Reden wir über Menschlichkeit!

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

In der Schlosskirche Mirabell fand am 1. November 2025 die beeindruckende Vorpremiere von Bertolt Brechts hochaktuellem Krisen-Klassiker statt. Die umtriebige Schauspielerin und Regisseurin Cassandra Rühmling hat in Rostock den Brecht-Stil studiert und geht nun mit dem 1929/30 entstanden antikapitalistischen Lehrstück auf Wanderschaft. Die Premiere wird am 7.11. 2025 im Markussaal stattfinden. Es folgen weitere Aufführungen in Stadt und Land Salzburg.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Ein „Klumpen Menschen“ liegt vor dem Altar. Es sind die armseligen Arbeiter, die Mauler, der Fleischkönig von Chicago, ausgesperrt hat. Johanna beschließt, das wachsende Elend aufhalten.

„Hört, was ich träume in einer Nacht in sieben Tagen! In finsterer Zeit, blutiger Verwirrung, verordneter Unordnung, entmenschter Menschheit, in einer Welt, gleichend einem Schlachthaus führen wir wieder ein: Mensch zu sein.“

Die wirtschaftlichen Machenschaften von Mauler und seinem Kompagnon Cridle sind undurchschaubar. Johanna wendet sich daher direkt an den zynischen Mauler, der Mitleid mit den geschlachteten Ochsen hat, aber die Menschen verachtet. Er will Johanna die Niedertracht und Schlechtigkeit der Armut demonstrieren und führt sie durch die Schlachthöfe. Johanna aber erkennt: „Nicht der Armen Schlechtigkeit hast du mir gezeigt, sondern der Armen Armut.“

Johannas gut gemeinte Mission misslingt und schließlich schadet sie sogar den Arbeitern, denen sie eigentlich helfen wollte.

Cassandra Rühmling ist nicht nur Regisseurin, sie schlüpft auch in die Rolle der charismatischen, doch etwas naiven Johanna, der selbst der egoistische Mauler (großartig Henry Arnold) nicht widerstehen kann. Jan Walter überzeugt als Cridle, dem es durch dubiose Spekulationen gelingt, den Konkurrenten Lennox auszuschalten. Uschi Nocchieri unterstützt nicht nur als Slift Mauler, sie schlüpft auch in die Rolle einer trauernden Witwe, die ihren Mann durch ein Unglück im Schlachthof verloren hat. Der Chor der Arbeiter (Mathias Mayerhofer, Florian Friedrich, Sabine Füssl, Kunigunde Eschbacher und Pierre Feitler) bringt durch großartige Choreografien (ebenfalls Cassandra Rühmling) die Trostlosigkeit der Arbeiter erschreckend deutlich zum Ausdruck.

Drei verschieden hohe Stehleitern symbolisieren das Drängen der Bosse, ganz oben mitzumischen. Die Preistreiberei bringt aber das Schaukelbrett ständig in Schieflage. Robert Kainar sorgt mit Live-Musik für die passende Untermalung der tristen Situation. Auch die Schauspieler greifen zu den unterschiedlichsten Instrumenten und begleiten so Johannas ergreifende, wütend anklagende Lieder, die ebenfalls aus der Feder des Live-Musikers stammen.

Am 12. April 1950 erhielt Bertolt Brecht die Österreichische Staatsbürgerschaft. Passend zum 75 Jahre Jubiläum lässt er die heilige Johanna der Schlachthöfe die hoch aktuelle Frage stellen: „Es ist so kalt, wo ist die Menschlichkeit?“

Gratulation an das gesamte Produktionsteam, das es geschafft hat, dieses sehr anspruchsvolle, sozialkritische Stück mit überaus kraftvollen Bilder auf einer Off-Bühne (bei der Vorpremiere war es eine Kirche) zur Aufführung zu bringen. Mögen wir doch trotz all der Schlechtigkeit in der Welt die Hoffnung nie aufgeben.

Dorfgockel

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