Picasso und Bacon in der Albertina

Picasso und Bacon in der Albertina

Zwei Meister, ein schonungsloser Blick auf den Menschen

Kaum zu glauben, wie viele Besucherinnen und Besucher bereits am Samstagvormittag in die Wiener Albertina strömten, um die aktuelle Ausstellung „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ zu sehen. Rund 70 hochkarätige Werke aus internationalen Museen und Privatsammlungen stellen zwei der bedeutendsten figurativen Maler des 20. Jahrhunderts einander gegenüber.

Von Karl Traintinger

Die Ausstellung zeigt einen spannungsvollen künstlerischen Dialog. Beide Maler rückten den Menschen ins Zentrum ihrer Bildwelt – verletzlich, begehrend, zerrissen und von Schmerz geprägt. Ihre Körper sind nicht idealisiert, sondern verzerrt, zersplittert, gedehnt oder beinahe aufgelöst. Gemeinsame Motive sind Kreuzigungen, Akte, Stierkampfszenen, schreiende Münder und deformierte Gesichter.

Für Francis Bacon war Picasso eine entscheidende künstlerische Vaterfigur. Nach dem Besuch einer Picasso-Ausstellung in Paris fasste Bacon Ende der 1920er-Jahre den Entschluss, Maler zu werden. Sein Leben lang setzte er sich mit dem Werk des Spaniers auseinander – mit dem Anspruch, dessen Radikalität für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterzuführen und zu übertreffen.

Gerade in den Unterschieden liegt die besondere Stärke der Schau: Picasso zerlegt die Form, Bacon zerlegt die Existenz. Picasso setzt den Körper aus verschiedenen Perspektiven neu zusammen. Bacon lässt das Fleisch verschwimmen und isoliert seine Figuren in klaustrophobischen Räumen. Auch der Schrei verändert sich: Bei Picasso besitzt er noch Kontur und dramatische Stimme, bei Bacon wird er zum stummen Ausdruck nackten Entsetzens.

Nach dem Besuch drängt sich eine persönliche, nicht unbedingt kunsthistorische Frage auf: Waren Picasso und Bacon Menschenfreunde? Ihre Bilder sind nicht freundlich im herkömmlichen Sinn. Doch indem sie Schmerz, Angst und Verletzlichkeit schonungslos sichtbar machen, sind sie zutiefst menschlich.

Pablo Picasso (1881–1973)

Picasso wurde am 25. Oktober 1881 in Málaga geboren und zeigte schon als Kind außergewöhnliches Talent. 1904 ließ er sich in Paris nieder. Sein Werk durchlief mehrere Phasen: die melancholische Blaue Periode, die Rosa Periode, den mit Georges Braque entwickelten Kubismus (ab 1907), eine klassizistische Phase in den 1920ern sowie politische Werke wie „Guernica“ (1937). Er arbeitete zudem als Bildhauer, Grafiker und Keramiker. Picasso starb am 8. April 1973 in Mougins.

Picasso zählt zu den einflussreichsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Mit dem Kubismus revolutionierte er die Bildsprache der Moderne und löste die traditionelle Perspektive auf. „Les Demoiselles d’Avignon“ (1907) markiert einen Wendepunkt der Kunstgeschichte. Seine stilistische Vielseitigkeit prägte nahezu alle nachfolgenden künstlerischen Strömungen.

Francis Bacon, Selbstportrait 1970, Öl auf Leinwand
Francis Bacon, Selbstportrait 1970, Öl auf Leinwand

Francis Bacon (1909–1992)

Bacon wurde am 28. Oktober 1909 in Dublin geboren und war Autodidakt, zunächst beeinflusst von Picasso und dem Surrealismus. Der Durchbruch gelang ihm 1944/45 mit dem Triptychon „Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion“. Er lebte vor allem in London. Charakteristisch für seine Malerei sind deformierte Figuren, isolierte Gestalten in käfigartigen Raumkonstruktionen und Variationen berühmter Vorbilder, etwa nach Velázquez‘ Papst-Porträt. Bacon starb am 28. April 1992 in Madrid.

Bacon zählt zu den bedeutendsten figurativen Malern des 20. Jahrhunderts und zu den eindringlichsten Chronisten der Nachkriegsangst. Während die Kunstwelt zunehmend zur Abstraktion tendierte, hielt er kompromisslos an der körperbetonten Figuration fest und entwickelte eine eigenständige, verstörende Bildsprache. Neben Lucian Freud war er Hauptvertreter der „School of London“.

Die Ausstellung ist bis 31. Jänner 2027 zu sehen.

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