Peter Reutterer: Forsthaus

Peter Reutterer

Peter Reutterer | Foto: Karl Traintinger

Peter Reutterer: Forsthaus

Autor: Peter Reutterer
Titel: Forsthaus
Genre: Belletristik/ Kurzprosa
ISBN: 9783852521534
Verlag: Bibliothek der Provinz
Auflage: 2., leicht überarb. & erw. Aufl.
Erschienen: 30.04.2026

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Klappentext:

Vor beinahe 30 Jahren „hat Peter Reutterer sein herausragendes autobiographisches Schreibprojekt begonnen. Dabei ließ er – in bemerkenswert ungeschützter Offenheit – in die Welt des Waldviertler Buben blicken, in dessen Jugend und Erwachsenwerden. … Auch auf die poetisch durchdachte und zugleich wirkungsmächtige Formgebung dieser Erstpublikation muss man hinweisen.“ (Karl Müller)

Der Hund setzt seinen Urin in den Hofsand. Der Kot an den Beinen der Kinder ist schwer wegzuwischen. Wenn sie nicht sogleich ihr Vergehen eingestehen. Die Mutter wäscht Windeln. Der Vater wäscht Windeln. Nach eineinhalb Jahren hat er genug von dieser Sauerei. Auf Topfstühle gedrückt. Sitzenbleiben, Schnauze. Es gibt eine unfehlbare Methode. Welpen stubenrein zu bekommen. Der Vater drückt die Schnauze des Vorstehhundes in die Urinlacke im Stiegenhaus. Der Hund heult auf. Meine Nase brennt. Misch dich nicht ein, sagt der Vater zur Mutter. Ihr zu Tode gemühtes Gesicht geht weg. Mit eineinhalb Jahren sind die Kinder sauber. Zuletzt haben die Bauern den Foxterrier dem Revierleiter übergeben. Nicht abrichtbar. Aber ordentlich bissig für den Fuchstrieb. Der Terrier hat alle Hühner zu Tode gebissen. Aus dem Hühnerstall geschliffen und im Hof aufgelegt. Im Stadel wird der Unbeugsame mit Rute, Riemen und Ochsenziemer bearbeitet. Für jedes Huhn ein Aufjaulen hinter der Bretterwand. Man hätte ihm als Jungtier Gehorsam beibringen müssen, sagt der Vater. Auf die schottische Art. Der Terrier ist weg. Von den Bauern vergiftet, berichtet der Vater. Ins Gras gebissen.

Dr. Wolfgang Pirkl

Von Wolfgang Pirkl

1997 ist Peter Reutterers Kurzprosa-Band Forsthaus im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen und hat mit seinen 51 bewegenden literarischen Momentaufnahmen großen Eindruck gemacht.

Es sind Blitzlichter, die in schonungsloser Offenheit das Aufwachsen und Erwachsenwerden eines sensiblen Buben in der Waldviertler und Salzburger Provinz beleuchten. Reutterer schreibt in lakonischen, oft zerhackten Sätzen, die die ländlich-kleinbürgerliche Wortkargheit zur Sprache bringen und doch sinnlich-präzise eine ganz eigene Welt beschreiben.

In dieser Welt regiert kalte Vatergewalt und die Brutalität der Jagd. Es waltet die Liebe einer unterdrückten Mutter, aber es herrscht eine strenge Familienordnung mit biederer Fassade nach außen und einer erstickenden Atmosphäre im Inneren, die sogar zum Suizid führen kann. Kindheit spielt sich ja nie in einer heilen Welt ab, doch in Reutterers kunstvoller Prosa rückt das Leben im Forsthaus bis in seine intimsten Details dem Leser/der Leserin geradezu schmerzhaft nahe.

Es finden sich aber nicht nur beklemmende Notizen zu einer Provinz- und Familienhölle. Das Büchlein erzählt von den erotischen Fantasien und sexuellen Peinigungen eines Heranwachsenden genauso wie es großartig knappe Porträts von Verwandten entwirft und Impressionen lustvoller Ferienerlebnisse skizziert.

2026 hat sich der Verlag entschlossen, Reutterers Forsthaus neu aufzulegen – mit neuen, stimmungsvollen Schwarz-weiß-Zeichnungen von Erich Steininger und leicht erweitert – vor allem um einige neue Prosaskizzen, die sich auf die Zeit des Studiums an der Universität Salzburg beziehen. Karl Müller hat ein kluges Nachwort beigesteuert, genauer einen „Essay zur autobiographischen Prosa von Peter Reutterer“.

