnert den Ich-Erzähler etwa „der tiefe höllische Bass, wie von einem Heer aus Trompeten, Fagotten, Oboen und Englischhörnern“ (vgl. S. 23) beim miterlebten katastrophalen Erdbeben im Resia-Tal im Jahr 1976 an ein „langgezogenes Donnern aus dem hohlen Boden unter dem Gleis 21 am Mailänder Bahnhof, von wo aus Lombardische Juden heimlich in Konzentrationslager verschickt wurden.“ (vgl. S. 24) Und dieses Donnern imaginiert der Autor als von einer Bisonherde verursacht, die „aus den sechzigtausend Jahre alten Höhlenmalereien Altamiras ausgebrochen“ wären und „im Galopp das ganze Mailänder Eisenbahnnetz niedergetrampelt“ hätten. „Dieser Donner in c-Moll“ sei „fixes Rückgrat Italiens und stellte das Land besser dar als die Nationalhymne.“ (vgl. S. 27) Dieser Ton habe ihn erstmals zum Schweigen gebracht, schreibt der Autor. „In so einem Augenblick ist man winzig klein.“ (vgl. S. 23) Und dennoch seien in Italien „das Schöne und das Schreckliche – wie das Seismische und das Fruchtbare – kein Widerspruch, sondern eine geheimnisvolle, in den Eingeweiden der Erde verborgene Einheit“. (vgl. S. 27)

Damals habe er den Plan gefasst, diese Dark Symphony zu schreiben über „seismische Verwerfungen und Brüche, unterirdische Flüsse, Luftschutzkeller, Höhlen mit paläolithischen Malereien, Brady-Seismen, unterirdische Gänge, ozeanische Lager, Atombunker, die Höhlen der frühen Eremiten. Eine Welt, bestehend aus Vulkankratern, Bergwerken, Karstquellen, Katakomben, Miasmen, ein Labyrinth von Tunneln, U-Bahnen, Verliesen, Krypten mit Sarkophagen von Heiligen, unerforschten Brunnen, Meeresböden voller Relikte, Waffen aus alten Kriegen, die noch immer Blitze anziehen und im Falle eines Krieges explodieren konnten.“ (vgl. S. 24)

Auf dem Mailänder Bahnhof habe er erstmals gedacht, dass „die Unterwelt eine Stimme“ habe „und diese bei ihrer Verbreitung ein riesiges Fresko schuf, auf dem das Schreckliche der Natur mit der Unterwelt der Menschen eine Verbindung einging.“ (vgl. S. 24). Manche Inselbewohner von Alicudi, wie eine Frau namens Nunziatina Barbuto, würden die Stimmen ihres Vulkans sogar als „Ruf der Toten“ interpretieren (vgl. S. 17). Dass man in Kalabrien tektonisch verursachte Geräusche ebenso mit dem Rattern von Eisenbahnzügen gleichsetzt, habe seinen Grund im griechischen Wort trénos für Totenklage. (vgl. S. 20)

Der lebenserfahrene Autor führt uns zu spannenden Geheimnissen, die nur er kennt, weil nur er sie recherchiert hat oder recherchieren konnte, aber in diese eingeweiht worden zu sein möchte man hernach auf keinen Fall missen. Kein Detail, kein Wort sind zu viel erzählt!

Ausgangssituation vieler Kapitel ist die Stille der Finsternis, in die der Autor hineinlauscht, so lange, bis er das „Bariton-Grummeln“ der Magmakammern oder das „Zischen und Fauchen“ der ins Meer stürzenden Lava vernehmen kann. Dieses phantastische Beobachten des Unscheinbaren und das Hineinhören sowohl in die Tiefen der Erdkruste und des Tyrrhenischen Meeres als auch ins nächtliche Universum reißt Lesende von Anfang an mit und es öffnet sich nicht nur der nächste Gesteinshorizont, sondern über die Sprache und die Assoziationen auch das Herz des/der Einzelnen.

Ein nicht näher genannter Sizilianer hört seine Insel in a-Moll schwingen. Der Neapolitaner Riccardo Muti erlebt seine Heimatstadt in der Tonart G-Dur und nimmt unter ihr den Klang einer riesigen Muschel wahr (vgl. S. 202). Der Autor selbst hört die riesigen Magmakammern unterhalb Neapels als Geräusch von Schellentrommeln, das Benevent hingegen erlebt er im Summton „Ooo“ und niemals hat ihm dort der Wein so gut geschmeckt wie nach dem Jahr der fünf Erdbeben. Seine eigene Stadt Triest und die unterirdischen Flüsse im Karst beschreibt Paolo Ruiz als ein „fast türkisches, melancholisches Vibrato, das schon Anklänge an Klezmer hat“ (vgl. S. 288).

Des Autors gebotenen Reichtum an Zugangsmöglichkeiten zu einer für andere bereits als bekannt abgetanen Welt der Plattentektonik hätte man nicht für möglich gehalten. Er interpretiert Altbekanntes auf sonderbare Weise neu und schärft beim Lesenden nebenbei auch jede Art von Wahrnehmung. So wird der Rezipient darin geschult, auch Objekte mit geringer Prägnanz auf seiner Netzhaut zu spüren, wie die dunkle Kontur eines Kormorans vor dem pechschwarzen Kraterrand des Stromboli-Vulkans. (vgl. S. 9)

Paolo Rumiz gelingt es in schlüssiger Weise, ein dichtes Durcheinander aus Kulturleben und Naturerleben, Gaumengenüssen und Geschichten von Erdbebenkatastrophen miteinander zu verknüpfen. Welcher Leser, welche Leserin vermag ihm die großzügige Einladung zur eigenen Wahrnehmungsschärfung abzuschlagen?


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1 Kommentar zu "Paolo Rumiz: Eine Stimme aus der Tiefe"

  1. Lesungen:
    Mo, 20. Oktober 2025, 19 Uhr – GRAZ, Literaturhaus, Elisabethstraße 30
    Di, 21. Oktober 2025, 19 Uhr – WIEN, Literaturhaus, Seidengasse 13
    Mi, 22. Oktober 2025, 19.30 Uhr – SALZBURG, Literaturhaus, Strubergasse 23 / H.C. Artmannplatz

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