Fernsehreportagen, aber auch Zeitungsartikel meiner heutigen Umwelt in Salvador, Bahia geben immer öfter Anstoß zu einer Gewissenserforschung. Die stumme Beklommenheit auf den Gesichtern der dunkelhäutigen Menschenmasse meiner brasilianischen Wahlheimat. Konzentrierte Blicke, ausschließlich das nackte Überleben vor sich, in eine aussichtslose Zukunft projizierend …

Von Reinhard Lackinger,
Pensionierter Beislwirt in Salvador, Bahia, Basilien
Bilder, die wir längst vergessen glaubten. Aktivitäten, die uns an die schlechten Zeiten der Nachkriegsjahre erinnern. Physiognomien, die uns trotz der schwarzen Hautfarbe, den drahtigen Kraushaarspiralen und den flachen, breiten Nasen bekannt vorkommen. So wie diese armen Dunkelhäutigen waren auch wir einmal, sahen auch wir aus, ehe uns der süße Zwang des Wohlstands der sechziger Jahre in seine schützenden Arme schloss.
Auf einmal defilieren farbige Stillleben und schwarz-weiße Fotos meiner ersten Lebensjahre vor den Augen meiner Phantasie. Der Teller voll mit Polenta. Die „Gelbe Gefahr“ mit den weißen Spuren der Milch. Der Sägespäneofen, die eingelagerten Braunkohlen, das an die Hauswand angelehnte Waffenrad, die qualmende Waschküche, die einsamen Erdäpfelfelder, das rote Gesicht des Altwarenhändlers, die auf Bretter gespannten Hasenfelle. Dinge, die längst nicht mehr zu unserem Alltag, zu unseren makellosen Kleidern passen, die wir heute auch an Werktagen anziehen.
Das Herz der kleinen Stadt schlägt nun ganz anders und nicht mehr entlang der grauen Zeilen der Zinskasernen und Kastanienbäume, auch nicht am einst noch bewegten Hauptplatz, sondern im klimatisierten Einkaufszentrum mit seinen günstigen Parkmöglichkeiten.
Wo heute eine lustige Menge vielversprechender Vitrinen und gut beleuchtete Geschäftsportale um unsere Aufmerksamkeit werben, gähnte einst der dunkle, ungepflasterte Platz, der von uns allen „die Schleife“ genannt wurde. Der wichtigste Knotenpunkt des Tales, der Trolleybusse, die im spärlichen Verkehr der Nachkriegszeit den Ton angaben.
Immer wieder ziehen mich meine Erinnerungen an jenen Ort, rufen die selbe Szene in mein Bewusstsein. Wie viele Jahre zählte ich damals? 7 vielleicht, oder 8. Der Adventkalender, der mich meine Kindheit lang begleitete, offenbarte mir an jenem Tag das fünfte jener wohlbekannten Bilder. Symbole einer trauten Weihnachtszeit.
Nach dem Tannenzweig mit der roten Kerze, dem Teddybären, dem Schneemann, dem lachenden Halbmond, schaute nun auch der aus süßem Brot gebackene Krampus mit seinen putzigen Rosinenaugen in die kleine Arbeiterwohnung. Daran erinnere ich mich noch heute genau, denn als Kleinster durfte ich jeden Morgen das entsprechende Fensterl öffnen. Ich tat das…

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