Die 2. Auflage von Forsthaus garantiert jedenfalls eine intensive und lohnende Lektüre.

Siehe auch:
Peter Reutterer – ein Siebziger >

Buchrezensionen von Peter Reutterer >


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1 Kommentar zu "Peter Reutterer: Forsthaus"

  1. Heinz Kröpfl Heinz Kröpfl | 31. Mai 2026 um 21:19 |

    „Forsthaus“ von Peter Reutterer: Berührend poetisch, brutal real

    „Forsthaus“ war 1997 das Debüt von Peter Reutterer als Buchautor. Es war „inzwischen vergriffen und durch fremde Hand weitgehend vernichtet“ (S. 72), wie im Nachwort des Salzburger Literaturwissenschaftlers Karl Müller zu erfahren ist.
    Im Mai 2026 ist das Werk in einer 2., leicht überarbeiteten und erweiterten Auflage und ergänzt um das angeführte Nachwort erneut im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.
    Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Waldviertler Landschaftsillustrationen von Erich Steininger (1939–2015) bereichern die Ausgabe bibliophil.

    Kurzprosa steht als Genrebezeichnung unter dem Titel. Dieser Begriff bildet die 55 enthaltenen Prosaminiaturen, von denen jede auf einer Seite Platz findet, treffend ab. Im großen Ganzen wiederum ergibt sich daraus eine auserzählte, autobiografische Geschichte.

    Die kurzen Kapitel sind jeweils Blitzlichter, Momentaufnahmen, die ein Schlaglicht werfen auf das Dasein eines Kindes, eines pubertierenden Heranwachsenden und schließlich jungen Erwachsenen innerhalb eines Familienverbandes in einem Forsthaus.
    Da gibt es den im Forstdienst stehenden, strengen und harten Vater, dem die Außendarstellung wichtig und gesellschaftliches Konkurrenzdenken alles andere als fremd ist. Als pures Gegenbild erweist sich die warmherzige und einfühlsame Figur der Mutter in der Rolle der leisen, duldsamen Hausfrau an der Seite ihres autoritätsbesessenen und geltungssüchtigen Mannes. Der sensible Ich-Erzähler wächst mit einer Schwester und einem Bruder auf – die Kinder sind Drillinge. Die Großeltern bevölkern diesen Mikrokosmos ebenso wie weitere, nicht im Forsthaus lebende Verwandte.
    Allesamt sind sie geprägt von und eingebettet in die Zeit der 60er- und 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts.

    „Forsthaus“ spielt zunächst im Waldviertler Hochwald, wo die Familie wohnt: „Vor den Fenstern das Rauschen der höhnenden Waldriesen.“ (S. 14)
    Vom Forsthaus im Waldviertel geht es später ins Forsthaus im Salzburgischen: „Über den Feldern.“ (S. 39)
    Denn, so der Vater: „Den Kindern soll ein Gymnasium ermöglicht werden. Das Einkommen bei einem Salzburger Baron kann sich sehen lassen.“ (S. 35)
    Jedoch erweist sich für den Ich-Erzähler: „Das neue Forsthaus bleibt kalt.“ (S. 39)
    Für den bereits längst Schulpflichtigen gilt es fortan, sich nicht nur innerhalb der Familie, dem eigenen sexuellen Erwachen und allen damit verbundenen Unsicherheiten zu orientieren und zu behaupten, sondern auch in einem neuen Umfeld, in dem er zunächst die Rolle eines Außenseiters einnimmt und Anpassung als Überlebensstrategie anwendet: „Für sie bin ich brav. Statt der Niedertracht die Stirn zu bieten.“ (S. 42)
    Der Verlust der alten Heimat und die Sehnsucht nach äußerem wie innerem Halt bleiben wesentlich: „Sofort als wir weggesiedelt waren. Haben wir im Waldviertel nach einer verlorenen Heimat gesucht.“ (S. 49)

    Bei all dem – und vor allem – spannt das schmale Buch in einer sehr verknappten, lakonischen Sprache und unter häufiger Verwendung von elliptischen Sätzen einen großen, existenziellen Bogen: Am Anfang – und zugleich als wuchtiger Auftakt – steht der Tod.
    Allerdings ist es nicht der natürliche, sondern der gewaltsame Tod – in klaren, eindringlichen, wie das ganze Buch von spröder Poesie erfüllten Sätzen:
    „Die weißen Bäuche der Fische. Gelbe und graue Schuppen. Die Fische schnappen nach Luft. Für kurze Zeit zappeln sie im Bottich. Der Vater schlägt mit einem Holzprügel zu. Sobald die Fische in der Pfanne brutzeln, vergessen wir.“ (S. 5)

    Dieses Schnappen nach Luft, es wiederholt sich Jahre später an der Person des Bruders: „Der Bruder stielt sich in den Geräteschuppen. Fesselt sich Füße, Hände, Kopf und Hals ins Gymnastiktrapez. Dass ihm nur durch Zufall noch nicht die Luft ausgeht.“ (S. 54)
    Der Grund bleibt im Dunkeln, der Autor schildert und berichtet, fernab von Larmoyanz, weiterhin knapp, geradezu nüchtern in tagebuchartigen Sequenzen – gesprochen wird wenig im Forsthaus. Austausch findet kaum statt und schon gar nicht über Befindlichkeiten.

    Der schon in seiner Jugend musisch begabte Ich-Erzähler – „Ich bin anders als du, sagt der Bruder.“ (S. 65) – behält seine Rolle als stiller Beobachter bei. Überforderung und innere Kämpfe lassen keinen größeren Raum für andere und anderes. Er ist die Hauptfigur in seinem Leben und bleibt dabei so unaufdringlich, als wäre er eine Nebenfigur. Umso präziser allerdings fallen seine (Selbst-)Beobachtungen aus.
    Das gilt auch dort, wo er sich mit seinem aufkommenden sexuellen Begehren als Seismograf innerer Nöte in Fantasiewelten träumt, die sich in geradezu lyrischer Zartheit den Weg bahnen.
    Eine allmähliche Ablösung vom Forsthaus gelingt ansatzweise erst „im studentischen Reigen“ (S. 62).
    Der Bruder wiederum „meint Doppelselbstmord. Ich habe noch etwas vor, antworte ich.“ (S. 65)
    Und weiter: „Der Bruder für untauglich befunden, sagt der Vater. Meine Literaturprüfung, verlaute ich. […] Verdacht auf Schizophrenie, hat der Sanitätsarzt konstatiert. Krise des frühen Erwachsenenalters. Beschwichtigt der weiterbehandelnde Facharzt. [ .] Meine Prüfung, insistiere ich. Und verziehe mich unbehelligt ins obere Stockwerk.“ (S. 69)

    Der Bogen schließt sich am Ende: „Mit einem Strick die Luft abgeschnürt. […] Dreiundzwanzig ist kein Alter. […] Der Vater weint auf bei der Todesnachricht. Für einen Moment denke ich. Dass ich einen Vater habe. Aber ich habe nur keinen Bruder mehr. […] Der Tod war angekündigt, sage ich. Um irgendein Schuldgeständnis dem Sarg nachzuschicken.“ (S. 70)

    Es sind Sätze wie diese oder vielmehr, es ist die Vielzahl solcher Sätze, die sich formvollendet durch das „Forsthaus“ ziehen und gemeinsam mit der inhaltlichen Tiefe die gewaltige Stärke des Buches ausmachen. Manchmal hermetisch, dann wieder in schonungslos-radikaler Deutlichkeit fordern sie dazu heraus, sich einzulassen in ebenjene autobiografische Erzählwelt und sich gleichzeitig den damit verbundenen Erschütterungen zu stellen sowie die Schönheit der Sprache auszukosten.
    Mit wenigen Worten erzeugt der Autor eine Anschaulichkeit, die Personen, Szenen, Landschaften und Orte in ein Licht setzt, das sofort eigene Bilder im Kopf entstehen lässt. Welten tun sich in dieser atmosphärisch dichten, minimalistisch-spröden Kurzprosa auf, aber auch die Abgründe des menschlichen Seins.

    „Forsthaus“ ist ein literarisches Kleinod, das vom ersten Satz an in den Bann zieht und bis zum letzten nicht mehr loslässt: berührend poetisch, brutal real.

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